Oktober 26, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Weiter geht es mit noch einem Text von der Grupo Barbaria, die Übersetzung ist von uns.

Pandemie und soziale Kontrolle

Der Kapitalismus besteht aus unmöglichen Disjunktionen1. Er spaltet das, was in anderen Gesellschaften als ein organisches Ganzes verstanden wurde, und stellt einen Antagonismus zwischen den beiden Polen her, der uns zwingt, uns fĂŒr den einen zu entscheiden und auf den anderen mehr oder weniger zu verzichten. Die Pandemie hat dies mit der Gesundheit und der Wirtschaft gemacht. Das Proletariat steht also vor der irrigen Wahl, entweder an Covid zu sterben oder zu verhungern. Auf individueller Ebene ist es im Kapitalismus sicherer zu verhungern, wenn man kein Einkommen hat, als an Covid zu sterben, so dass die Wahl in Wirklichkeit falsch ist. Das ist nichts anderes als Erpressung. Auf der sozialen Ebene ist sie komplexer und erklĂ€rt das Verhalten der Staaten seit Beginn der Pandemie.

Aber hinter diesem Spannungsfeld zwischen Gesundheit und Wirtschaft verbirgt sich ein anderes, das von Anfang an im Mittelpunkt der sozialkritischen Debatten stand: Freiheit oder Gesundheit, eine Nachahmung der alten Dichotomie zwischen Freiheit und Sicherheit, die ihrerseits Ausdruck des grundlegenden Gegensatzes im Kapitalismus zwischen Individuum und Staat ist. So ĂŒbt in den radikalen Medien die Sorge um einen Staat, der durch die Pandemie auf Kosten unserer individuellen Freiheiten gestĂ€rkt worden zu sein scheint, einen starken Druck aus. Die Diskurse sind vielfĂ€ltig. Die Existenz des Virus wird zugegeben oder nicht, diesem wird eine grĂ¶ĂŸere oder geringere Schwere beigemessen, wenn dessen Existenz zugegeben wird, der digitalen Überwachung oder den Medien wird mehr oder weniger Gewicht beigemessen. All diese Diskurse haben jedoch eine gemeinsame Grundlage: Der Covid ist ein Deckmantel, der uns davon abhĂ€lt, das eigentliche Problem zu sehen, nĂ€mlich die Zunahme der sozialen Kontrolle. Der Staat setzt sich eine Maske auf und nutzt die Gelegenheit, Angst in der Bevölkerung zu schĂŒren, um die freiwillige Knechtschaft zu fördern. Schockdoktrin, wie man frĂŒher sagte. Das Bemerkenswerte an der Pandemie ist nicht das Gesundheitsproblem, die Zahl der Toten, das Opfer von Gesundheit und Leben an den Kannibalismus des Kapitals, sondern die Entwicklung von Kontroll- und Repressionsmechanismen durch die Big Data, die Digitalisierung des Alltags, die VerstĂ€rkung der Gesellschaft des Spektakels, der Aufstieg der medizinischen Macht, der Aufstieg der Biomacht. Dieser Prozess kann uns einfach zu einem stĂ€rkeren, totalitĂ€reren Kapitalismus fĂŒhren, oder er könnte sogar der Übergang zu einer neuen Klassengesellschaft sein, die nicht durch die Produktion von Wert, sondern durch die absolute Durchsetzung eines Orwellschen Staates durch technologische Beherrschung und Spezialwissen gekennzeichnet ist.

Vom Kapitalismus zur Biokratie?

Vielleicht ist es der Anti-Entwicklungsismus2 (a.d.ĂŒ., antidesarrollismo), der diesen letzten Aspekt am besten zum Ausdruck gebracht hat. Aus seiner Sicht wurde die Pandemie vom Staat ausgenutzt – wenn nicht sogar provoziert -, um die medizinische und technologische Macht ĂŒber die Bevölkerung auszubauen, und in diesem Sinne wĂ€re sie eine BestĂ€tigung seiner These, dass wir uns auf eine Gesellschaftsform zubewegen oder bereits zu ihr ĂŒbergegangen sind, in der das grundlegende Problem nicht die Ausbeutung einer sozialen Klasse durch eine andere ist, sondern die Herrschaft einer um den Staat organisierten Kaste von Technokraten ĂŒber die gesamte Bevölkerung. Wenn man die Begriffe im Lichte der Ereignisse ein wenig aktualisiert, kann man sagen, dass es sich bei diesem Staat um eine Gesundheitsdiktatur handelt, die von Biokraten – den Technokraten der medizinischen Macht – gefĂŒhrt wird, die durch die Medikamentisierung des Lebens und die digitale Überwachung einen Durchbruch bei der Herrschaft ĂŒber einer Bevölkerung erzielt haben, die durch die Angst vor Krankheit und Sterben betĂ€ubt wurde.

