März 15, 2022
Von La Presse
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Am 4. März besetzte eine Gruppe ein Haus in der Mierendorffstraße 53 und wurde schnell durch die Polizei geräumt. Nach der Luwi71, der B34, der Koburger Brücke und zuletzt der Tiefe3, im Juni 2021, war das die jüngste Besetzung. Wir sprachen rückblickend mit den Aktivisti über die Aktion – und wie es weitergeht.

Wer seid ihr und warum habt ihr ein Haus besetzt?
Wir sind eine Gruppe von FLINTA* (Frauen, Lesben, inter*, nichtbinäre, trans* und agender) Personen, die sich zusammengetan hat, um sich einen Raum in der Stadt zu nehmen, in dem FLINTA* unabhängig von Vermieter*innen, Auflagen und Mietzahlungen sein können. Wir haben keine Lust mehr, dass es zu wenig oder keine selbstbestimmten Schutzräume für FLINTA* Personen gibt und wollten das durch die Besetzung ein Stück weit ändern. Patriachale Strukturen werden durch das Brennglas von Neoliberalismus und nicht zuletzt auch der Pandemie weiter verstärkt  und deshalb sind öffentliche Räume zum Zusammenkommen umso wichtiger. Dabei war uns wichtig, dass wir diesen Raum außerhalb von Profitinteressen erschaffen, um Hierachien und Abhängigkeitsverhältnisse nicht weiter zu reproduzieren.Uns ging es nicht primär um die Besetzung an sich, sondern um die Ladenfläche, die nur für FLINTA* Personen offen war. Der Raum sollte ein Schutzraum sein, in dem FLINTA* Personen weniger Sorge haben müssen Diskriminierung zu erleben. Außerdem sollte der Raum FLINTA* empowern selbst aktiv zu werden, sich gemeinsam widerständig zu vernetzen, sich auszutauschen und so gegen die ganze patriarchale Scheiße militant und autonom zurückschlagen zu können.

Offene Türe und Infotisch statt Barrikaden. Die Besetzung war anders als die anderen. Ging euer Konzept auf?
Offene Türen, Infotisch UND Barrikaden im und vor dem Haus. Unser Fokus lag auf dem offenen Raum. Dafür war es wichtig, ihn von Anfang an allen FLINTA* Personen zugänglich zu machen. Außerdem wollten wir Passant*innen und Nachbar*innen einladen, auch Teil zu haben und ihre Perspektiven mit reinzutragen. Die Antischocke war nicht als Raum der Besetzer*innen gedacht, sondern sollte bewusst von allen gestaltet werden, die sie betreten. Darum hätte auch am selben Nachmittag noch ein offenes Plenum stattfinden sollen, zu dem alle eingeldanen gewesen waren. Unser Konzept ging nicht so auf, wie wir es uns gewünscht hätten. Leider haben die Cops unsere Offenheit ausgenutzt, um die Räumung zu beschleunigen und haben unseren Laden direkt besetzt (und dabei die FLINTA*-only Regelung missachtet). Wir freuen uns trotzdem sehr, dass einige Menschen kurz den Laden besuchen konnten, bevor es vor dem Haus chaotisch wurde. Ein Teilaspekt, der uns sehr wichtig war im Prozess, wurde allerdings komplett erfüllt: Wir wollten solidarisch miteinander sein, Spaß haben und voneinander lernen – egal, wie viel Vorwissen wir haben. Das hat gut funktioniert und wir werden daraus viel Energie für weitere Aktionen ziehen. Es geht uns nicht darum, möglichst krasse Aktionen zu machen, sondern um Selbstorganisierung, gegenseitige Unterstützung und dass FLINTA* Personen sich bestärkt fühlen! 

JournalistInnen hatten Probleme durch die Absperrung ans Haus zu gelangen. Bei der Räumung selbst konnten sie nicht mit ins Haus um zu dokumentieren. Haben sich die Beamt*innen bei der Räumung korrekt verhalten?
Der Zugang zur Umgebung des Haus wurde auch Journalist*innen und der Person, die sich spontan für die Anmeldung der Kundgebung bereit erklärt hatte, verweigert. Die Versammlungsfreiheit wurde bewusst missachtet und erst nach langer Diskussion ermöglicht. Außerdem haben die Cops, nachdem der Laden dicht war, alle Menschen, die sich noch vor dem Haus aufhielten zusammengedrängt und unter an den Haaren herbeigezogenen Vorwürfen polizeilichen Maßnahmen unterzogen. Weil sich Personen auf der Straße zwischen Barrikaden aufgehalten hatten, wurden mehrere Personen erkennungsdienstlich behandelt, eine Person wurde mit Gewalt auf den Boden gedrückt. Als die Personen aus dem Haus geräumt wurden, hat die Polizei deutlich gemacht, dass sie ein ausführender Arm patriarchaler Gewalt ist. Alle Besetzer*innen wurden misgendered und dadurch queerfeindlich behandelt. Die Beamt*innen haben durch ihr Verhalten und Kommentare gezeigt, dass sie die Besetzer*innen nicht ernst nehmen. Aus unserer Sicht kommt dies aus einer patriarchalen Überheblichkeit und der falschen Einschätzung der Behörden, dass FLINTA* Personen schwach und nicht gefährlich wären. Wir haben keinen Bock mehr, aufgrund unserer Körper und Geschlechter ausgelacht zu werden. Ein Grund mehr für uns, unsere eigenen Räume zu schaffen.Diese Räumung hat wieder einmal deutlich gemacht, dass die Polizei vor allem Eigentum und nicht Menschen schützen soll. Das war schon immer so und wird sich auch nicht ändern. Deswegen lehnen wir die Polizei ab. Das heißt es kann auch kein korrektes Verhalten der Polizei geben, weil sie mit egal welchem Verhalten ein System unterstützen, das wir zu tiefst ablehnen. Wir haben keinen Bock auf Hierarchien, Herrschaft und Ausbeutung! Die Beamt*innen, die an der Räumung beteiligt waren, waren größtenteils cis-männlich und haben damit feministische Selbstbestimmung und FLINTA*-Schutzräume mit Füßen getreten. FLINTA*-only gilt in der Antischocke für alle.

Dieses Jahr fand vom 4.-11. März eine bunte Streikwoche mit vielen kämpferischen Aktionen, Vorträgen und Workshops von unterschiedlichen Gruppen statt. Versteht ihr euch als Teil davon?
Wir verstehen uns als Teil feministischer, queerer und anarchistischer Bewegungen und stehen für gemeinsame Kämpfe aller FLINTA* Personen. Die Besetzung war der Versuch die Bewegung hier und anderswo zu stärken, ein Zeichen zu setzen und FLINTA* zu empowern, sich gegen Kapitalismus und Patriarchat, Polizei und Staat aufzulehnen. Wir haben jedoch autonom gehandelt und waren nicht Teil des Orgateams rund um den feministischen Streik.

Wie geht’s weiter?
Miete verweigern, Kündigung ins Klo, Häuser besetzen sowieso. Außerdem: Wir hoffen, dass sich die FLINTA* Personen, die von der Besetzung mitbekommen haben, trotz der schnellen Räumung empowert fühlen. Wir würden uns riesig freuen, wenn sich mehr und mehr FLINTA* Personen zusammen schließen und ihr Ding durchziehen. Wir lassen uns nicht von einer Räumung und Repression durch ein paar Macker niederschlagen. Militante FLINTA*-Organisierung gibt es seit Jahrzehnten und zusammen machen wir damit weiter!Wir bleiben vorerst über unsere Mail und den Blog erreichbar.

/MS TP




Quelle: La-presse.org