Januar 6, 2022
Von Emrawi
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Im zeitgenössischen politischen Diskurs ist die Ökologie allgegenwĂ€rtig geworden: Energiewende, grĂŒner Kapitalismus, ökofreundlicher Reformismus
 Doch grundlegend Ă€ndert sich nichts, die geringen erreichten Fortschritte verschieben die kommenden Gefahren kaum, denn die Unvereinbarkeit zwischen Ökologie und Kapitalismus ergibt sich nicht aus der Blindheit oder der Habgier seiner AnfĂŒhrer: Es ist viel einfacher, sie ergibt sich aus dem Wesen eines solchen Systems.

1) Unvermeidbare Masslosigkeit

Die als industriell oder heute postindustriell bezeichnete moderne Gesellschaft besteht aus Unternehmen, jedes davon ist ein nach Wachstum strebender Wertpol, der sich die Industriesysteme zu Diensten macht. Der Forscher kann sich fĂŒr die Entdeckung eines neuen Produktionsverfahrens begeistern und der Ingenieur mit viel Liebe einen Staudamm bauen, aber ihre Projekte werden nur Wirklichkeit, wenn sie dem Interesse der sie anstellenden Unternehmen entsprechen: ein kompetitives Produkt auf dem Markt verkaufen, Gewinne akkumulieren, sie neu investieren


„Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwĂ€hrende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als Ă€ußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwĂ€hrend auszudehnen, um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur vermittelst progressiver Akkumulation. [
] Akkumulation um der Akkumulation, Produktion um der Produktion willen, in dieser Formel sprach die klassische Ökonomie den historischen Beruf der Bourgeoisperiode aus.“ [1]

Der Beweis dafĂŒr, dass wir allen voran in einer kapitalistischen und nicht in einer industriellen Welt leben, ist die Tatsache, dass die industrielle Hypertrophie, die alles andere als ein autonomes PhĂ€nomen ist, den ZwĂ€ngen der Kapitalverwertung unterworfen ist. Es ist unbedeutend, ob eine Autofabrik, eine Mine oder ein Stahlwerk noch in einem funktionalen Zustand ist: Wenn etwas nicht rentabel genug ist, wird es geschlossen. Der Bourgeois darf sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und ein gleich bleibender Kapitalismus ist ein Zeichen des Niedergangs. Seit zweihundert Jahren erneuert sich „die Megamaschine“ regelmĂ€ssig durch Aufbau, Selbstzerstörung, Wiederaufbau
 Man kennt das Schicksal des amerikanischen Rust Belt, das ĂŒbrigens nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Industrie in diesen Regionen ist, es kommen immer noch 40% der Fertigwaren des Landes von dort. Techniken, Produktionssysteme und Fabrikationsstandorte ersetzen andere, die gegenĂŒber der Konkurrenz weniger leistungsfĂ€hig sind. Schwer aufgrund seines unvermeidlichen materiellen Gewichts ist der Kapitalismus in seinen TrĂ€umen finanziell, virtuell, digital mit Nullen und Einsen, doch er wĂŒrde nicht ohne Proletarier existieren, die Hunderte von Millionen Tonnen an Erz, Holz, Blei, Zement, Plastik transformieren – die unverzichtbar fĂŒr die Produktion jener Bildschirme sind, auf welchen die Kreditlinien vorbeihuschen.

Die Verringerung der Produktionskosten ist eine permanente bĂŒrgerliche PrioritĂ€t: durch die Intensivierung der Arbeit der Proletarier und, falls notwendig, durch die Aufzehrung der materiellen Produktionsgrundlagen. Als unermĂŒdlicher Erschaffer und Zerstörer, Verzehrer von Ressourcen und seit jeher Verschmutzer kennt der Kapitalismus die NĂŒchternheit definitionsgemĂ€ss nicht. Schon gegen 1800 ertrugen die Arbeiter und Anwohner die fĂŒr ihre Gesundheit schĂ€dliche Giftigkeit der Manufakturen. Seither hat sich das Niveau der SchĂ€dlichkeit verĂ€ndert.

