September 27, 2021
Von Contraste
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In unserer Serie
»Gutes auf die Ohren« stellen wir euch interessante Podcasts vor.

Was anfĂ€ngt wie ein schlechter Witz, ist der Titel eines Podcasts von den drei Freund*innen Vincent Kadiri, Azeret Koua und Nathan Bechhofer. Sie alle gehören religiösen und ethnischen Gruppen an, die in Deutschland Minderheiten sind, und sprechen im Podcast darĂŒber, was das in einer weißen Mehrheitsgesellschaft bedeutet.

Vincent und Azeret sind Schwarze, Nathan ist Jude. Egal, ob angestoßen durch ihr Aussehen, ihre Namen oder die Art zu sprechen – alle drei erleben in Deutschland Diskriminierung. Ihre Erfahrungen stehen beispielhaft fĂŒr den Alltag vieler Menschen. FĂŒr Azeret ist es normal, in der U-Bahn angestarrt zu werden, mal mit neugierigen, mal mit offen feindseligen Blicken. Nathan ist Atheist, aber viele denken, als Jude mĂŒsse er strengglĂ€ubig sein. Vincent wurde schon als Kind von Fremden angespuckt und rassistisch beleidigt.

WORUM GEHTS?

Die drei sprechen im Podcast ĂŒber Fragen der Zugehörigkeit zu und der Identifikation mit einer deutschen Kultur. Was sie ĂŒber ihre Herkunft und ihre Biographien, ihr Aufwachsen und ihre Sozialisierung erzĂ€hlen, hilft zu verstehen, wie ihre jeweiligen Diskriminierungserfahrungen zustande kommen.

Anfangen kann das schon bei der Frage »Wo kommst du her?«. WĂ€hrend sie oft von aufrichtigem Interesse zeugt und interessante GesprĂ€che anstoßen kann, hat sie auch eine hĂ€ssliche Seite. Denn die Frage nach der Herkunft eines Menschen kann ganz schnell im Subtext ein misstrauisches »von hier ja offensichtlich nicht« enthalten. Diese Zuschreibungen von nicht-Zugehörigkeit formt den Alltag diskriminierter Menschen. Aus einem »von hier kommst du nicht« wird schnell ein »hier gehörst du nicht her« und Menschen, denen tagtĂ€glich nicht-Zugehörigkeit unterstellt wird, und sei es nur durch einen Blick, entwickeln ein feines GespĂŒr fĂŒr die Absichten anderer. Die drei Moderator*innen reagieren unterschiedlich auf die Frage. Aber alle drei wissen, wann das GegenĂŒber aus Neugier fragt und wann aus Misstrauen und Feindseligkeit.

Aus den GesprĂ€chen von Vincent, Nathan und Azeret wird deutlich, dass Minderheiten gerne mal zwischen allen StĂŒhlen sitzen. Das Motto heißt: Diskriminierung von allen Seiten. Azeret hat eine verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig helle Hautfarbe und wird mal als »zu hellhĂ€utig« und mal als »zu schwarz« diskriminiert. Egal in welcher homogenen Gruppe sie sich bewegen, es wird ein Grund gefunden, sie auszugrenzen. Entkommen können sie dem nur in heterogenen, inklusiven Gruppen. Dort finden sie sichere RĂ€ume – so genannte »Safe-Spaces«. Vincent erzĂ€hlt zum Beispiel begeistert von seiner Arbeit am Max-Planck-Institut in Stuttgart: Die Gruppe seiner Kolleg*innen ist so multikulturell, dass sie jedes Jahr das Weihnachten einer anderen Kultur feiern. In diesen Kreisen ist der Umgang mit Herkunft und IdentitĂ€t ein anderer, das GesprĂ€ch ĂŒber Exotisierung, Diskriminierung, Antisemitismus und Rassismus freier.

FÜR WEN IST DER PODCAST?

Der Podcast richtet sich an Menschen, die Ă€hnliche Erfahrungen machen, die anderen Minderheiten angehören und einen sicheren Raum suchen, in dem ĂŒber Ausgrenzung und Diskriminierung offen gesprochen wird. Wie wichtig diese RĂ€ume sind, wird in einer Folge klar, in der die Moderator*innen das GesprĂ€ch unterbrechen: Sie stellen fest, dass die Unterhaltung eine andere wĂ€re, wenn mehr weiße Mehrheits-Deutsche im Raum wĂ€ren. Der Podcast richtet sich außerdem an alle, die empathisch sein wollen und denen es ein Anliegen ist, die Situation diskriminierter Minderheiten verstehen zu können. Er schafft BerĂŒhrungspunkte: FĂŒr Betroffene, die einen Safe-Space und Austausch suchen. FĂŒr nicht-Betroffene, die eigene Privilegien reflektieren wollen.

WIE HÖRT SICH DAS GANZE AN?

Der Podcast erscheint einmal im Monat, die Folgen sind zwischen 40 und 90 Minuten lang, je nachdem wie hitzig die GesprÀche zwischen den drei werden. Seit Beginn der Pandemie pausiert der Podcast, das Archiv umfasst 13 Episoden.

Link: https://tbjpodcast.podigee.io/

Helene JĂŒttner




Quelle: Contraste.org