Juni 28, 2021
Von SchwarzerPfeil
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In Frankreich dient die Anerkennung von Umweltbedrohungen durch die radikale Rechte einer rassistischen und nationalistischen Agenda. Dieses Narrativ wird von der metapolitischen SphĂ€re der radikalen Rechten genĂ€hrt und verbreitet, die eine konservative Vorstellung von Ökologie entlang der TrinitĂ€t Natur-Territorium-IdentitĂ€t wiederbelebt.

Verfasst von Lise Benoist in Undisciplined Environments

„Die Wirtschaft verschlingt die Gesellschaft, die Wirtschaft befriedigt die BedĂŒrfnisse der Menschen nicht mehr, und die Menschen mĂŒssen nun arbeiten, um die BedĂŒrfnisse eines verrĂŒckt gewordenen Wachstums zu befriedigen. [
] Die Mittel des Lebens zerstören das Leben selbst, und die Obsession fĂŒr ein unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ist zur ersten Bedrohung der Menschheit geworden.“

Dies klingt sicherlich wie ein Zitat aus der Arbeit eines Degrowth-Gelehrten. Und doch wurden diese Worte von HervĂ© Juvin, dem Spitzenkandidaten der Rassemblement National (der grĂ¶ĂŸten französischen rechtsradikalen Partei), ausgesprochen, als er in den Wochen vor den EU-Wahlen 2019 zu einem öffentlichen Radiosender eingeladen wurde, um die ökologischen Ambitionen der Partei zu prĂ€sentieren. Nachdem er als Abgeordneter gewĂ€hlt wurde, verteidigte er spĂ€ter den „Lokalismus“ als die einzig wĂŒrdige Lösung fĂŒr die Klimakrise. Wie er sagte, scheint es beim Lokalismus neben dem Anliegen der wirtschaftlichen SouverĂ€nitĂ€t vor allem darum zu gehen, dem „Niedergang der Vielfalt der menschlichen Gesellschaften“ vor der „Uniformierung“ durch die „naive Globalisierung“ entgegenzuwirken.

Juvins Worte im öffentlichen Radio sind reprĂ€sentativ fĂŒr mehrere Dynamiken, die am Werk sind. Die erste ist die Normalisierung der PrĂ€senz der radikalen Rechten und ihrer charakteristischen Themen in der öffentlichen Debatte. Dies trĂ€gt zur fortschreitenden Eroberung der politischen und medialen SphĂ€re durch die Kategorien und Obsessionen der radikalen Rechten bei. Die zweite, die die erste nĂ€hrt, ist das metapolitische Unternehmen, das von der französischen radikalen Rechten in den spĂ€ten 1960er Jahren rund um die GRECE (Forschungs- und Studiengruppe fĂŒr die europĂ€ische Zivilisation) initiiert wurde, die spĂ€ter als Nouvelle Droite (Neue Rechte) Bewegung bezeichnet wurde. Verkörpert wurde dieses Unternehmen durch den Denker Alain de Benoist und seine Publikationen. Die Wahl der Metapolitik ist die eines Kulturkampfes, außerhalb der parlamentarischen Politik. Die zugrundeliegende Überzeugung ist, dass eine ideologische Transformation eine Voraussetzung fĂŒr politischen Wandel ist, eine Transformation, die die Form eines Kampfes der Ideen annimmt, der heute von und durch zahlreiche Medien, Organisationen und SchlĂŒsselpersönlichkeiten gefĂŒhrt wird.

