Januar 26, 2021
Von Emrawi
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Der vor sechs Tagen in Istanbul von Unbekannten verschleppte und am frĂŒhen Morgen mit verbundenen Augen im Stadtteil BaƟakƟehir freigelassene Gökhan GĂŒneƟ hat auf einer Pressekonferenz in der Istanbuler Zweigstelle des Menschenrechtsvereins IHD von seiner EntfĂŒhrung berichtet. An der Pressekonferenz nahmen die Istanbuler IHD-Vorsitzende GĂŒlseren Yoleri und der ESP-Vorsitzende ƞahin TĂŒmĂŒklĂŒ sowie zahlreiche Angehörige und Journalist*innen teil.

Gökhan GĂŒneƟ hat HĂ€matome unter dem linken Auge und an den HĂ€nden. Von den Geschehnissen der letzten Tage berichtete er, dass er sich am 20. Januar auf dem Weg zur Arbeit befand: „UngefĂ€hr um zwölf Uhr bin ich aus dem Bus gestiegen. Auf dem BĂŒrgersteig an der Bushaltestelle standen vier Personen. Eine von ihnen sprach mich an. Als ich mich umdrehte, stĂŒrzten sich alle vier zusammen auf mich. In dem Moment sah ich, dass es noch mehr geworden waren. Sie versuchten, mich in ein Fahrzeug zu zwingen. Ich wehrte mich dagegen und wich zurĂŒck. Um meinen Widerstand zu brechen, setzten sie einen Elektroschocker ein. Ich kam erst im Auto wieder zu mir. Zwei Personen hielten meine Arme fest. Sie beugten mich nach unten und zogen einen Sack ĂŒber meinen Kopf. Dann wurde ich in ein anderes Fahrzeug gesetzt. Sie brachten mich an einen Ort. Ich konnte nichts sehen und mir wurde nicht gesagt, wo und an welcher Stelle ich mich befinde.

Nachdem wir hineingegangen waren, wurden systematisch und mit AbstĂ€nden Foltermethoden angewendet. Die Folter reichte von StromschlĂ€gen ĂŒber PrĂŒgel bis zum Abspritzen mit kaltem Wasser. Manchmal wurde ich nackt liegengelassen, manchmal hatte ich noch meine UnterwĂ€sche an. Mir wurde mit Vergewaltigung gedroht. Es gab einen Bereich, der ,Grab’ genannt wurde. Dort konnte man nur stehen und die Arme nicht bewegen. Man wurde dort mit verbundenen Augen und auf dem RĂŒcken gefesselten HĂ€nden eingesperrt. Es wurden Drohungen ausgestoßen und Angebote gemacht. Das ging willkĂŒrlich so weiter.

Zuletzt war ich davon ausgegangen, dass ich gestern freigelassen werde. Ich spĂŒrte, dass so etwas vorbereitet wurde. Aber dann ließen sie mich doch nicht gehen. Sie sagten, dass ich mit ihnen zusammenarbeiten soll. SpĂ€ter fragten sie mehrmals, ob ich wisse, wer sie seien. Ich antwortete, dass sie vermutlich vom Geheimdienst sind. Dazu sagten sie nichts. Sie sagten jedoch mehrmals, dass sie ,die Unsichtbaren’ seien.“

Von seiner Freilassung erzĂ€hlte GĂŒneƟ: „Es war vermutlich morgens, als ich in ein Fahrzeug gesetzt wurde. Meine Augen waren verbunden. Es waren schĂ€tzungsweise vier Personen da. Vorher gaben sie mir Kleidung. Bis auf die Hose gehörte nichts davon mir. UnterwĂ€sche, StrĂŒmpfe und Hemd habe ich von ihnen bekommen. Bevor es losging, wurde mein Körper gesĂ€ubert. Nachdem ich mich angezogen hatte, sprĂŒhten sie Parfum auf meine Jacke. Bevor sie mich gehen ließen, sagte einer, den sie Chef nannten: ,Ich habe dir nichts weggenommen, nur deine SIM-Karte.’ Ich fragte nach dem Grund. Er antwortete nicht darauf und sagte nur, dass ich mir eine neue Karte von demselben oder einem anderen Anbieter besorgen soll.“

Im Auto wurde sein Kopf erneut von zwei Personen nach unten gedrĂŒckt. Bevor er ausstieg, wurde ihm der Sack vom Kopf gezogen. „Sie sagten mir, dass ich loslaufen soll und auf keinen Fall nach hinten gucken darf. Ich ging los und öffnete meine Augen. Sie hatten Watte auf meine Augen gelegt und mit Klebeband befestigt. Ich hatte kein Telefon und konnte niemanden anrufen. Es war am frĂŒhen Morgen. Schließlich bat ich einen Wachmann, mir ein Taxi zu rufen. Ich stieg ins Taxi und fuhr zur Wohnung meiner Familie.“

Auf die Fragen von Journalist*innen antwortete GĂŒneƟ, dass die Fahrt nach seiner EntfĂŒhrung etwa anderthalb Stunden gedauert hat. Der Raum, in dem er tagelang festgehalten wurde, habe einer Gummizelle geĂ€hnelt. Über Lautsprecher sei rassistische Musik abgespielt worden.

Gökhan GĂŒneƟ bedankte sich zum Schluss bei allen, die sich fĂŒr ihn eingesetzt haben. Er betonte, dass er aufgrund seiner politischen IdentitĂ€t als Sozialist verschleppt wurde: „Dabei handelt es sich um eine Politik der 1990er Jahre, die auch heute wieder angewandt wird. Vermutlich wird das in der kommenden Zeit so weitergehen.“ Mit dieser Methode lasse sich der Kampf nicht marginalisieren, er selbst werde weiterkĂ€mpfen.




Quelle: Emrawi.org