Ob sparsam oder verschwenderisch ist der Bourgeois nicht zwingend um seiner selbst willen profitgierig, aber er dient dieser Logik. Der einzige „vernĂŒnftige“ Profit ist jener, welcher sein Unternehmen begĂŒnstigt. Die besten sozialen oder ökologischen Absichten des gutmĂŒtigsten Kapitalisten bleiben sekundĂ€r, wenn die Konkurrenz tobt.

„Wachstum“ ist der Name, welcher „der Fortschritt“ annimmt, wenn er auf die Ökonomie angewandt wird. Von James Watts Dampfmaschine bis zur Elektronik des Silicon Valley ist der Glaube an den Fortschritt fĂŒr die Bourgeoisie und fĂŒr jene, die in ihrem Kielwasser schwimmen, wesentlich und notwendig, doch er wird erst zu einer materiellen Kraft, wenn er eine Einheit mit dem Imperativ der Wertakkumulation bildet.

2) Eine Welt der Unternehmen

Die kapitalistische Produktionsweise entwickelt nicht nur mit einem unglaublichen Tempo ein zerstörerisches industrielles System, sondern sie wird sich auch immer dagegen strĂ€uben, fĂŒr ihre Verheerungen die Verantwortung zu ĂŒbernehmen.

Die von uns bewohnte Welt kann nicht wie ein einheitliches Unternehmen verwaltet werden, das sich um die Administration der gesamten Erde und einer planetarischen Umwelt kĂŒmmern mĂŒsste, ein einziges, von nun an ĂŒber das Erbe der Menschheit herrschendes Kapital.

Diese globale Multinationale ist eine Utopie. Nach 1914-1918 ist Bucharin nicht der einzige, der die (gemĂ€ss ihm unwahrscheinliche) Hypothese „ein[es] vom Standpunkt des Kapitals rationelle[n] Plan[s]“ vorgebracht hat, der von einer vereinigten kapitalistischen Klasse verwirklicht werden wĂŒrde. Was auch die ohnehin unĂŒberwindbaren geopolitischen Hindernisse dafĂŒr sein mögen, macht die Logik der kapitalistischen Produktionsweise einen solchen einheitlichen „Trust“ strukturell unmöglich. Wer (Binnen- oder Welt-)Markt sagt, sagt Konkurrenz.

Als nach seiner eigenen Verwertung strebender Wertpol ist jedes Unternehmen nur fĂŒr sich selbst und seine Bilanz verantwortlich. Es funktioniert wie ein Organismus mit einer Innenseite, die sich von der Aussenseite unterscheidet, aber porös ist, und es lebt von dieser PorositĂ€t. Es gehen Investition, Rohstoffe, Lohnarbeiter, technische Installationen herein. Und es kommen Waren heraus, die Geld generieren, welches das Unternehmen integriert und akkumuliert. Mit dem Rest der Gesellschaft ist es selbstverstĂ€ndlich in permanentem Kontakt, doch, da es nur fĂŒr seine Inputs und Outputs verantwortlich ist, schuldet es niemandem in seinem Umfeld Rechenschaft. Es muss bloss das Gesetz respektieren (besonders das Arbeitsrecht – das gab es nicht immer und in vielen LĂ€ndern existiert es nur auf dem Papier) und Steuern zahlen (die es normalerweise auf ein Minimum zu reduzieren versucht). Wenn diese beiden Bedingungen einmal erfĂŒllt sind, geht es den Rest nichts mehr an: „Ich schulde der Öffentlichkeit nichts“, proklamierte im 19. Jahrhundert der amerikanische Grossbourgeois J.-P. Morgan. Der Chef sorgt sich nur insofern um die Gesundheit des Lohnarbeiters und seiner Familie und seine Altersvorsorge, als dass es einen Einfluss auf die ProduktivitĂ€t und die kĂŒnftige Generation der Arbeiter hat. Das Unternehmen muss sich auch nicht, solange es nicht rechtlich relevant ist, darĂŒber sorgen, welche negative Auswirkungen es ausserhalb seiner Mauern hat.

