Juli 13, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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BeitrÀge zur gegenwÀrtigen und zeitgenössischen Kropotkin-Rezeption

oder

Wie das Moralerei-Virus in einer neuen, besonders gefĂ€hrlichen Deltavariante in gewissen anarchistischen Infektionsgemeinschaften epidemische Ausmaße annahm

Letztens traf ich einen Anarchisten, der es ĂŒberhaupt nicht witzig fand, dass ich dem RKI und der Wissenschaft nicht so recht vertrauen wollte und der emtsetzt darĂŒber war, dass mein „gesunder Menschenverstand“ offensichtlich nicht vorhanden war, weil ich nicht unabhĂ€ngig vom Staat (wie es ihm wichtig war zu betonen, weshalb ich es hier auch nicht unterschlagen möchte) der Meinung war, dass es wichtig sei sich an die Corona-Maßnahmen zu halten (abgesehen von der nĂ€chtlichen Ausgangssperre vielleicht, die auch er fĂŒr offensichtlich repressiv hielt). Und er erkannte auch bald, was mein Problem sei, nĂ€mlich dass ich offensichtlich meinen Kropotkin nicht gelesen hĂ€tte. Da nahm ich mir seinen Vorwurf zu Herzen und habe endlich nachgeholt, was offenbar bei einigen Anarchist_innen mit Beginn der Corona-Krise die neue Bibel geworden ist, auch wenn mich teilweise ja der Verdacht beschleicht, dass trotz gegenteiliger Beteuerungen die meisten ihn doch ĂŒberhaupt nicht gelesen haben, sondern nur mit einigen Schlagworten um sich werfen. Aber das soll uns hier nicht weiter kĂŒmmern, befassen wir uns also etwas mit Kropotkin, mit der Gegenseitigen Hilfe, mit anarchistischer Moral und Moralerei, mit Egoismus und SolidaritĂ€t und natĂŒrlich, wie könnten wir zurzeit auch anders, mit Corona. Einst, so geht die Legende einiger britischer Anarchisten, lebte in England ein Anarchist, dem es kohĂ€rent erschien einen Laden zu besitzen und dem es gar nicht gefiel, dass viele anarchistische Genoss_innen in seinem Laden klauten. Kropotkin gefiel das auch nicht und er veröffentlichte in der anarchistischen Zeitung „La RĂ©volte“ seine „Anarchistische Moral“ sowie einen Nachtrag dazu „Und wieder die Moral“, in der er individuelle Expropriation, also Diebstahl durch EinbrĂŒche, Ladendiebstahl, Raub etc. als „Waffe der Bourgeois“ bezeichnete. Die Antworten einiger Anarchist_innen auf diese Artikel kamen postwendend und griffen dabei scharf den Moralismus und die meist damit verbundenen Tendenzen das Verhalten anderer kontrollieren und in ihrem Sinne formen zu wollen gewisser Anarchist_innen an. Jaja, „Papst Most“, „FĂŒrst Kropotkine“ oder „Doctor Merlino“, man wĂŒnscht sie sich schon fast zurĂŒck, ist man doch heute mit so Idioten wie Lou Marin, diversen FAU-Gruppen, der „Anarchistischen Initiative“, dem BĂŒndnis fĂŒr einen solidarischen Lockdown, Anarchistische Gruppe Freiburg oder Thomas Swann konfrontiert, die den Arbeiter_innen und allen anderen nicht etwa nur das Stehlen verbieten wollen – was ja immerhin noch andere Lebensstile erlauben wĂŒrde –, sondern gleich jegliches Leben. Die einem verbieten wollen, sich frei zu bewegen, sich frei zusammenzurotten oder sich frei zu treffen, zu berĂŒhren, einander zu genießen und Spaß zu haben. Und das im Namen der Anarchie, der Gegenseitigen Hilfe und SolidaritĂ€t. Ja, das Moralereivirus, es wĂŒtet stĂ€rker denn je, auch noch in einer besonders gefĂ€hrlichen Deltavariante, und wenn wir diese Epidemie (zum GlĂŒck verhĂ€lt es sich noch nicht pandemisch) noch eindĂ€mmen wollen, könnte es eventuell helfen die Moraldebatte, die damals rund um die individuelle Expropriation entbrannte, wieder zu entstaubem und neu aufzunehmen. Wobei wahrscheinlich sogar Kropotkin entgeistert nach Luft schnappen wĂŒrde, wenn er sehen wĂŒrde, was mit seinen Thesen gerechtfertigt wird. Aber genug der Worte an dieser Stelle, tauchen wir ein in das Paris des fin de siĂšcle und ĂŒbergeben nach einer kurzen, oberflĂ€chlichen EinfĂŒhrung in den Kontext von Kropotkins moralischen ErgĂŒssen seinen Zeitgenoss_innen das Wort.


Den Moralisten gewidmet!

Moral und Pflichten, magre Bissen,
Vermindern nicht der Bettler Zahl;
Ihr satten Schlemmer könnt’s nicht wissen,
Drum hört die Wahrheit auch einmal:
Wir wollen nichts vom Himmel wissen,
Der Teufel hol‘ ihn allzumal;
Verdammt die Tugend und verdammt Moral,
Wenn brave Leute hungern mĂŒssen
..

