April 3, 2021
Von Indymedia
284 ansichten


Am Donnerstag begann in der Region Hannover eine vorerst bis zum 12. April befristete Ausgangssperre von 22 bis 5 Uhr. Gegen dieses Instrument aus dem Kriegsrecht gab es einen Aufruf, sich auf den PlÀtzen in den Stadtvierteln zu versammleln und so ein Zeichen des Widerstandes zu setzen. Der Aufruf steht unten zum Nachlesen.

Ab 21 Uhr sammelten sich an der Lutherkirche, dem zentralen Platz in der Nordstadt, etwa 70 Leute. Bis zehn warteten alle gespannt, wann die Bullen auftauchen wĂŒrden. Bis dahin wurden 2 Transparente aufgehĂ€ngt: “Freie Impfpatente statt Ausgangssperre!”. Die Stimmung war eher gespenstisch. Hier und da tranlen Leute ein Bierchen und plauderten in kleinen GrĂŒppchen. Es gab keine Eigeninitiative von Gruppen oder Einzelpersonen – also kein FlufblĂ€tter, Reden, SprĂŒhereien, Parolen, Schilder, Lautsprecher… von all dem nichts.

Um zehn wurden kurz Parolen gerufen und dann wurde es wieder still. Der einzelne Streifenwagen der auftauchte, haute wieder ab, nachdem den Beamt_innen schnell verbal deutlich gemacht wurde, dass sie nicht erwĂŒnscht sind.

Es blieb unklar, was jetzt eigentlich passieren soll. Der Aufruf setzte auf Eigeninitiiative. Aber die blieb Mangelware. Irgendwann wurde laut die Frage in den Raum gestellt, wie es mit einer Spontandemo durchs Viertel wĂ€re, damit wir hier nicht noch einfach doof dastehen. Es gab ein wenig Zustimmung und schon formierte sich eine kleine Demo und ging laut durch die gespenstisch  leeren Straßen. Kein Mensch war zu sehen. Hier und da wurden VorhĂ€nge zur Seite geschoben, Smartphones gezĂŒckt, Fenster geöffnet. Obwohl die Demo wirklich laut war, schien die Stadt zur Kulisse degradiert, die Menschen vor den Fernsehern und an den Rechnern erschienen als Statist_innen einer autoritĂ€ren Inszenierung. Nur eine Tröte, ein paar Böller und die imer wieder gerufenen Parolen halten durch Stadtkulisse: “Corona-Schutz:Ja! – Ausgangssperre: Nein!”, “Impfstoff fĂŒr Alle, sonst gibt’s Krawalle!”…

Nach 20 Minuten endete die Demo wieder an der Lutherkirche, wo man beschloss, sich aufzuösen und zu gucken, was in den nÀchsten NÀchten geht.

Außer Zivibullen, tauchte keine OrdnungshĂŒter_in auf. Erst nachdem sich die Leute zerstreut hatten, besetzten Polizeieinheiten strategisch die Kreuzungen, um Leute abzufangen und Macht zu demonstrieren.

Es war gut, dass ĂŒberhaupt Leute auf die Straße gegangen sind. Aber warum waren es nur 70? Wenn nicht mal eine Ausgangssperredie eingerostete Linke aus dem Wohnzimmer treibt, was dann? Es war auch depremierend, dass nur ein kleiner Teil derer, die sich als radikale Linke bezeichnen, auf die Straße gingen. Auch merkte man nicht, dass angeblich 65% der Hannoveraner_innen gegen eine Ausgangssperre sind. Vielleicht lag es daran, dass der Aufruf von keiner Gruppe unterzeichnet war, sondern im  Netz und auf Plakaten anonym verbreitet wurde. Braucht es immer enen wichtigen Namen, damit man wem hinterherlaufen kann? Reicht nicht, dass man etwas inhaltlich gut findet?

Der Versuch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams massenhaft die Ausgangssperre zu durchbrechen, ist auf jeden Fall nicht gelungen. Dass es keinen gesellschaftlichen Aufschrei angesichts einer Ausgangssperre gibt, lĂ€sst uns etwas verzweifelt zurĂŒck. Mal sehen, was in den nĂ€chsten Tagen so geht.

