Februar 27, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: enough-is-enough14

Zwei parallele Geschichten eskalieren in diesen Tagen in den griechischen Nachrichten. Beide sind von historischer Bedeutung, aber mit sehr unterschiedlichem Umfang der Berichterstattung. Es sind Geschichten von zwei sehr unterschiedlichen MĂ€nnern, die außer ihrem Vornamen keine Gemeinsamkeiten haben. Es handelt sich um Dimitris Lignadis und Dimitris Koufontinas, und ihre Lebenswege, die schon durch das schiere Timing miteinander verbunden sind, könnten sich am Ende gegenseitig beeinflussen, und zwar auf die ĂŒbelste Art und Weise. Ersterer war bis vor zwei Wochen Direktor des Nationaltheaters und ist seit drei Tagen (20./21.2.) unter mehrfachen Anschuldigungen der Vergewaltigung, PĂ€dophilie und des Kindesmissbrauchs verhaftet. Dies ist die Geschichte, die den Nachrichtenkreislauf beherrscht. Letzterer ist ein ehemaliges fĂŒhrendes Mitglied, Hauptverantwortlicher Scharfrichter und wichtigster politischer Verteidiger der Stadtguerillagruppe 17. November. Er befindet sich seit dem 8. Januar im Hungerstreik und seit gestern im Durststreik. Über diese Geschichte wird nur sporadisch berichtet. FĂŒr den Moment
 Einerseits sind beide irgendwie mit dem MinisterprĂ€sidenten Kyriakos Mitsotakis und seiner Familie verbunden. Und auf der anderen Seite sind sie mit der korrupten Arbeitsweise des griechischen Justizsystems verbunden.
Aber zunĂ€chst einige Hintergrundinformationen fĂŒr das internationale Publikum.

UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Freedom News. Geschrieben von Alexis Daloumis. Übersetzt von Riot Turtle.


Dimitris Koufontinas

Meer, Inseln und vererbbare Herrschaft

Es gibt eine Besonderheit in der griechischen Mainstream-Politik – und auch im griechischen Kapitalismus, was das betrifft. Griechenland hat eine starke Tradition von politischen Dynastien. Wir bezeichnen diese oft als „tzakia“, was „Feuerstellen“ bedeutet und eine reiche, mĂ€chtige Familie impliziert. Seit der Befreiung von der Nazi-Besatzung am 12. Oktober 1944 gibt es vor allem drei solcher politischer „Clans“, deren Mitglieder:innen immer wieder in den Listen der Premierminister:innen, Minister:innen, Abgeordnet:innen und BĂŒrgermeister:innen von Athen auftauchen. Es sind die Familie Papandreou, die Familie Karamanlis und die Familie Mitsotakis. Der jĂŒngste „Kamin“ dieser drei ist der des derzeitigen Premierministers. Seit den 90er Jahren hatte die kretische Dynastie der Mitsotakis zwei Premierminister, zwei BĂŒrgermeister von Athen und mehrere Minister- und Abgeordnetenposten, vier Personen aus drei Generationen. Und das sind nur die politischen Positionen. Versucht euch eine Sekunde lang vorzustellen, welche Arroganz aus einer solch obszönen Menge an konsolidierten Privilegien resultiert. Derzeit ist Kyriakos Mitsotakis der Premierminister und sein Neffe Kostas Mpakogiannis ist der BĂŒrgermeister von Athen, beide wurden fĂŒr die rechtsgerichtete Partei Nea Dimokratia (Neue Demokratie) gewĂ€hlt.