Damit diese „externen Kosten“ berĂŒcksichtigt werden, war es notwendig, dass die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit unter den durch jedes Unternehmen an seiner Umwelt verursachten SchĂ€den zu leiden beginnt. Es wurde zu einer Dringlichkeit, die Kosten der zur Begrenzung der ErwĂ€rmung notwendigen Investitionen mit den eventuellen Kosten der erlittenen Verluste im Falle der PassivitĂ€t zu vergleichen. Doch die Unternehmen streben bloss danach, eine Schwelle der Reduktion der CO2-Emissionen zu erreichen, die, wie es ein Experte einrĂ€umt, „wirtschaftlich optimal“ ist.

Die Bourgeoisie ist weder monolithisch noch blind und es fehlt ihr nicht an Thinktanks, um ihr in der Konfrontation mit ihren Konflikten und WidersprĂŒchen beizustehen. Sie hat jedoch Ă€usserst grosse Schwierigkeiten, hinsichtlich eines kollektiven „Klasseninteresses“ zu handeln, wie es die MĂŒhe zeigt, die Roosevelt hatte, um den New Deal durchzusetzen: DafĂŒr spielt der Staat eine unverzichtbare Rolle, doch er befiehlt nicht, er reglementiert und reguliert nur. Obwohl drastische Massnahmen im Kampf gegen das Klimaproblem allen Bourgeois zugutekĂ€men, wird sich jedes Unternehmen dagegen strĂ€uben, seine (direkten oder fiskalischen) Produktionskosten fĂŒr einen Nutzen zu erhöhen, der allen voran fĂŒr die Gesamtheit der kapitalistischen Klasse einer wĂ€re. Individueller Profit (das Individuum ist hier erst einmal das Unternehmen) und bĂŒrgerliche Kooperation passen selten gut zueinander: So ökologisch er auch sein mag, ein Chef kann es nicht riskieren, seine KompetivitĂ€t zu reduzieren.

3) Finstere Zukunft

Das Volumen der internationalen Schiffsfracht multipliziert mit vier bis 2050, Verdoppelung des Luftverkehrs in den nĂ€chsten Jahrzehnten („Covid-Effekt“ ausgenommen, aber der ist heute schwierig einzuschĂ€tzen), Explosion des Tourismus, Steigerung von 100% der globalen Kleiderproduktion seit 2000 (um den Preis eines enormen Wasserverbrauches und des massiven Einsatzes von Pestiziden), konstante Zunahme des Plastiks, Verbreitung von 5G, das sehr viel Energie konsumiert – die Liste des schĂ€dlichen Wachstums ist unendlich. Die Digitaltechnik erfordert Metalle, die mittels einer Industrie transformiert werden, die sehr durstig nach Energie ist, ihre Nutzung absorbiert zwischen 7 und 10% der weltweiten ElektrizitĂ€t (die Zahlen variieren, doch die Steigerung beschleunigt sich) und es scheint erwiesen, dass die Informationstechnologien einen nicht geringeren Einfluss auf den Klimawandel haben als der Flugverkehr. „Hinsichtlich Zerstörung haben wir noch nichts gesehen.“ [2] Und die Covid-19-Krise wird an dieser Tendenz nichts Ă€ndern.

Die ElektromobilitĂ€t wird zu neuen Komplikationen und keiner Erleichterung in der Ausbeutung der natĂŒrlichen Ressourcen und ihren Folgen fĂŒhren, sei es nur durch ein zunehmendes ZurĂŒckgreifen auf seltene Metalle, deren Extraktion und Raffination sehr verschmutzende Prozesse erfordert. Was soll‘s! Das „Benzin- oder Dieselfahrzeug“ ist obsolet, die Entwicklung hin zum elektrischen Betrieb scheint gesichert und Irland brĂŒstet sich mit der Erreichung der „KohlenstoffneutralitĂ€t“ im Jahr 2050 dank ein oder zwei Millionen Elektroautos. Alles hĂ€ngt davon ab, wie man zĂ€hlt: Wenn man die TotalitĂ€t des Ausstosses von Treibhausgasen vor der Produktion und nach der Nutzung nicht berĂŒcksichtigt, ist der Fahrer eines Tesla berechtigt, sich ökologisch zu nennen.

