Juni 14, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Gefunden auf der Seite von Grupo Barbaria, die Übersetzung ist von uns. Mit diesen Text setzten wir die Reihe – Textreihe Kritik an den Gewerkschaften/Syndikalismus – fort, bei der noch weitere Texte in Zukunft erscheinen werden.

Anmerkungen gegen den Syndikalismus

Die folgenden Anmerkungen richten sich nicht einfach gegen die Syndikate, sondern gegen den Syndikalismus, verstanden als Ideologie und Praxis – syndikalistische oder parasyndikalische AktivitĂ€t – des Proletariats, die es dazu verurteilt, eine Ware in einer Welt zu bleiben, die begierig ist, lebendige Arbeit zu absorbieren.

Die syndikalistische TĂ€tigkeit ist nicht dasselbe wie der Kampf des Proletariats in einem Arbeitsbereich. Denn der Kapitalismus wird durch den Antagonismus zerstört, auf dem er beruht, nĂ€mlich den der menschlichen Gemeinschaft gegen die Arbeit-Kapital, und der einen stĂ€ndigen Klassenkampf zwischen denen auslöst, die diese Gemeinschaft verkörpern – dem Proletariat, diese „Klasse, die keine Klasse ist“- und diejenigen, die die Interessen des Kapitals – die Kapitalisten – und der Arbeit innerhalb des Kapitals – die Sozialdemokratie – verkörpern – bei all dem ist es offensichtlich, dass der Kampf gegen den Kapitalismus seinen privilegierten Platz in der Produktion, im Arbeitsbereich hat, wo dieser Widerspruch am stĂ€rksten und deutlichsten zum Ausdruck kommt.

Wenn ein Mensch am Arbeitsplatz kĂ€mpft, dann nicht, um seinen Arbeitsplatz zu behalten oder fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen, sondern fĂŒr das, was er bedeutet: den Kampf um seine WĂŒrde, um seine Menschlichkeit und gegen die stĂ€ndige Erniedrigung, sein Leben zu vermieten, um zu ĂŒberleben. Wenn man schlecht bezahlt wird oder der Job wirklich beschissen ist, versucht man normalerweise, einen anderen Job zu finden. Wenn man im Rahmen eines Entlassungsprogramms (ERE) entlassen wird, ist es normal, dass man arbeitslos wird, wĂ€hrend man auf die nĂ€chste Arbeitsstelle wartet. Wenn das Proletariat kĂ€mpft, dann deshalb, weil dieser Kampf mehr bedeutet als einen Arbeitsplatz oder einen besseren Lohn, auch wenn er sich in diesen unmittelbaren Interessen ausdrĂŒckt: dieses etwas mehr ist der Antrieb, das BedĂŒrfnis, das wir als Proletariat haben, uns selbst als unterdrĂŒckte Klasse zu verleugnen, die menschliche Gemeinschaft endgĂŒltig aufzubauen, indem wir dieser universellen Prostitution des Lebens, die die Lohnarbeit ist, ein Ende setzen.

Der Syndikalismus ist die Praxis und Ideologie, die die untrennbare Verbindung zwischen den unmittelbaren Interessen – dem Versuch, in dieser Gesellschaft zu ĂŒberleben – und den historischen Interessen des Proletariats – sie zu zerstören – verschleiert, indem sie jeden Kampf im Arbeitsbereich in die Sprache des Kapitals, in die Sprache der Reform ĂŒbersetzt. Die IrrationalitĂ€t ist der grundlegende Charakter der Revolution. Alles, was fĂŒr die etablierte Ordnung rational ist, ist fassbar, wiederherstellbar. Der Syndikalismus besteht darin, jeden Kampf des Proletariats, sich selbst als Ware zu verleugnen, rational zu machen, indem er ihn in eine Reform umwandelt und so das unmittelbare Interesse vom historischen Interesse trennt, ein Kampf, der fĂŒr das Kapital im Wesentlichen irrational ist.