Wie bereits erwĂ€hnt, gilt der griechische Kapitalismus auch als etwas speziell. Er wird seit langem (meist von den Griech:innen selbst, aber nicht nur) als der „staatlichste“ der westlichen Welt bezeichnet. AmĂŒsanter Weise lĂ€ĂŸt sich das griechische Wort „kratikodietos“ wörtlich mit „auf StaatsdiĂ€t“ ĂŒbersetzen. Dies bezieht sich unter anderem auf die uralte, bis in die Zeit des Osmanischen Reiches zurĂŒckreichende Tradition, dass die politische Klasse mit reichen und mĂ€chtigen Familien, Unternehmen und Interessengruppen ein ko-abhĂ€ngiges VerhĂ€ltnis der Korruption eingeht.

Offensichtlich ist nichts davon ausschließlich in Griechenland anzutreffen, es liegt in der Tat in der Natur unseres globalen Systems, aber vielleicht wird es in Griechenland auf eine so unverschĂ€mte und unverfrorene Art und Weise gemacht, dass es fĂŒr das Auge des westlichen Publikums etwas „ungewohnt“ erscheinen kann. Was jedoch fĂŒr Griechenland ziemlich charakteristisch ist, ist, dass der mĂ€chtigste Teil des Kapitals das Reedereikapital ist. Viele griechische Reeder:innen sind in Listen der reichsten Menschen der Welt aufgefĂŒhrt. WĂ€hrend viele von ihnen eher zur globalen Elite gehören und sich nicht allzu sehr um ihr kleines Herkunftsland scheren, ĂŒben bestimmte Reederfamilien enorme Macht ĂŒber die griechische Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aus.

Nun wollen wir einige der anderen Hauptakteur:innen in unserer Hauptgeschichte benennen.

Vangelis Marinakis

Vangelis Marinakis: Geboren und aufgewachsen in PirĂ€us, dem grĂ¶ĂŸten internationalen Hafen Griechenlands, erbte er ein riesiges Vermögen von seinem Vater, einem kretischen Reeder und Politiker. Neben dem GrĂŒnder und Besitzer der Capital Maritime & Trading Corp. ist er auch Besitzer und (technisch gesehen ehemaliger) PrĂ€sident des Olympiakos F.C. und Besitzer von Alter Ego Media, einem riesigen Medienkonglomerat. Er wurde in großen Korruptions- und KriminalfĂ€llen angeklagt, in Bezug auf die Absprache von Spielen in der griechischen Fußballmeisterschaft, aber am berĂŒchtigtsten im zwielichtigen Fall der Noor1, einem Schiff mit 2,1 Tonnen Heroin. Ein bemerkenswert dubioser Fall, bei dem 9 Zeug:innen gestorben sind, 3 gerichtliche Ermittler sich geweigert haben, den Fall zu ĂŒbernehmen und weitere 3 aufgegeben haben. Vor allem Kaliopi Mantaka, von der man annahm, dass sie in dem Fall am weitesten fortgeschritten sei, kĂŒndigte plötzlich ihren Job ganz und zog mit ihrer ganzen Familie in die USA! Schließlich ist Vangelis Marinakis, der schĂ€ndlicherweise Miete und Ausstattungskosten fĂŒr die BĂŒros der Nea Dimokratia bezahlt hat, auch der Trauzeuge (bei ihrer Hochzeit) von Ntora Mpakogianni, einer Abgeordneten der Nea Dimokratia, Schwester des Premierministers und Mutter des BĂŒrgermeisters von Athen, und gilt weithin als einer der eifrigsten UnterstĂŒtzer:innen und Sponsor:innen der derzeitigen Regierung und der Regierungspartei.