Die Fortbewegung ist eine Notwendigkeit und ein VergnĂŒgen fĂŒr den Menschen, doch der Kapitalismus macht aus der MobilitĂ€t ein spezifisches BedĂŒrfnis und Konzept. Alles muss zirkulieren, in der Produktion und ausserhalb von ihr, bei der Arbeit und ausserhalb von ihr. Die individuelle MobilitĂ€t, das bedeutet, „meine“ Musik jederzeit hören zu können, beim Laufen auf der Strasse, im Bus, beim Warten auf einen Freund – dank einem tragbaren Apparat, der sich mit mir fortbewegt. Es ist auch die Freiheit, in einem individuellen Fahrzeug zu fahren: Eine Gesellschaft von in Familien (die sich natĂŒrlich von jenen damals unterscheiden) organisierten Individuen privilegiert das individuelle oder Familienfahrzeug. Mit oder ohne „Nullemissionsbus“.

Die Nachhaltigkeit widerspricht einer Obsoleszenz, die Teil der Funktionsweise und des Gebrauchs der GegenstĂ€nde ist, besonders der elektronischen. Wiederverwertung, Teilen, Zugang ohne Eigentum, Recycling, GenossenschaftswerkstĂ€tten, Tausch usw. werden von Leuten verteidigt, die in der Regel kein Problem mit der Durchsetzung „der Glasfaser“ haben. Auf 4G muss ein fĂŒnftes folgen, es ist unerlĂ€sslich fĂŒr die Welle der in Netzwerken miteinander verbundenen Kommunikationsobjekten, des cloud computing, in der domotisierten Umwelt einer „intelligenten“ Stadt. In der Zwischenzeit warten wir auf 6G. Und jene, welche diese Entwicklung kritisieren, tun es allen voran aufgrund ihrer Auswirkungen auf die Gesundheit oder ihrer ökologischen Kosten, selten wegen der GrĂŒnde ihres Gebrauchs, des von ihr erfĂŒllten und unterhaltenen BedĂŒrfnisses: Mit allen jederzeit innerhalb einer Sekunde verbunden zu sein. Eine Technologie, die dem BedĂŒrfnis der Sozialisierung eines „modernen Menschen“ entspricht, der so individualisiert ist wie nie zuvor.

Folglich glaubt niemand ernsthaft, dass in den nĂ€chsten Jahrzehnten eine um die HĂ€lfte oder ein Drittel reduzierte Flotte von Containerschiffen fĂŒnf- oder zehnmal weniger iPhones, Corrolas, Playmobil und Nikes als heute transportieren wird. Die vermeintliche oder erwiesene höhere ProduktivitĂ€t der Windkraftwerke im Vergleich zu den Atomkraftwerken verhindert die Entwicklung der Infrastrukturen fĂŒr fossile Energie, den Bau neuer Pipelines, Umgehungsstrassen und Autobahnen hier und dort nicht, auch nicht jener von Kohlekraftwerken, genauso wenig wie sie die zunehmende Plastikproduktion bremst, dessen Konsum sich in fĂŒnfzehn Jahren verdoppelt hat und der mehrheitlich ein Produkt der Petrochemie ist. Wenn auch, wie es wahrscheinlich ist, die Sonnen- und Windkraft in einigen Jahren gĂŒnstiger werden als die fossilen Brennstoffe, Ă€ndert der unleugbare Aufstieg des Marktes der erneuerbaren Energien kaum etwas an der Klimasituation.

Zwischen „der Eingrenzung“ (die Hoffnung, die ErwĂ€rmung spĂŒrbar zu bremsen) und der Anpassung an eine Zukunft, auf deren Beeinflussung man verzichtet, ist die zweite Option prioritĂ€r.