(DER COMMUNIST. Eigenthum ist Diebstahl! No. 3, London, 10. April 1892)

A propos de la discussion ĂŒber Kropotkins anarchistische Moral, aus dem unmoralischen londoner DiebesblĂ€ttchen Der Communist des fin de siĂšcle des 19. Jahrhunderts, der auf die BekĂ€mpfung der Moralisten ganz besonders achtete, und dabei logischerweise auch Kropotkins BroschĂŒre behandeln musste. Aber nicht nur. Mit dem Motto «Der Communist scheisst auf die Organisation, die Moral, die Pflicht, die Ehre, das Comite, den Pfaff und den Papst. Der Communist scheisst – solang er noch ein Minimum zu fressen hat – auf alles Eigenthum, aber es ist nicht seine Pflicht.» (Der Communist. Individuelles wie collektives Eigenthum ist Diebstahl, No. 11) machte sich das Blatt natĂŒrlich auch viele Feinde, und in seiner Kampagne gegen die Organisatoren und Moralisten bekamen so einige ihr Fett weg


Es ist ausserdem spannend, darauf hinzuweisen, dass die damalige Diskussion ĂŒber Moral, in welche Kropotkin mit seiner BroschĂŒre – niveauvoller als viele andere – interveniert, aufgrund einiger Konflikte heraufbeschworen wurde, welche nicht ganz unspannend sind. So gab es damals eine vertiefte Diskussion ĂŒber Eigentum und Expropriation respektive Diebstahl. Dass die Expropriation «fĂŒr die Sache» in Ordnung sei, war seit dem Prozess des RĂ€ubers und Anarchisten Vittorio Pini ziemlich klargestellt. Aber nun ging es einerseits darum, ob es in Ordnung sei, fĂŒr sich, also aus «egoistischen» GrĂŒnden zu expropriieren. Ebenso aber, und zwar wichtiger, ob es in Ordnung sei, unter Anarchisten zu expropriieren
 oder eigentlich vielmehr: mit der Ablehnung des Eigentums einmal konsequent zu sein.

Praktisch entzĂŒndete sich diese Diskussion ursprĂŒnglich in Paris aufgrund der fĂŒr viele Anarchisten damals gĂ€ngigen Praxis der «estampage» – Zecheprellerei, welche von vielen auch in Lokalen geĂŒbt wurde, deren Besitzer Anarchisten waren. Nicht nur auch, sondern sogar speziell, denn schliesslich konnte man ja bei diesen davon ausgehen, dass sie nicht die Bullen rufen wĂŒrden – es war also bei ihnen einfacher (zumindest stelle ich mir das heute so vor).

WĂ€hrend einige, als Antwort auf die Empörung, die logische Rechtfertigung des «vol entre Camarades» (Diebstahl unter GefĂ€hrten) darlegten, veranlasste diese Diskussion in der anarchistischen Bewegung Paris‘ andere, die Notwendigkeit der Moral zu vertreten. Dabei sollte also die «anarchistische Moral» einiger schlicht ihre etwas privilegiertere Stellung rechtfertigen, war also klar eine verhĂŒllte Vertretung eigener Interessen. So behaupteten auch viele, Diebstahl sei eben unmoralisch (ausser falls im Interesse «der Sache»), verrohe den Dieb, u. Ä. WĂ€hrend wiederum andere klarstellten, dass das mit der Arbeit ebenso sei, dass Arbeit und Diebstahl also auf gleicher – unmoralischer – Ebene anzusiedeln seien. WĂ€hrend wiederum andere eben diese ganze Moralphilosophie ablehnten und die Moral als das entlarvten, was sie allzu oft ist: eine Waffe in einem realen Interessenskonflikt, in welchem versucht wird, die eigene Stellung zu rechtfertigen, zu heiligen
 eine Waffe, welche einer autoritĂ€ren Logik gehorcht, verlangt das eigene Denken aufzugeben
 und die deshalb frisch und froh und ehrlich zugaben, dass sie Diebstahl fĂŒr den eigenen Genuss betrieben und dass dieses «Recht auf Genuss» etwas ist, was eine etwaige anarchistische Gesellschaft befriedigen mĂŒsste, wĂ€hrend falls diese Aufopferung verlange, das eher fragwĂŒrdig sei. Wie auch immer. Der Communist vertrat zumindest offensichtlich letztere Tendenz im deutschsprachigen Raum.

Im folgenden einige der Texte gegen Moral, mit besonderem Augenmerk auf die Behandlung von Kropotkins «anarchistischer Moral», welche vielleicht gerade aufgrund ihrer relativen Reflektiertheit und intelligenten Ausarbeitung Leuten trotzdem als Ausrede fĂŒr den plattesten Moralismus diente.

Oder immer noch dient? Als Ausrede fĂŒr den Abdruck dieser moralkritischen Artikel könnte uns auch dienen, dass die “LibertĂ€re Zeitschrift” Espero Die Anarchistische Moral wiedereinmal publiziert (abgedruckt?) hat (Neue Folge – Nr. 1, Juni 2020). Ein gewisser Rolf Raasch listet einige “Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte” dieses “im Jahr 1890 in der Zeitschrift Autonomie zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichte[n] Aufsatz[es]” auf. Dabei scheint ihn vor allem eine akritische Rezeptionsgeschichte zu interessieren. Irgendwelche (teils akademischen) Schinken der letzten 50 Jahre, die diese BroschĂŒre irgendwo mal erwĂ€hnt haben – aber natĂŒrlich nicht, wie die Diskussion ĂŒber diese BroschĂŒre und Thema in der anarchistischen Bewegung ausgesehen hat. Nichteinmal jene in der Autonomie erwĂ€hnt er. Ist sie ihm nicht bekannt?