Giannis Alafouzos

Giannis Alafouzos: Auf der Insel Santorin in eine Reederfamilie hineingeboren, erbte auch er von seinem reisefreudigen Vater ein großes Vermögen. Er ĂŒbernahm das Familienunternehmen Glafki (Hellas) Maritime Company und grĂŒndete die Ermis Maritime Corporation. Er verwaltet den Panathinaikos FC als dessen HauptaktionĂ€r und ist PrĂ€sident der SKAI Mediengruppe und der Zeitung Kathimerini. Vielleicht habt ihr bis jetzt ein kleines Muster erkannt. Er wurde 1992 wegen Benzinschmuggels angeklagt und schließlich freigesprochen. Im Jahr 2001 wurde er wegen Schulden zu 5 Jahren Haft verurteilt, und gewann spĂ€ter die Berufung. Im Jahr 2016 ordnete die Staatsanwaltschaft fĂŒr FinanzkriminalitĂ€t das Einfrieren seines gesamten Vermögens in einer SteuerhinterziehungsaffĂ€re von ĂŒber 50 Millionen Euro an. Alafouzos zahlte spĂ€ter und erhielt die Kontrolle ĂŒber sein Vermögen zurĂŒck. SKAI TV könnte man als die FOX News Griechenlands bezeichnen, wĂ€hrend Kathimerini versucht, ein seriöseres, bĂŒrgerliches Profil zu wahren. Beide unterstĂŒtzen jedoch inbrĂŒnstig die rechte (und gelegentlich rechtsextreme) Politik, wobei sie sich nicht einmal ansatzweise um ObjektivitĂ€t bemĂŒhen.

Vardis Vardinogiannis und Familie

Vardis Vardinogiannis und Familie: Die Vardinogiannis-Familie ist eine der mĂ€chtigsten des Landes. Ihre GeschĂ€ftsgruppen und Konglomerate bilden ein kolossales Netzwerk von Macht und Reichtum, das Schifffahrt, Erdöl (Raffinerie und Vertrieb), Immobilien & Hotels, Banken, Medien und andere Branchen umfasst. Vardis, der als AnfĂŒhrer des Clans gilt und den Großteil der Familienunternehmen leitet, wurde 1990 von einer Gruppe des 17. November angegriffen, die drei RPG-Raketen auf sein Auto abfeuerte. Mindestens eine traf das Ziel, aber der Tycoon ĂŒberlebte aufgrund der bemerkenswert robusten Panzerung des Autos. Die kretische Familie hat eine Tradition der zentristischen Politik und insbesondere amikale Beziehungen zum politischen Clan von Papandreou. Seit 2007 jedoch ist Vardis‘ Nichte, Olga Kefalogianni, Abgeordnete der Nea Dimokratia und Ministerin fĂŒr Tourismus (2012-2015). Sie ist die Tochter von Eleni Vardinogianni, Vardis‘ Schwester, und Giannis Kegfalogiannis, einem prominenten Nea Dimokratia-Politiker. Außerdem ist eine weitere Nichte von Vardis, Chrysi Vardinogianni, mit dem Schauspieler Konstantinos Markoulakis verheiratet, einem der engsten Freunde und Mitarbeiter des Kindervergewaltigers Dimitris Lignadis.

Lehrerin der Schule fĂŒr Theaterwissenschaften der UniversitĂ€t Thesaloniki schĂŒtzt mit ihrem Körper einen jungen Studenten vor der griechischen Polizei

Zwei Welten prallen aufeinander, ein Krieg der alten und neuen Medien und eine Timeline der Schande

Nea Dimokratia hat einen letztlich erfolgreichen Wahlkampf mit einer knallharten „Recht und Ordnung“-Rhetorik gefĂŒhrt ( neben anderen Dingen, wie zum Beispiel niedrigere Steuern). Sie nahm insbesondere die Anarchist:innen als paradebeispielhafte, kollektive Personifizierung der Gesetzlosigkeit ins Visier und versprach, sie als Bewegung auszurotten. Nach dem Wahlsieg machten sie sich daran, schrittweise eine noch nie dagewesene neoliberale und autoritĂ€re Gesetzgebung durchzusetzen, die darauf abzielte, das Land nachhaltig umzugestalten. Sie begannen mit der Umsetzung der stark beworbenen „Recht und Ordnung“-Agenda, indem sie Krieg gegen die Anarchist:innen fĂŒhrten, Hausbesetzungen – beginnend mit denen, die GeflĂŒchtete beherbergten – rĂ€umten und verschiedene andere Mittel der Repression anwendeten. Als die Covid19-Pandemie Griechenland erreichte und die Lockdowns begannen, fand die Partei eine einmalige Gelegenheit, ihre PlĂ€ne zu beschleunigen, indem sie Gesetze einbrachte, die fĂŒr frĂŒhere Regierungen undenkbar gewesen wĂ€ren und in jedem Fall massiven Unruhen auf den Straßen garantieren wĂŒrden.

