September 30, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: act for freedom, ĂŒbersetzt von abc wien

Am 29. September findet der Prozess gegen zwei GefĂ€hrten aus Berlin und zwei GefĂ€hrten aus Athen vor dem Evelpidon-Gericht in Athen statt. Die vier Personen waren am 26. November 2017 bei der RĂ€umung des Gare Squat im Athener Stadtteil Exarchia festgenommen worden. Ihnen wird unter anderem Hausfriedensbruch, versuchte schwere Körperverletzung, Verweigerung der kriminaltechnischen Identifizierung und Besitz von Sprengstoff und Sprengbomben vorgeworfen. Diese RĂ€umung war die erste von drei, bei denen die vier GefĂ€hrten 4 Tage lang festgehalten wurden. Sie wurden unter Auflagen oder gegen Kaution freigelassen und mĂŒssen nun, fast vier Jahre spĂ€ter, vor Gericht erscheinen.

Fast einen Monat nach der Verhaftung des anarchistischen RevolutionĂ€rs Dimitris Chatzivasileiadis, der 1,5 Jahre lang untergetaucht war, wird ihm vorgeworfen, Mitglied der Guerillagruppe “ Revolutionary Selfdefense“ zu sein, und er ist einer der vier, die bei der RĂ€umung von Gare im November 2017 festgenommen wurden.

Gare war ein besetztes Haus im Exarchia-Viertel, im Zentrum von Athen. Viele Jahre lang war es ein Lebensraum, der sich aktiv gegen Privateigentum und die Etablierung des Hauses als Ware wandte und versuchte, eine gemeinschaftliche Lebensweise zu fördern, in der Begriffe wie privat immer hinterfragt wurden. Die Menschen konnten nicht nur ein privates Zimmer haben, sondern es war ein vollstĂ€ndig kollektiver Raum, der fĂŒr diejenigen da war, die ihn brauchten, wodurch die Worte kollektiv und gemeinschaftlich zur Praxis wurden. Aber Gare war nicht nur eine gemeinschaftliche Lebensform, sondern auch ein politisch aktiver Ort, an dem sich die Menschen organisierten und politisierten. Um eine Insel der Befreiung und nicht eine Insel der Freiheit zu werden, bedeutete das Leben dort, sich innerhalb und außerhalb des besetzten Hauses politisch zu engagieren. Von der Teilnahme an Versammlungen und verschiedenen sozialen KĂ€mpfen bis hin zur Bereitstellung einer selbstorganisierten Infrastruktur in der Nachbarschaft von Exarchia war Gare nicht nur „ein szenenahes besetztes Haus“, sondern hatte eine soziale Beziehung zur Nachbarschaft. Durch Strukturen wie das öffentliche Bad und die WĂ€scherei bot Gare seine Einrichtungen allen BedĂŒrftigen an. Das Gare war auch einer der wenigen Orte, die versuchten, internationale Besucher*innen und KĂ€mpfer*innen in die lokalen KĂ€mpfe zu integrieren, Grenzen und nationale Narrative zu durchbrechen und zu zeigen, dass unsere KĂ€mpfe miteinander verbunden sein sollten und sind. Und als ein Ort, der Kompromisse mit dem Staat ablehnte, war er einer Menge Repression ausgesetzt. Von den Medien kriminalisiert und von der Polizei ins Visier genommen, stand Gare im Mittelpunkt der polizeilichen Repression, vor allem an wichtigen Tagen fĂŒr die lokale Bewegung, z.B. am 17. November (dem Jahrestag des Widerstands gegen Junta) und am 6. Dezember (dem Jahrestag des Mordes an Alexis Grigoropoulos).

Die erste RĂ€umung des Gare Squat, bei der die vier Angeklagten verhaftet wurden, fand kurz vor dem 6. Dezember statt. Gare war eines der vielen selbstorganisierten und besetzten HĂ€user und politischen Orte in Exarchia. Alle zusammen schufen ein Viertel, in dem Begriffe wie Privatisierung, Profit, Egoismus und staatliche Kontrolle im Alltag in Frage gestellt wurden. In den letzten Jahrzehnten war Exarchia ein Ort, an dem zahlreiche HĂ€user besetzt wurden, darunter auch einige von und fĂŒr Migrant*innen. Strukturen wie ein selbstorganisiertes Krankenhaus, eine Essensausgabe, Sprachkurse, ein Spielplatz und politische FreirĂ€ume boten Lösungen fĂŒr alltĂ€gliche Probleme und einen Ort, an dem man sich organisieren, handeln und sozialisieren konnte. Sie boten Raum fĂŒr Treffen verschiedener politischer Kollektive, kulturelle Veranstaltungen und eine Basis fĂŒr politische Diskussionen und stellten einen Treffpunkt und eine Infrastruktur fĂŒr die Bewegung dar. All diese Orte, an denen sich der Kampf ein Territorium eroberte, bildeten in Verbindung mit den regelmĂ€ĂŸigen ZusammenstĂ¶ĂŸen mit der Polizei eine widerstĂ€ndige Nachbarschaft. Ein Viertel, in dem PolizeiprĂ€senz nicht oft geduldet wurde, bot Raum fĂŒr die Entwicklung von Ideen wie Selbstorganisation und Autonomie.

