Mai 22, 2022
Von Contraste
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In unserer Serie
»Gutes auf die Ohren« stellen wir euch interessante Podcasts vor.

ÜBERBLICK

Gute KĂŒchentischgesprĂ€che sind in der Pandemie selten geworden. Gerade wenn man versucht, die eigene politische Ideologie auch zu leben, ist der GesprĂ€chsbedarf groß. Der Fundus an Buch- und Filmempfehlungen, leicht verwurschtelten Zitaten bekannter Theoretiker*innen und angeregt hin- und hergespielten Gedanken schwindet dahin. Doch Rettung naht. Herrlich selbstgemacht, ohne großes Team im RĂŒcken und »direkt aus dem pink-schwarz-roten Kosmos«: Das ist der Podcast »Geranien und Pflastersteine«. Er könnte auch »Leitkultur vs. linke Subkultur« heißen, aber das ist lange nicht so griffig.

WORUM GEHT’S?

Michel Klaus und Thomas Liebkose vom Berliner Kollektiv »Solidarisch Tanzen« unterhalten sich ĂŒber pandemischen Feier-Hedonismus, den Weltfrauentag und die Entfremdung des digitalen Raums. Sie sprechen aus aktuellem Anlass ĂŒber den »Tag der Deutschen SchEinheit« oder tauchen in die Strukturen kritischer MĂ€nnlichkeitsforschung in der linken Szene ein. Die AtmosphĂ€re ist entspannt, die GesprĂ€che nicht gescripted und jede Folge holen sich die beiden Moderatoren einen feministischen Input – mal von Einzelpersonen, mal von Netzwerken wie »female pressure«.

Überhaupt geben sich Klaus und Liebkose MĂŒhe, ihre eigene Stellung und die damit einhergehenden Privilegien zu reflektieren und herauszuarbeiten, wo ihre eigene Sicht auf die Dinge verzerrt ist. Manchmal gelingt ihnen das gut, manchmal verzetteln sie sich.

Nicht zu Ende gedachte ArgumentationsstrÀnge und halbgare ErklÀrungsversuche ziehen die Folgen manchmal etwas in die LÀnge, doch dieser entspannte Umgang macht den Charme des Podcasts aus. Nach jeder Folge schwirren der Hörer*in diverse Buchempfehlungen, Veranstaltungshinweise, Verweise auf aktivistische Netzwerke und gelegentlich auch mal ein schlechter Marx-Witz durch den Kopf.

FÜR WEN IST DER PODCAST?

Die Themen sind nicht ganz voraussetzungslos, ein grundlegendes VerstĂ€ndnis fĂŒr linke und feministische Theorien und Begriffe macht es definitiv leichter, den GesprĂ€chen zu folgen. Doch die Moderatoren geben sich immer MĂŒhe, nicht zu viele Konzepte in eine Folge zu laden und lassen sich genug Zeit, um auch komplexe ZusammenhĂ€nge im Verlauf des GesprĂ€chs klar herauszuarbeiten.

WIE HÖRT SICH DAS GANZE AN?

Die einzelnen Folgen werden als kleine Radiosendungen aufgenommen und können sowohl live als auch im Archiv gehört werden. Der Podcast erscheint unregelmĂ€ĂŸig im Schnitt alle zwei Monate, interessierte Hörer*innen können sich im Archiv knapp 20 bereits erschienene Folgen zu GemĂŒte fĂŒhren, die jeweils zwischen 60 und 90 Minuten lang sind.

Neben dem GesprĂ€ch der Moderatoren mit ihren GĂ€sten sind immer wieder Interviews, Dokumentationen oder O-Töne relevanter Akteur*innen eingespielt. Ein bisschen so, wie man im GesprĂ€ch unter Freund*innen das Handy zĂŒckt, um kurz diesen einen Ausschnitt aus der Rede einer Politikerin zu zeigen, auf den man sich gerade bezieht. Zusammengehalten werden die einzelnen Teile mit einem erfrischenden Mix aus 2000er-Trash, Techno und Minimal, Indie- und Punkrock-Klassikern – echtes Radioflair eben.

Helene JĂŒttner

Link zum Podcast »Geranien und Pflastersteine«: https://bit.ly/3uNH104




Quelle: Contraste.org