MĂ€rz 16, 2021
Von Indymedia
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Wir wĂ€hlten 5 verschiedene FLINTA*s aus, die alle in Hamburg gelebt haben, von verschiedenen Diskriminierungsformen betroffen waren und unterschiedliche KĂ€mpfe gefĂŒhrt haben. Dabei gĂ€be es noch sehr viel mehr Personen, auf die wir gerne aufmerksam machen wĂŒrden, die Auswahl beansprucht keine VollstĂ€ndigkeit oder ReprĂ€sentanz aller Personengruppen oder KĂ€mpfe fĂŒr sich.

* FLINTA ist eine AbkĂŒrzung. Sie steht fĂŒr Frauen (das meint meist spezifisch cis hetero Frauen), Lesben, Inter Menschen, NichtbinĂ€re Menschen, Trans Menschen und Agender Menschen.

** Cis bezeichnet jene, die sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, identifizieren und dieses Geschlecht auch ausagieren.

SEMRA ERTAN

Semra Ertan wurde am 31.5.1956 in Mersin, TĂŒrkei, geboren und kam 1972 im Alter von 15 Jahren mit ihren sechs Schwestern nach Deutschland, weil ihre Eltern hier als auslĂ€ndische Arbeiter*innen lebten. Sie arbeitete als Dolmetscherin und technische Bauzeichnerin, betĂ€tigte sich politisch gegen Rassismus und fĂŒr Frauenrechte. Semra Ertan war Lyrikerin und schrieb mehr als 350 Gedichte. Aus Protest gegen den alltĂ€glichen Rassismus und Diskriminierung verbrannte sie sich am 24.5.1982 öffentlich und starb zwei Tage spĂ€ter an den schweren Verbrennungen. Am 23.5.1982 kĂŒndigte Semra Ertan ihren Freitod in Anrufen an den NDR und das ZDF an und forderte: „Ich möchte, dass AuslĂ€nder nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern, dass sie auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden.“

HEIDI BURMEISTER

Heidi Burmeister wurde am 4.11.1944 in Bad Doberan geboren. Als Tochter einer Arbeiterfamilie, lernte sie frĂŒh Diskriminierung kennen. FĂŒr die Eltern kam eine höhere Schulausbildung fĂŒr die Tochter nicht in Frage. In der Lehre zur Einzelhandelskauffrau kĂ€mpfte sie gegen traditionelle Weiblichkeits-vorstellungen. Heidi Burmeister initiierte mit anderen die „ Hamburger Frauenwoche“; grĂŒndete den Verein „Frauen auf Reisen“ und die FrauenAnstiftung. Ihre Veranstaltung „Chancen und Fallstricke lesbischer Liebe“ stieß auf ĂŒberwĂ€ltigendes Interesse, weil dieses Thema sonst nirgends öffentlich besprochen wurde. Zudem war sie sehr aktiv in der Anti-Atomkraft Bewegung, grĂŒndete ein Frauenforum im Wendland und schrieb ein Buch: „Zu kĂ€mpfen allein schon ist richtig“. Am 11. Dezember 1999 ist Heidi Burmeister in Hamburg gestorben.

ANGIE STARDUST

Angie Stardust wurde 1939 in Norfolk/Virginia geboren und wuchs in Harlem/New York City auf. Bereits in der Kindheit merkte sie, dass sie eine Frau ist, was seitens des Vaters regelmĂ€ĂŸig zu VorfĂ€llen hĂ€uslicher Gewalt fĂŒhrte. Mit 14 stand sie das erste Mal auf der BĂŒhne und setzte sich gegen den Rassismus in der weißen Travestie-Szene durch. Sie war von rassistischen und transfeindlichen Übergriffen durch die New Yorker Polizei betroffen. Angie Stardust tourte durch Europa und ging 1983 nach Hamburg. Dort leitete sie das „Crazy Boys“, das erste schwule Striptease-Theater in Deutschland. Sie wurde zum Star des Pulverfass-Cabarets und grĂŒndete 1991 ihren eigenen Nachtclub, „Angie’s Nightclub“ im Schmidts Tivoli-Theater. Als Hamburger Szenepersönlichkeit erhielt sie den Beinamen „Big Mama of Soul“. Außerdem spielte sie in verschiedenen Filmen mit, u.a. 1983 in Rosa von Praunheims „Stadt der Verlorenen Seelen – Berlin Blues“. Angie Stardust starb am 1. Oktober 2007 in Hamburg.

DOROTHEA BUCK

Dorothea Buck wurde am 5. April 1917 in Naumburg a. d. Saale geboren. Im Alter von 19 Jahren wurde sie mit der Diagnose „Schizophrenie“ erstmals psychiatrisch behandelt und lernte die damals ĂŒblichen menschen-verachtenden Praktiken zur „Disziplinierung“ kennen. Aufgrund des nationalsozialistischen „Gesetzes zur VerhĂŒtung erbkranken Nachwuchses“ wurde Dorothea Buck zwangssterilisiert, was ihren persönlichen sowie beruflichen Werdegang einschrĂ€nkte, denn nach NS-Recht durften Zwangssterilisierte keine sozialen Berufe ausĂŒben. Dorothea Buck setzte sich vor allem fĂŒr eine verstĂ€ndigere und menschlichere Psychiatrie ein. Sie grĂŒndete mit anderen Betroffenen den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener sowie das erste Psychoseseminar in Hamburg. Hierbei treten Patient_Innen, Angehörige und in der Psychiatrie BeschĂ€ftigte in einen gleichberechtigten Austausch (Trialog) ĂŒber psychische Erkrankungen. 1987 begrĂŒndete Dorothea mit anderen den „Bund der Zwangssterilisierten und „Euthanasie“-GeschĂ€digten e.V.“ und trug somit dazu bei, diese Opfergruppe des Nationalsozialismus vor dem Vergessen zu bewahren. Dorothea Buck ist am 09.10.2019 in Hamburg verstorben.

GERTRUD BAER

Gertrud Baer wurde am 25. November 1890 in Hamburg geboren. IBereits mit 15 Jahren begann Gertrud Baer, sich in der Frauenstimmrechts-bewegung zu engagieren. Auf einer verbotenen Frauenversammlung lernte sie Lida G. Heymann kennen. Mit ihr grĂŒndete sie das Hamburger erste Frauenzentrum. In der Zeit des I. Weltkriegs siedelte Gertrud Baer nach MĂŒnchen um und wandte sich öffentlich gegen den Krieg. 1915 nahm sie am Internationalen Frauenkongress in Den Haag und an der GrĂŒndung der Internationalen Frauenliga fĂŒr Frieden und Freiheit (IFFF) teil. In der MĂŒnchner RĂ€terepublik richtete sie im Sozialministerium ein Frauenreferat ein. In den 20er-Jahren emigrierte sie in die USA. Dort war sie fĂŒr die IFFF tĂ€tig, Mitarbeiterin bei der UN-Menschenrechtskommission, Mitglied der Internationalen Liga fĂŒr Menschenrechte und Herausgeberin der Zeitschrift „Pax et Libertas“. 1977/78 erschien ein Dokumentationsfilm: „Gertrud Baer – Ein Leben fĂŒr die Gleichberechtigung der Frau, fĂŒr Frieden und Freiheit“. Gertrud Baer starb am 15. Dezember 1981 in Genf.




Quelle: De.indymedia.org