Am bemerkenswertesten ist die kĂŒrzlich vom Parlament verabschiedete und voraussichtlich nie umzusetzende Bildungsreform, die die EinfĂŒhrung von PolizeikrĂ€ften und Überwachungsnetzen innerhalb der UniversitĂ€ten, die Bestrafung aller Arten von gesellschaftspolitischen AktivitĂ€ten der Student:innenen und die drastische KĂŒrzung der Zulassungszahlen vorsieht, um eine Klientel fĂŒr die privaten UniversitĂ€ten zu schaffen, die sie in der gleichen Gesetzgebung mit den öffentlichen UniversitĂ€ten gleichzusetzen versuchen.

Eine wichtige Anmerkung zum Kontext ĂŒber diese Regierung ist, dass sie einen schwindelerregenden Prozentsatz der Mainstream-Medien kontrolliert. Es wird allgemein geschĂ€tzt, dass 80% der Medien nicht nur auf ihrer Seite sind, sondern sie blind loben, bis zum Punkt der LĂ€cherlichkeit. Um ein berĂŒchtigtes (und ziemlich amĂŒsantes) Beispiel zu nennen: Mitsotakis wurde mit Moses verglichen, der die Nation aus der WĂŒste der aktuellen Krise fĂŒhren wird. Dies wurde nicht nur durch den Eifer der GeschĂ€ftsinteressen erreicht, die die Medien kontrollieren, um die Deregulierung zu unterstĂŒtzen, sondern auch durch buchstĂ€bliche Bestechungsgelder, die am helllichten Tag ĂŒbergeben wurden. Die Regierung hat wiederholt SonderzuschĂŒsse aus öffentlichen Geldern an ein Spektrum ihrer bevorzugten Nachrichtensender vergeben, um „das Bewusstsein fĂŒr Covid19 zu erhöhen“.

Diese ĂŒberwĂ€ltigende Manipulation des öffentlichen Diskurses in den traditionellen KanĂ€len hat mehr Macht in Richtung der neuen Medien des Internets und insbesondere der sozialen Netzwerkplattformen verlagert. Hier haben sich Zorn und Verachtung zusammengebraut. In Anbetracht der Tatsache, dass die griechische Sprache fĂŒr die zentralen Verwaltungen der Tech-Giganten, die Plattformen wie Twitter und Facebook kontrollieren, kaum eine PrioritĂ€t darstellt, und der Low-Tech-UnterdrĂŒckungskapazitĂ€ten der alten Schule des griechischen Staates, hat die UnterdrĂŒckung der Meinungsfreiheit nicht mit dem gleichgezogen, was in der englischsprachigen Welt vor sich geht. In der Tat, wenn ĂŒberhaupt, könnte dies genau jetzt der Dreh- und Angelpunkt des Übergangs zu einer umfassenderen Internetzensur sein. Die Zeitleiste unten wird -neben allem anderen- manifestieren, warum.

Dimitris Lignadis KĂŒnstlerischer Leiter des griechischen Nationaltheaters und die griechische Kulturministerin Lina Mendoni

7. August 2020

Einen Monat nach der Wahl Ă€ndert die neue Kulturministerin Lina Mendoni die Gesetze ĂŒber die Positionen der kĂŒnstlerischen Leiter und ermöglicht damit direkte Ernennungen ohne Ausschreibung. Sechs Tage spĂ€ter ernennt sie Dimitris Lignadis zum neuen kĂŒnstlerischen Leiter des griechischen Nationaltheaters, der höchsten Position in der Branche. Dimitris Lignadis wird nachgesagt, eine persönliche Beziehung zum Premierminister Kyriakos Mitsotakis zu haben. Prominenten Journalist:innen zufolge hat er ihm Nachhilfeunterricht in Rhetorik gegeben.

