November 15, 2020
Von Die Plattform
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NEUER PODCAST & TEXT!

In diesem neuen Grundlagentext zu grenzenloser SolidaritÀt beschÀftigen wir uns mit unserem VerhÀltnis zu Internationalismus, Antinationalismus und Imperialismus. Den Podcast findet ihr hier: https://www.dieplattform.org/podcast/grenzenlose-solidaritaet/

Hier auf Archive:
https://archive.org/details/grenzenlos

Und hier auf spotify:
https://open.spotify.com/episode/7n8hbWE4NZuS9SHVv64l9W


“Grenzenlose SolidaritĂ€t”

vom 9.11.20

Der Anarchismus bzw. anarchistische Kommunismus ist eine weltweite und auf grenzenloser SolidaritĂ€t (Fußnote 1) basierende Bewegung. Dieser Grundsatz gilt seit seiner Entstehung ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die GrĂŒndung der “Internationalen Arbeiterassoziation” (“Erste Internationale”) von 1864 sowie die “AntiautoritĂ€re Internationale” 1872 stellen bedeutende Versuche dar, die damalige sozialistische und anarchistische Arbeiterinnenbewegung ĂŒber Nationalstaatsgrenzen hinweg zu organisieren. Im Laufe der Geschichte kamen bis heute viele weitere hinzu.
Denn kapitalistische Ausbeutung, rassistische und patriarchale UnterdrĂŒckung sind (wie weitere Herrschaftsformen) weltweit strukturell verankert. Eine kraftvolle Antwort darauf besteht in der grenzenlosen SolidaritĂ€t der Ausgebeuteten und UnterdrĂŒckten weltweit.

Der Kapitalismus besteht weltweit und somit auch die lohnabhĂ€ngige Klasse. Die herrschende Klasse (bestehend aus Regierenden und EigentĂŒmer*innen an Produktionsmitteln und GrundstĂŒcken) sind in grundlegenden Fragen (der Besitz- und Herrschaftssicherung) einig und betreiben globalen Klassenkampf von oben (Fußnote 2). Deshalb ist es notwendig die sozialen KĂ€mpfe ĂŒber nationale und kontinentale’ Grenzen hinweg zu fĂŒhren und zu koordinieren. AnknĂŒpfen kann die Klasse der LohnabhĂ€ngigen am weltweit verbreiteten Interesse von LohnabhĂ€ngigen und Ausgebeuteten, ihre Ausbeutung zu ĂŒberwinden (Fußnote 3). Beispielsweise mĂŒssen aufgrund der weltweiten Produktionsketten und globalen Standortverlagerungen Streiks ĂŒber Staatsgrenzen hinweg gefĂŒhrt werden um erfolgreich sein zu können.

Wir leben in imperialistischen (Fußnote 4) Staaten, welche zusammen mit den weltweit agierenden Konzernen anderer Staaten, deren Ressourcen und lohnabhĂ€ngigen Einwohner*innen wirtschaftlich ausbeuten und militĂ€risch beherrschen. Dies geschieht unter anderem mittels SchuldenabhĂ€ngigkeiten, wirtschaftlichem Niederkonkurrieren und zerstörerischer Handelspolitik sowie durch Krieg und andere militĂ€rische Interventionen. In der Zusammenarbeit mit Gruppen aus anderen Regionen gilt es unsere besondere Position als in Deutschland Lebende zu berĂŒcksichtigen. Hierzu gehört einerseits im sogenannten globalen Norden zu leben, dessen Reichtum sowohl historisch als auch aktuell auf Kolonialisierung und Ausbeutung beruht. Und andererseits kommt Deutschland ebenso in der EuropĂ€ischen Union eine profitierende und herrschende Rolle zu. Sicherlich besitzt die lohnabhĂ€ngige Klasse nur einen geringen Teil vom dadurch erarbeitenden Reichtum, weil er zum grĂ¶ĂŸten Teil von einigen Wenigen angeeignet wird. Jedoch mĂŒssen wir uns bewusst sein, dass Teile der Arbeitenden ihre individuellen Interessen mit den nationalen Interessen identifizieren. Das Interesse im Klassenkampf der lohnabhĂ€ngigen Klasse in Deutschland ist zwangslĂ€ufig mit dem Schicksal der internationalen Klasse der LohnabhĂ€ngigen verbunden. Aus diesem Grund ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel von Seiten der LohnabhĂ€ngigen in Deutschland immer auch mit einen Kampf gegen Deutschlafnd als Wirtschaftsstandort an sich verbunden. Gerade weil dieser auch imperialistischen Bestrebungen auf der ganzen Welt nachgeht, bedeutet dies auch gegen die Interessen des Standorts an sich zu agieren und diesen bei der Sicherung oder Wahrung seiner Interessen zu stören oder diese zu verhindern. Zugleich arbeiten jedoch viele LohnabhĂ€ngige in Deutschland in exportorientierten Branchen und Betrieben. Das bedeutet, dass sie kurzfristig und indirekt von den Exporten abhĂ€ngig sind. Die dadurch entstehenden Bedenken und Ängste an einem Arbeitskampf teilzunehmen, gilt es ernst zu nehmen und zu berĂŒcksichtigen. Jedoch dĂŒrfen wir uns nicht anzubiedern, sondern mĂŒssen stets die Befreiung aller Menschen als Perspektive beibehalten. DafĂŒr ist es notwendig, internationale Kontakte aufzubauen und zu pflegen.
Unsere Antwort auf diese VerhÀltnisse ist ein doppelter: Zum einen der Kampf bei uns vor Ort gegen die kapitalistischen Logiken sowie die Herrschaft von Staat und Kapital. Und zum anderen weltweiter Kampf, indem wir zusammen mit klassenkÀmpferischen progressiven Bewegungen aus anderen Regionen der Welt kÀmpfen und mit ihnen solidarisch sind.