In den letzten Jahren, vor allem nach dem Wahlsieg der Nea Dimokratia, waren Hausbesetzungen in ganz Griechenland einem extremen Angriff ausgesetzt, viele wurden gerĂ€umt, einige militant verteidigt und einige wieder besetzt. Dieser Angriff in Kombination mit der Pandemie und der harten Abriegelung, der unsozialen und reaktionĂ€ren Politik der Regierung schuf eine unertrĂ€gliche Situation fĂŒr die lokale Bewegung. Polizeikontrollen und Schikanen, hohe Geldstrafen und Repressionen prĂ€gten das Leben in der Stadt. Die Situation Ă€nderte sich wĂ€hrend des Hungerstreiks des kommunistischen RevolutionĂ€rs Dimitris Koufontinas und den großen Student*innendemonstrationen gegen die PolizeiprĂ€senz an den UniversitĂ€ten. Angesichts des Hungerstreiks fanden die Menschen einen Grund, die Straßen zurĂŒckzuerobern und gegen die staatliche Rache zu kĂ€mpfen. Der Höhepunkt dieser Periode war die massive Demonstration im Stadtteil Nea Smyrni gegen die PolizeiprĂ€senz in den umliegenden Vierteln (die Demo fand statt, nachdem die Bullen Menschen angegriffen hatten, die sich auf dem Hauptplatz des Viertels aufhielten), bei der die KĂ€mpfe miteinander verbunden wurden und Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammenkamen, um die soziale Wut gegen die staatliche Verwaltung und die Polizei zu zeigen. Die Situation in Berlin war in dieser Zeit ziemlich gleich. Viele selbstorganisierte Orte wurden gerĂ€umt, diesmal unter der R-R-G Koalition, einige von ihnen wurden verteidigt, und alle gaben der Szene die Möglichkeit, sich zu radikalisieren und sich mit großen Demos, Aktionen und Diskussionen stĂ€rker zu vernetzen. Das staatliche Management der Pandemie war ebenfalls problematisch. Das Leben der Menschen wurde wie eine Zahl behandelt und unser soziales Leben wie eine komplizierte mathematische Operation (bei der jedes Mal die Anzahl der Haushalte und der Menschen, mit denen man ausgehen kann, berechnet wird). Die PolizeiprĂ€senz und das Eingreifen der Polizei fĂŒhrte zu ZusammenstĂ¶ĂŸen in verschiedenen Gegenden wie dem Gleisdreieck, dem Monbijou-Park und dem Mariannenplatz, wo die Menschen die Polizei heftig angriffen.

Jedes Gebiet ist anders und die KĂ€mpfe sind unterschiedlich. Aber wenn wir ĂŒber den Tellerrand schauen, erkennen wir viele Gemeinsamkeiten und gemeinsame KĂ€mpfe.  Als Radical Solidarity coordination ist die internationale SolidaritĂ€t eines der wichtigsten Themen auf unserer Agenda. In Anerkennung gemeinsamer staatlicher Strategien und Repressionstaktiken, polizeilicher Repressionen und Befriedungskampagnen, aber auch in Anerkennung gemeinsamer Probleme und Hindernisse, gemeinsamer Perspektiven und Analysen glauben wir, dass SolidaritĂ€t grenzenlos sein sollte! Deshalb stehen wir an der Seite der vier Verfolgten bei der RĂ€umung des Gare und zeigen, dass KĂ€mpfe keine nationalen Grenzen kennen!!!

SOLIDARITÄT MIT DEN VIER VERHAFTETEN BEI DER RÄUMUNG DES GARE

SOLIDARITÄT MIT DEM ANARCHISTISCHEN REVOLUTIONÄR DIMITRIS HATZIVASILIADIS

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Quelle: Abc-wien.net