8. Januar 2021

Nach vielen Jahren rachsĂŒchtiger Behandlung durch das Justizsystem und die Gesetze, die unverhohlen mit dem einzigen Zweck verabschiedet wurden, ihm seine Rechte als Gefangener zu verweigern, beginnt Dimitris Koufontinas einen Hungerstreik. Seine Forderung ist lediglich, die dreiste Verletzung des Gesetzes (4760/2020, Artikel 3) zu stoppen, damit er in seine ursprĂŒngliche Zelle im Korydalos-GefĂ€ngnis in Athen zurĂŒckkehren kann.

Als einer der wichtigsten Scharfrichter der RevolutionĂ€ren Organisation 17. November war Koufontinas derjenige, der Mitsotakis‘ Schwager und den Ehemann der oben erwĂ€hnten Ntora Mpakogianni hinrichtete: Pavlos Mpakogiannis. Mehr und mehr Quellen in den sozialen Medien, beginnen, den Mitsotakis-Clan fĂŒr schamlose Instrumentalisierung des Justizsystems und den Umgang mit Koufontinas in der Tradition der kretischen Vendetta zu kritisieren.

20. Januar 2021

Die Olympiamedaillengewinnerin und Segelmeisterin Sofia Mpekatorou sagt vor dem Staatsanwalt ĂŒber ihre Anschuldigung des sexuellen Übergriffs 1998 gegen einen mĂ€chtigen Sportmanager aus. Das war der offizielle Startschuss fĂŒr die griechische #MeToo-Bewegung. Die Welle beginnt schnell, die griechische Theaterwelt zu ĂŒberrollen, da mehrere Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch auftauchen.

Dimitris Lignadis – KĂŒnstlerischer Leiter des griechischen Nationaltheaters – Post auf seiner Facebook-Seite

2. Februar 2021

Als GerĂŒchte ĂŒber Dimitris Lignadis in den sozialen Medien die Runde machen, postet die Journalistin Elena Akrita, er stehe kurz vor dem RĂŒcktritt. Das Kulturministerium gibt eine vernichtende Antwort heraus, weist die Behauptung zurĂŒck und verteidigt den Regisseur voll und ganz. In den nĂ€chsten Tagen und wĂ€hrend der sozialen Welle der Empörung, ergreift Lignadis rechtliche Maßnahmen, um zu verhindern, dass sein Name in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit solchen Anschuldigungen genannt wird. In den Medien wird er fortan als „der berĂŒhmte Schauspieler und Regisseur“ bezeichnet. Dies ist das erste und einzige Mal, dass dies jemandem passiert ist, seit die griechische #MeToo-Bewegung begann.

6. Februar 2021

Die Nachrichten-Website 20/20 Mag veröffentlicht ein Interview mit Nikos S., in dem er sein traumatisches Erlebnis beschreibt, von „dem berĂŒhmten Schauspieler und Regisseur“ vergewaltigt worden zu sein, als er 19 Jahre alt war. Das Verbrechen kann aufgrund der VerjĂ€hrungsfrist (15 Jahre) nicht strafrechtlich verfolgt werden. Obwohl Nikos S. den Namen des Regisseurs nicht genannt hat, enthĂ€lt seine ErzĂ€hlung Elemente, die Lignadis direkt identifizieren, der am selben Tag zurĂŒcktritt.