Im Gefolge des gegenhegemonialen Denkens von Antonio Gramsci beanspruchen diese metapolitischen Akteur_innen, „Gramscianer_innen der Rechten“ zu sein, die eine als neomarxistisch wahrgenommene kulturelle Hegemonie erbittert bekĂ€mpfen, in der ein Mischmasch aus feministischen, antirassistischen, LGBTQIA+ und antikapitalistischen KĂ€mpfen Hand in Hand mit der Verteidigung einer „globalistischen Ökologie“ und deren Forderungen nach Klimagerechtigkeit geht. Die dritte sichtbare Entwicklung ist, dass das Thema Ökologie scheinbar in den Vordergrund des Interesses von Teilen der französischen radikalen Rechten gerĂŒckt ist. Auf parlamentarischer Seite ist dies durch die EU-Wahlen 2019 und die Ambitionen des Rassemblement National, eine „ökologische Zivilisation in Europa“ zu schaffen, gekennzeichnet, wĂ€hrend im außerparlamentarischen Bereich ein schlummerndes Thema wiederbelebt wird.

In diesem Zusammenhang widmet das Institut Iliade 2020 sein jĂ€hrliches Kolloquium im Zentrum von Paris dem Thema unter dem Titel „La nature comme socle — pour une Ă©cologie Ă  l’endroit“ [Die Natur als Basis — fĂŒr eine Ökologie auf dem richtigen (rechten) Weg]. Dieses Institut „fĂŒr das lange europĂ€ische GedĂ€chtnis“ ist eine Art Erbe der GRECE, einer Denkfabrik, die zahlreiche Persönlichkeiten der Nouvelle Droite (Neue Rechte) versammelt und sich mittels Schulungen, Publikationen und Konferenzen fĂŒr das „Erwachen des europĂ€ischen Bewusstseins“ einsetzt und zur „Verteidigung unserer Zivilisation“ vor „der großen Ablösung“ aufruft. Dieser trendige Verschwörungsausdruck bezieht sich auf das angebliche PhĂ€nomen der ethnischen und kulturellen Substitution, einer „Ersetzung“ der weißen europĂ€ischen Bevölkerung durch nicht nur nicht-weiße Menschen, sondern, am gefĂ€hrlichsten, Muslime. Diese zwanghafte Annahme wird heute von der Quasi-TotalitĂ€t der französischen radikalen Rechten aufgegriffen und verwendet, von der Rassemblement National ĂŒber die IdentitĂ€ren bis hin zu den Royalist_innen der Action Française. Aber sie verbreitet sich auch ĂŒber die öffentliche Meinung. Eine Umfrage belegt, dass dieser Glaube, der auf den ersten Blick lĂ€cherlich erscheinen kann, es geschafft hat, fast 25% aller Franzos_innen zu ĂŒberzeugen. Der Einfluss der metapolitischen sanften Gewalt der radikalen Rechten sollte nicht unterschĂ€tzt werden.

Es ist entscheidend, ein grundlegendes Konzept fĂŒr dieses VerstĂ€ndnis von Ökologie zu erwĂ€hnen: Ethno-Differenzialismus. Als Antwort auf die Bedrohung durch ethnische und kulturelle „Ersetzung“, die in der Angrenzung der Homogenisierung und Uniformierung der Bevölkerung gipfelt, behauptet die radikale Rechte, die PluralitĂ€t der Völker und Kulturen zu verteidigen. Diese Vielfalt ist ihrer Meinung nach durch eine wilde Globalisierung, das westliche Konsumgesellschaftsmodell und die Massenmigration stark bedroht. Daher können nur starke physische Grenzen einen Verlust der Unterschiede verhindern und jedes Volk dort halten, wo es hingehört.

Diese „Vielfalt der Kulturen“ zu respektieren, setzt eine identitĂ€re Essenzialisierung eines jeden voraus, die durch Ă€ußere EinflĂŒsse gefĂ€hrdet wĂ€re. Dieser rechte Differenzialismus behauptet also die Unvereinbarkeit der Kulturen untereinander und folglich der Menschen. Als solcher hĂ€lt er sich an die Redewendung „gute ZĂ€une machen gute Nachbar_innen“ und stellt sich gegen die unerwĂŒnschte „Utopie“ des Multikulturalismus. Unter dem Deckmantel eines „Rechts auf Differenz“ verbirgt sich eine kulturelle und differenzialistische Version von Rassismus.