Begriffe sind wichtig, sie prĂ€gen unser Denken und die Kategorien, die wir verwenden. Es besteht ein radikaler Unterschied zwischen Ausbeutung und Herrschaft, denn erstere hat eine materielle Grundlage, die in der Art und Weise wurzelt, wie Gesellschaften ihr Leben produzieren und reproduzieren. Herrschaft sagt uns jedoch nur etwas ĂŒber ein MachtverhĂ€ltnis, ohne zu erklĂ€ren, woher es kommt. Und das ist nicht trivial, denn was keine eindeutige Ursache hat, hat auch keine mögliche Lösung. Darin liegt die reaktionĂ€re Kraft der Postmoderne, die uns eine Welt vor Augen fĂŒhrt, die durch ein Netz von Machtmitteln organisiert ist, ohne dass es einen genauen Grund oder Zweck gibt, eine Vielzahl von UnterdrĂŒckungen, aus denen man sich nicht befreien kann. An Revolution, nicht einmal an Widerstand, ist aus dieser Perspektive nicht mehr zu denken.

So wird verstĂ€ndlich, warum der Unterschied zwischen dem Staat, der uns beherrscht, und dem Staat, der unsere Ausbeutung verwaltet, wichtig ist. Der Staat ist keine autonome Institution mit eigenem Zweck und eigener Funktionsweise, die von den sozialen Beziehungen, die die Produktion und Reproduktion des Lebens organisieren, getrennt ist. Er ist vielmehr ein Organ dieser sozialen Beziehungen, wenn diese durch den Antagonismus der Klassen zersplittert sind, und als solches sorgt er dafĂŒr, dass die Gesellschaft durch die Trennung zusammengehalten wird. In den kapitalistischen GesellschaftsverhĂ€ltnissen, in denen die Produktion von Wert einer unpersönlichen und automatischen Logik folgt, erfĂŒllt der Staat die Funktion, die Interessen des Kapitals zu wahren, notfalls auch gegen die einzelnen Kapitalisten selbst.

Der entwicklungsfeindliche3 Diskurs geht noch einen Schritt weiter. Er nimmt diese sozialen Beziehungen, die eine bestimmte Art von Technologie und Wissen hervorbringen, und kehrt die Pyramide um. Es sind die Technologie und das Fachwissen, die eine bestimmte Art von sozialen Beziehungen hervorbringen, und der Staat ist lediglich ein Instrument, um sie durchzusetzen. Die Technik wird fetischisiert. Technologie, Wissen, zuletzt medizinisches Wissen, werden zu einer autonomen Macht, die in der Lage ist, entfremdete soziale Beziehungen zu schaffen. Es gibt viele Probleme mit dieser Art von Ansatz, aber fĂŒr unsere Zwecke wollen wir nur auf eines hinweisen: Soziale Beziehungen können verĂ€ndert werden, man kann eine soziale Organisation positiv bekĂ€mpfen, um eine andere zu etablieren, aber Wissen und Technologie können nicht bekĂ€mpft werden. Auf jeden Fall wird es vergessen und nicht einmal vergessen, denn solange der Kapitalismus existiert, werden sich Technologie und Wissen weiter entwickeln, angetrieben durch den Wettbewerb zwischen den Unternehmen. Es handelt sich also um einen Kampf auf verlorenem Posten, weil er nicht die Ursachen bekĂ€mpft, sondern sie umgeht. Auf diese Weise hört die Revolution auf, eine materielle Möglichkeit zu sein, und die Emanzipation wird, wenn ĂŒberhaupt, zu einer aufklĂ€renden Tatsache. Nur die Bewusstesten, die das Wort empfangen haben, können versuchen zu entkommen.

In Wirklichkeit werden sie dazu auch nicht in der Lage sein. Es gibt keinen Weg aus der Technokratie, aber es gibt einen Weg aus dem Kapitalismus.