Verstehen lĂ€sst sich sowas zumindest auch als Symptom einer Ignoranz, welche immer schön gehĂ€tschelt wird, damit man ja nicht grosse Denker allzusehr hinterfragt, und nicht versteht, dass eine Geschichte der grossen Denker wohl fĂŒr das BĂŒrgertum Sinn macht, fĂŒr die anarchistische Bewegung aber herzlich wenig. Die Steckenpferde können wir ihnen gern ĂŒberlassen, auch wenn es so aussieht, als wĂŒrde Kropotkin hier allzu sehr missbraucht, bzw. rekuperiert fĂŒr Dinge, die er so wohl auch lĂ€cherliche gefunden hĂ€tte (z.B. die Farce, gegenseitige aufgedrĂ€ngte Isolation mit “gegenseitiger Hilfe” zu verwechseln).

Und aus Anlass der Ausgabe 1 der Neuen Folge der Espero kommt hier also auch ein kritischer Artikel aus der Autonomie, um eine wirkliche Rezeptionsgeschichte anzudeuten, die ĂŒbrigens riesig wĂ€r – diese Moraldiskussion zog sich schliesslich international ĂŒber mehrere Jahre hin, wĂ€hrend sie heute wohl wieder nötiger wĂ€r denn je, wo die “anarchistischen” Moralisten so weit gehen, eine Moral aufzustellen, die es “unsolidarisch” und deshalb “unanarchistisch” befindet, wenn man sich zusammenrottet, trifft, feiert etc. so, wie das Menschen seit Jahrmillionen tun und weiterhin tun werden, wenn die Dystopie nicht total gewonnen hat (also ohne Corona-App, ohne PCR-Test, ohne Maske, ohne Abstand und ohne neurotische BerĂŒhrungsangst).

Diesen denkfaulen Idioten, die das Leben selbst fĂŒr unmoralisch erklĂ€ren, können wir nur ins Gesicht grinsen, wenn sie sich denn zu uns trauen. Ja, genau! Und deshalb verwerfen wir jegliche Moral, weil sie dem Leben Feind ist! Und wollt ihr uns dabei stören, kriegt ihr unsere Spucke. Oder Schlimmeres.

Anonymus Individualo


MORALEREI;

MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG ANARCHISTISCHER MORAL.

—o—

Es ist eine charakteristische Erscheinung, dass die „ordentlichen, respektablen, ehrbaren Anarchisten“ die MORAL auf ihren AushĂ€nge-Schild gekritzelt haben. Damit die „bessern Anarchisten“ ihre Abstammung auch ja nicht verleugnen wĂŒrden, haben sie das AffenstĂŒck fertig gebracht und die „anarchistische Moral“ erfunden. –

Nun, wir wollen einmal das Fernrohr zur Hand nehmen und die MORAL im Sonnenscheine beaugapfeln: –

Die Moral ist nichts anderes als ein ungeschriebenes Gesetz. So wenig wie das Gesetz, so wenig hat die Moral jemals eine wahre Ordnung in die Welt gebracht; vielmehr dasjenige, was RĂ€uberbanden mit ihr bezweckten, nĂ€mlich Mord und Brand, UnterdrĂŒckung und Herrschaft.

FrĂŒher und auch heute noch pfropfen die Pfaffen dem Volke die Moral mit HĂŒlfe des Himmels und der Hölle auf; heute wird dem Volke von den „MĂ€nnern der Wissenschaft“ die Moral bei der Vorspiegelung von der Hölle der heutigen Welt und dem Teufel Privileg eingepaukt. Der Bannfluch und die Inquisition haben glĂŒcklicher Weise sehr viel von ihrer ehemaligen Macht eingebĂŒsst! Das Hauptaugenmerk richten die Moralisten von heute auf die Dummheit, denn sie haben keine allmĂ€chtige Gewalt mehr; aus gleichem Grunde werden sie auch „tolerant.“

—————

Moral und Gesetz sind insoweit identisch, als sie die UnterdrĂŒckung des Arbeiters bezwecken. Die Ordnungsbanditen sagen zwar, dass die Moral wie das Gesetz und die Verfassung zur Aufrechterhaltung der Ordnung sei. Der blosse Augenschein zeigt aber, dass die Moral alles andere denn Ordnung, d. h. Freiheit, bezweckt.

Eine höchst schwierige, wenn nicht unmögliche Arbeit wÀre es, die verschiedenen Arten von Moral fest zu stellen; denn sie sind zu zahlreich: sie wechseln wie die Mode, und variren bis zum vollstÀndigen Gegensatz. Ganz wie das Gesetz! WÀhrend das eine Gesetz eine gewisse Handlung erlaubt, wird die selbe Handlung von einem andern Gesetz verboten. Und die eine Moral verbietet oft, was eine andere erlaubt!

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„Die Moral ist zur Unterscheidung von Gut und Böse.“ – Den gleichen „Zweck“ haben auch das Gesetz und die Religion. Das Unterscheiden von Gut und Böse geschieht aber im Interesse des Privilegs. Selbst nach der Anarchisten Moral von PETER KROPOTKINE ist

DER ARME UNMORALISCH,

d. h. schlecht, verachtungswĂŒrdig, etc, weil er andere behandeln muss, wie er selbst nicht behandelt sein möchte.

„Der Arme ist unmoralisch!“ Dies kennzeichnet zur GenĂŒge die Kropotkine’sche Moral: sie bildet keine Ausnahme in dem Labyrinth der verschiedenen Arten Moral: sie ist Unsinn, wenn nicht etwas schlimmeres!!!