Wir dĂŒrfen jedoch nicht vergessen, dass der Syndikalismus ein Produkt des Proletariats selbst ist. Die Syndikalisten sind nicht immer gerissene Leute mit langen FingernĂ€geln, die nur darauf warten, ein paar unvorsichtige Arbeiter abzuwerben. Der Syndikalismus ist eine Ideologie, die spontan aus der RealitĂ€t des Kapitalismus entstanden ist, einer RealitĂ€t der Atomisierung, der Ohnmacht, der Naturalisierung der Kategorien des Kapitals als Unternehmen, als Ware oder als Arbeit. Die syndikalistische Arbeit ist das Produkt eines Proletariats, das unter dem Druck dieser Kategorien auf seine historischen Interessen verzichtet und sich fĂŒr die Unmittelbarkeit, den Korporativismus des Unternehmens oder des Gewerbes, fĂŒr die Reform entscheidet. Einige Leute innerhalb des Proletariats – der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert – werden beschließen, sich auf diese Arbeit zu spezialisieren und dauerhafte Strukturen aufzubauen, die die Momente der Selbstorganisation der Klasse ĂŒberleben werden. Bekanntlich gibt es aufgrund der Atomisierung und Isolierung, in der uns diese Gesellschaft hĂ€lt, keine dauerhafte Selbstorganisation in dieser selbst, so dass die Strukturen, die versuchen, sie aufrechtzuerhalten, wie demokratisch und basisdemokratisch sie auch sein sollen, sich am Ende gegen das Proletariat selbst wenden, wenn es als kĂ€mpfende Klasse wieder auftaucht1. Dieses Verfahren wird die Syndikate hervorbringen und mit ihnen die konterrevolutionĂ€re Kraft, die wir Sozialdemokratie nennen.

1. Die Syndikate gegen die Revolution

Gradizio Munis und Benjamin PĂ©ret: „Syndikate gegen die Revolution“.

Marx sagte, die emanzipierte Gesellschaft entstehe durch den Kampf einer Klasse, sich selbst als Klasse zu verleugnen, d.h. durch die Abschaffung der Lohnarbeit und des Staates. Die Syndikate sind Kartelle der Arbeiterklasse, um durch monopolistische Praktiken die Ware Arbeitskraft zu einem höheren Preis zu verkaufen, was der Grundvoraussetzung einer emanzipierten Gesellschaft widerspricht: der Abschaffung der Lohnarbeit, dem Ende der Kommodifizierung (A.d.Ü., zur Ware werden) der menschlichen TĂ€tigkeit. Der Kampf im Arbeitsbereich kann Prozesse in Gang setzen, die zu einer offenen Revolte gegen die Lohnarbeit fĂŒhren2, aber das Syndikat als eine Struktur, deren Zweck und Funktion der Verkauf der Lohnarbeit ist und ohne die ihre Existenz einfach aufhört, notwendig zu sein, kann nur die Rolle einnehmen, die sie historisch (vgl. deutsche Revolution) eingenommen hat: in Zeiten der Revolution zeigt sich das Syndikat deutlich als das, was sie ist, ein konterrevolutionĂ€res Organ.

2. Die Syndikate als Organe zur Aufrechterhaltung der Ausbeutung

Die Syndikate sind Verhandlungs- und Vermittlungsinstrumente zwischen dem Kapital und den Arbeitern, sie dienen diesem Zweck, und als solche sind sie vor dem Kapital kompromittiert: entweder sind sie in der Lage, die Arbeiter im Kampf zu kontrollieren, d.h. sie sind in der Lage zu garantieren, dass die Arbeiter zur Arbeit zurĂŒckkehren, wenn sie sollten, egal wie hoch der Preis ist, oder sie verlieren den Sinn ihrer Existenz vor dem Kapital, weil sie aufhören, den Zweck der Vermittlung zwischen dem Kapital und den Arbeitern zu erfĂŒllen. In diesem Sinne besteht eine der gĂ€ngigsten Strategien der Syndikate darin, zu mobilisieren, um zu demobilisieren – um den Kampf zu erschöpfen, bevor er eine Eigendynamik entwickelt, die die Arbeiter demoralisiert – und die KĂ€mpfe, die gleichzeitig und zusammenhĂ€ngend stattfinden könnten, auf verschiedene Unternehmen oder Sektoren/Bereiche zu spalten. Diese Strategien sind nicht auf das böse Blut einer Gruppe von BĂŒrokraten zurĂŒckzufĂŒhren, sondern sind grundlegende Mechanismen, um die Klassenkontrolle in den HĂ€nden der Syndikate zu halten und damit ihre Existenz zu rechtfertigen. Die Syndikalisten, die dies erfolgreich tun, sind keine schlechten Syndikalisten, keine abweichenden BĂŒrokraten, wie viele pro-syndikalistische marxistische Gruppen sie darstellen wollen, sondern sie sind gerade deshalb gute Syndikalisten, weil es ihnen gelingt, ihre Funktion der Klassenkontrolle so effektiv zu erfĂŒllen.

