Februar 28, 2021
Von FAU Flensburg
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Es ist nicht meine Absicht, alle MĂ€ngel des heutigen Regimes in Rußland aufzuzĂ€hlen; einige seiner Mißerfolge sind sicherlich vorĂŒbergehender Natur, andere verlieren sich angesichts der vielfachen Vorteile, die der Kommunismus dem russischen Volk gebracht hat. Aber selbst wenn das System reibungslos funktionieren wĂŒrde, stĂŒnde es immer noch in vollkommenem Gegensatz zu den GrundsĂ€tzen des Anarchismus. Denn ein wesentliches Merkmal der politischen Wirklichkeit des Kommunismus, wie er sich in Rußland entwickelt hat, ist das FĂŒhrerprinzip, ein Konzept, das er – heben wir dies ruhig einmal hervor – mit dem Faschismus gemeinsam hat. Es ist sicherlich möglich, daß besondere Wirtschaftsbedingungen MĂ€nnern der Vorsehung wie Lenin und Stalin, Hitler und Mussolini ĂŒbermĂ€ĂŸige Bedeutung zukommen lassen. Aber welche GrĂŒnde hier auch immer eine Rolle spielen mögen, weder Kommunismus noch Faschismus bezweifeln jemals, daß solche FĂŒhrer notwendig, ja sogar wĂŒnschenswert sind. Sie werden als Schöpfer und machtvolle TrĂ€ger derjenigen politischen Bewegungen gepriesen, an deren Spitze sie stehen. Freud hat dargestellt, welch wichtige Rolle der FĂŒhrer in der Psychologie der Gruppe spielt: „Der unheimliche, zwanghafte Charakter der Massenbildung, der sich in ihren Suggestionserscheinungen zeigt, kann also wohl mit Recht auf ihre Abkunft von der Urhorde zurĂŒckgefĂŒhrt werden. Der FĂŒhrer der Masse ist noch immer der gefĂŒrchtete Urvater, die Masse will immer noch von unbeschrĂ€nkter Gewalt beherrscht werden, sie ist im höchsten Maße autoritĂ€tssĂŒchtig, hat nach Le Bons Ausdruck den Durst nach Unterwerfung.“ [1] Was den FĂŒhrer selbst anbetrifft, so war er „zu Eingang der Menschheitsgeschichte … der Übermensch, den Nietzsche erst von der Zukunft erwartete. Noch heute bedĂŒrfen die Massenindividuen der Vorspiegelung, daß sie in gleicher und gerechter Weise vom FĂŒhrer geliebt werden, aber der FĂŒhrer selbst braucht niemand anderen zu lieben, er darf von Herrennatur sein, absolut narzißtisch, aber selbstsicher und selbstĂ€ndig.“ [2]

Ich wĂŒrde den Anarchisten nun als einen Menschen definieren, der es als Erwachsener wagt, sich der vĂ€terlichen AutoritĂ€t zu widersetzen; der sich nicht mehr damit begnĂŒgt, sich von blinder, unbewußter Identifizierung des FĂŒhrers mit dem Vater und verdrĂ€ngten Instinkten, die allein eine solche Identifizierung ermöglichen, leiten zu lassen. Freud, der hier nur die Gedanken Otto Ranks aufgreift, sieht den Ursprung des Heldenmythos in solch einem Verlangen nach UnabhĂ€ngigkeit. „Damals mag die sehnsĂŒchtige Entbehrung einen einzelnen bewogen haben, sich von der Masse loszulösen und sich in die Rolle des Vaters zu versetzen. Wer dies tat, war der erste epische Dichter, der Fortschritt wurde in seiner Phantasie vollzogen. Der Dichter log die Wirklichkeit um im Sinne seiner Sehnsucht. Er erfand den heroischen Mythus. Heros war, wer allein den Vater erschlagen hatte, der im Mythus noch als totemistisches Ungeheuer erschien. Wie der Vater das erste Ideal des Knaben gewesen war, so schuf jetzt der Dichter im Heros, der den Vater ersetzen will, das erste Ich-Ideal.“ [3]

Aber mit dem nĂ€chsten Schritt, den der Anarchist jetzt vollzieht, lĂ€ĂŸt er Vorstellung und Mythus hinter sich, um zur Wirklichkeit und zum Handeln ĂŒberzugehen. Er wird erwachsen, er erkennt die AutoritĂ€t des Vaters nicht an, er lebt nach seinem Ich-Ideal. Er wird sich seiner IndividualitĂ€t bewußt.

Wie weit die Kommunisten davon entfernt sind, diesen nĂ€chsten Schritt in der menschlichen Entwicklung zu vollziehen, lassen nicht nur die historischen Ereignisse in Rußland, sondern auch ihre Theorien und Äußerungen erkennen. Es ist sicher nicht notwendig, die zahlreichen Lobeshymnen auf das FĂŒhrerprinzip zu wiederholen, die mit monotoner RegelmĂ€ĂŸigkeit in der kommunistischen Presse auftauchen …

Die panische Angst vor dem Vater, die die psychologische Grundlage der Tyrannei bildet, ist gleichzeitig die SchwĂ€che, die der Tyrann sich zunutze macht. Wir alle kennen das Schauspiel ĂŒberlegener BrutalitĂ€t, die gerade durch die FĂŒgsamkeit des Opfers zu sadistischen Exzessen getrieben wird. Der Tyrann oder Diktator handelt entsprechend. Es ist psychologisch nicht vorstellbar, daß er anders handelte. Die einzige Alternative zum FĂŒhrerprinzip ist das der Kooperation oder gegenseitigen Hilfe; nicht die Vater-Sohn-Beziehung, die von frĂŒhesten Zeiten an sich hartnĂ€ckig gehalten hat, sondern die Bruder-Bruder-Beziehung – in der Sprache der Politik gesprochen: der freie Zusammenschluß derjenigen, die fĂŒr das gemeinsame Wohl arbeiten. Dies ist die Kerndoktrin des Anarchismus. Weder die marxistische Ökonomie noch die Errungenschaften der Sowjetunion haben sie aus den Angeln heben können; im Gegenteil, die letzten zwanzig Jahre haben ihr ĂŒberwĂ€ltigende BestĂ€tigung gebracht, und heute können wir mit voller Berechtigung sagen, daß in der Verwirklichung des Bruder-Prinzips die einzige Hoffnung unserer Zivilisation liegt.

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Quelle: Fau-fl.org