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„Ja, wenn keine Moral mehr existieren wĂŒrde, was soll dann werden? Der Egoismus wird ĂŒberhand nehmen.“

Wohlan, wir fĂŒrchten den Egoismus nicht. Die Menschen sollen nur Egoisten werden; sie sollen aufhören, sich fĂŒr Andere aufzuopfern! Sie sollen fĂŒr sich und nicht fĂŒr die Anderen leben! Keine MĂ€rtyrer, keine LĂ€mmer mehr! Lange genug hat das Volk sein GlĂŒck den HĂ€nden anderer anvertraut, hat sich dem Willen Anderer gefĂŒgt; es ist Zeit, dass der Egoismus erwacht, und der Mensch sein GlĂŒck sucht.

Wenn die Moral zum Teufel ist, wird Jeder thun, was ihm gefÀllt. Dies wissen die Moralisten, und davon wird es ihnen grau und schwarz.

Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, die Menschen thĂ€ten heute schon, was ihnen beliebe. Suggestion, Hypnotisierung und brutale Gewalt haben das Volk tief in den Schlamm der Willenlosigkeit gedrĂŒckt. Und trotzdem fehlt es an Übertretungen der eingewurzelten GebrĂ€uche und Moral nicht! Es ist dies ein Beweis dafĂŒr, dass weder Gesetz noch viel weniger Moral allmĂ€chtig sind; dass die Natur die Unnatur brechen muss! Trotz allen Fesseln kehrt jeweilen die Periode zurĂŒck, wo ein instinktives GefĂŒhl sich aus dem Schlummer hinaus Bahn bricht!

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„Aber unsere Moral ist der Natur angepasst, resp. mit ihr ĂŒbereinstimmend.“

Wohlan, wenn eure Moral wirklich ein „Naturgesetz“ ist, so ist sie total ĂŒberflĂŒssig, weil die Natur keiner ReprĂ€sentanten und Advokaten bedarf! Basirt aber eure Moral nicht auf Natur, so ist sie doppelt zu verwerfen!

Es ist in der That nicht wenig amĂŒsant, zu beobachten, wie alle die Moralisten die Weisheit mit Löffeln gefressen haben: die einen stehen in direkter oder indirekter Verbindung mit dem lieben Herrgott; und die andern haben——-das Naturgesetz entdeckt!

Gewiss! Es wird im Affenkasten gewiss noch recht gemĂŒthlich!

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Mit der Moral geht auch die Pflicht zum Teufel, denn sie ist in der Moral inbegriffen. Dies ist sehr gut. Das Individuum wird selbst entscheiden, was es zu thun und zu lassen hat; es hat keinen Vormund nöthig!

Es ist unfassbar, welche KomödiantenstĂŒcke und welche GrĂ€uel von der Pflicht ausgehen.

Dem Individuum werden so viele Pflichten aufgebĂŒrdet, dass seine Freiheit total zermalmt wird. Es ist nicht nöthig, die Schwarm der Pflichten hier speziell aufzufĂŒhren, ihre Zahl ist unkennbar.

Thatsache ist, dass die Pflicht jeweilen nach den UmstĂ€nden erfĂŒllt worden ist oder nicht. Das NichterfĂŒllen wurde erst bei den schwachen Moralisten vom Vater im Himmel bestraft. Andere, „praktischere“ Moralisten fanden es jedoch gut, die Bestrafung der Pflichtuntreuen selbst zu besorgen. Da die Anarchisten entschiedene Gegner der Bestrafung sind, haben die anarchistischen Moralisten fĂŒr die Verletzung der Pflicht keine Strafe vorgesehen; sie verachten nur den „Unmoralischen.“ Die Verachtung ist also keine Strafe?! So, so. Es kommt noch gut!

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Mit der MoralitĂ€t, d. h. der „moralischen AuffĂŒhrung“ der Moralisten sieht es geradezu höllisch aus.

Man sehe sich nur in der Welt um! Was thun sie, die Moralisten? Geheim oder öffentlich handeln sie gegen ihre Moral.

„Du sollst nicht stehlen!“ predigt der Erste, und er stiehlt selbst. – „Du sollst nicht tödten!“ ruft der Zweite, uns er tödtet selbst. – Und so weiter! – Die anarchistischen Moralisten bilden durchaus keine Ausnahme. Die Einen vögeln arme MĂ€dchen, was nach der Anarchistischen Moral unmoralisch ist, denn der Wunsch, Prostituirte zu sein, ist mit dem anarchistischen Princip nicht vereinbar! Andere spielen den Kapitalist, was vielleicht mit einer kapitalistischen Moral harmoniren mag, aber mit derjenigen von Kropotkine nicht!

Warum also Moral predigen, wenn man selbst nicht nach ihr lebt???–

„Die Dummen werden nicht alle,“ sagt die Fama; aber auch wird der geistige Schlaf nicht ganz ĂŒberhand nehmen!

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Die Moral und die Vernunft fĂŒr das Gleiche erklĂ€ren, heisst den Esel am Schwanz aufknĂŒpfen, heisst Feuer und Wasser fĂŒr identisch erklĂ€ren. WĂ€hrend Vernunft das Resultat logischen Denkens darstellt, ist Moral – wie man sieht – ein Produkt des Blödsinns und der BetrĂŒgerei – ein Produkt der Sophistik!

Es ist selbstredend, dass trotz aller Aussetzungen Wahrheit in einer Moral enthalten sein kann, gerade wie im Gesetz, oder in der Bibel; solche Ausnahmen vermögen aber nie und nimmer den wahren Zweck zu verdunkeln!!!