8. Februar 2021

Nikos S. reicht eine Klage gegen den Regisseur ein. An diesem Tag macht Giorgos Kalaitzidis, ein prominentes Mitglied der berĂŒchtigten anarchistischen Gruppe Rouvikonas, den folgenden Beitrag auf Facebook: „Der pĂ€dophile Vergewaltiger Dimitris Lignadis nutzt seine Verbindungen, um Leute dazu zu bringen, Anrufe zu tĂ€tigen und Leute zu bedrohen, nicht legal gegen ihn vorzugehen. Dieser Abschaum sollte wissen, dass mehr von uns in dieses Spiel eingestiegen sind. (
)“ Der Beitrag geht halb-viral.

Demo gegen die Bildungsreform

10. Februar 2021

Zehntausende Menschen in ganz Griechenland gehen auf die Straße, um inmitten der Pandemie gegen die Bildungsreform zu protestieren. Die Menschenmassen sind unerwartet groß, und es wird als Reaktion auf die BemĂŒhungen der Regierung angesehen, den Lockdown auszunutzen. Viele dieser Demonstrationen werden von der Polizei mit zahlreichen Verhaftungen angegriffen, und die allgemeine Spannung wĂ€chst.

11. Februar 2021

Die anarchistische Gruppe Masovka macht eine aktivistische Intervention im politischen BĂŒro des stellvertretenden Außenministers Miltiadis Varvitsiotis, wo sie FlugblĂ€tter abwerfen und die WĂ€nde in SolidaritĂ€t mit Dimitris Koufontinas – neben anderen – beschmieren. Am nĂ€chsten Tag werden zwei Aktivist:innen der Gruppe direkt vor ihren HĂ€usern verhaftet/entfĂŒhrt. Kurz darauf wird die gesamte Gruppe in einer ungeheuerlichen Reihe kreativer juristischer „Innovationen“ als „kriminelle Vereinigung“ strafrechtlich verfolgt.

Star Channel sendete einen Bericht mit dem Titel „BerĂŒhmter Regisseur im Auge des Sturms, wegen
 nichts“

12. – 13. Februar 2021

Offensichtlich koordiniert starten alle Medien der drei genannten Tycoons (siehe oben) eine schockierende Kampagne der Desinformation und Propaganda zur Verteidigung von Dimitris Lignadis, indem sie die VorwĂŒrfe in Zweifel ziehen oder ganz zurĂŒckweisen. STAR TV, im Besitz der Familie Vardinogiannis, treibt es am weitesten. In den Abendnachrichten am 02.12. verkĂŒnden sie, dass sie „die ganze Wahrheit“ ĂŒber den Fall aufdecken werden, und senden einen Bericht mit dem Titel „BerĂŒhmter Regisseur im Auge des Sturms, wegen
 nichts“. Das Standbild dieses Titels geht prompt viral und löst eine der grĂ¶ĂŸten Gegenreaktionen aus, die es je in den griechischen sozialen Medien und im Internet gab. Die Reaktionen sind so stark, dass STAR TV gezwungen war, sich am nĂ€chsten Tag öffentlich zu entschuldigen. Es scheint, dass die Mainstream-Medien diese Schlacht komplett verloren haben.

15. Februar 2021

WĂ€hrend immer mehr Nachrichten ĂŒber zahlreiche weitere Zeugenaussagen gegen den „berĂŒhmten Schauspieler und Regisseur“ auftauchen und das Internet vor Empörung tobt, gibt der Sprecher der Regierung eine Pressekonferenz. Er gibt einige ErklĂ€rungen zum RĂŒcktritt des „Art Directors“ ab – ohne seinen Namen zu nennen – und erklĂ€rt, dass es „aus persönlichen GrĂŒnden“ war, wĂ€hrend er dabei so sichtlich unbeholfen ist, dass es, zugegebenermaßen, urkomisch ist.

