Mai 18, 2021
Von Indymedia
312 ansichten


Am 17. Mai 1990 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) HomosexualitĂ€t aus ihrem DiagnoseschlĂŒssel fĂŒr Krankheiten gestrichen. Aber noch immer erleben wir jeden Tag Homo-, Bi-, Inter*-, Trans*- Ace-, Aro- und Queerfeindliche Gewalt. Deswegen wird seit 2005 jedes Jahr am 17.5. der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter*-, Ace-, Aro- und Trans*feindlichkeit begangen. Diskriminierende Erfahrungen gehören fĂŒr LGBTQIA* (Lesbian, Gay, Bisexual, Trans*, Queer, Inter*, Asexuell und Aromantische) Menschen zum Alltag, genau so wie die Auseinandersetzung mit der strukturellen Gewalt und den HĂŒrden, vor die uns dieses System immer wieder stellt.

Auf diese alltÀgliche Diskriminierung und die strukturelle Gewalt, die Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder GeschlechtsidentitÀt erleben machen wir daher heute und jeden Tag aufmerksam!

…und was das mit dir und auch unserer linken Szene zu tun hat?

Wir verstehen uns als Teil der linksradikalen Szene und versuchen darin und daraus queerfeministische und queere KĂ€mpfe zu fĂŒhren. Immer wieder haben wir aber auch die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist in die Szene rein zu wirken und auf queerfeministische und queere Analysen und Praxen aufmerksam zu machen. AusschlĂŒsse passieren aus unserer Sicht viel zu oft, auch von uns, aber im Sinne einer emanzipatorischen Kritik und Praxis sehen wir es als unabdingbar an, gemeinsam und miteinander zu lernen. Hier wollen wir daher unsere Kritik anbringen, unsere Analysen teilen uns fĂŒr die Schlagkraft einer gemeinsamen und stets neu ĂŒberdachten Praxis einsetzen. Nur so können emanzipatorische KĂ€mpfe auch gewonnen werden. 

Wir erkennen an, dass sich die allermeisten in unserer Szene klar gegen Homo-, Bi-, Inter*-, Ace-, Aro- und Trans*feindlichkeit bekennen und gerade deswegen haben wir auch das GefĂŒhl uns hier mit diesem Text an unserer Szene richten zu können. HĂ€ufig bleibt es aber bei einem Lippenbekenntnis. Wir meinen hiermit, dass mit der politischen Positionierung gegen Homo-, Bi-, Inter*-, Ace-, Aro- und Trans*feindlichkeit, dass Problem nicht automatisch aus der Welt geschafft ist, sodern die Arbeit eigentlich erst anfĂ€ngt. Ein Konsens kann erst der Anfang sein, denn selbst wenn wir uns klar positionieren  reproduzieren wir diese Strukturen immer und immer wieder und mĂŒssen daher auch immer wieder an uns selbst arbeiten (und da nehmen wir uns auf keinen Fall von aus).

Das Ausruhen auf diesem vermeintlicher Konsens innerhalb unserer linksradikalen Szene fĂŒhrt unserer Beobachtung nach hĂ€ufig dazu, dass sich nicht weiter mit Homo-, Bi-, Inter*-, Ace-, Aro- und Trans*feindlichkeit auseinandergesetzt wird. Letztlich entsteht aus so einem nicht wirklich umgesetzten Konsens, eben keine Awareness und politische Auseinandersetzung, sondern im Gegenteil. Es fĂŒhrt zu einem mangelnden Bewusstsein und Nicht-Wissen bzgl. queerer Themen und LebensrealitĂ€ten und unseren damit verbundenen und daraus entstehenden KĂ€mpfen. FĂŒr die explizit queeren Tage, die von Queers erkĂ€mpft und die meist von queeren und queerfeministischen Gruppen bespielt werden, wie den Trans* Day of Remenberance, den Trans* Day of Visibiltiy und eben den heutigen IDAHOBITA gibt es fast keine Aufmerksamkeit aus und in der linken Szene, oder gar ein Wissen darĂŒber, dass diese Tage existieren. DarĂŒberhinaus folgt hĂ€ufig keine Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Umfeld und KĂ€mpfe, die fĂŒr uns ganz klar zu einem besseren Morgen dazugehören, werden nicht beachtet, oft gar nicht wahrgenommen und sind schon gar nicht Teil von linksradikalen Auseinandersetzungen nach innen und nach außen.