Der Staat ist dabei kein VerbĂŒndeter, da seine Existenzgrundlage und internationale DurchsetzungsfĂ€higkeit an die erfolgreiche Kapitalakkumulation geknĂŒpft ist. Er kann zwar politische Maßnahmen treffen, welche den Interessen des Kapitals bzw. einzelner Kapitalfraktionen zuwiderlaufen. Allerdings dĂŒrfen derartige Maßnahmen die Akkumulation als Ganzes nicht gefĂ€hrden, da der Staat sich sonst langfristig seiner eigenen Existenzgrundlage berauben wĂŒrde.Deshalb muss der Kampf ĂŒber Staatsgrenzen hinaus gehen. Weltweite SolidaritĂ€t zwischen der lohnabhĂ€ngigen Klasse kann nur erfolgreich sein, wenn die Staaten als Miterzeuger*innen von nationalen RivalitĂ€ten aufgelöst werden. Als revolutionĂ€re und antinationale Anarcha-Kommunist * innen solidarisieren wir uns nicht mit sogenannten “anti-imperialistischen” Staaten, deren lokalen herrschenden Eliten oder politische Parteien der “nationalen Befreiung”. Stattdessen solidarisieren wir uns mit den klassenkĂ€mpferischen progressiven Bewegungen der lohnabhĂ€ngigen Klasse (Fußnote 5).

Die Bestrebungen eine weltweit revolutionĂ€re und grenzenlos solidarische Bewegung aufzubauen werden bestĂ€ndig durch Staat und Kapital angegriffen: Patriarchale und rassistische UnterdrĂŒckungs- und Herrschaftsformen und die Kategorisierung und Diskriminierung von Menschen nach sexistischen, rassistischen, antisemitischen und weiteren Mustern werden genutzt um emanzipatorische KĂ€mpfe im Keim zu ersticken. Dies passiert zum einen durch die Reproduktion durch die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen, in welchen diese Herrschafts- und UnterdrĂŒckungsformen wesentliche Selektionskriterien darstellen und zum anderen durch die bewusste Benutzung dieser durch reaktionĂ€re KrĂ€fte, um Menschen zu diskriminieren und zu unterdrĂŒcken. Die Einheit der lohnabhĂ€ngigen Klasse weltweit bedeutet deshalb auch Kampf gegen institutionalisierte Diskriminierung und UnterdrĂŒckung auf Grundlage von Geschlecht, (zugeschriebener) Herkunft und NationalitĂ€t.
‱ “Jeder Nationalismus ist seinem Wesen nach reaktionĂ€r, da er bestrebt ist, den einzelnen Teilen der großen Menschenfamilie einen bestimmten Charakter nach einem vorgefassten Glauben aufzuzwingen” (Rudolf Rocker, Nationalismus und Kultur, S. 207)

Die soziale Revolution in nur einem Land kann nicht dauerhaft erfolgreich sein Fußnote 6 (und eine auf einen Staat begrenzte Revolution ist auch nicht unser Ziel). Eine vereinte weltweite revolutionĂ€re Bewegung der lohnabhĂ€ngigen Klasse ist unser Ziel zur Überwindung von Kapitalismus und Herrschaft.
Weltweite SolidaritĂ€t ist die schĂ€rfste Waffe der lohnabhĂ€ngigen Klasse – wir wollen weltweite Beziehungen zu anderen klassenkĂ€mpferischen Bewegungen und Organisationen der lohnabhĂ€ngigen Klasse aufbauen und grenzenlose SolidaritĂ€t verwirklichen um diesem Ziel nĂ€her zu kommen.

