Oktober 26, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Der Herbst fing mit historisch wichtigen Ereignissen fĂŒr die sozialen Bewegungen an. Am 26. September 2021 stimmten beim Volksentscheid ĂŒber 59,1 Prozent der Berliner*innen fĂŒr die Enteignung und Vergesellschaftung privater Wohnungsunternehmen. Dieser Erfolg der BĂŒrger*innen-Initiative, deren Name bereits ihr Hauptziel enthĂ€lt – „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ –, wurde in der Mieter*innen-Bewegung verdientermaßen gefeiert. Die Hoffnung ist groß, dass dies in die Praxis umgesetzt wird. Werden die lokalen Mieter*innen-Initiativen in anderen deutschen StĂ€dten in die Fußstapfen Berlins treten? Die steigenden Mieten sind letztendlich auf die profitorientierte Logik der großen Immobilienfirmen zurĂŒckzufĂŒhren, die nicht nur in Berlin aktiv sind.

Die lang erwartete zapatistische „Gira por la Vida“ (dt. „Reise fĂŒr das Leben“) erreichte endlich auch die BRD. 170 Delegierte der zapatistischen Bewegung touren derzeit durch Europa, um sich mit lokalen Aktivist*innen, Initiativen, Kollektiven und Organisationen zu treffen. Das Ziel ihrer Reise sind Vernetzung und Austausch mit den sozialen Bewegungen von unten. Deshalb haben nach der Ankunft in Deutschland zahlreiche Veranstaltungen, Treffen und rege Diskussionen mit lokalen Aktivist*innen stattgefunden, z. B. beim „Rebellischen Zusammentreffen“ im Wendland. Die Zapatistas beteiligten sich auch an Protesten und Blockaden – sei es bei den Aktionstagen gegen den Kohleabbau von „Alle Dörfer bleiben“ in LĂŒtzerath, sei es bei der Blockade des Waffenkonzerns Heckler & Koch in Oberndorf. Über ihre Begegnung mit der GWR bei ihrer Station in MĂŒnster gibt es einen kurzen Artikel von Bernd DrĂŒcke auf unserer Homepage. Wir hoffen, dass wir in einer der kommenden Ausgaben einen ausfĂŒhrlichen Bericht ĂŒber die „Reise fĂŒr das Leben“ veröffentlichen können.

Netzwerke fĂŒr den Frieden

Am 28. September fand das zweite Treffen der Friedenszeitschriften statt, an dem auch die GWR-Redaktion teilnahm. Dabei wurden praktische Erfahrungen mit Online-Ausgaben und mit verschiedenen Social Media verglichen, aber auch ĂŒberlegt, wie die unterschiedlichen Schwerpunkte und Herangehensweisen der Zeitungen genutzt werden können, um gemeinsam bestimmte Themen aufzugreifen. Beim nĂ€chsten Treffen sollen die begonnenen Diskussionen fortgefĂŒhrt und ein regelmĂ€ĂŸiger Austausch etabliert werden.
Auch auf internationaler Ebene mĂŒssen die Vernetzung der Friedensbewegungen und antimilitaristischen Strukturen verstĂ€rkt und die gemeinsame Debatte intensiviert werden. Einen wichtigen Rahmen dafĂŒr bildet die War ResistersÊŒ International (WRI), die in diesem Jahr ihr 100-jĂ€hriges Bestehen feierte und bei der die GWR auch Mitglied ist. Im November lĂ€dt die WRI zu einem mehr als zehntĂ€gigen (Online-)Kongress ein, um kollektiv neue Perspektiven zu diskutieren.

Gewalt gegen Frauen

1981 riefen lateinamerikanische und karibische Feministinnen den 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen aus. Das Datum geht auf den Fall der drei im Widerstand aktiven Schwestern Patria, Minerva und MarĂ­a Mirabal zurĂŒck, die am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik von der MilitĂ€rdiktatur unter Rafael Trujillo ermordet wurden. Mit einer Resolution erklĂ€rte die UN-Generalversammlung 1999 den 25. November zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“. Jedes Jahr werden an diesem Tag weltweit zahlreiche (Gedenk-)Aktionen organisiert, um auf die Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen.
Aus diesen Anlass haben wir „Gewalt gegen Frauen“ zum Schwerpunkt dieser Ausgabe gemacht. Unsere Autor*innen analysieren unterschiedliche Aspekte: Gisela Notz schreibt ĂŒber Gewalt gegen Frauen, deren Formen und Ursachen, aber auch ĂŒber feministische AnsĂ€tze dagegen; Tinet Elmgren widmet sich im Kontext des Falls ValĂ©rie Bacot Gewalt in Beziehungen und in der Familie; Brigitte Kiechle beschreibt die Geschichte des Paragraphen 218 und die Bedeutung von Abtreibungsverboten fĂŒr die UnterdrĂŒckung der Frauen; Henriette Keller konzentriert sich auf Femizide in Mexiko und den „CanciĂłn sin miedo“ (dt. „Lied ohne Furcht“), die Hymne der feministischen Protestbewegung; die Aktivistinnen von „Revolutionary Association of the Women of Afghanistan“ (RAWA) berichten ĂŒber die letzten Entwicklungen in Afghanistan, ĂŒber Gewalt gegen Frauen und deren Widerstand gegen die Taliban-Herrschaft.
Einer unserer Aufmacher ist der Artikel von Lou Marin, der die RealitĂ€t der KriegsfĂŒhrung in Afghanistan nach den TruppenabzĂŒgen beschreibt. Dabei zeigt sich die wachsende Rolle der Drohnen, die meist genauso brutal oder noch brutaler als die konventionellen Formen der KriegsfĂŒhrung sind. Der zweite Aufmacher stammt vom anarchistischen „No Borders Team“ aus Polen, das ĂŒber Pushbacks an der polnisch-weißrussischen Grenze berichtet.
Die anderen Artikel decken ein breites Themenspektrum ab, wie diese kleine Auswahl zeigt: Elisabeth Voß schildert verschiedene Formen des Ableismus; Maurice Schuhmann stellt die Geschichte und Bedeutung des „Hauses der Demokratie und Menschenrechte“ in Berlin dar; einen Überblick ĂŒber das Gesamtwerk des anarchistischen Denkers Peter Kropotkin hat Jonathan Eibisch verfasst. Diskussionen anregen will Peter Nowaks Artikel ĂŒber Andreas Malm, der in seinen BeitrĂ€gen zur Klima-bewegung die Shoah relativiert, aber dafĂŒr wenig Kritik bekommt. Über die Proteste gegen die Auto-‹mobilindustrie in MĂŒnchen berichtet Eichhörnchen.
Last but not least haben wir fĂŒr Euch zwei Interviews: Bernd DrĂŒcke fĂŒhrt ein GesprĂ€ch mit der Frauenfriedensarbeiterin Ellen Diederich, die seit 1960 in der Frauen- und Friedensbewegung aktiv ist. Und Eva Lasting interviewt die Mitglieder der kĂ€mpferischen Basisgewerkschaft FAU DĂŒsseldorf.
Wir bedanken uns bei all unseren Autor*innen fĂŒr ihre Mitarbeit und wĂŒnschen viel VergnĂŒgen beim Lesen!




Quelle: Graswurzel.net