Linksradikale Praxis bedeutet fĂŒr uns auch immer die Auseinandersetzung mit uns selbst, das ErkĂ€mpfen und Gestalten von anderen RĂ€umen, das immer wieder Hinterfragen der eigenen Privilegien und Positionen. Teil dieser queeren und queerfeministische KĂ€mpfe ist fĂŒr uns auch immer eine Praxis, die wir in unseren Zentren, unseren WohnzusammenhĂ€ngen und unseren ganz verschieden gelebten Beziehungen umsetzen wollen.

Diese KĂ€mpfe fĂŒhren wir alltĂ€glich und auf ganz eng mit uns selbst verbundenen Ebenen, wie unseren Körpern, oder wie eben genannt im engeren Umfeld und an den Orten an denen wir uns aufhalten wollen oder mĂŒssen. Das Streiten gegen heteronormative Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen ist fĂŒr uns klar eingebettet in eine antikapitalistische und antistaatliche Kritik am NORMalverhĂ€ltnis. Das heißt auch, dass wir im Bestehenden KĂ€mpfe fĂŒhren (mĂŒssen), die sich ausgehend von der patriarchalen und kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, gegen die Abwertung und Ausbeutung des „Weiblichen“ richten.  Die bloße Aufhebung der Vorstellung zweier aufeinander bezogener Geschlechter – “Mann” und “Frau” – ist somit nicht losgelöst von anderen gesellschaftlichen KĂ€mpfen und auch den KĂ€mpfen um die Folgen patriarchaler Geschlechterordnungen. 

In dieser Geschlechterordnung ist auch die gesellschaftliche Vorstellung und Notwendigkeit von HeterosexualitĂ€t angelegt. Das Diktat der (bĂŒrgerlichen Klein-)Familie und die darin festgeschriebenen Lebens- und Liebensweisen sind somit gleichermaßen Teil der patriarchalen und kapitalistischen HerrschaftsverhĂ€ltnisse. Darauf fußt die Abwertung und Anfeindung von homosexuellen, pansexuellen und bisexuellen Personen, die strukturell gesellschaftlich verankert ist. Auch abgewertet wird in diesem NormalverhĂ€ltnis AsexualitĂ€t und Aromantik. Nicht sexuell zu begehren, oder keine romantischen Beziehungen fĂŒhren zu wollen ist in einer Gesellschaft, in der SexualitĂ€t und romantische Beziehungen einen hohen Stellenwert einnehmen, und oft auch als vermeintlich notwendig wahrgenommen werden etwas, was hĂ€ufig auch gerade in queeren und queerfeministischen Kontexten doppelt unsichtbar gemacht wird (auch hiervon nehmen wir uns nicht aus).

In dieser Scheiszgesellschaft sind wir groß geworden, haben wir gelernt zu denken und zu handeln. Bestehende HerrschaftsverhĂ€ltnisse haben daher immer auch etwas mit uns zu tun und zwar nicht nur in Bezug auf Geschlecht. Unsere Aufgabe ist es daher nicht nur das System zu hinterfragen, sondern damit notwendigerweise verbunden eben auch unsere eigenen Lebens-, Liebens-, Beziehungs- und Arbeitsweisen. Wir mĂŒssen unsere Privilegien hinterfragen und aktiv gegen festgefahrene Strukturen in uns und um uns herum ankĂ€mpfen. Und damit gilt: Das Private ist Politisch und das ist eine Chance fĂŒr alle GeschlechtsidentitĂ€ten und jede Form des Begehrens!

Und jetzt mal ganz selbstkritisch – da haben auch wir noch viel Luft nach oben. Wir haben festgestellt, dass auch wir viel zu selten das vermeintlich Private politisieren, uns öffnen, gemeinsam diskutieren, unsere eigenen Beziehungen hinterfragen, uns streiten, solidarisch Kritik ĂŒben und zusammen lernen.

Diese Chance ist gleichzeitig Apell an uns selbst, als auch Aufforderung an andere. FĂŒr uns bedeutet der, zugegebenermaßen fast schon zu Floskel verkommener Spruch “das Private ist politisch”, dass eine Auseinandersetzung mit uns selbst und unserem Umfeld immer Teil linksRADIKALER politischer Praxis ist. Unsere KĂ€mpfe werden nicht nur auf der Straße, im Sinne der nĂ€chsten Demo oder Sponti oder klandestinen Nachtaktion gefĂŒhrt, sondern auch ganz alltĂ€glich, gerade und notwendigerweise von FLINTA*s (Frauen*, Lesben, Inter*-, Trans*-, Nicht-BinĂ€re und Agender Personen) und LGBTIQ* Personen. Trotzdem haben wir das GefĂŒhl, dass innerhalb der linksradikalen Szene diesen KĂ€mpfen oft eine gewisse RadikalitĂ€t und Militanz abgesprochen wird. RadikalitĂ€t und Militanz werden innerhalb unserer Szene hĂ€ufig nur mit bestimmten Aktionsformen und einem bestimmten Auftreten verknĂŒpft. Dabei ist auch gerade die alltĂ€gliche Auseinandersetzung mit einer Homo-, Bi-, Trans*, Inter*- und Ace-, Arofeindlichen Dominanzgesellschaft eine radikale.