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Fußnoten:

Fußnote 1
Den Begriff Internationalismus gebrauchen wir hier bewusst nicht. Unsere Kritik richtet sich hier nicht gegen die Bedeutung, praktische SolidaritĂ€t zwischen Menschen in unterschiedlichen Regionen der Welt auszuĂŒben. Sondern, dass der Internationalismusbegriff die Bedeutung “zwischen den Nationen” in sich trĂ€gt und damit ein VerstĂ€ndnis transportiert, das den Nationalstaat und NationalitĂ€ten nicht grundsĂ€tzlich in Frage stellt, sondern aufrecht erhĂ€lt. Damit wird allgemein das soziale Konstrukt “Nation” und im Speziellen die Spaltung der lohnabhĂ€ngigen Klasse in Nationen fortgefĂŒhrt. Und es erwĂ€chst kein zukunftweisendes Konzept von SolidaritĂ€t.
Solange wir jedoch in Nationalstaaten leben mĂŒssen, mĂŒssen wir die Existenz von Nationen als sozial konstruierte RealitĂ€ten anerkennen und handeln deshalb in der Praxis internationalistisch wie antinationalistisch gleichermaßen.

Fußnote 2
Indem das kapitalistische System die lohnabhÀngigen Menschen untereinander in Konkurrenz setzt und die herrschende Klasse die Ausbeutung und Niederhaltung der lohnabhÀngigen Klasse organisiert fördert, sowie Spaltungslinien anhand von Geschlecht oder (zugeschriebener) Herkunft aufbaut.

Fußnote 3
Auch wenn durch Staat und Kapital unterschiedliche Interessen konstituiert werden und die Lebens- und ArbeitsverhÀltnisse in den unterschiedlichen Regionen der Welt sich zum Teil unterscheiden.

Fußnote 4
Imperialismus meint das “Bestreben einer Großmacht, ihren Herrschaftsbereich auszudehnen oder zumindest die Kontrolle ĂŒber andere Gebiete zu erlangen. dies kann auf pollitischer und kultureller Ebene sein, vor allem aber in ökonomischer Hinsicht. Um die Kontrolle ĂŒber ein Land zu bekommen, muss es jedoch nicht zwangslĂ€ufig (militĂ€risch) besetzt werden. Oftmals geschieht dies durch die wirtschaftliche AbhĂ€ngigkeit und durch die Platzierung eigener Unternehmen” (aus: Denegro: Anarchistisches Wörterbuch. MĂŒnster. 2014. S. 62)

Fußnote 5
(Kritik nationale Befreiungsbewegungen)
Nationale Befreiungsbewegungen haben oftmals nur begrenzte Ziele: Die Eroberung der politischen (Staats-)Macht und die Verwaltung der Menschen durch eine neue (regionalere) Regierung. Dabei beziehen nationale Befreiungsbewegungen in ihren Kampf hĂ€ufig alle gesellschaftlich mĂ€chtigen/einflussreichen Akteurinnen mit ein – also auch die herrschende Klasse. Damit werden innerhalb dieser Bewegungen Klassenunterschiede verschleiert. Außerdem wird durch den Fokus auf nationale Interessen Nationalismus und Rassismus transportiert sowie deren Verfechter*innen gestĂ€rkt. So aufgestellte nationale Befreiungsbewegungen bringen fĂŒr die lohnabhĂ€ngige Klasse keine Freiheiten. Stattdessen wird (grenzenloser) Klassenkampf durch die Priorisierung auf nationale Befreiung und StĂ€rkung des Nationalismus an den Rand gedrĂ€ngt. Sollten nationale Befreiungsbewegungen innerhalb der lohnabhĂ€ngigen Klasse starken Zulauf finden, muss es Aufgabe der Anarchist*innen sein, innerhalb dieser Bewegungen die nationalistischen und rassistischen Positionen an den Rand zu drĂ€ngen und ein klassenkĂ€mpferisches, anarchistisches Programm auf breiter Basis zu verankern.

Fußnote 6
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass soziale Revolutionen, die auf einzelne Regionen bzw. Nationalstaaten begrenzt waren (z.B. die Kommune Shinmin in der Mandschurei 1929/1930 oder Teile Spaniens 1936/1937), sich nicht lĂ€ngerfristig halten konnten. Grund dafĂŒr waren massive militĂ€rische Repression durch MilitĂ€rs des In- und Auslands. Hinzu kamen in bestimmten Bereichen wirtschaftliche AbhĂ€ngigkeiten (Rohstoffe, Produkte, Produktionsmittel), welche sich negativ auf den Verlauf der sozialrevolutionĂ€ren Phase ausgewirkt haben.




Quelle: Dieplattform.org