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Genug Moral! Zum Teufel mit ihr!

Platz fĂŒr Freiheit, der Mutter, nicht der Tochter der Ordnung!

Anarchie verlangt die Abwesenheit aller Herrschaft – auch derjenigen der Moral!

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 7. Mai 1892]


MORALISTEN.

-°-

Ich weiss nicht, wen ich heisser als sie hasse: Die Moralisten
– diese Heuchlersippe! Sie sind wie Wachs, wo ich sie auch
erfasse, und lachend spotten sie der schÀrfsten Klippe.
Wo die Natur schreit, seht Ihr sie beschwichtigen!
Wo Wahrheit redet, lÀcheln sie voll Hohn!
Sie haben ĂŒberallaus Worten, nichtigen, aus halben LĂŒgen
sich erbaut den Thron.
Wo wir sie endlich ganz zu fÀllen trachten, und mit Verachtung
sie zu treffen wĂ€hnen, da steh’n sie lĂ€chelnd. „Wie?
Wer kann verachten uns, welche alle ‚Guten‘ doch umlehnen?“
O diese Selbstbewussten! Wann kehrt endlich die eigne
LĂŒge gegen jene sich, und klafft-fĂŒr alle plötzlich g a n z
verstÀndlich-aus Tagen auf, von denen Wahrheit wich?!-

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Die Organisatoren und Moralisten sind die Erzfeinde der Menschheit. Nummer 9., Juli 1892]


—:o:—

(Übersetzt aus dem Chinesischen.)

—:o:—

KUND UND ZU WISSEN ;

dass der Communist nach wie vor auf alle und jede Moral scheisst; ja er scheisst auf die Moral, nicht weil er den Dreck liebt, sondern weil er den Dreck nicht liebt. Der Communist hat genug von dem Dreck der sog. „anstĂ€ndigen“ Leute. Es ist Zeit, morallos, unmoralisch zu werden! Ist es die Gewalt der Kanonen und Bajonette allein, welche die Proletarier in der Sklaverei hĂ€lt! Nein, es ist vor Allem die Moral: der Glaube an das Heilige! Nie wird ein Mensch frei werden, solange er ein Sklave der Moral ist. Es ist schrecklich genug der Knecht eines thatsĂ€chlichen Herrn zu sein, aber noch trauriger ist es, ein Knecht der Moral zu sein: ein Sklave einer Einbildung, ein Sklave seiner selbst, ein Sklave des Wahnsinns. Ein Knecht der Sittlichkeit; ein Opfer der Sittlichkeit! Warum sollte irgend Jemand auf die Freuden des Lebens verzichten? Warum sollen wir das Heilige, das Sittliche, das Moralische verehren, und ihm zum Opfer fallen? Was ist denn das Heilige, das Sittliche, das Moralische? Nichts anderes als Einbildung, Illusion, Besessenheit, Narrheit, Wahnsinn! Wohl haben die moralischen, sog. Respektablen Leute eine Unzahl Knechte zur BekĂ€mpfung der Unmoralischen, z. B. Polizei, MilitĂ€r, Gerichte, GefĂ€ngnisse, etc.; wohl wird der Unmoralische von „repektablen“ moralischen Leuten verabscheut; aber trotzdem ist die Moral im Wanken: ein grosser Theil der sog. „anstĂ€ndigen“ Leute handelt selber gegen die Moral, aber geheim, sie predigen öffentlich Wasser und trinken heimlich Wein. Die Meisten von Diesen sind nichts anderes als gemeine Heuchler zum Zwecke der UnterdrĂŒckung. Um unmoralisch zu sein, ist es jedoch heute noch nöthig, unmoralische Thaten im Geheimen zu begehen; denn öffentlich unmoralisch zu sein, heisst Ruin fĂŒr den Betreffenden. Ergo: warum sollten wir, um keine Knechte der Moral zu sein, nicht lĂŒgen, wenn es fĂŒr uns wĂŒnschbar ist? Die Moral kann nicht durch Opfer besiegt werden, sondern sie muss untergraben werden, sie muss ohne Erbarmen meuchlerisch erlegt werden, – ohne Erbarmen, wie sie auch kein Erbarmen ihren Knechten gegenĂŒber hat. VorwĂ€rts! denn die Moral ist mindestens so ekelhaft wie ein Haufen frisch geschissener Dreck. RĂŒmpft nur eure Nase hierĂŒber, ihr „anstĂ€ndigen“ Leute, nur zu, – und bleibt noch lĂ€nger Knechte der Moral. Diejenigen aber, die frei sein wollen, mögen sich gesagt sein lassen, dass [sie] gut daran thun werden, zuallererst ihren Hirnkasten von dem Spuk der Moral zu befreien. Und merkt euch, Proletarier, dass ihr nicht nur Knechte, sondern auch Tyrannen seid, solange ihr auf dem Wege der Moral wandelt, und dass ihr darnach behandelt werdet; denn ein Tyrann ist Tyrann, ob er in Seide oder Lumpen gekleidet ist. Die Freiheit verlangt nicht nur die Abwesenheit der Herrschaft des Eigenthums, sondern auch die Abwesenheit der Herrschaft der Moral. Es ist Zeit, das Menschheit von dem Druck der Moral befreit wird! Es ist Zeit dass ALLE Schranken fallen, welche die Menschen bis heute verhinderten, ALLE Freuden und VergnĂŒgen zu geniessen! VorwĂ€rts! denn es diejenigen., die im Elend kriechen, haben lang genug gewartet.