Wir halten es fĂŒr richtig, weiter nach 22 Uhr laut auf den Straßen zu sein. Das ist das mindeste, was versucht werden muss. Eine ausfĂŒhrlichere Analyse dieses deutschen Deasasters folgt vielleicht irgedwann.

Eines wollen wir aber klar sagen: Wer Ausgangssperren politisch hinnimmt, steht unserer Meinung nach nicht auf der gleichen Seite der Barrikade. Wer glaubt Widerstand erschöpfe sich darin, seine Meinung im Netz kund zu tun, ist eine Stubenhocker_in – aber mehr nicht . Wir hoffen, dass es woanders anders aussieht. Ach ja: im Stadtteil Linden sollen auch 10 Leute auf dem KĂŒchengarten gewesen sein. Wir grĂŒĂŸen euch!

AutoritÀre Herrschaft angreifen!

einige NordstÀdter_innen

Hier der Aufruf, den wir richtig finden und fanden, und dem wir gefolgt waren:

“Auf die Straße gegen die Ausgangssperre !

Die Corona-Pandemie ist ein ernstzunehmendes und lebensbedrohliches Problem vor dem wir stehen. Das wollen wir auf keinen Fall klein reden. Eine Ausgangssperre zu verhĂ€ngen, um das Virus einzudĂ€mmen, ist aber die falsche Antwort! Mal ehrlich, wer soll damit geschĂŒtzt werden?
Morgens um 6:00 sind die Straßenbahnen voll von Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit sind – keine Möglichkeit Abstand zu halten, trotz der hohen Ansteckungsgefahr. Zwischen 7:00 und 18:00 Uhr sitzen die Menschen zusammen in ihren GroßraumbĂŒros oder stehen in den Amazon-Logistikhallen, die schnell als Corona-HotSpots gehandelt wurden, arbeiten in Schlachtbetrieben mit fetten Corona-Skandalen, stecken sich wĂ€hrend ihrer Arbeistzeit gegenseitig an und treiben den Inzidenswert so in die Höhe.
Die BeschrĂ€nkungen kommen dann pĂŒnktlich zum Feierabend: Keine privaten Treffen, keine Kulturangebote, keine Konzerte oder Kinobesuche, keine Sportvereine & Fitnesscenter, nix mit Essen gehen, Kneipe oder Shisha rauchen. In einer Pandemie Kontakte zu beschrĂ€nken macht Sinn – keine Frage – aber eine Ausgangssperre auf keinen Fall!
Ab dem 1. April gilt die Ausgangssperre. Eine der wenigen Ausnahmen: Der Weg zur Arbeit.
Ich darf also mit vielen Leuten zur Arbeit gehen, aber abends keinen Spaziergang alleine im Park machen?
Ausgangssperren sind ein polizeistaatliches Mittel, dass die EinschrÀnkungen im Privaten auf die Spitze treibt, damit die Wirtschaft weiter am Laufen gehalten werden kann.
Doch wen trifft die Ausgangssperre eigentlich am hĂ€rtesten? Nicht rausgehen zu dĂŒrfen, bedeutet fĂŒr manche von uns, in ihren viel zu kleinen Wohnungen eingesperrt zu sein; nicht weggehen zu können, nach dem Streit mit dem Partner. Und wie halte ich mich eigentlich an die Ausgangssperre, wenn ich gar keine Wohnung habe? Ein Bußgeld fĂŒrs trotzdem rausgehen, können sich auch nicht alle leisten.

Um das Virus einzudÀmmen braucht es ein solidarisches Miteinander, bei dem der Schutz der Menschen im Mittelpunkt stehen sollte und nicht die Profite der Wirtschaft.

Deshalb lasst uns am Donnerstag dem 1. April ab 21 Uhr zu den zentralen PlÀtzen unserer Stadtteile gehen und deutlich machen, dass wir uns unsere Stadt nicht nehmen lassen.
Achtet auf Coronaschutz, tragt Masken und haltet Abstand zueinander.”




Quelle: De.indymedia.org