Die herrschende Klasse ist unfĂ€hig, die Zukunft vorzubereiten – sogar ihre eigene –, weder kurz- noch langfristig. Roosevelt fand – auf seine Art und Weise, aber es gab auch andere – Antworten auf die Probleme seiner Zeit, im besten Falle mit einem Horizont von zwei Jahrzehnten, doch weder 1932 noch 1944 befasste er sich mit dem Jahr 2000 oder 2050. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, unvorhersehbar fĂŒr Marx 1883 wie auch fĂŒr Rosa Luxemburg 1919, zeigt, dass die Bourgeoisies der verschiedenen LĂ€nder nie die Zukunft antizipierten, weder ihre technischen und gesellschaftlichen Fortschritte, noch ihre Katastrophen. Krieg 1914, Krise 1929, Nazismus, Krieg 1939-1945, Stalinismus – all das wurde und wird immer noch von herrschenden Denkern vergangenen Irrungen, dem Versagen, Widersinnigkeiten, Krankheiten der Menschheit, gewissermassen, zugeschrieben, und nicht dem mutmasslich stets verbesserungsfĂ€higen Wesen des Kapitalismus. Das gleiche gilt in Anbetracht der Klimakrise.

4) Welche Krise?

„Obwohl der Kapitalismus nach 1980 tatsĂ€chlich einen neuen Aufschwung erlebte, war sein Sieg nicht das, was man glaubt. Die aktuelle Krise zeigt, dass der Boom am Ende des Jahrhunderts keine Antwort auf die Probleme der 1970er Jahre lieferte: ÜberkapazitĂ€t, Überproduktion, Überakkumulation und Fall der RentabilitĂ€t. Die ProduktivitĂ€tsgewinne stiegen in den 1990er Jahren dank der Digitalisierung, der Eliminierung der wenig rentablen Industriesektoren und der Investition in Fabriken mit tiefen Arbeitskosten in Asien wieder an, besonders in den USA. Aber, obwohl es die Allianz zwischen Computer und Container schafft, die Arbeit zu komprimieren und zu transferieren, berĂŒhrt sie den Fall der Profite nur oberflĂ€chlich. Die SchwĂ€chen der 1970er Jahre sind vierzig Jahre spĂ€ter immer noch prĂ€sent, sie werden kaschiert durch die Profite einer Minderheit von Firmen (die man frĂŒher als Monopole oder Oligopole qualifiziert hĂ€tte) und des Finanzsektors.“ Das schrieben wir 2017 [3].

In dieser allgemeinen Situation eines RentabilitĂ€tsdefizits wĂŒrden die fĂŒr „die Eingrenzung“ unvermeidlichen Investitionen, wenn man davon ausgeht, dass sie getĂ€tigt werden, die gegenwĂ€rtige Krise verschlimmern, trotz den Gewinnen fĂŒr einen Teil der Bourgeoisie. Die auf dem Spiel stehenden BetrĂ€ge wĂ€ren unvergleichbar mit jenen, welche 2008 zur UnterstĂŒtzung der Banken mobilisiert wurden.

„Tausend Milliarden fĂŒr das Klima“, empfehlen Jean Jouzel und Pierre Larrouturou [4], sie wollen aufzeigen, dass eine notwendige grĂŒne Politik nicht nur möglich, sondern sozial gĂŒnstig (eine Million neue ArbeitsplĂ€tze, Verbesserung der öffentlichen Dienste) und, noch ein Vorteil, gut fĂŒr die Wirtschaft und die KompetivitĂ€t des Landes – und Europas – wĂ€re.

Damit traut man der kapitalistischen Produktionsweise mehr zu, als sie tun will und kann. In naher Zukunft wird es nicht mehr grĂŒnen denn sozialen Keynesianismus geben. Erwarten wir nicht eine Mobilisierung aller Ressourcen wie jene der USA nach Pearl Harbor, als ein enormer Anteil des Budgets die AufrĂŒstung finanzierte, der Bundesstaat verwaltete die Produktion von Flugzeugen und Munition, requirierte private GĂŒter und erlegte dem Kapital und der Arbeit VertrĂ€ge auf. In weniger als einem Jahr war die Industrie wie nie zuvor umorientiert, Chrysler stellte FlugzeugrĂŒmpfe her, Ford Bombenflugzeuge, General Motors Panzer usw. Die Reduktion von 5 oder 10% der Treibhausgase pro Jahr wĂŒrde eine unvergleichbare BemĂŒhung voraussetzen, eine Zentralisierung der Entscheidungsgewalt, ein „Ministerium fĂŒr einen Übergang hin zu einer Zukunft mit geringer KohleintensitĂ€t“, die „eine Planwirtschaft fĂŒr Energie“ [5] verwalten wĂŒrde, die, darĂŒber hinaus, den nationalen Rahmen ĂŒbersteigen wĂŒrde, sonst wĂ€re sie ineffizient. Es genĂŒgt, diese Bedingungen aufzuzĂ€hlen, um festzustellen, dass sie nicht verwirklichbar sind. Die Alliierten mobilisierten 1941 gegen Deutschland und Japan. Nach Pearl Harbor war es fĂŒr das amerikanische Big Business inakzeptabel, den Japanern die Kontrolle ĂŒber den Pazifik und Territorien mit wertvollen wirtschaftlichen und mineralischen Ressourcen zu ĂŒberlassen. Die Bedrohung war prĂ€zis und ihre Folgen unmittelbar konkret.