Aus: Der Communist No. 17.]


Der Spuk.

–:o:–

(Uebersetzt aus dem Chinesischen.)

——:o:—–

Komisch genug ist das Bild, das uns von den moralischen Anarchisten geboten wird. Diese Leute haben die Religion fĂŒr einen Wahnsinn und Schwindel erklĂ€rt; und dieselben Leute gehen hin, und etabliren – eine neue Religion: die anarchistische Moral. Sie behaupten zwar, ihre Moral hĂ€tte mit der Religion nichts zu thun. Sehr richtig; denn die Moral beschĂ€ftigt sich mit – nichts, weil sie ein – Spuk ist. Es sind die Menschen, welche sich mit ihr beschĂ€ftigen. Nichtsdestoweniger ist die Moral eine Religion. Sie ist auf die Idee des Opfers basirt. So sagt auch Kropotkine:

„KĂ€mpfe, um auch den Andern dieses reiche sprudelnde Leben zu erlauben,“

[nun kommt die Verheissung des Paradieses]

„und sei sicher, dass du auf keinem andern Wirkungskreis so grosse Freuden und GenĂŒsse findest, die mit diesen zu vergleichen wĂ€ren.“

Haben wir hier nicht den Pfaffen, der uns sagt: „Thue den Andern, was du willst, dass dir in Ă€hnlichen UmstĂ€nden zu Theil wird.“

Weiter meint Kroptkine, dass wir das „Recht“ (den Spuk) haben, einen Tyrannen zu tödten, „weil wir verlangen, dass man uns erschlage wie ein giftiges Thier, wenn wir in Tonkin oder bei den Zulus eindringen, die uns nie etwas zu Leid gethan haben.“

Welcher Sparren! So ich also in der Position eines Tyrannen nicht ermordet werden möchte, so wĂŒrde die „Anarchistische Moral“ es fĂŒr ein „Unrecht“ erklĂ€ren, wenn ich dennoch einen Tyrannen zum Teufel spedirte.

Gott! wie talentvoll sind uns’re Leut‘!

Kropotkine ist gewiss ein intelligenter Mann, aber von dem Sparren der Moral hat er sich noch nicht befreit, er ist noch religiös.

Die Christen sagen: Gut ist, was Gott gefĂ€llt. Die anarch. Moralisten: Gut ist, was der [Anm.d.S.: menschlichen] Rasse nĂŒtz. Oh du heiliger Spuck! Alles ist an sich weder gut noch schlecht. Gut und schlecht sind nur PrĂ€dikate, welche man den Dingen ertheilt. Bedauerlich, dass die Menschen noch nicht so weit sehen! Sie möchten sich doch ein Fernrohr anschaffen!

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl – Diebstahl ist Eigenthum. No. 18. 3. Jrg. (1894, Sommer)]


AUFRUF!

An die Jungen, die noch nicht hoffnungslos der Moralseuche zum Opfer fielen, und noch nicht zum willenlosen Knecht der Organisation herabsanken!

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Schon seit Jahren ertönen stimmen der Unzufriedenheit gegen die Moralisten und FĂŒhrer in der anarchistischen Bewegung. NatĂŒrlich versuchten die „e h r b a r en Anarchisten,“ diese Stimmen der „e h r l o s e n Anarchisten “ zu ersticken. Heute aber sind die “ unehrenhaften Anarchisten “ dermassen angewachsen, dass es den Moralisten zu gruseln beginnt !

Der Lump Merlino faselte jĂŒngst davon, dass man die anarchistische Bewegung von «unehrenhaften “ Elementen sĂ€ubern solle. Doch die “ anarchistischen “ AutoritĂ€ten schwanken vor der i n d i v i d u e l l e n Erhebung. Die Stunde hat geschlagen fĂŒr die Begrabung von Organisation, Comite, Moral, etc. Die Erkenntniss, dass die sociale Frage nicht durch Moral und Organisation gelöst wird, bricht sich Bahn.

PĂ€pste, wie Merlino und Most, haben sich gegen die individuelle That gewendet ; aber die Pfaffen finden kein Gehör mehr ! Bald werden sie die Zielscheibe fĂŒr das Gespött des Volkes sein !

Solche PĂ€pste scheuten sich als Anarchisten nicht, den blödsinnigen Anbetern Bourgeois-Titel als leckre Speise vorzulegen. Man höre : FĂŒrst Kropotkine ! Baron Pespy ! D o c t o r Merlino ! C a p i t a n Darnaud ! Es fehlt nur noch ein König !

Mit solchen Mittelchen machen die “ moralischen Anarchisten “ ihre Propaganda.

Ist dies nicht thatsĂ€chlich eine Propaganda fĂŒr den offenen Blödsinn???

Wie lange wird es noch Esel geben, die einen Prinzen , Baron , Capitaen oder Doctor anbeten?

Zum Teufel mit diesen Gesindel!

Als Ravachol seine letzten Thaten ausfĂŒhrte, da setzten sich die Moralisten gleich ans Werk, den Bannfluch gegen diesen Mann zu schleudern. Warum? Ravachol war Schmuggler, Expropriateur, Einbrecher, Mörder, etc. Er kĂŒmmerte sich nicht um Ehre, Moral, Organisation, etc. ; er handelte selbststĂ€ndig ! Dies erklĂ€rt, dass er keinen guten Anklang fand bei den Organisatoren und Moralhelden, welche glauben, dass ein Jeder erst ihre Erlaubniss haben mĂŒsse, bevor er handeln dĂŒrfe.