Diese mono-ethnische Vision der Gemeinschaft ist nur einen Schritt von Juvins „Lokalismus“ entfernt. Es ist die Hauptmotivation hinter dem ökologischen Denken der radikalen Rechten. Juvin: „Die Zerstörung der Vielfalt menschlicher Gesellschaften ist [
] noch schwerwiegender als der Verlust der BiodiversitĂ€t.“ Und weiter: „das Recht zu migrieren ist das Recht der universellen Nomad_innen [
] aber die Ökologie beginnt mit der Verantwortung der Übertragung“, der Übertragung eines „Territoriums, das man von [seinen] Eltern und Großeltern erhalten hat“.

Die Verwurzelung in einem Territorium, das als das eigene betrachtet wird, ist eine Voraussetzung fĂŒr eine „Ökologie auf dem richtigen (rechten) Weg“, also untrennbar von identitĂ€ren KĂ€mpfen. Wie Jordan Bardella, das neue Gesicht des Rassemblement National, entsprechend argumentiert, „der beste VerbĂŒndete der Ökologie ist die Grenze“. Ein Slogan, der perfekt in die juvinistische Tradition passt, die die Grenze als Voraussetzung fĂŒr eine „realistische Politik der Vielfalt [
] und den einzigen Weg fĂŒr Frieden zwischen den Völkern“ betrachtet, aber auch im Einklang mit der Notwendigkeit, „sein Biotop gegen invasive Arten zu verteidigen“. Dies ist ein gutes Beispiel fĂŒr eine „grĂŒne nationalistische“ Politik, die versucht, eine nationale Gemeinschaft im Namen des Schutzes ihrer Umwelt zu vereinen.

Gleich bei der BegrĂŒĂŸung zum Kolloquium „Natur als Basis“ fĂ€llt mir die bĂŒrgerliche AtmosphĂ€re auf, die in den RĂ€umen herrscht. Die meisten Teilnehmenden sind in ihrer Festtagskleidung gekleidet: Tiroler Sakko und Halbschuhe fĂŒr die MĂ€nner, Rock oder Kleid fĂŒr die Frauen, ganz im Sinne der traditionellen Kleiderordnung der Geschlechter. Die Halle, die dem Konferenzraum vorausgeht, beherbergt eine Vielzahl von StĂ€nden, ein starkes Symbol der metapolitischen PrĂ€senz. Die Mischung ist unstimmig: identitĂ€re Organisationen, die ihre AktivitĂ€ten und Engagements vorstellen, Verkauf von BĂŒchern und Magazinen, aber auch von 100% natĂŒrlichen Seifen, Holzschalen und Werkzeugen, regionalen Wappen aus Metall, heidnischen Stickereien und Bio-FruchtsĂ€ften am Erfrischungsstand — alles mit garantiert französischer Produktion. Die AtmosphĂ€re ist an der Kreuzung einer lokalen Vereinsmesse und einem völkischen Weihnachtsmarkt.

