September 23, 2022
Von Contraste
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Eine Genossenschaft ist nicht nur eine Rechtsform, sie ist eine soziale Bewegung. Mit einer sozialen Bewegung ist laut einer Veröffentlichung der Politik- und Sozialwissenschaftler*innen Donatella della Porta und Mario Diani aus dem Jahre 2006 gemeint, dass die sich zusammenschließenden Menschen eine andere Vorstellung vom gesellschaftlichen Zusammenleben haben. Dies gilt ebenso für Vereinigungen der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi), die sich seit 2012 auch als eingetragene Genossenschaften (eG) zusammenfinden.

Silvia Wiegel, Bayreuth

Solawis gelten wegen ihres direkten Zusammenschlusses von Verbraucher*innen und Erzeuger*innen als eine Ausprägung sogenannter Alternativer Lebensmittelnetzwerke (ALN) und wurden bislang vor allem im Rahmen von Abschlussarbeiten der Agrarwissenschaften erforscht. Auch dieser Text beruht auf einer Abschlussarbeit. Er nähert sich Solawis aber aus der Perspektive soziologischer Genossenschaftsforschung. Ausgehend von einer Aussage nach Dorothee von Brentano in ihrer Veröffentlichung von 1980, dass sich die Soziologie bisher kaum mit der Entstehung von Genossenschaften beschäftigt hat, war es Ziel dieser Masterarbeit, Erklärungen für die Gründung von Solawi-Genossenschaften zu finden.

Auf der Grundlage bisheriger Literatur zu Solawis kann gesagt werden, dass die Solawi-Idee durch eine Verschränkung weltanschaulicher (anthroposophischer) und pragmatischer Anliegen (unter anderem Stärkung der Versorgungsstruktur in ländlichen Räumen) entstanden ist. Mittlerweile wird das Prinzip der gemeinsamen Finanzierung der Erzeugung von Gemüse und Obst sowohl ohne religiösen Bezug als auch für andere Lebensmittel wie etwa Kaffee oder gar andere Produkte genutzt. Solawi-Genossenschaften gründen sich also in einer Zeit, in der sich der Blick solidarischen Handelns von der Landwirtschaft vor Ort wegbewegt.

Im Anschluss an diese allgemeinen Entstehungsumstände kann auch ein Blick auf die Motive von Gründer*innen von Solawi-Genossenschaften geworfen werden. Auf Basis von acht Leitfadeninterviews, durchgeführt Mitte 2020 mit Vorständen und einem Aufsichtsrat, lassen sich folgende – in Max Webers Worten gesprochen – »sinnhafte Erklärungen« nennen: Gründungsmotive unterscheiden sich von Gründungsauslösern. Dabei meinen »Auslöser« nicht die Gründe für ein Engagement zur Gründung, sondern einmalige Ereignisse oder Erkenntnisse zu Beginn; etwa der pragmatische Aspekt der Suche nach sozialem Anschluss im Beruf. Doch bei allen Interviewpartner*innen zeigte sich auch, dass ihr Gründungsengagement kein zufälliges Zusammentreffen pragmatischer Gegebenheiten und einmaliger Interessen war. Schließlich fehlte ihnen das Know-how, sofern sie keine landwirtschaftlichen Vorerfahrungen hatten, oder auch die Zeit, wenn sie denn (Berufs-)Erfahrung in der Landwirtschaft oder einen Vollzeitjob hatten. Die Gründer*innen verfolgen gewisse langfristige Motive wie:

  • Privatleben: Suche nach Selbstwirksamkeitserfahrung, Interesse an Weiterbildung, Gemeinschaft, Berufliche Sicherheit und bessere Arbeitsbedingungen
  • Betrieb und Mitglieder der Organisationen: Betriebsstabilität, standardisierter Betriebsstart mit späterer Einbindung der Mitglieder
  • (Welt-)Gesellschaft im Allgemeinen: Klima- und Tierschutz, bessere Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft

Diese Ergebnisse sind sowohl für die Solawi-Forschung als auch für die soziologische Genossenschaftsforschung neu. Zum einen geht es diesen Gründer*innen anders als bei »normalen« Solawis nicht nur um die eigene Person. Zum anderen handelt es sich im Gegensatz zu früheren Genossenschaften nicht nur um eine Gründung zur Sicherung der Existenz, die aufgrund des Wettbewerbsdrucks in der industriellen Landwirtschaft notwendig ist; sondern auch aufgrund »neuer Knappheiten«, wie der Soziologe Stephan Beetz auf Grundlage seiner Veröffentlichung von 2003 betonen würde. Entscheidend für das Engagement ist beispielsweise die Suche nach gemeinsamen »Spaß am Gemüse« (Interviewaussage), der Wunsch nach Betriebsstabilität, aber auch die ethische Ablehnung des Lebensmitteleinkaufs in herkömmlichen Lebensmittelläden allgemein. Demnach entstehen Solawi-Genossenschaften aufgrund verschiedener Formen von Knappheiten, die nicht nur am Individuum orientiert, sondern auch auf höheren Gesellschaftsebenen angesiedelt sind.

Genossenschaft: Mittel für größere Solawis

Werden die durchschnittlich höheren Mitgliederzahlen von Solawi-Genossenschaften (Median: 284) im Vergleich zu »normalen« Solawis berücksichtigt, scheinen sich Solawis auch deshalb als eG zu gründen, weil sie durch die externe Prüfung durch Genossenschaftsverbände die Bedürfnisse aller Mitglieder und damit die Zielerreichung besser sichern können. Dazu zählt bei größeren Solawis eine faire Entlohnung der Mitarbeit. Inwiefern sich die Ziele auf Dauer erreichen lassen, steht noch offen.

Die Masterarbeit der Autorin kann unter silvia.wiegel@uni-bayreuth.de angefordert werden. In ihrer aktuellen Doktorarbeit setzt sie sich mit Genossenschaften im Themenfeld Ernährung und ländliche Räume auseinander.

Titelbild: Kartoffelernte bei der Jolling eG, einer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft in Bad Endorf (Oberbayern). Foto: Vorstand Jolling eG




Quelle: Contraste.org