Sie bedeutet Kraft und politische Überzeugung, nicht nur beim Transpimalen, oder auf dem Plenum, sondern bei der Wahl der Kleidung, bei der Frage, wo kann ich wie auftreten, wo kann ich mich wie bewegen und wo kann ist es ĂŒberhaupt möglich meine Lebensweise offenzulegen. Wenn wir dafĂŒr kĂ€mpfen so leben und lieben zu können wie wir wollen, werden diese KĂ€mpfe innerhalb der linken Szene oft nicht ernstgenommen. Sie gelten als KĂ€mpfe um die Anerkennung von IdentitĂ€ten und ihnen wird eine weitere Gesellschaft- und Herrschaftskritik nicht zugesprochen. 

Dabei ist unsere queere und queerfeministische Analyse eine, die (selbstverstĂ€ndlich nicht ohne LĂŒcken) KĂ€mpfe fĂŒr queere Lebensweisen immer notwendigerweise mit Patriarchats- und Kapitalismuskritik verknĂŒpft. Die oben genannte Normalvorstellung von Zweigeschlechtlichkeit, heteronormativen Begehren und bĂŒrgerlicher Kleinfamilie, ist notwendig fĂŒr kapitalistische Produktionsweisen und produziert auch die strukturelle Diskriminierung all derjeniger, die sich nicht in diesen Vorstellungen von GeschlechtsidentitĂ€t, Begehren und Familie wiederfinden. Die Einbeziehung queerer Positionierungen und queerfeministischer politischer Positionen ist also kein nices Add-on, sondern greift den Kapitalismus und seine kleinste Zelle in seinen Grundfesten an. Dabei geht es uns nicht um eine Hierarchisierung von HerrschaftsverhĂ€ltnissen, sondern um eine VerschrĂ€nkung ebendieser. Unsere Praxis ist auch notwendigerweise Antifaschistisch, denn die Nationalist*innen und Faschist*innen beharren nicht nur auf der Vorstellung von „Mann“ und „Frau“ und den jeweiligen traditionell zugeschriebenen Rollen, nein sie brauchen diese Vorstellungen auch um die Reproduktion eines territorial festgeschriebenen “Volkskörpers” zu gewĂ€hrleisten. Dabei wird Queers ihre IdentitĂ€t und queeren Lebensweisen die Daseinsberechtigung abgesprochen. Diese Vorstellungen sind nicht nur zutiefst queerfeindlich , sondern auch zutiefst rassistisch und antisemitisch. Unsere KĂ€mpfe sind daher immer auch antirassistisch. Auch weil der Kampf gegen Homo-, Bi-, Trans*, Inter*-, Ace-, und Arofeindlichkeit nur mit einem Bewusstsein, fĂŒr die darin unterschiedlichen Betroffenheiten von weißen und BIPoC (Black, Indigenous and  People of Colour) Personen gefĂŒhrt werden muss. Wir als weiß gelesene Gruppe versuchen dies zu reflektieren.

Wir wollen gemeinsam solidarisch fĂŒr eine andere und bessere Gesellschaft kĂ€mpfen. Am IDAHOBITA, am 31.03. am 8. MĂ€rz, am 1. Mai und jeden Tag. Wir wollen KĂ€mpfe zusammenfĂŒhren, weil sie zusammengehören. Ja, wir kĂ€mpfen fĂŒr eine Gesellschaft ohne Homo-, Bi-, Trans*-, Ace- und Arofeindlichkeit, und das geht fĂŒr uns nicht ohne antikapitalistische, antifaschistische und antirassische Praxis! Genauso gilt fĂŒr uns aber: kein Antifaschismus und Antikapitalismus ohne Queerfeminismus!

– solidarische GrĂŒĂŸe von einer aktivistische Gruppe aus ffm. Wir organisieren uns bewusst ohne cis-MĂ€nner und setzen uns vor allem aus queerfeministischer Perpektive kritisch mit herrschenden Normen und Machtmechanismen auseinander und versuchen diese aufzuzeigen, zu unterlaufen, zu durchbrechen und irgenwann zu ĂŒberwinden.




Quelle: De.indymedia.org