Januar 7, 2022
Von Emrawi
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Die Taborstraße 18 ist ein durchwegs interessantes GebĂ€ude mit einer spannenden Geschichte. Erbaut wurde es 18 48 von Ludwig Förster und Theophil Hansen. Beide wurden spĂ€ter als Ringstraßenarchitekten bekannt. Zuerst wurde es als Hotel genutzt. Architektonisch wurde hier ein Prototyp der kurz darauf so beliebten Grand Hotels geschaffen. Ideologisch und politisch war das „Hotel National“ mit dem dazugehörigen Kaffeehaus bald ein Zentrum des Liberalismus. Ende des 19. Jahrhunderts hieß es, dass es der einzige Ort in Wien war, wo es die „Times“ zu lesen gab.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es langsam in ein Mietshaus verwandelt. Der Hotelbetrieb lief zwar parallel noch weiter, doch der Glanz war verschwunden. In der Nazizeit wurde der jĂŒdische Besitzer gezwungen, es fĂŒr einen Apfel und ein Ei zu verkaufen. Erst nach der Jahrtausendwende wurde es an die Erben restituiert. Diese wiederum verkauften es an die „Barmherzigen BrĂŒder“, eine Ordensgemeinschaft, die direkt neben ein Krankenhaus betreiben, weiter.

Die BrĂŒder wollen das Spital erweitern. Das ehemalige Hotel soll umgebaut und so Teil des Krankenhauses werden. Dazu mĂŒsste aber das Haus entmietet werden, die dort lebenden Menschen mĂŒssen ihre Wohnungen verlassen. Diese haben aber vergleichsweise gĂŒnstige, unbefristete MietvertrĂ€ge, die bereits vor Jahren bzw. Jahrzehnten abgeschlossen wurden.

Anfangs wurde noch versucht, die Mieter*innen mit GeldbetrÀgen rauszukaufen. In einigenFÀllen klappte das aber nicht. Die angebotenen Summen waren gering und wÀren durch die höheren Mieten in den neuen Wohnungen, die sich noch dazu in schlechteren Lagen befunden hÀtten, bald aufgebraucht worden. Andere hatten schlicht Probleme damit, den Ort, wo sie mehr als die HÀlfte ihres Lebens verbracht hatten, zu verlassen. Im Moment sind noch fast 30 Wohnungen bewohnt, 85 stehen schon leer.

Da das Hinauskaufen nicht funktionierte, gibt es jetzt deutlich hÀrtere Gangart: Notwendige Reparaturen werden nicht mehr gemacht, auch WasserschÀden werden nicht repariert, es gibt Berichte, dass die Post durchsucht wurde, dass die Mieter*innen von Detektiv*innen beschattet wurden, ob sie dort auch wirklich wohnen 


Doch die Bewohner*innen wehren sich. Am 11.Dezember gab es eine kleine, aber feine Kundgebung von Mieter*innen und solidarischen Menschen vor dem Haus. Höhepunkt war ein Bannerdrop. Ein riesiges Transpi mit der Aufschrift „85 Wohnungen zu besetzen“ zierte fĂŒr kurze Zeit das Haus. Da von einer Hausbesetzung ausgegangen wurde, tauchten bald die Polizei und ein Mann, der als eine Art Facility Manager bei den Barmherzigen BrĂŒdern arbeitet, auf. Die Mieter*innen nutzten die Gelegenheit, ihre Beschwerden da wie dort lautstark vorzutragen, was aber wenig ĂŒberraschend auf gepflegtes Desinteresse stieß. Der Banner musste wieder abgenommen werden.

Es war der erste öffentliche Protest der Mieter*innen. Es war ein Anfang, und sicher nicht das Ende. Die Entmietung des ehemaligen Grand Hotels wird sicher nicht ohne Widerstand ĂŒber die BĂŒhne gehen.




Quelle: Emrawi.org