Polizeigewalt gegen eine Demo in SolidaritÀt mit Dimitris Koufontinas

16. Februar 2021

Der Schauspieler Christos Perros gibt ein Fernseh-Interview und beschuldigt den „berĂŒhmten Schauspieler und Regisseur“ der sexuellen BelĂ€stigung, als Perros 14 Jahre alt war. Das Verbrechen kann wiederum aufgrund der VerjĂ€hrung nicht verfolgt werden. Eine anarchistische Demo in SolidaritĂ€t mit Dimitris Koufontinas schafft es, auf die Straße zu gehen und durch die Stadt Thessaloniki zu laufen. Jeder Ă€hnliche Versuch in Athen wurde mit einer ĂŒberwĂ€ltigenden Polizeigewalt und BrutalitĂ€t beantwortet. Generell gibt es den ganzen Monat Februar ĂŒber in mehreren StĂ€dten Griechenlands Aktionen und Demos von Aktivist:innen in SolidaritĂ€t mit dem Hungerstreikenden, die zumeist massiv niedergeschlagen werden.

17. Februar 2021

Ein 40-jĂ€hriger Mann namens Vasilis gibt ein weiteres Interview im Fernsehen, in dem er beschreibt, wie „der berĂŒhmte Schauspieler und Regisseur“ ihn sexuell missbraucht hat, als er 15 Jahre alt war. Er hatte am 5. Februar eine Klage gegen ihn eingereicht, aber das Verbrechen kann aufgrund der VerjĂ€hrung nicht verfolgt werden.

18. Februar 2021

Eine Menge von Anarchist:innen fĂŒhrt eine Intervention in SolidaritĂ€t mit Dimitris Koufontinas vor dem Gesundheitsministerium in Athen durch, indem sie Transparente aufhĂ€ngen und FlugblĂ€tter werfen. 65 Personen werden kurzerhand verhaftet und in das zentrale PolizeiprĂ€sidium gebracht. SpĂ€ter werden sie von der Bereitschaftspolizei in den GerichtsgebĂ€uden angegriffen, nachdem sie freigelassen wurden. Am Abend postet der Anarchist Giorgos Kalaitzidis von Rouvikonas auf Facebook: „Christos Perros erhielt einen Anruf nach der [Interview-]Sendung, in der er Lignadis beschuldigte, und ihm wurde gesagt: „Du wirst sterben“. Der Vizeminister fĂŒr zeitgenössische Kultur N. Giatromanolakis ruft, anstatt die AnwĂ€lte der Opfer anzurufen, jeden Tag die Schauspielergewerkschaft an und bittet um Informationen (um wen zu informieren?) Das Gleiche gilt fĂŒr den Staatsanwalt. Nikos S. (der auch Lignadis beschuldigte) wurde von der Polizei vor seinem Haus angehalten und durchsucht. Die Gangster schlagen zurĂŒck. Sie werden ĂŒberrollt.“ Dieser Beitrag wird mehr als 500 Mal geteilt.

19. Februar 2021

In mehreren StĂ€dten finden weitere Kundgebungen in SolidaritĂ€t mit Dimitris Koufontinas statt. Die in Athen wird wieder einmal brutal von der Polizei angegriffen. Eine dritte Klage wird gegen Dimitris Lignadis wegen Vergewaltigung eines 14-jĂ€hrigen Jungen eingereicht. Diesmal ist sie noch nicht verjĂ€hrt. Die Kulturministerin Lina Mendoni gibt eine Pressekonferenz, in der sie sagt, sie habe mit Lignadis gesprochen und ihn eindringlich gefragt, ob die „GerĂŒchte“ wahr seien, aber er habe dies vehement bestritten. Dann sagt sie weiter, dass er sie mit seinem „tiefgrĂŒndigen Schauspiel“ getĂ€uscht habe
Wahre Geschichte!!!