Mit Beharren auf der Biomacht

Im Kapitalismus ist der Staat der Verwalter der sozialen AusbeutungsverhĂ€ltnisse, die im Übrigen in einer tiefen historischen Krise stecken. Um das Verhalten des Staates wĂ€hrend der Pandemie zu verstehen, mĂŒssen wir den Widerspruch erklĂ€ren, mit dem er konfrontiert ist.

Obgleich es in der Geschichte schon andere Pandemien gegeben hat, ist dies das erste Mal, dass sich ein unbekanntes Virus in einer Gesellschaft mit einer so großen Bevölkerung ausbreitet, die so globalisiert und voneinander abhĂ€ngig ist und in stĂ€ndiger Interaktion mit der ganzen Welt steht. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, gab es zur Zeit der Spanischen Grippe schĂ€tzungsweise 1,8 Milliarden Menschen auf der Welt, und das Haupttransportmittel waren Dampfschiffe. Heute gibt es fast 7,8 Milliarden Menschen, und die Zahl der Flugreisen vervielfacht sich im Laufe weniger Jahre: Die Macht der Verbreitung neuer Viren – mit ihren neuen StĂ€mmen – wĂ€chst gleichzeitig mit der Entwicklung des Kapitalismus. Wir können also verstehen, dass ein Virus mit einer derartigen AnsteckungsfĂ€higkeit in einer so global vernetzten Gesellschaft und mit einer so anfĂ€lligen Bevölkerung eine reale Gefahr darstellt, nicht nur wegen der mehr oder weniger hohen Tödlichkeit des Virus selbst, sondern auch wegen des drohenden Zusammenbruchs der Gesundheits- und Bestattungssysteme und der damit verbundenen KollateralschĂ€den. Es ist daher nicht verwunderlich, dass bei einer offiziellen Zahl von 4 Millionen TodesfĂ€llen durch Covid weltweit allein in Indien zwischen Juni 2020 und Juni 2021 zwischen 3,4 und 4,9 Millionen ĂŒberzĂ€hlige TodesfĂ€lle geschĂ€tzt werden.

Dies bringt den Staat in eine schwierige Lage. Es ist ebenso notwendig, Waren zu produzieren und in Umlauf zu bringen, wie es notwendig ist, dafĂŒr lebende Arbeiter zu haben. Die Staaten sind weit davon entfernt, sich in einem Übergangsprozess zu einer neuen totalitĂ€ren Gesellschaft zu befinden, sondern tun das, was sie im Kapitalismus immer getan haben, allerdings unter den zunehmenden Schwierigkeiten, die ihnen die Entwicklung dieser Produktionsweise auferlegt: Sie mĂŒssen die Garanten fĂŒr die Instandhaltung der Arbeitskraft fĂŒr deren Ausbeutung bleiben, in einem Kontext, in dem die Bevölkerung exponentiell wĂ€chst, die Vernetzung des Verkehrs auf globaler Ebene immer mehr zunimmt, die Dauerkrise des Kapitals zu einer VergrĂ¶ĂŸerung des sozialen Elends und einer zunehmenden VerwĂŒstung der Natur fĂŒhrt, und diese Faktoren wiederum unser Immunsystem schwĂ€chen und neue Pandemien hervorrufen. Die Funktion des Staates, die darin besteht, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die durch Klassenantagonismen und im Kapitalismus durch den Krieg aller gegen alle, der durch die Konkurrenz zwischen den Kapitalen verursacht wird, zerrissen ist, gerĂ€t immer mehr in Schwierigkeiten, da er vor der Wahl steht, eine Wirtschaft aufrechtzuerhalten, die Krankheiten verbreitet, oder die Arbeiter zu erhalten, die die Wirtschaft tragen.

Andererseits liegt dieser Feststellung die Frage zugrunde, dass Gesundheit eine soziale Tatsache ist, viel mehr als eine individuelle. Dabei geht es natĂŒrlich nicht nur um ansteckende Krankheiten, sondern darum, dass unsere Gesundheit das Ergebnis der Art und Weise ist, wie wir uns gesellschaftlich organisieren: ob es eine Trennung zwischen Stadt und Land gibt oder nicht, ob die StĂ€dte klein oder monströs sind, ob es Lohnarbeit gibt oder nicht, unter welchen mehr oder weniger gesunden Bedingungen diese Arbeit verrichtet wird, welche Art von Wohnungen wir haben, welche Art von Landwirtschaft wir betreiben, wie sich die gesellschaftliche AktivitĂ€t auf unseren natĂŒrlichen Lebensraum auswirkt und auf welche vielfĂ€ltige Weise dieser Lebensraum uns etwas zurĂŒckgibt. Lange bevor wir zur individuellen Verwaltung unseres eigenen Körpers kommen, ist Gesundheit eine soziale Tatsache.

