Februar 27, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Vor hundert Jahren starb am 08. Februar 1921 Peter Kropotkin, der den kommunistischen Anarchismus mit seinem revolutionĂ€ren Werk „Die Eroberung des Brotes“ prĂ€gte und mit seiner „Gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ ein wissenschaftliches Werk zur Natur und Menschheitsgeschichte hinterließ, das bis heute inspiriert.

Gegenseitige Hilfe und Selbstorganisation als Überlebensstrategien

Zwei Bemerkungen vorweg: Es geht hier nicht darum, Kropotkins Werk als Gegenentwurf zu Darwins Evolutionstheorien „On the Origins of Species“ darzustellen. Weder hat Darwin seine AusfĂŒhrungen auf die Menschheit ĂŒbertragen, – den sogenannten „Sozialdarwinismus“ haben andere verbrochen, – noch hat Kropotkin Darwins Forschungen widerlegen wollen. Er sah sein Werk vielmehr als auf die Menschheit bezogene ErgĂ€nzung. Eine ErgĂ€nzung zu Darwins „Survival of the fittest“ und gleichzeitig als ErgĂ€nzung zu Marxens Konzentration auf die Ökonomie. Zum weiteren hat Kropotkin seine Beispiele aus der Tierwelt nicht wie etwa in Wuketits‘ Vorwort zur 2012 Ausgabe der Trotzdem Verlagsgenossenschaft nahegelegt wurde, auf die Natur des Menschen ĂŒbertragen, sondern er stellte Parallelbeispiele dar, um ein ganz anderes Ziel zu verfolgen: „So kam ich (
) zu der Erkenntnis, daß der Anarchismus mehr zu bedeuten hat, als eine bloße Aktionsmethode oder nur eine besondere Auffassung von einer freien Gesellschaftsordnung. Er stellte sich mir bald dar als Teil einer natĂŒrlichen und sozialen Philosophie, die in ganz anderer Weise als die bisher in den anthropologischen und soziologischen Wissenschaften angewandten metaphysischen und dialektischen Methoden zu entwickeln war.“ (1) Kropotkin erkannte in den Überlebensstrategien von UnterdrĂŒckten in der Menschheitsgeschichte einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit, den er in die Betrachtung aufgenommen sehen wollte. Diese Überlebensstrategien funktionierten nicht zufĂ€llig mittels Gegenseitiger Hilfe und der Selbstorganisation von Menschen. Damit erweiterte er Darwins Perspektive aus dessen Werk „The descent of man, and selection in relation to sex“ (1871), der sich mit Blick auf die Menschheitsentwicklung nur auf das Individuum bezog, um die soziale Komponente.

Grundlagen der anarchistischen Prinzipien

1887 hatte Kropotkin in der Londoner Zeitschrift Freedom den Fingerzeig gegeben, der fĂŒr anarchistisches Verhalten im Hier und Jetzt weiterhilft. In seinem Artikel „Act for yourselves“ gab er auf die hĂ€ufig gestellte Frage: „Wie wirst Du eine zukĂŒnftige Gesellschaft nach anarchistischen Prinzipien organisieren?“ folgende Antwort: „Wenn die Frage an Herrn Bismarck oder an irgendjemand gestellt wĂŒrde, der meint, dass eine Gruppe von Menschen in der Lage ist, die Gesellschaft so zu organisieren, wie sie selbst es wĂŒnschen, wĂ€re sie sehr natĂŒrlich. Aber in den Ohren eines Anarchisten klingt sie sehr befremdlich und die einzige Antwort, die wir geben können ist: ‚Wir können Euch nicht organisieren. Es wird an Euch liegen, welche Organisation Ihr wĂ€hlt.‘“(2)

In der GWR 455 hat der Fotograf Theo Heimann seine Überzeugung mit den Worten zusammengefasst: „Menschlich und fair miteinander umgehen und die anderen lassen, wie sie sind, Kooperation statt Konkurrenz, Gegenseitige, soziale Hilfe, das ist fĂŒr mich schon Anarchismus.“ Das klingt sehr nach Kropotkin und ist auch immer mein eigener Ansatz zum Handeln und Verhalten im Kapitalismus gewesen. Mensch kann immer etwas tun, kann sich entscheiden, kann aus Überzeugung Anpassungen aller Art widerstehen, egal wann und wo Manchmal ist es auffĂ€llig anarchistisch, in dem eine politische Aktion durchgefĂŒhrt wird, manchmal ist es eine Äußerung, sei es schriftlich oder mĂŒndlich, aber viel hĂ€ufiger sind es einzelne Verhaltensweisen, in denen wir AutoritĂ€ten ablehnen, entlarven, unterlaufen, kritisieren; in denen wir Unrecht oder Intoleranz gegen SchutzbedĂŒrftige, Minderheiten, FlĂŒchtlinge bekĂ€mpfen und vieles andere mehr. Wir haben die Augen offen fĂŒr LĂŒcken im System, fĂŒr grĂ¶ĂŸere und kleinste FreirĂ€ume, EntscheidungsspielrĂ€ume, die wir erkennen und nutzen, um eine bessere Gesellschaft voranzubringen. Das war nicht immer die Überzeugung von revolutionĂ€r gesinnten Menschen Nur zu oft wurde daran gedacht, die gesellschaftlichen ZustĂ€nde ins UnertrĂ€gliche laufen zu lassen, um dann aus der Not und dem Elend der UnterdrĂŒckten die Revolution zu erwarten. Die Geschichte hat gezeigt, dass es besonders schwierig ist, in solchen Situationen mehr als autoritĂ€re Systeme entstehen zu lassen. Der Hang zum Terrorregime wurde seit Robespierre mit unterschiedlichen Argumenten mehrfach wiederholt.