GĂ©nĂ©ration Identitaire, eine Jugendbewegung (aufgelöst im MĂ€rz 2021), die direkte Aktionen organisiert, um „die Einwanderungsinvasion“ und „Rassismus gegen Weiße“ anzuprangern, mobilisierte ihre medialen Persönlichkeiten fĂŒr diesen Anlass: ClĂ©ment Martin und ThaĂŻs D’Escufon. Ein Aktivist erklĂ€rt mir, dass sie gerne „etwas tun“ wĂŒrden in Griechenland, aber dass es im Moment „zu kompliziert“ ist. Das Collectif NĂ©mĂ©sis predigt seinen identitĂ€ren Feminismus, denn „es ist keine Schande, rechts und feministisch zu sein“. Dieses Kollektiv hĂ€lt auch den Kampf gegen die Einwanderung fĂŒr ihr Hauptziel, da dieses PhĂ€nomen angeblich westliche Frauen daran hindert, Zugang zum öffentlichen Raum zu haben. Die Organisation La Citadelle, „Haus der IdentitĂ€t“ in Lille, ist ebenfalls mit ihrem PrĂ€sidenten AurĂ©lien Verhassel vertreten, der 2018 wegen Gewalt verurteilt wurde und berĂŒhmt ist, seit die investigative Dokumentation von Al Jazeera den hĂ€ufigen Gebrauch von racialen und religiösen Beleidigungen sowie den Nazigruß unter ihren Mitgliedern aufdeckte. Ein Aktivist behauptet jedoch, dass die Dokumentation „gute Werbung“ war und ihnen „eine Menge neuer Mitglieder“ beschert hat. Die Academia Christiana, eine Organisation fĂŒr „verwurzelte Katholiken“, wirbt unter anderem fĂŒr ihre SommeruniversitĂ€t mit Referenten wie Jean-Yves Le Gallou, einem ehemaligen Front-National-FunktionĂ€r und MitbegrĂŒnder der Stiftung PolĂ©mia und eben jenes Institut Iliade, oder Charlotte d’Ornellas, Journalistin bei CNews und Valeurs Actuelles.

Ein StĂŒck weiter findet man den Rucher Patriote, eine nationalistische Version eines People-to-People Online-Netzwerks, in dem nur echte Patriot_innen interagieren können, um eine Babysitterin oder eine Wohnung zu finden oder gebrauchte GegenstĂ€nde zu spenden und zu erhalten. Unter den Literatur- und MedienstĂ€nden sind die Zeitungen und Zeitschriften PrĂ©sent, La Nouvelle Alsace, der Lohengrin Verlag, Les amis de Jean Mabire, Livr’arbitres, das Trio ÉlĂ©ments, Krisis et La Nouvelle École (de Benoist’s Zeitschriften), La Nouvelle Librairie von François Bousquet, aber auch MĂ©ridien ZĂ©ro und TV LibertĂ©s, die ĂŒber die Veranstaltung berichten. Unter den BĂŒchern, die zum Verkauf stehen, ist es ĂŒberraschend, La Grande sĂ©paration von HervĂ© Juvin oder Demain la dĂ©croissance! von Alain de Benoist Seite an Seite mit mehreren BĂŒchern der AnthropozĂ€n-Kollektion des Seuil Verlags zu sehen, wie z.B. den BĂŒchern ĂŒber den ökonomischen und ökologischen Kollaps (es ĂŒberrascht nicht, dass Malcom Ferdinands Buch ĂŒber die Notwendigkeit einer dekolonialen Ökologie nicht fĂŒr die Ausstellung ausgewĂ€hlt wurde).

Den ganzen Tag ĂŒber verfolgte ich eine Abfolge von PrĂ€sentationen und Diskussionsrunden im Auditorium, unterbrochen von Videos, die romantische Landschaften und weiße Frauen in traditionellen Kleidern zeigen, sowie von musikalischen Pausen. Die Redner_innen zitieren Polanyi, Heidegger und Ellul. Dreizehn MĂ€nner und eine Frau legen nacheinander Argumente dar, die auf die Dekonstruktion der linken und progressiven „Klimamanipulation“ abzielen, um eine als heilig erachtete Natur zu bewahren. Die griechisch-römische Mythologie ist fĂŒr alle Redner_innen eine Bezugsquelle, ganz im Sinne der heidnischen Überzeugungen der Nouvelle Droite. Philippe Conrad, PrĂ€sident des Institut Iliade, eröffnet den Tag mit einer Hommage an Dominique Venner und seine Idee der RĂŒckkehr zum Land, zu den Wurzeln, vor denjenigen, die sich als WeltbĂŒrger_innen verstehen. Er fĂŒhrt auch ein Thema ein, das von einigen gefeiert wird: die Kritik am Wirtschaftswachstum. Alain de Benoist spricht seit Jahren von Degrowth, was sogar zu einer kontroversen Zusammenarbeit mit dem französischen Ökonomen Serge Latouche in ÉlĂ©ments oder Krisis fĂŒhrte. Auch François Bousquet betont die Notwendigkeit, zwischen Degrowth und „Katastrophe“ zu wĂ€hlen und beschimpft linke Ökolog_innen fĂŒr das, was er als InkohĂ€renzen wahrnimmt: „Sie sprechen ĂŒber die Natur, aber nicht ĂŒber die menschliche Natur. Sie relokalisieren die Wirtschaft, aber nicht die Menschen. Sie wollen keine genetisch verĂ€nderten Organismen auf ihrem Teller, aber sie wollen Transgender in der Gesellschaft.“

