MĂ€rz 8, 2021
Von Anarchosyndikalismus
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Die britische Solidarity Federation Liverpool (SF-IAA) hat am 17.02.2021 folgenden Text veröffentlicht:

Im Vereinigten Königreich erlebt jede dritte Frau* und 2,5 % aller MĂ€nner* in ihrem Leben hĂ€usliche Gewalt. Ein FĂŒnftel der berufstĂ€tigen Frauen* musste deswegen eine Auszeit nehmen, doch nur 5% aller Arbeitgeber*innen bieten spezielle Maßnahmen, um hĂ€usliche Gewalt zu thematisieren und die Mitarbeiter*innen zu unterstĂŒtzen.
Foto: Vanessa Gor / WikimediaCommons
Momentan wird darĂŒber diskutiert, die entsprechende Gesetzgebung (Domestic Abuse Bill) wegen ihrer Definition von Missbrauch zu ĂŒberarbeiten. Sie soll nun auch wirtschaftlichen und finanziellen Missbrauch umfassen, um anzuerkennen, dass es den Betroffenen unmöglich ist ihr Geld zu verwalten, solange sie von ihren Missbraucher*innen abhĂ€ngig sind. Das neue Gesetz mag zwar gut gemeint sein, greift jedoch zu kurz. Wir haben keine Zeit, um auf seine Verabschiedung zu warten. Oder darauf, dass Gelder und Mittel bei den Kommunen ankommen. Eine Auflistung derjenigen, die trotz dieses Gesetzes ungeschĂŒtzt bleiben, wĂ€re endlos.

FĂŒr einige Leute kann eine Flucht aus dem Missbrauch Obdachlosigkeit oder sogar Abschiebung bedeuten. Den Frauen* ohne Zugang zu öffentlichen Fördergeldern (Asylsuchende und Migrant*innen ohne Papiere) wird der Zugang zu NotunterkĂŒnften verweigert, wenn sie versuchen ihren Missbraucher*innen zu entfliehen und sie bekommen weder eine Wohnung, noch Hilfsgelder. Die Polizei tauscht zudem alle Informationen ĂŒber den Migrationsstatus von Opfern mit dem Innenministerium aus, um die Einwanderung zu kontrollieren. Nicht-weiße (black and minority ethnic), migrantische, behinderte, queere (LGBTQIA) und erwerbslose Frauen* sind jetzt und in Zukunft einem höheren Risiko der VernachlĂ€ssigung ausgesetzt und werden zudem fĂŒr ihr UnglĂŒck verantwortlich gemacht.

Zudem erschwert eine Mischung aus schlechten Arbeitsbedingungen und Sexismus am Arbeitslatz den Opfern und Überlebenden von Misshandlung den Zugang zu den benötigten Hilfen und UnterstĂŒtzungsleistungen. Wenn wir also SolidaritĂ€t am Arbeitsplatz schaffen wollen, so mĂŒssen wir uns der Tatsache bewusst sein, dass unsere Kolleg*innen möglicherweise zuhause von Gewalt betroffen sind. Und wir dĂŒrfen auch nicht die Anzeichen ĂŒbersehen, falls ein*e Kolleg*in selbst Missbraucher*in ist.

Es ist unsere Verantwortung, uns zu bilden und zu organisieren, um sicherere ArbeitsplĂ€tze zu gestalten. Wenn du in einem gewerkschaftlich organisierten Betrieb arbeitest, so mische dich ein und mache Druck, um bessere Bedingungen durchzusetzen. Frage nach, wie Maßnahmen gegen hĂ€usliche Gewalt entsprechend der Gesetze zum Schutz von Frauen* und MĂ€dchen* (VAWG) umgesetzt werden können. Wenn es an deinem Arbeitsplatz keine Gewerkschaft gibt, dann kannst du mit deinen Kolleg*innen diskutieren und dich organisieren, um eure Bedingungen zu verbessern. Macht einen Plan, um Betroffene und Überlebende zu unterstĂŒtzen, auch damit niemand wegen der erlebten hĂ€uslichen Gewalt mit Abmahnungen bestraft wird.