20. Februar 2021

Eine ĂŒberraschende anarchistische Demo in SolidaritĂ€t mit Dimitris Koufontinas erreicht die Zentrale der Partei Nea Dimokratia. Die Polizei greift die Anarchist:innen auf dem RĂŒckweg am Bahnhof an und verhaftet etwa 100 Personen. Schließlich wird Dimitris Lignadis verhaftet. Das Internet wird mit Kommentaren ĂŒberschwemmt, die darauf hinweisen, dass er zwei ganze Wochen Zeit hatte, seit er öffentlich der Vergewaltigung von Kindern beschuldigt wurde – und deswegen zurĂŒckgetreten ist -, um alle möglichen Beweise von Festplatten, Sim-Karten usw. zu vernichten, die ihn weiter belasten wĂŒrden, oder noch mehr, möglicherweise andere prominente Vertreter:innen der Elite des Landes belasten wĂŒrden.

Heute ist die Regierung der Nea Dimokratia in den Seilen. Die Dinge liefen bereits schlecht fĂŒr sie, bevor all dies explodierte. Der Umgang mit der Pandemie hat schon lange nicht mehr den Anschein von Kontrolle, den sie im letzten FrĂŒhjahr zu vermitteln vermochten. Es gibt eine wachsende Unzufriedenheit in verschiedenen Schichten der Gesellschaft aus verschiedenen GrĂŒnden. Und jetzt nehmen sie von Tag zu Tag mehr Schaden durch diesen Skandal.

Gleichzeitig wĂ€chst die Sorge, dass Elemente innerhalb der Regierung ein fĂŒr sie gĂŒnstiges Szenario in Betracht ziehen könnten, in dem Koufontinas Tod die ideale Exit-Strategie fĂŒr sie darstellen könnte. Möglicherweise sind es dieselben Elemente, die dafĂŒr plĂ€dieren, dass eine solche EventualitĂ€t ihr rechtsextremes Klientel konsolidiert: die wertvollen Stimmen der Goldenen Morgenröte. Hoffentlich wird sich die eher vernĂŒnftige Seite durchsetzen. Diejenige, die versteht, dass die Konsequenzen gewaltig und langfristig sein werden.

Du hast alles getan, um mich zu begraben – aber du hast vergessen, dass ich ein Samen war! – (Rosa Nera- Kreta)

Die Schlussfolgerung/Synopse dieser komplizierten und schĂ€ndlichen Geschichte ist, dass Griechenland eine Art „Bananenrepublik“ innerhalb der EU ist, die von feudalen Gangstern regiert wird, und auch der Schatten der Akropolis kann das nicht verbergen. Dass der griechische Staat sein eigenes Justizsystem degradiert, um einen bereits inhaftierten GuerillakĂ€mpfer aus Rache zu vernichten, im gleichen Atemzug wie er sein eigenes Justizsystem degradiert, um einen Kindervergewaltiger zu schĂŒtzen. Dass, wenn Dimitris Koufontinas der erste Hungerstreikende wird, der in Europa seit den IRA-KĂ€mpfern 1981 stirbt, geschieht dies teilweise, um von einem Skandal auf Epstein-Niveau abzulenken, der den Premierminister selbst „berĂŒhrt“ hat.

Und schließlich, was am wichtigsten ist, wenn das Schlimmste passiert, solltet ihr euch darauf vorbereiten, euren Zorn ĂŒber all das gegenĂŒber eurer lokalen griechischen Botschaft, eurem Konsulat oder einem anderen Ziel griechischer Interessen zu Ă€ußern. FĂŒr morgen, den 24. Februar (Heute, Enough 14), ist ein Tag der SolidaritĂ€t ausgerufen.

Alexis Daloumis

P.S.:

„Ich schĂ€me mich nicht, ich bereue nicht, ich bin stolz, an diesem großen Kampf fĂŒr die Freiheit der Menschheit teilgenommen zu haben.“

Dimitris Koufontinas ( WĂ€hrend einer Gerichtsverhandlung am 15. Januar 2007)

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Quelle: Abc-wien.net