Januar 7, 2022
Von Gefangenen Info
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Georges Abdallah
(Übersetzung BĂ€rbel Wiemer)

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde,

Nach einem Monat intensiver SolidaritĂ€tsmobilisierung in Frankreich und in anderen LĂ€ndern seid ihr heute vor diesen Mauern und diesem Stacheldraht versammelt. Wie vor einem Jahr oder fĂŒr einige von Euch bereits seit einem Jahrzehnt, ruft Eure bloße Anwesenheit hier immer noch viel Emotion und Begeisterung hervor. Seht ihr GenossInnen und FreundInnen, die AtmosphĂ€re an diesem finsteren Ort, all diese GefĂ€ngnisatmosphĂ€re, Ă€ndert sich, wenn das Echo des aktiven Lebens auf die namenlose PlattitĂŒde eines tödlichen GefĂ€ngnisalltags prallt. So entdecken soziale Mitgefangene wie durch Zauberei, wenn auch nur fĂŒr einen Augenblick, die Schönheit und Kraft grundlegend uneigennĂŒtziger menschlicher Beziehungen und SolidaritĂ€t trotz so vieler Jahre hinter Gittern
In kulturellem und emotionalem Elend ĂŒberlebend, fĂŒr einige viele Jahre ohne wirkliche Beziehung zur Gesellschaft, bleibt dieses Erwachen der Begeisterung und der Menschlichkeit nicht unbemerkt. Man kann es in den Augen lesen und man kann es an den spontanen und oftmals aufrichtigen aber leider zukunftslosen Kommentaren sehen

GenossInnen und Freundinnen und Freunde, das Echo eurer Parolen, eurer Lieder und alles andere, durchdringen diesen Stacheldraht und die WachtĂŒrme, sie hallen in unseren Köpfen wider und tragen uns weg von diesem finsteren Ort.