HĂ€tte Ravachel den Ertrag seiner Expropriationen an die Moralisten und Organisateure abgeliefert, dann wĂ€re er wohl ein “ ehrbarer Mann “ gewesen ! Aber Ravachol war durchaus kein zahmes Schaf ! Er, der die Moneten erkĂ€mpfte, wusste auch, was er damit zu thun hatte ! Er hat die Moralisten und Organisatoren auf der Seite liegen lassen.

Ein Organisateur sagte in L’Homme Libre, dass Ravachol die Bourgeois erschrecke, und dass er ein Spitzel wĂ€re, weil falsches Geld machte.

An ihren FrĂŒchten sollt ihr sie erkennen !

Hier sind solche FrĂŒchte : Sie wollen uns verbieten, falsches Geld zu machen ; sie wollen uns verbieten, die Bourgeois zu erschrecken.

Diese Moralisten und Organisatoren verdienen, in erster Reihe dynamitirt zu werden.

Ist es nicht elend, gegen die Dynamit-Explosionen einzuwenden : „sie erschrecken die BourgeoiĂ©â€œ; wĂ€hrend wir Arbeiter zu jeder Minute von den Bourgeois mit allen Arten Elend ĂŒberschĂŒttet werden ?

Es ist ein absolutes Recht eines jeden UnterdrĂŒckten, gegen die Tyrannen zu kĂ€mpfen, nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit Dynamit; aber es ist nicht seine Pflicht, Niemand hat ihm dies zu befehlen !

Jeder Einzelne gehört sich selbst an; und es giebt NICHTS, das ihm gerechterweise befehlen darf. Der Wille der Mehrheit selbst steht nicht höher als das Individuum, dessen Rechte immer dauern!

Die Anarchisten haben schon lÀngst erkannt, dass die

Representativ-Regierung Tyrannei ist,

von der Monarchie nur durch die Form verschieden.

Das Comite, was ist es anders ? ? ?

Und die Organisirten, was sind sie andere als die Beherrschten? ? ?

Man sehe sich nur die Gewerkschaften an. Sobald sie stark genug sind, tyrannisiren sie den Einzelnen in dem gleichen Maasse, wie der Staat.

Merlino und gewisse Seelen vom Londoner Freedom hatten diesen Winter in Versammlungen versucht, die Anarchisten in den Gewerkschafts-Sumpf zu ziehen. Hier sehen wir, was diese Tröpfe wollen. Auch Most u. A. gehören zu diesem Pack.

Wir wollen aber frei sein, auch frei von der Herrschaft der Organisation. Darum:

Hinaus aus der Organisation, hinaus aus den Gewerkschaften, hinaus aus den Vereinen und Clubs.

Wenn es zur AusfĂŒhrung einer Idee die Hilfe einer Organisation oder eines Comite bedarf, dann ist diese Idee eine tyrannische ; eine anarchistische Idee bedarf in keiner Beziehung der Organisation und des Comite ; eine anarchistische Idee ist verloren, sobald sie einer Organisation anvertraut wird.

Alle Spatzen auf den DĂ€chern pfeifen, dass die Moralisten ihre Moral NICHT halten.

Sie predigen Moral, um zu betrĂŒgen.

Darum fort mit der Moral,

Und lasset dem Menschen sein Gehirn unverpappt.

Man wird uns ehrlos nennen. Wohlan ! Unser Ziel ist nicht die Ehre, und nicht die Moral, sondern die ANARCHIE.

Wir fordern Alle auf, sich von den Demagogen, den Moralisten und Organisatoren, loszumachen, und

auf eigenen Fuessen zu stehen.

Scheisse Jeder auf die Gesetze, auch auf die Statuten, welche ebenfalls Gesetze sind. Scheisse auch Jeder auf jenes ungeschriebene Gesetz, welches Moral heisst, und zusammengesetzt ist aus Aberglauben, LĂŒge und Blödsinn, etc.

[Der Communist No. 9]


SolidaritĂ€t wird heute – speciell von “anarchistischen” Pfaffen – mit Hochdruck gepredigt, – aber – – – sehr wenig geĂŒbt. Wenn man sich in gewissen Kreisen in eine Discussion einlĂ€sst, so ist man in kurzer Weile von einer SĂŒssigkeits-Duselei umschwĂ€rmt, dass man sich fast in einem Irrenhause zu befinden glaubt. “SolidaritĂ€t,” so wird man belehrt, “ist die erste und letzte Triebfeder der menschlichen Handlungen. Die Menschen kennen nur die Gesellschaft, sich selbst nicht. Der Egoismus ist nur eine unnatĂŒrliche Ausnahme, die man immer verabscheuen muss.” Mit einer kunstgewandten “moralischen EntrĂŒstung” wird dann dem Egoismus auf’s Fell gerĂŒckt, worauf eine Fluth von SolidaritĂ€ts-Phrasen angeschwommen kommt, dass es bei den Engeln im Himmel*) nicht prĂ€chtiger sein kann.

Aber die SolidaritĂ€ts-Phraserei ist nur zu oft LĂŒge! Wenn es SolidaritĂ€ts-Phraseure giebt, die zu Hause leere Zimmer haben, und verhetzte, arbeitslose Genossen wĂ€hrend der Nacht auf der Strasse herumbummeln lassen, dann steht es gewiss schlecht mit der SolidaritĂ€t!