Wie macht man ein Dorf demenzfreundlich?

Kropotkin arbeitete an der Gegenseitigen Hilfe sieben Jahre lang, immer wieder von anderen Veröffentlichungen und Ereignissen wie dem Burenkrieg unterbrochen. Von 1890 bis 1896 veröffentlichte er Artikel in der Zeitschrift „Nineteenth Century“. 1902 erschien sein Werk „Gegenseitige Hilfe“ zum ersten Mal als Buch. Seitdem gibt es dieses Wort, das bis heute mehr und mehr Resonanz gefunden hat; auch in der Arbeitswelt, in der die vorherrschenden Chefstrukturen und HerrschaftsallĂŒren durch die Delegation von Verantwortung in Teams herausgefordert werden. NatĂŒrlich geschieht dies im Kapitalismus nicht aus idealistischen GrĂŒnden, sondern weil erkannt wurde, dass es effizientere, gewinnbringendere Ergebnisse liefert. Aber genau dies waren auch Kropotkins Beispiele, wenn er von den mittelalterlichen Gilden oder von den Hilfssystemen der Dorfgemeinschaften sprach. Wenn etwas erfolgreich ist und zugleich den Beteiligten mehr Rechte und Akzeptanz verschafft, befindet sich die Gesellschaft auf einem vielversprechenden Weg. Wie macht man ein Dorf demenzfreundlich? Das funktioniert nur mit viel AufklĂ€rung und der Bereitschaft zuzuhören. Will man dementiell Erkrankte nicht wegsperren, sondern in ihrem bisherigen Umfeld leben lassen, funktioniert es nur ĂŒber Gegenseitige Hilfe und gegenseitiges Verstehen. Gleichzeitig zeigt es den Bedarf im Kapitalismus, der jede TĂ€tigkeit zur Ware gemacht hat, fĂŒr die bezahlt werden muss. Gerade im Sozialbereich wurde der Warencharakter vorangetrieben und ist dennoch bereits an seine Grenzen gestoßen, so dass wieder nach Ehrenamtlichen geschrien wird, weil nicht mehr alles bezahlbar ist, weder von den HilfsbedĂŒrftigen selbst noch von der öffentlichen Hand und den Steuerzahlern.

Positives Menschenbild Kropotkins

Was hat aber dazu gefĂŒhrt, dass Kropotkins naturwissenschaftliches Werk, dennoch bis heute einflussreich geblieben ist? Die Antwort ist recht einfach Grundlegend ist sein positives Menschenbild, das er im Unterschied zu anderen Anarchisten naturwissenschaftlich begrĂŒndete. Damit lieferte er den von den Vertretern von Macht und Arroganz verteufelten „Gutmenschen“ bis heute wichtige Argumente. Weshalb also den pejorativ gehandelten Begriff nicht annehmen und positiv umwenden? Schon Oskar Kanehl war Meister darin, Verunglimpfungen ins Gegenteil zu verkehren, vergleiche sein Gedicht „Wir sind der Pöbel, Gott sei Dank“. Es geht uns wie schon Kropotkin nicht um die Meinung, dass Natur und Mensch grundsĂ€tzlich gut sind, wir wissen sehr wohl, zu was Menschen in der Lage sind Schon Kropotkin wies darauf hin, wie wichtig Beeinflussung und Erziehung sind, bei der Frage, welcher Teil des menschlichen Potentials geweckt wird: „Wenn Menschen nicht auf dem Schlachtfeld zum Rasen gebracht werden, ÂŽkönnen sie es nicht aushaltenÂŽ, Hilferufe zu hören, ohne Hilfe zu leisten.“ Auf den Einwand, dass es Gegenbeispiele gibt, bei denen Menschen teilnahmslos einem Ertrinkenden zusahen, ohne einzugreifen, entgegnete er: „Die Antwort ist einfach genug. Der Mensch ist ein Produkt sowohl seiner ererbten Instinkte wie seiner Erziehung. Unter den Bergleuten und Seeleuten erzeugen ihre gemeinsamen BeschĂ€ftigungen und ihr tĂ€gliches Zusammenleben ein GefĂŒhl der SolidaritĂ€t, und die Gefahren, in denen sie leben, erhalten die Tapferkeit. In den StĂ€dten dagegen zieht der Mangel an gemeinsamen Interessen GleichgĂŒltigkeit groß.“ (3)

„Tapferkeit“ zum Eingreifen. Das positive Menschenbild Kropotkins ist deshalb nicht naiv, wie es hĂ€ufig unterstellt wurde, sondern geht vielmehr von der Einsicht aus, dass der Mensch die SolidaritĂ€t mit den Mitmenschen als tragfĂ€higer, nachhaltiger und letztlich gewinnbringender erlebt und dass eine grundsĂ€tzliche Haltung, die Hilfe anbietet, bereichert. Kropotkin lieferte in seiner Arbeit auf 29 Seiten aus dem Tierreich und auf 180 Seiten aus der Menschheitsgeschichte eine Vielzahl an Beispielen; nicht alle sind aus einem europĂ€ischen Blickwinkel leicht zu akzeptieren, aber sie sind dazu geeignet, den Leser*innen ihre eigenen AnsprĂŒche als soziale Wesen ins Bewusstsein zu rufen und sie im Hier und Jetzt zum alltĂ€glichen Handeln zu ermutigen.




Quelle: Graswurzel.net