DarĂŒber hinaus bedeutet die Entwicklung des Kapitalismus und die enorme Kraft der Vergesellschaftung, die er auf globaler Ebene entfaltet hat, dass die Gesundheit immer mehr zu einer Tatsache der Spezies wird. Im Unterschied zu anderen Pandemien ist unsere Gesundheit mehr und mehr global vernetzt; man könnte sagen: wir werden mehr und mehr zu einem globalen Körper. Dies ist jedoch ein ernsthaftes Problem im Kapitalismus, da er dazu neigt, uns international zu vereinheitlichen, wĂ€hrend er uns gleichzeitig nur ĂŒber die Nationalstaaten steuern kann. Wie der Klimawandel ist auch die Covid-Pandemie ein Beweis fĂŒr die Ohnmacht des Kapitalismus, die von ihm geschaffenen historischen Probleme zu lösen. Und die MittelmĂ€ĂŸigkeit der Regierungen im Umgang mit der Pandemie ist nur ein Ausdruck dieser Ohnmacht.

Unsere Gesundheit ist eine soziale Tatsache, aber in diesem System der Zusammenballung von isolierten Individuen in stĂ€ndiger Konkurrenz wird die Freiheit isoliert gedacht und das Soziale mit dem Staat identifiziert. Spontane Organisation auf der Grundlage des freien Willens und der gegenseitigen UnterstĂŒtzung ist in einer Warengesellschaft nicht möglich: Solange es kapitalistische soziale Beziehungen gibt, wird der Staat weiter existieren, um den egoistischen Trieb der Individuen zu regulieren und diesen aufzuzwingen. NatĂŒrlich sind es nicht die BedĂŒrfnisse der Menschen als Kollektiv, die dem individuellen Egoismus entgegenstehen, sondern die BedĂŒrfnisse nach Verwertung des Werts, nach Kapitalakkumulation. Die Gesundheitsverwaltung ist nur eine Folge davon.

Dass wir nur eine Arbeitskraft fĂŒr den Staat und das Kapital sind, ist eine Binsenweisheit. Deshalb geht es nicht um unser Leben, geschweige denn um unsere Gesundheit, sondern darum, dass wir – statistisch gesehen – ein Mindestmaß an beidem aufrechterhalten, um die automatische Maschine des Kapitals weiter zu fĂŒttern. Unsere Körper sind natĂŒrlich Gegenstand der Kontrolle durch die Verwaltung, um diesen Zweck zu gewĂ€hrleisten. Dies ist weder neu noch außerordentlich. Der Körper der Frau ist schon seit langem Gegenstand der Kontrolle durch die Klassengesellschaften, um die Reproduktion der Arbeitskraft und die korrekte Weitergabe des Privateigentums zu gewĂ€hrleisten, ohne dass dies die Ideen der großen philosophischen Genies erschĂŒttert hĂ€tte. Die Theorie der Biomacht, die in letzter Zeit so sehr in Mode gekommen ist, um die Idee eines zunehmend totalitĂ€ren und mĂ€chtigen Staates zu verteidigen, ist nichts anderes als eine banale Feststellung dieser Tatsache. Bei einer Pandemie mit den beschriebenen Merkmalen, die das reibungslose Funktionieren der Maschine des Kapitals in hohem Maße bedroht, wird das BedĂŒrfnis des Staates, unsere Körper zu kontrollieren, durch ein wahres Element – die Gesundheit ist eine soziale Tatsache – und ein falsches Element verstĂ€rkt: dass er damit die Gesellschaft und die sozialen BedĂŒrfnisse verteidigen wĂŒrde. Wenn wir bei dieser Aussage bleiben, gibt es jedoch weder eine ErklĂ€rung noch einen Ausweg. Die Lösung kann weder in einer staatlichen Gesundheitsverwaltung liegen, die immer die Unterordnung unserer Gesundheit unter den Kannibalismus des Kapitals sein wird, noch in der Verteidigung des Individuums als freies, unabhĂ€ngiges und dem sozialen Körper fremdes Atom.

Der Kapitalismus wird geschwÀcht, und mit ihm der Staat.