Jean-Philippe Antoni bringt die Ökologie zurĂŒck zum Studium der Fauna und Flora, eine RealitĂ€t, die seiner Meinung nach von der politischen Ökologie gekapert und „trĂŒgerisch“ vereinnahmt wurde. Er nĂ€hrt die Idee einer verwurzelten Ökologie, indem er das Territorium als Ort der Überlieferung der Vergangenheit und der IdentitĂ€t darstellt, oder, mit anderen Worten: „Wir sind das Land“. Slobodan Despot, Kolumnist in ÉlĂ©ments und Ideologe der Schweizer radikalen Rechten, ĂŒbernimmt fĂŒr eine poetische Anti-Atomkraft-Rede. Dann kommt Anne-Laure Blanc, die mehrere Auszeichnungen hat: Autorin von KinderbĂŒchern, Partnerin von Le Gallou und Tochter des ehemaligen französischen SS Robert Blanc. Sie spricht ĂŒber eine romantische Vision des Bergsteigens, eine symbolische Praxis, die auf eine vollstĂ€ndige Lebensweise extrapoliert werden kann: „den Spuren der Älteren folgen, unsere eigenen Spuren machen und keine Spuren hinterlassen“.

Danach folgt die GesprĂ€chsrunde zwischen HervĂ© Juvin, dessen politische Zugehörigkeit zum Rassemblement National nicht erwĂ€hnt wird, und Julien Langella, GrĂŒnder von GĂ©nĂ©ration Identitaire und VizeprĂ€sident der Academia Christiana. Fabien Niezgoda, der Vorsitzende der Sitzung, ist Mitglied der Bewegung UnabhĂ€ngiger Ökologen (MEI) von Antoine Waechter, der ursprĂŒnglich zu den GrĂŒnen gehörte, die er 1994 verließ, als sich die Partei offiziell mit der Linken verband. Schon damals warb er fĂŒr eine Ökologie, die untrennbar mit IdentitĂ€t und Land verbunden ist. Die Litanei der identitĂ€ren Verwurzelung geht weiter: Relokalisierung, Senkung der Steuern fĂŒr lokale Produkte, lokales Essen in Schulkantinen, mit dem Ziel, „IdentitĂ€tsmissionare“ zu werden. Dieser Runde Tisch illustriert gut die Konvergenz der parlamentarischen radikalen Rechten mit der außerparlamentarischen Ultra-Rechten, die sich trotz ihrer strategischen Divergenzen in der Kritik am globalisierten Kapitalismus treffen. Diese Kritiken bilden eine gemeinsame Grundlage fĂŒr eine verwurzelte Ökologie, die das lokale Territorium ebenso verteidigt wie das europĂ€ische Erbe und die notwendige heterosexuelle Kernfamilie.