UnterstĂŒtzung am Arbeitsplatz fĂŒr Opfer und Überlebende hĂ€uslicher Gewalt:
– Glaubt ihnen
– Respektiert ihre PrivatsphĂ€re. Vertraulichkeit ist grundlegend, unabhĂ€ngig von eurem VerhĂ€ltnis zu diesen Personen. Sprecht nicht ohne ihre Zustimmung mit anderen Kolleg*innen, Freund*innen oder Vorgesetzten ĂŒber ihr Privatleben.
– Bedenkt, dass eine Flucht aus dem Missbrauch nicht immer möglich ist. Hört zu und unterstĂŒtzt, aber handelt nicht stellvertretend und meldet nichts, außer diese Personen befindet sich in unmittelbarer Gefahr. Sonst könntest ihr deren Lage noch verschlimmern.
– Helft ihnen mit den Arbeitsaufgaben und springt ein, wenn sie eine Auszeit brauchen. Verratet sie nicht, wenn sie ihre Arbeit nicht erledigt haben.
– Tauscht möglichst Schichten oder Stellen mit ihnen, damit die Missbraucher*innen nicht ihre Arbeitsstrukturen kennen.
– Wenn machbar, geht fĂŒr sie ans Telefon, um mögliche Anrufe der Missbraucher*innen zu verhindern.
– Bietet an, sie abzuholen und nach Hause mitzunehmen, um Begegnungen mit ihren Missbraucher*innen zu vermeiden.
– Bereitet euch darauf vor, dass die Missbraucher*innen am Arbeitsplatz auftauchen könnten.
– UnterstĂŒtzt sie aktiv durch Begleitung zu Mitarbeiter*gesprĂ€chen und Kranken*gesprĂ€chen.
– Wenn es sich bei den Missbraucher*innen um eure Kolleg*innen (oder Chef*innen) handelt, dann verhindert, dass die Betroffenen jemals mit denen alleine sind, und helft bei der Beweissicherung des Missbrauchshandelns.
– Macht gemeinsame Aktionen gegen ungerechte Entlassungen und Strafmaßnahmen.

Fordert Änderungen eurer Arbeitsbedingungen und der Betriebskultur,
um die Betroffenen weiter zu unterstĂŒtzen:
– Flexible Arbeitsbedingungen und angemessener Auftragsumfang bei gleicher Bezahlung
– Bezahlte Auszeit und spezielles Urlaubsgeld, unabhĂ€ngig vom garantierten Jahresurlaub.
– Wechsel der Arbeitszeiten und -plĂ€tze, sowie Wechsel der Telefonnummern/E-Mail-Adressen, um zu verhindern, dass die Missbraucher*innen sie im Betrieb kontaktieren oder aufsuchen.
– Keine Strafmaßnahmen wegen Abwesenheit oder Minderleistung.
– Vorauszahlung von Geldern zur UnterstĂŒtzung von Überlebenden.
– Sicheren Zugang zu speziellen Hilfsangeboten und Informationen.
– Weiterbildung und AufklĂ€rung zum Thema, um den einstieg in die Hilfe sicher und angemessen zu gestalten.
– Ausarbeitung einer Strategie gegen hĂ€usliche Gewalt (Domestic Abuse Policy) samt Sicherheitsplan zur Einrichtung eines UnterstĂŒtzungsnetzwerks fĂŒr Opfer und Überlebende

Sexismus und geschlechtliche Gewalt liegt in der Verantwortung von allen. Allein letztes Jahr [2020] waren 2,4 Millionen Erwachsene im Vereinigten Königreich von hÀuslicher Gewalt betroffen. Schaut euch um und organisiert euch, um das zu Àndern.

Falls Du Interesse an einer Organisierung an deinem Arbeitsplatz hast, so bietet die Solidarity Federation eine Reihe von Trainingskursen an, darunter auch Kurse fĂŒr Frauen*, welche sich am Arbeitsplatz organisieren möchten. Außerdem begrĂŒĂŸen wir alle anonymen Berichte/Beispiele ĂŒber Erfahrungen mit hĂ€uslicher Gewalt, die in den Kursen vorgestellt werden können. FĂŒr weitere Informationen schreibt an solfed.training@gmail.com [
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Quelle: http://liverpoolsf.org/domestic-violence-is-a-workplace-issue/

Übersetzung: Anarcho-Syndikalistisches Netzwerk – ASN Köln, https://asnkoeln.wordpress.com, (CC: BY-NC)




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org