SolidaritĂ€t wird von den Herren Organisatoren immer denjenigen zu Theil, die mit hochwissenschaftlichen Phrasen, und mit glatter Zunge aufzuwarten verstehen. So lange einer zu allem “Ja” sagt, und pflichtgetreu jeden Dreck beichtet, wird wohl noch etwas SolidaritĂ€t gezeigt. Aber derjenige, der seinen eigenen Weg gegangen, ohne die Erlaubniss des ComitĂ©s, – und einmal in eine kritische Lage kommt, in welcher er HĂŒlfe bedarf, der hat traurige Aussichten; denn die Herren Organisatoren mĂŒssen erst in jede Kleinigkeit eingeweiht sein, und dieselbe fĂŒr moralisch befunden haben, bevor ihr SolidaritĂ€tsgefĂŒhl ein Lebenszeichen von sich giebt. In den Einzelnen setzen sie kein Vertrauen, aber alle andern sollen ihnen ihr Vertrauen entgegen bringen! Ist dies nicht die Taktik der Schwindler? Demjenigen, der Andern nicht traut, demjenigen ist in der Regel selbst nicht zu trauen! Denkt ihr nicht so, ihr Herren Organisatoren und Moralisten?

In ihrer Heuchelei kommen diese SolidaritĂ€ts-Phraseure soweit, dass sie die Theorie der individuellen Expropriation ganz und gar verwerfen, indem sie sagen, die SolidaritĂ€t sei bei den Genossen gross genug, damit Keiner der Anarchisten aus Noth zu stehlen nöthig hĂ€tte. Und dennoch ist es absolut nichts ungewöhnliches, dass man Genossen antrifft, welchen das Allernothwendigste mangelt. Diesen aber wollen die moralischen Herren verbieten, zu “stehlen” (sic!), indem sie schliesslich erwĂ€hnen, dass die Anarchisten durch ihr “Stehlen” die Ehre vor der ganzen Welt verlieren wĂŒrden.**) Ein Anarchist aber, welcher weiss, was Anarchie heisst, der scheisst auf die Ehre, der kĂŒmmert sich einen Teufelsdreck darum, ob man ihn ehrenhaft, moralisch, etc. nennt oder nicht! “Aber der Propaganda willen.” So sprechen die Herren Organisatoren, die nur viel “Mitglieder” haben wollen, um sich als FĂŒhrer aufzuspielen. Diese Herren sind nur zu gut erkennbar. Sie schmieden die PlĂ€ne, schicken aber andere zur AusfĂŒhrung; und nachher brĂŒsten sie sich mit den Opfern, welche sie verursacht haben.

Sogar gegen die “Faulenzer” (sic!) richten diese Schmierfinken ihre schmutzigen Speichelwerke. Diese elenden, hundsgemeinen Lausbuben laboriren augenscheinlich an einer “tĂŒchtigen Organisation.” Wer “faul” ist, wird einfach herausgeschmissen aus der Organisation; die SolidaritĂ€ts-BetrĂ€ge sind ausschliesslich an das ComitĂ© abzuliefern; wer irgend eine Handlung, sei es nun ein Dynamit-Attentat oder auch nur die Verbreitung eines Flugblattes, vorzunehmen gedenkt, hat dies dem ComitĂ© zur PrĂŒfung vorzulegen; das ComitĂ© stellt die “Rechte” sowie die “Pflichten” der “Mitglieder” fest; wer unmoralisch ist, hat sich vor dem ComitĂ© zu verantworten, etc. Diese saubere Richtung ist aus dem Treiben verschiedener Hallunken zu ersehen; insbesonders aus verschiedenen Articeln in La RĂ©volte, L’Homme Libre, in Papst Most’s “’Herzens-’ErgĂŒsse” u. a. m. in der Freiheit, sodann auch aus dem Anarchist und der Autonomie.

L’Homme Libre hat seine “Gesinnung” anlĂ€sslich Ravachol’s Dynamiterei zu offen ausgesprochen, als dass man auch nur noch einen Augenblick im Zweifel sein könnte. Der Hochdruck, den er damals auszuwirken suchte, war “leider” erfolglos, und die edle Absicht, die anarchistische Bewegung zu corrumpiren, war missglĂŒckt. Unter anderen hat auch der saubere Organisateur Merlino seine nobeln Ansichten ziemlich genau gezeigt, als er sein feines Manifest, in welchem er “den Communismus mit dem Collectivismus vereinigen” wollte, der Autonomie zur Veröffentlichung gab. In einer Versammlung wurde diesem Dreck sein richtiger Weg angewiesen.*)

Und nun: Wie es mit der SolidaritĂ€t einem tĂŒchtigen Genossen gegenĂŒber steht, das hat unter anderem auch die Ravachol-Affaire gezeigt. Es wĂ€re gewiss nicht zu schwierig, solche “Anarchisten” zu finden, welche einen Mann wie Ravachol der Polizei ĂŒberliefern wĂŒrden. (Beweis: Siehe das Sauhundsblatt L’Homme Libre.)

Dies ist eine kuriose SolidaritĂ€t; es ist die SolidaritĂ€t mit der AutoritĂ€t!–––––

Wehe Dem, der von diesen Finken irgend etwas annimmt; er kann dies dann Jahre lang hören, ganz besonders, wenn er einmal eine selbstĂ€ndige Meinung hat, welche den Herren nicht in den Kram passt.–Gehört dies in’s Gebiet der SolidaritĂ€t, oder in dasjenige der Heuchelei, des Meinungskaufes, der PharisĂ€erei und der AutoritĂ€t????????–Die Antwort liegt nicht weit entfernt.

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 8. Juni 1892]




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org