„Natur als Basis“ ist ein Slogan, der ihre Weltanschauung perfekt zusammenfasst: Die Natur rechtfertigt die soziale Ordnung, ein Kriterium, das es erlaubt, das „NatĂŒrliche“ (daher legitim) von dem „Gegen-NatĂŒrlichen“ (daher illegitim) zu unterscheiden. Es ist das, was ihrer ungleichheitsorientierten Weltanschauung zugrunde liegt, in strikter Opposition zum Universalismus der Menschenrechte, der als Unsinn angesehen wird. Sie lehnen auch die Idee der Gleichheit zwischen MĂ€nnern und Frauen ab und plĂ€dieren stattdessen fĂŒr „KomplementaritĂ€t“. Le Gallou argumentiert: „Die Natur als Grundlage zu nehmen [
] bedeutet, die Unterschiede zwischen den Bevölkerungen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Kulturen zu berĂŒcksichtigen, die ungefĂ€hr die gleiche Rolle spielen wie die Gene zwischen den Menschen und den Rassen.“ Eine „realistische Anthropologie“, so Levavasseur, erklĂ€rt, dass Kultur immer mit einem Territorium verbunden ist, dessen Limits, in Form von Grenzen, die eigentliche Bedingung fĂŒr die Existenz dieser Kulturen in ihrer Vielfalt sind. Ohne Skrupel plĂ€diert er daher dafĂŒr, sich auf die Genetik zu beziehen, um die verschiedenen IdentitĂ€ten zu identifizieren.

Der ultimative Feind ist „die liberal-libertĂ€re Ideologie“, aus der die „wahnsinnige globalistische Ökologie“ hervorgeht, die neben der Zerstörung von Landschaften durch den Bau von WindrĂ€dern und Solarparks „entschlossen ist, den EuropĂ€er_innen die Schuld zu geben, um ihre IdentitĂ€ten und Traditionen besser zu ‚dekonstruieren’“. Die Referent_innen kritisieren den linken Progressivismus, der, so argumentieren sie, die Ökologie durch das Prisma der IntersektionalitĂ€t sieht und den „europĂ€ischen weißen und heterosexuellen Mann“ als den Ursprung allen Übels betrachtet. Im Lichte dieser persönlichen Kritik wird gerade die PositionalitĂ€t der Referent_innen frontal angegriffen. Ihre Antwort ist klar: Die Kolonisierung muss auch auf den richtigen (rechten) Weg gebracht werden. Sie sind die Indigenen, wĂ€hrend die wahren Siedler_innen die Einwanderer_innen sind. Sie weigern sich, fĂŒr eine koloniale Vergangenheit Buße zu tun und sagen in Opposition zur Black-Lives-Matter-Bewegung klar Nein zum Hinknien. Sie sind verwurzelte „EuropĂ€er_innen, die aufstehen“, fĂŒr die Ökologie in erster Linie identitĂ€r ist und vor der linken Vereinnahmung gerettet werden muss, die sie fĂŒr globalistische Zwecke nutzt.

In der Abschlussintervention des Kolloquiums stellt Jean-Yves Le Gallou die „Hypothese“ der anthropogenen Ursachen des Klimawandels auf — nicht ohne vorher die ĂŒbliche Litanei der Klimaleugner_innen-Argumente („ist es wirklich eine Katastrophe?“; „das Klima hat sich schon immer verĂ€ndert“; „wir brĂ€uchten eine wirklich ausgewogene Debatte ĂŒber das Thema“) geĂ€ußert zu haben. Er weist darauf hin, dass, wenn er anerkennen wĂŒrde, dass CO2 den Temperaturanstieg verursacht, Le Gallou drei Politiken verteidigen wĂŒrde: das Ende des Freihandels, die Erhöhung der AtomkraftkapazitĂ€ten — die einzige Möglichkeit, „saubere“ Energie zu produzieren — und das Ende der Einwanderung: Hand in Hand mit „Remigration“, oder der RĂŒckkehr von Migrant_innen „in ihr Land“. Denn „jeder weiß“, sagt er, dass „ein Afrikaner in Europa einen zehnmal höheren Kohlenstoff-Fußabdruck hat als ein Afrikaner in Afrika!“. Beifall.