Diejenigen, die nicht direkt vom Übergang zu einer neuen Klassengesellschaft sprechen, behaupten, dass der Kapitalismus stĂ€rker wird, dass er von Tag zu Tag mehr Überzeugungskraft gewinnt und diejenigen, die sich nicht ĂŒberzeugen lassen wollen, zermalmt. In dieser Hinsicht wird die Bourgeoisie immer mĂ€chtiger. Wenn sie es auch nicht geplant hat, so hat sie doch zumindest die Gelegenheit der Pandemie nicht verpasst, die technische Überwachung zu verstĂ€rken und die StaatsbĂŒrger durch eine Strategie der Angst gefĂŒgiger zu machen.

Aber der Begriff Strategie scheint ĂŒbertrieben. Als globale Strategie, bei der die herrschende Klasse einem festgelegten und vereinbarten Plan folgt, ist sie sicherlich nicht anwendbar, da die Verwaltung jeder Regierung wĂ€hrend der gesamten Pandemie eine rette sich wer kann war, zuerst mit Masken, PSA und kĂŒnstlichen BeatmungsgerĂ€ten und dann mit Impfstoffen. Und auch auf nationaler Ebene gibt es weder einen konkreten Plan noch eine Absprache, denn das charakteristischste Merkmal dieser Verwaltung ist das Zickzacklaufen, die widersprĂŒchlichen Empfehlungen, die blinden SchachzĂŒge, die Wiedereröffnungen und die Lockerung von Maßnahmen, von denen mit Sicherheit bekannt war, dass sie nur vorĂŒbergehend sind. Das hat natĂŒrlich wenig mit den großen nationalen PlĂ€nen zu tun, die die Bourgeoisie vor einigen Jahrzehnten ausgearbeitet hat und die der Verwaltung der Regierung trotz der wechselnden politischen Farben StabilitĂ€t verliehen. Aber auch mit den Vorjahren hat sie wenig zu tun. Mit dieser Krise erreichen die Unsicherheit und die Orientierungslosigkeit der herrschenden Klasse einen Paroxysmus: Die Wirtschaftswachstumsdaten werden ausgewertet und schwanken jeden Monat, die Geld- und Inflationskontrollpolitik wird von einem „Wir werden schon sehen“ bestimmt, die ERTEs4 werden verhandelt und wieder neu verhandelt, um sie noch ein paar Monate zu halten, die Maßnahmen zur Senkung der Strom- und Gasrechnung werden quartalsweise angewandt, in der Hoffnung, dass – so Gott will – das nĂ€chste Quartal besser sein wird. In der EU war die eigene Politik gegenĂŒber der Impfkampagne eine Abfolge von WidersprĂŒchen und Hin- und Hergeschiebe.

Und das ist normal. Die Bourgeoisie ist desorientiert, weil ihre eigenen gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse außer Kontrolle geraten sind. Sie muss die Arbeitslosigkeit begrenzen, kann aber die VerdrĂ€ngung von ArbeitskrĂ€ften durch die Automatisierung der Wirtschaft nicht verhindern. Sie muss den Klimawandel und die Verschwendung von Energie und BodenschĂ€tzen eindĂ€mmen, aber schon eine Verlangsamung des BIP-Wachstums bedeutet eine schwere Wirtschaftskrise. Sie braucht den Fluss der Waren, die Bevölkerung, um sie weiterhin in schnellem Tempo zu konsumieren, dass das Kapital sich weiterhin frei auf dem Planeten bewegen kann, aber ihr eigenes Debakel ruft Pandemien hervor, die sie zwingen, diese Bewegung zu behindern, Grenzen zu schließen, sich zurĂŒckzuziehen.