Achtzig Jahre spĂ€ter wird der amerikanische, europĂ€ische, chinesische oder „globalisierte“ Kapitalismus dem CO2 nicht den Krieg erklĂ€ren. Die kapitalistische Ökonomie funktioniert zur Befriedigung des Kapitalertrags: Der „Klimanotstand“ ist fĂŒr sie nicht dringender als die Arbeitsbeschaffung fĂŒr Millionen von Arbeitslosen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks kĂ€mpft eine Strömung der Demokratischen Partei, die fĂŒr diverse Nichtregierungsorganisationen spricht, fĂŒr einen Green New Deal und verlangt, dass die USA bis 2030 ein Stromnetz aufbauen, das zu 100% dank erneuerbarer Energien funktioniert, und in grossem Stil grĂŒne Infrastrukturen bauen. Dieser „neue“ New Deal vergisst, dass es den Druck der Krise von 1929 und eine Streikwelle mit Fabrikbesetzungen brauchte, um Roosevelt die Mittel zu geben, der Bourgeoisie gewisse ZwĂ€nge aufzuerlegen: die BeschrĂ€nkung des Gewichts der Finanz und die Akzeptanz gewerkschaftlicher PrĂ€senz in den Unternehmen. Doch man wird die Kapitalisten nicht dazu zwingen können, in Anbetracht der Konkurrenz auf die maximale ProduktivitĂ€t zu verzichten, denn hier geht es nicht mehr um das (verhandelbare) VerhĂ€ltnis zwischen Lohn und Profit, sondern um die Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise. Eine „Ökologisierung“ der Welt ist politisch unmöglich, weil sie nicht rentabel wĂ€re. Freilich wird in den USA und anderswo ein Teil dieser grossen Programme umgesetzt werden. Aber werden es die Klimabewussten viel besser machen als die Klimaskeptiker Ă  la Trump? Man sucht vergeblich nach der ambitiösen grĂŒnen Politik Obamas, der es 2014 begrĂŒsste, dass sein Land zum weltweiten fĂŒhrenden Erdölproduzent geworden war.

* * *

Es ist legitim, die Frage zu stellen, welche bĂŒrgerlichen „Fraktionen“ ein Interesse an einem grĂŒnen Kapitalismus haben: Die Erdölfraktion wiegt immer noch schwer; andere Sektoren, die von einem „grĂŒnen Kapitalismus“ abhĂ€ngig sind, befinden sich auf einem aufsteigenden Ast. Die Frage ist jedoch nicht, wann die kapitalistische Produktionsweise damit aufhören wird, den natĂŒrlichen Gleichgewichten zu schaden – sie ist dazu unfĂ€hig –, sondern ob sie das fĂŒr den Fortbestand der Bourgeoisie notwendige gesellschaftliche und politische Gleichgewicht aufrechterhalten oder wieder herstellen wird.

G. D., November 2020

Literaturverzeichnis

Marx, Das Kapital, Bd. 1, 22. Kap., § 3.

Andreas Malm, „Capital fossile: vers une autre histoire du changement climatique“.

Sehr dokumentierter Artikel. Unsere Episode 05 wird auf Malm und seine These eines „fossilen Kapitalismus“ zurĂŒckkommen.

Philippe Bihouix, Le Bonheur Ă©tait pour demain, Seuil, 2019.

Übersetzt aus dem Französischen von Kommunisierung.net

Quelle






Quelle: Emrawi.org