3. Die Syndikate sind nicht mehr reformistisch

Wenn der teure Verkauf von Arbeitskraft aufgrund der Dekadenz des Kapitalismus nicht mehr möglich ist, aufgrund der unendlichen Krise, die die UnfĂ€higkeit des Systems manifestiert, den ökosozialen Zusammenbruch und seine Tendenz zur Erschöpfung des Werts zu ĂŒberwinden; kurz gesagt, wenn Reformismus nicht mehr möglich ist, verlieren die Syndikate jede „progressive“ Funktion – in dem Sinne, dass sie den Prozess der Integration der Arbeiter in das System durch Verbesserungen der Arbeitsbedingungen vorantreiben – und werden in ihrer Funktion der Beschwichtigung und Kontrolle der Arbeiter entblĂ¶ĂŸt3. Dies erklĂ€rt die wachsende Ablehnung der Syndikate durch die Bevölkerung – aus reinem Klasseninstinkt, könnte man sagen -, gegen die jedoch die syndikatsfreundlichen Militanten resistenter zu sein scheinen, die sich nur entweder an die konterrevolutionĂ€ren Praktiken der Syndikate gewöhnen können, oder indem sie an ihnen teilnehmen, oder indem sie sich selbst ausbrennen und damit ihre revolutionĂ€re Leidenschaft verbrennen, oder indem sie versuchen, in der stĂ€ndigen Schizophrenie zwischen dem ökonomischen Kampf, der zu einer Logik von Reform und Konterrevolution fĂŒhrt, und dem Kampf mit einer kommunistischen Berufung zu leben.

4. Kommunisten sind keine StreikzĂŒchter

Diejenigen Militanten, die weiterhin an den revolutionĂ€ren Nutzen der Syndikate glauben, und zwar unter einer sozialdemokratisch-leninistischen Konzeption4 – die Klasse als Gemeinschaft der Lohnarbeit und nicht als deren Negation zu verteidigen -, tun dies in der aufrichtigen Überzeugung, dass sie wirksame Instrumente sind, um die Kampfbereitschaft der Arbeiter zu fördern und so ihr Klassenbewusstsein zu stĂ€rken.

Dies ist Teil des Kautsky’schen Konzepts, das vom Marxismus-Leninismus fortgefĂŒhrt wird, wonach das Bewusstsein von außerhalb der Klasse durch sozialdemokratische Intellektuelle „injiziert“ werden muss und zu diesem Zweck KĂ€mpfe durch die Agitation von Organisationen eingeflĂ¶ĂŸt werden mĂŒssen, die jeder Ebene des Klassenbewusstseins entsprechen, in diesem Fall die Syndikate (niedrige Ebene). Das Problem ist, dass diese Auffassung nicht berĂŒcksichtigt, dass die einzigen KĂ€mpfe, die ein (kommunistisches) Klassenbewusstsein erzeugen können, diejenigen sind, die nicht aufgebaut werden, sondern aus der Notwendigkeit der Arbeiter entstehen und sie dazu bringen, sich selbst zu organisieren und ihre SelbstaktivitĂ€t zu entfalten, und dass, wenn dies geschieht, es immer außerhalb und gegen die Syndikate ist.

Im Gegenteil, der Aufbau von KĂ€mpfen durch von der Klasse getrennte Militante – siehe weiter unten -, bedeutet eine SchwĂ€chung der Klasse, indem AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse zu den Aufbauern, den professionellen Militanten, die, ob sie nun ein Gehalt erhalten oder nicht, auf die Organisation und FĂŒhrung von KĂ€mpfen spezialisiert sind, geschaffen werden. Es bedeutet, die SubalternitĂ€t des Proletariats zu reproduzieren, indem seine FĂ€higkeit, sich als Klasse zu konstituieren, durch das Charisma und die FĂŒhrung einzelner Militanter ersetzt wird. Außerdem ist es ein Fisch, der sich selbst in den Schwanz beißt: Die Spezialisierung wird mit Hilfe des Staates und des Kapitals rĂŒckgekoppelt. Wenn zum Beispiel einer dieser Militanten die SyndikatsaktivitĂ€t als revolutionĂ€re Aufgabe aufgreift, ist es unerlĂ€sslich, dass er befreit wird oder zumindest von den Syndikatsprivilegien Gebrauch macht, die es ihm erlauben, die KĂ€mpfe zu fĂŒhren, ohne entlassen zu werden oder ohne sein Gehalt und seine Arbeitsrechte betrĂ€chtlich zu reduzieren, wodurch er sich noch mehr von den ĂŒbrigen GefĂ€hrten abgrenzt und mit der Dynamik der AnonymitĂ€t und der KollektivitĂ€t bricht, die in jedem Klassenkampf vorherrschen muss, damit er eine kommunistische Ausrichtung erhĂ€lt.