Wenn der Staat immer grĂ¶ĂŸer zu werden scheint, dann nicht, weil er wĂ€chst und stĂ€rker wird, sondern weil er durch den bloßen Verfall seiner historischen Funktion anschwillt. Einerseits nimmt sein Gewicht in der Wirtschaft zu, weil die Unternehmen ihn als Organ zur kĂŒnstlichen Beatmung brauchen, da ihre Gewinne mit dem Fortschreiten des Kapitalismus tendenziell abnehmen. Ohne ihre ArbeitsplĂ€tze, ihren Konsum, ihre Geldspritzenpolitik oder ihre öffentlichen Kredite wĂ€re die Wirtschaft nicht in der Lage zu widerstehen. Auf diese Weise werden wir Zeuge eines Prozesses, der die grundlegende Trennung des Kapitalismus zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Staat und Markt verwischt, denn wĂ€hrend der Staat ein Organ der kĂŒnstlichen Beatmung des Kapitals ist, ĂŒbt dieses eine immer stĂ€rkere Kontrolle ĂŒber ihn aus. Die FĂ€higkeit des fordistischen Staates, seine politischen Entscheidungen, seine Wirtschaftsplanung, seine Geldpolitik oder sogar seine Steuern durchzusetzen, liegt nun weit hinter ihm. Denn die Erschöpfung des Werts fĂŒhrt auch zur Erschöpfung des Staates als Organ der Regulierung der kapitalistischen VerhĂ€ltnisse. Die Leichtigkeit, mit der das Kapital verlagert wird und sich seiner territorialen Kontrolle entzieht, die stĂ€ndige Zunahme der Staatsverschuldung, die es in die HĂ€nde der internationalen FinanzmĂ€rkte legt, die wachsende Bedeutung supranationaler Strukturen – all dies stellt das traditionelle Prinzip eines jeden Staates in Frage: die SouverĂ€nitĂ€t ĂŒber sein Territorium, die FĂ€higkeit, seine politischen Entscheidungen durchzusetzen. Andererseits fĂŒhrt die Konzentration des Kapitals in bestimmten Regionen zu einer territorialen Ungleichheit innerhalb ihrer Grenzen, die die materielle Grundlage fĂŒr den Ausbruch regionaler oder nationalistischer Bewegungen mit zentrifugalem Charakter bildet. Und schließlich bedeutet der Verlust der materiellen Grundlagen des Reformismus aufgrund einer abnehmenden Produktion von Mehrwert auch, dass der Staat selbst immer weniger Ressourcen fĂŒr die soziale Integration durch Hilfe, öffentliche Dienste, soziale UnterstĂŒtzung hat: nicht umsonst treten Religion und Gemeinschafstidentitarismus in diesen Funktionen an seine Stelle, ohne dass dies eine Vereinheitlichung der sozialen BrĂŒche ermöglicht, sondern sie vielmehr in einem reaktionĂ€ren Sinne vertieft5.

Nur in diesem Chaos lassen sich die Zunahme der digitalen Überwachung und die Modernisierung der Repressionsmechanismen verstehen. Ja, der Kapitalismus greift auf Repression zurĂŒck und wird dies auch in Zukunft tun, aber das bedeutet nicht, dass die soziale Kontrolle zunimmt. Im Gegenteil, wenn er auf Gewaltanwendung zurĂŒckgreifen muss, dann deshalb, weil die Konsensmaschinerie ins Stocken gerĂ€t.

Die technologische Entwicklung ist sowohl das Werkzeug als auch die Verurteilung der herrschenden Klasse. Die technologische Entwicklung hat uns eine ÜberwachungskapazitĂ€t beschert, die in der Geschichte beispiellos ist: Drohnen, Gesichtserkennung, Verfolgung durch Smartphones, massive Analyse des Konsums von Produkten und Inhalten im Internet, Überwachung sozialer Netzwerke durch kĂŒnstliche Intelligenz und Big Data. Aber auch auf der Grundlage der gleichen technologischen Entwicklung wird immer weniger menschliche Kraft zur Ausbeutung benötigt, die Gewinne sinken, das Kapital konzentriert sich in einer Kasinowirtschaft, die nur Blasen erzeugt, die immer kurz vor dem Platzen sind, die Überschussbevölkerung wĂ€chst, ohne sozialen Nutzen, es werden immer mehr Energieressourcen und Rohstoffe benötigt, und um sie zu gewinnen, verschĂ€rft sich die ökologische Krise, die Erde wird durch die Ausbeutung der Agrarindustrie unfruchtbar, der Phosphorkreislauf bricht zusammen und es kommt zur WĂŒstenbildung, die klimatischen PhĂ€nomene werden immer extremer, das Trinkwasser wird zu einem immer grĂ¶ĂŸeren Problem, die Kriege nehmen zu, das Ungleichgewicht der Ökosysteme bedroht unser Leben auf dem Planeten.