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde, zu Beginn dieses 38. Jahres der Gefangenschaft gibt mir das Wissen Kraft, dass ihr hier in der Vielfalt eures Engagements gegenwĂ€rtig seid, nur wenige Meter von meiner Zelle entfernt, und das straft all jene LĂŒgen, die darauf setzen , dass eurer SolidaritĂ€tsdynamik der Atem ausgeht.
Vor allem bestĂ€rkt es mich in meiner Überzeugung, dass die VerĂ€nderung der KrĂ€fteverhĂ€ltnisse zugunsten der inhaftierten revolutionĂ€ren Protagonisten immer von der SolidaritĂ€tsmobilisierung abhĂ€ngt, die auf der Grundlage des antikapitalistischen/antiimperialistischen Kampfes angegangen wird. Das können wir ohne das geringste Zögern sagen: Die bedeutendste UnterstĂŒtzung, die unseren gefangenen Genossen entgegengebracht werden kann, ist es, Teil des realen Engagements in den laufenden KĂ€mpfen zu sein. Sicher wisst ihr, dass immer politische Instanzen entscheiden wieviel Raum und Gewicht dem juristischen Ritual beigemessen wird, sobald es um inhaftierte revolutionĂ€re Protagonisten geht. Und weil die SolidaritĂ€t innerhalb des Klassenkampfes in all seinen Dimensionen verortet ist, wiegt es fĂŒr die Machthabenden schwerer unsere Genossen in den GefĂ€ngnissen festzuhalten als sie freizulassen und damit mögliche Bedrohungen einzugehen. Es ist auch dieses Engagement und diese kĂ€mpferische SolidaritĂ€tsmobilisierung, die dazu fĂŒhrt, dass wir trotz so vieler Jahre von Gefangenschaft immer noch zusammen stehen und entschlossen aufrecht sind angesichts dieses 38. Jahres, das bereits verspricht voller KĂ€mpfe und auch Hoffnungen zu sein.
Genossinnen und Genossen in diesen Zeiten der Pandemie, der multidimensionalen Krise, die die SĂ€ulen des kapitalistischen Weltsystems erschĂŒttert, verschĂ€rfen sich die innerimperialistischen WidersprĂŒche immer mehr. Überall schwenkt die imperialistische Bourgeoisie in letzter Zeit die Fahne des Nationalismus. Der klassische Reflex der Kapitalisten in Krisenzeiten, um die Volksmassen besser an „ihre“ Bourgeoisie und „ihren“ Staat zu binden. Als ob die Frage, fĂŒr die Arbeiter und andere prekĂ€re Menschen die nach „der GrĂ¶ĂŸe der Nation“ sei und nicht die nach dem Ende des Kapitalismus und seiner Barbarei. Und doch liegt die Krise des sterbenden Kapitalismus in seiner Phase der fortgeschrittenen FĂ€ulnis auf globaler Ebene bereits offensichtlich da
 die Gesundheitskrise, die ökologische Krise, die wirtschaftliche und soziale Krise verbinden sich und weiten sich immer mehr aus. Es gibt keinen Ausweg aus der Krise im Rahmen des Kapitalismus. Der globalisierte Kapitalismus ist der heute real existierende Kapitalismus.
Die Agonie seiner Welt wird nur in der Überwindung des Kapitalismus enden, nicht durch historische Kompromisse und andere illusorische Versuche, die Errungenschaften eines sogenannten demokratischen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz zu bewahren, sondern durch den unerbittlichen Kampf „Klasse gegen Klasse“. Heute leben wir alle unter der Hegemonie des globalisierten Kapitals. Kein Land kann sich dem zerstörerischen Mechanismus dieser Hegemonie vollstĂ€ndig entziehen. Es ist dieser „globalisierte Kapitalismus“, d.h. der real existierende Kapitalismus, der sich in der Krise befindet. Und es ist dieser Kapitalismus, den die Kommunisten und alle revolutionĂ€ren Protagonisten besiegen mĂŒssen, um die Barbarei zu besiegen. FĂŒr das Überleben der Menschheit, fĂŒr das Überleben unseres Planeten mĂŒssen wir den Kapitalismus und seine Barbarei loswerden können und das schnellstens.
In jĂŒngster Zeit ist es klar, Genossinnen und Genossen, dass in einer Zeit, in der in Afrika die Positionen des französischen Imperialismus zugunsten anderer MĂ€chte (ĂŒbrigens nicht nur Chinas und/ oder Russlands, sondern auch Deutschlands, der USA und der TĂŒrkei) weiter erodieren, sich in Frankreich ein Prozess der Faschisierung immer weiter durchsetzt. Sicherlich ist dies nicht ein Thema, auf das hier eingegangen werden kann, aber die Tatsache bleibt, dass es grĂ¶ĂŸten Anlass zur Sorge gibt.
Genossinnen und Genossen, um beim Aufbau der geeigneten revolutionÀren Alternative voranzukommen, ist die Konvergenz der KÀmpfe mehr als unverzichtbar. Der historische Block der arbeitenden und anderer prekÀrer Menschen wird in der globalen Dynamik des Kampfes in all seinen Komponenten aufgebaut und strukturiert.
Nur durch diese globale Dynamik zeigt der Klassenkampf die politischen Möglichkeiten der gegenwÀrtigen Bewegung auf und drÀngt das handelnde Proletariat, sich seinen bewussten politischen Ausdruck anzueignen. Indem sie sich den bewussten politischen Ausdruck ihrer Klasseninteressen aneignen, entdecken sich die proletarischen Massen wieder als Subjekt ihrer Geschichte und der Geschichte schlechthin. Nur in diesem Prozess des gemeinsamen Handelns gelingt es den verschiedenen Protagonisten des revolutionÀren Kampfes hier und anderswo auf der Welt, die entsprechende Alternative aufzubauen und der Agonie des sterbenden Kapitalismus in seiner Phase der fortgeschrittenen FÀulnis, nÀmlich der Agonie des real existierenden Kapitalismus, ein Ende zu setzen.
Wie ihr seht, Genossinnen und Genossen, zeigt die arabische Bourgeoisie in ihrer großen Mehrheit jetzt ihr ungeschminktes sich-Einreihen ins Lager des Feindes. Das lastet einerseits auf dem Kampf der palĂ€stinensischen Volksmassen und bekrĂ€ftigt andererseits die besondere Stellung der palĂ€stinensischen Sache als einen der Haupthebel der arabischen Revolution. Und offensichtlich mĂŒsste der Kampf innerhalb des sozialen Blocks der Revolution die Ausweichmanöver und andere Kompromisse der Bourgeoisie zĂ€hlen, um sich allen „liquidatorischen“ VorschlĂ€gen stellen zu können. Der palĂ€stinensische Widerstand hat und wird sich dem „reaktionĂ€ren arabisch-zionistischen Block“ unter FĂŒhrung der imperialistischen MĂ€chte stellen mĂŒssen.
PalĂ€stina erteilt uns tĂ€glich Lektionen an Selbstaufopferung und Mut von außergewöhnlicher Bedeutung. Mehr denn je ĂŒbernehmen die palĂ€stinensischen Volksmassen trotz allen Verrats der Bourgeoisie die Rolle des wahren Garanten fĂŒr die Verteidigung der Interessen des Volkes. Angesichts der Besatzung und der Barbarei des Besatzers ist die erste legitime Antwort, die vor allem gegeben werden muss, SolidaritĂ€t, alle SolidaritĂ€t mit denen, die mit ihrem Blut der Besatzungssoldateska gegenĂŒbertreten. Die Haftbedingungen in den zionistischen GefĂ€ngnissen verschlechtern sich von Tag zu Tag weiter. Und wie ihr Genossen und Genossinnen wisst, ist die internationale SolidaritĂ€t eine unverzichtbare Waffe, um sich dagegen zu wehren. NatĂŒrlich können die palĂ€stinensischen Volksmassen und ihre revolutionĂ€ren Avantgarden immer auf Eure Mobilisierung und Eure aktive SolidaritĂ€t zĂ€hlen.
Mögen tausend SolidaritÀtsinitiativen zugunsten PalÀstinas und seines vielversprechenden Widerstands gedeihen!
Mögen tausend SolidaritÀtsinitiativen zugunsten palÀstinensischer Blumen und Löwenjungen gedeihen!
SolidaritĂ€t, alle SolidaritĂ€t mit den WiderstandskĂ€mpfern in den zionistischen Kerkern und in den Isolationszellen in Marokko, der TĂŒrkei, in Griechenland, den Philippinen und anderswo auf der Welt!

SolidaritÀt, alle SolidaritÀt mit den jungen ProletarierInnen der Arbeiterviertel! SolidaritÀt, alle SolidaritÀt mit den ProletarierInnen im Kampf! SolidaritÀt, alle SolidaritÀt mit den jemenitischen Volksmassen!

Ehre den MĂ€rtyrern und den Volksmassen im Kampf!

Nieder mit dem Imperialismus und seinen zionistischen Kettenhunden und anderen arabischen ReaktionÀren!

Der Kapitalismus ist nur noch Barbarei, Ehre fĂŒr alle, die sich ihm in der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen widersetzen!

Gemeinsam Genossinnen und Genossen, und nur gemeinsam werden wir siegen!

An euch alle Genossinnen und Genossen, Freunde und Freundinnen meine revolutionĂ€ren GrĂŒĂŸe

Euer Genosse Georges Abdallah
(Übersetzung BĂ€rbel Wiemer)




Quelle: Gefangenen.info