Dezember 20, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Lucius Teidelbaum
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 195 – MĂ€rz / April 2022

#Verbindungen

Auch jenseits der »Deutschen Burschenschaft« existieren unter Studentenverbindungen problematische Tendenzen. Im korporierten Milieu konserviert sich bis heute ein reaktionÀrer und in Teilen vordemokratischer Geist.

© Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Eine Kritik an Studentenverbindungen verengt sich hĂ€ufig auf Burschenschaften, beziehungsweise hat die »Deutsche Burschenschaft« (DB) im Fokus. Die ĂŒbrigen Verbindungen ducken sich gern hinter dem Schild â€čunpolitischâ€ș oder nur â€čwertkonservativâ€ș zu sein weg und verweisen darauf, eben keine Burschenschaft oder wenigstens keine DB-Burschenschaft zu sein. Obwohl es verschiedene Verbindungs-Typen, unter anderem Burschenschaften, Corps, Jagdverbindungen, konfessionelle Verbindungen, Landsmannschaften, SĂ€ngerschaften, Turnerschaften und etwa 25 verschiedene DachverbĂ€nde gibt, sollten Studentenverbindungen bei aller Differenzierung insgesamt vor allem als konservatives akademisches Milieu analysiert werden. Zum einen teilt man grundlegende Werte, Rituale, Prinzipien und ein eigenes Vokabular. Zum anderen ist man ĂŒber Kontakte, Freundschaften und ZusammenschlĂŒsse miteinander dauerhaft verbunden.

Zwar gibt es Ausnahmen, aber die Gemeinsamkeiten betreffen oft die Mehrheit. So sind etwa geschĂ€tzte 80 bis 90 Prozent aller Studentenverbindungen als MĂ€nnerbĂŒnde organisiert. Gemischte BĂŒnde und so genannte Damenverbindungen werden nach Außen zwar gerne gegen feministische Kritik angefĂŒhrt, aber intern hĂ€ufig abgewertet.

Erziehung zum autoritÀren Charakter

Die meisten Verbindungen schotten sich nach außen stark ab, viele verfĂŒgen ĂŒber ein internes Regelwerk, den »Comment«. In Studentenverbindungen findet laut Stephan Peters eine sekundĂ€re Sozialisation statt. Dabei geht es hĂ€ufig um die Brechung und Unterwerfung des Individuums zugunsten der Verbindung. Die damit verbundenen Rituale fĂŒhrten immer wieder sogar zu Todesopfern, etwa bei Studentenverbindungen in den USA oder in Belgien.

Sogenannte schlagende Verbindungen nutzen das Initiationsritual des Mensur-Fechtens als Erziehungsmittel – des Mann-Werdens. Fast alle Verbindungen haben zudem eine hierarchisch abgestufte Mitgliedschaft, bei der ein Vollmitglied einem Probe-Mitglied, einem »Fux«, Befehle erteilen kann. Manche Regeln zur Unterwerfung des Individuums werden geheim gehalten oder verschwiegen, andere wie zum Beispiel das Toiletten-Verbot bei Versammlungen nicht.

ReaktionÀrer Bismarckismus

Neben den Meldungen ĂŒber extrem rechte Veranstaltungen und Verstrickungen finden sich auch immer wieder Berichte ĂŒber eine starke korporierte Kaiserreichs- und Bismarck-Nostalgie. Mitte Januar finden sich in Semesterprogrammen hĂ€ufig die AnkĂŒndigungen fĂŒr eine »ReichsgrĂŒndungskneipe« oder einen »ReichsgrĂŒndungskommers«. Damit soll der Ausrufung des Deutschen Kaiserreichs durch die adeligen Eliten 1871 im Spiegelsaal von Versailles gedacht werden.

Diese Veranstaltungen finden nicht nur bei Burschenschaften statt, sondern auch bei BĂŒnden des »Verbands der Vereine Deutscher Studenten« (VVDSt) oder bei den Corps. So feierte beispielsweise laut AnkĂŒndigung das »Corps Irminsul« in Hamburg am 15. Januar 2022 eine »Champagnerkneipe anlĂ€sslich der ReichsgrĂŒndung 1871«. Dasselbe Corps enthĂŒllte am 18. Januar 2019 auf seinem GrundstĂŒck ein Bismarck-Denkmal.

AlljĂ€hrlich finden im April zum Geburtstag des »Eisernen Kanzlers« inter-korporierte »Bismarck-Kommerse« statt, etwa in Bielefeld, Bremen oder LĂŒbeck. Hinzu gesellt sich das Andenken an Antidemokraten wie den »Turnervater« Friedrich-Ludwig Jahn oder Ernst-Moritz Arndt.

Es geht aber nicht nur um eine GeschichtsverklĂ€rung. Es ist zu fragen wie demokratiefest Verbindungen mit solchen Geschichts- und Gesellschaftsbildern sind. In einem Interview mit dem Regisseur eines Dokumentarfilms ĂŒber das »Corps Germania MĂŒnchen« heißt es: »Bei einer Kneipe ist ein â€čAlter Herrâ€ș – ein Verbindungsmitglied im Berufsleben – aufgestanden und hat eine Art PlĂ€doyer gehalten fĂŒr moderne Formen der Diktatur und â€čgegen den schwachen Politikertypus Merkelâ€ș. Niemand hat ihm widersprochen.«

Die Elite von gestern und heute

Schon dem elitĂ€r-akademischen Anspruch vieler Korporationen wohnen antidemokratische Elemente inne. Denn wo es Eliten gibt, gibt es auch Massen, die angeleitet und beherrscht werden mĂŒssen. Konservative Akademiker, die autoritĂ€r sozialisiert wurden und denen vordemokratische Ansichten beigebracht wurden, beziehen ĂŒber Netzwerke und Seilschaften tatsĂ€chlich teilweise wichtige Positionen in der Gesellschaft. DarĂŒber hinaus besteht die Gefahr, dass sich im Milieu der Studentenverbindungen sozialisierte Konservative radikalisieren und verstĂ€rkt der extremen Rechten zuwenden. Beispielhaft dafĂŒr stehen mehrere (Ex-)FunktionĂ€re der »WerteUnion« in der CDU, sogenannte Alte Herren.

Die sekundÀre Sozialisation vieler extremer Rechter in einem reaktionÀren MÀnnerbund wird allgemein wenig beachtet, dabei sind nach SchÀtzung des Autors mindestens ein Viertel aller wichtigen FunktionÀre und Stichwortgeber der extremen Rechten korporiert und sicher mehr als die HÀlfte der Strömung in der »Neuen Rechten«.




Quelle: Der-rechte-rand.de