5. Die Syndikate als Instrumente der Trennung (I): der Gewerkschafter/Syndikalist und der Arbeiter

Obwohl die Syndikate aus der Notwendigkeit der Klasseneinheit gegenĂŒber den Bossen entstanden sind, provozieren sie verschiedene Spaltungen unter den Arbeitern oder halten sie aufrecht. Dies geschieht in erster Linie zwischen dem Syndikatsmilitanten und den Arbeitern: wer hat Zugang zu Informationen und EntscheidungsrĂ€ume, wer hat gesetzlichen KĂŒndigungsschutz und kann daher ohne Risiko kĂ€mpfen, wer kann mit den anderen Syndikaten ĂŒber einen gemeinsamen Kampf verhandeln oder nicht, je nach den eigenen Interessen im Wettbewerb mit den anderen Syndikaten auf einem begrenzten Markt von Quoten-Arbeitern usw. Diese erste Trennung fĂŒhrt zu einer Logik, in der das Syndikat zu einem Dienstleistungsunternehmen und der Arbeiter zu einem mehr oder weniger anspruchsvollen Verbraucher wird, was die passivierende Funktion der syndikalistischen TĂ€tigkeit in vollem Umfang zeigt.

6. Die Syndikate als Instrumente der Trennung (II): die Arbeiter unter sich

An zweiter Stelle steht die Trennung der Arbeiter untereinander, die durch ihre unterschiedlichen Berufskategorien und die Unterschiede zwischen ihren jeweiligen Syndikaten gegeneinander ausgespielt werden, die oft durch den Unterwelt-Waren Wettbewerb5 motiviert sind und in denen der Arbeiter ohnehin wenig zu sagen hat. Wenn diese Trennung und die vorhergehende in den großen Syndikaten wie UGT und CCOO deutlich zu sehen sind, so ist sie doch auch in den Minderheitssyndikaten wirksam – die BĂŒrokratisierung und der Ausverkauf an die Bosse sind weder ein Problem der faulen Äpfel im Korb noch der mangelnden internen Demokratie im Syndikat (die ĂŒbrigens zu mehr BĂŒrokratie fĂŒhrt), sondern eben dieser Trennung, die die Bedingung fĂŒr die Möglichkeit der Syndikate ist.

7. Die Syndikate als Instrumente der Trennung (III): Der Arbeiter und der StaatsbĂŒrger

Syndikate sind die Organisation von Arbeitern am Arbeitsplatz zur Verteidigung ihrer Rechte durch ökonomische KĂ€mpfe. Wenn diese Arbeiter einen politischen Kampf fĂŒhren wollen, mĂŒssen sie dies außerhalb des Arbeitsplatzes tun, als StaatsbĂŒrger, die ihr Versammlungs-, Meinungs- und Wahlrecht wahrnehmen, und sich nach Möglichkeit politisch in einer Partei organisieren, die zumindest formal von dem das Syndikat unabhĂ€ngig sein muss. Die beiden Kategorien, der Arbeiter und der StaatsbĂŒrger, können nicht miteinander verschmolzen werden, und es kann nicht versucht werden, die Trennung zwischen Ökonomie und Politik – den Raum der realen Ungleichheit und den Raum der rechtlichen Gleichheit und der gleichen Rechte – zu durchbrechen, auf die Gefahr hin, ein Verbrechen zu begehen. So werden z.B. „rein politische“ Streiks und SolidaritĂ€tsstreiks fĂŒr illegal erklĂ€rt – vgl. in Spanien das Königliche Dekret 17/1997, Artikel 11 d).

In dem Moment, in dem der Kampf der Arbeiter am Arbeitsplatz eine kommunistische Orientierung annimmt, tendiert er dazu, ĂŒber den Arbeitsplatz hinauszugehen und die Trennung zwischen Politik und Ökonomie aufzuheben, indem er den Kampf am Arbeitsplatz zu einem Teil des Kampfes fĂŒr die Emanzipation macht. An diesem Punkt verlieren die Syndikate ihre Funktion, denn sie sind eine Kategorie des Unternehmens selbst und werden denaturalisiert, wenn sie es verlassen. Aus diesem Grund sind auch offene Arbeiterversammlungen, die jedem offen stehen, der nicht dem kĂ€mpfenden Betrieb angehört, eine logische und ĂŒbliche Organisationsform, wenn sie eine Ausrichtung hat.





Quelle: Panopticon.blackblogs.org