All dies fĂŒhrt zu sozialen AusbrĂŒchen, zu Revolten, die den Grundstein fĂŒr kĂŒnftige Rebellionen legen. NatĂŒrlich rĂŒstet der Staat auf, aber nur, weil er sich immer weniger auf den gesellschaftlichen Konsens verlassen kann. Nur aus einer Perspektive der Herrschaft, in der sich die Macht ohne ErklĂ€rung oder mögliche Lösung durchsetzt, kann man glauben, dass die Menschheit diesem Prozess tatenlos zusehen kann. Wer sich nicht von einer solchen Sichtweise gefangen nehmen lĂ€sst, wird erkennen, dass die aktuellen Bewegungen verwirrt und begrenzt sind, aber dass sie auf ein System reagieren, das unsere Spezies verdammt, und dass sie lernen, dass sie Lehren aus den vergangenen Niederlagen ziehen, mit einem unterirdischen GedĂ€chtnis, das jede globale Welle der letzten ĂŒberlegen macht: Wellen, gegen die der Staat immer stĂ€rker bewaffnet und immer fragiler ist.

Im Kapitalismus ist es ĂŒblich, dass man zwischen Schwert und Abgrund steht und sich fragt, welches das kleinere Übel ist. Gesundheit oder Wirtschaft. Freiheit oder Sicherheit. Persönliche Rechte oder soziale BedĂŒrfnisse. Das Individuum oder der Staat. Wir schreiben nach eineinhalb Jahren Pandemie, die von diesen Dichotomien durchzogen ist. Und die Debatte, die sie in den Reihen der sozialen Kritik ausgelöst haben, ist nicht unbedeutend, aber wir werden nicht in der Lage sein, sie innerhalb dieser lösen zu können. Die Polarisierung, die wir erleben, hat etwas Falsches und etwas Wahres: Wahr, weil Gesundheit und Wirtschaft, Freiheit und Sicherheit im Kapitalismus einen realen und unversöhnlichen Antagonismus leben. Wer sich fĂŒr das eine entscheidet, muss mehr oder weniger auf das andere verzichten. Deshalb sind die Versuche der Linken, VorschlĂ€ge zur Lösung dieses Antagonismus auszuarbeiten, nicht nur banal, sondern auch voller Selbstbetrug – um ihre eigene gesellschaftliche Funktion zu rechtfertigen – und Zynismus.

Aber diese Polarisierung hat auch etwas Falsches an sich, denn wir werden die Antwort nie finden, wenn wir sie in dieser Konfrontation suchen, und weil die Argumentation von dort aus dazu fĂŒhrt, dass wir einen Teil des Kapitals dem anderen vorziehen. Diejenigen, die sich fĂŒr Gesundheit und Sicherheit entscheiden, verteidigen den Staat als neutrale Institution, die gut ist, wenn sie gut gefĂŒhrt wird, und die allein in der Lage ist, sich um das Gemeinwohl zu kĂŒmmern und die sozialen BedĂŒrfnisse gegenĂŒber den egoistischen Bestrebungen isolierter Individuen zu schĂŒtzen. Diejenigen, die der Freiheit und der Wirtschaft zugeneigt sind6, verteidigen schließlich den freien Willen des Individuums, koste es, was es wolle, und begreifen die Entgleisung eines Gesellschaftssystems, das von Waren und Lohnarbeit bestimmt wird, als etwas NatĂŒrliches.

Die einzige Möglichkeit fĂŒr diejenigen von uns, die eine emanzipierte Gesellschaft anstreben, besteht darin, mit diesem Ansatz der Debatte zu brechen, wenn wir nicht in ihm gefangen sein wollen. Ob wir nun an Covid sterben oder verhungern, wir entscheiden uns fĂŒr den Kampf gegen ein System, das uns diese Wahl aufzwingt. Zwischen der Verteidigung des Staates als einzigem Garanten der sozialen BedĂŒrfnisse oder der Verteidigung der Freiheit des Einzelnen, der sich seiner gegenseitigen AbhĂ€ngigkeit nicht bewusst ist, entscheiden wir uns fĂŒr den Kampf gegen das Kapital. Weder Lohnarbeit noch ein System, das uns krank macht. Weder der Staat noch das Individuum: Beide Kategorien werden mit den Klassengesellschaften geboren, wachsen mit dem Kapitalismus und werden mit ihm sterben, als letzte Klassengesellschaft der Geschichte.

1A.d.Ü., eine Disjunktion ist eine Trennung, eine Sonderung, eine logische VerknĂŒpfung zweier Aussagen durch das ausschließende „Entweder-oder“, eine logische VerknĂŒpfung zweier Aussagen durch das nicht ausschließende „Oder“.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org