Metapolitische Unternehmungen nĂ€hren unweigerlich den Erfolg solcher Ideen auf der Wahlszene, beide SphĂ€ren funktionieren wie kommunizierende GefĂ€ĂŸe. Das Iliade Institut ist nur eine Organisation unter vielen. Zeitschriften, Zeitungen, YouTube-KanĂ€le, Blogs, Radios, Schulungen, lokale Gruppen
 die Liste ist endlos. FĂŒr die radikale Rechte rechtfertigt „Ökologie“ eine zutiefst ethno-differentielle, ungleiche und konservative Weltsicht. Eine einsatzbereite Instrumentalisierung, die einer rassistischen und identitĂ€ren politischen Agenda dient. Die „ökologische Welle“ des Rassemblement National schlĂ€gt sich jedoch nicht in konkreten Aktionen gegen den Klimawandel nieder. So haben sie sich zum Beispiel gegen den Vorschlag des EU-Parlaments gestellt, ehrgeizigere Klimaziele umzusetzen. Vor nicht allzu langer Zeit war die Partei fĂŒr die klimanegationistischen Linien von Jean-Marie Le Pen bekannt. In jĂŒngster Zeit hat sich die „ökologische“ Strategie des Rassemblement National jedoch auf den „Lokalismus“ konzentriert, mit der öffentlichen AnkĂŒndigung eines „gegenökologischen Projekts“ im MĂ€rz 2021. Dazu gehörte auch die Veröffentlichung eines „lokalistischen Manifests“, in dem klar zum Ausdruck kommt, dass Ökologie in erster Linie mit dem „GlĂŒck, Franzose zu sein“ und der „Sicherheit“ verbunden ist, die das Leben „unter den eigenen Leuten“ bietet.

Jenseits eines offensichtlichen Opportunismus stĂŒtzt sich die radikale Rechte auf das Gespenst einer Ökologie, die sich hauptsĂ€chlich mit Bevölkerungskontrolle innerhalb einer romantisierten Natur beschĂ€ftigt. Ein Neo-Malthusianismus, der die ökofaschistische Bewegung seit ihren AnfĂ€ngen nĂ€hrt und die Terroristen, die behaupten, ihr anzugehören (Brenton Tarrant, der Terrorist, der im MĂ€rz 2019 in Christchurch, Neuseeland, 51 Menschen in zwei Moscheen tötete, hatte sein Manifest The Great Replacement betitelt). Das öko-identitĂ€re Konzept der aktuellen radikalen Rechten reitet auf einer konservativen und reaktionĂ€ren Welle der Ökologie, die manchmal in Vergessenheit gerĂ€t, da das Thema mit der Linken assoziiert wurde. So wie es hier ist, kann „Ökologie“ Hand in Hand mit einer weißen Vorstellung des „Lokalen“ prĂ€sentiert werden.

Je mehr sich die Klimakrise verschĂ€rft, desto schwieriger wird es, sie zu leugnen. Ein grĂŒn-nationalistisches Narrativ könnte daher fĂŒr den (sehr) rechten FlĂŒgel des politischen Spektrums immer attraktiver werden. Dennoch ist es weder denkbar noch wĂŒnschenswert, Allianzen mit jenen zu schließen, die meinen, dass „biologische Determinismen“ eine unabĂ€nderliche Gesellschaftsordnung verursachen, die von als natĂŒrlich erachteten Hierarchien zwischen Menschen und Geschlechtern beherrscht wird. Versuche, die Links/Rechts-Spaltung zu verwischen und durch eine globalistisch/lokalistische zu ersetzen, unterstreichen die Notwendigkeit fĂŒr linke Ökologie, sich klar zu (re)positionieren und Diskurse von Lokalismus, Degrowth und Nachhaltigkeitstransformationen einzufordern, die inhĂ€rent mit antirassistischen und antinationalistischen KĂ€mpfen verbunden sein mĂŒssen, ganz zu schweigen von internationaler SolidaritĂ€t.

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~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen

Elany
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Quelle: Schwarzerpfeil.de