April 27, 2021
Von Indymedia
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21 Uhr – Die Kirchenglocke lĂ€utet und ĂŒberrascht uns ein wenig. Jetzt schon Ausgangssperre aber hier ist nix los. Plötzlich kein Auto mehr auf der Straße und um uns herum kein Mensch außer eine Person mit Hund an der Leine. Wir bewegen uns weiter um an einen Ort zu kommen wo was los ist. Auf dem Weg lediglich ein paar HundespaziergĂ€nger*innen und ein Pizzalieferdienst. Wir klappern ein paar Orte ab, an denen sich sonst nicht so an die Regeln gehalten wird – bis auf ein paar Böller: Totenstille. Was fĂŒr eine EndtĂ€uschung! Nach ein bisschen mehr Gesuche und dem Höhepunkt einer Zweiergruppe begegnet zu sein, die vor einem Hauseingang abhingen entschieden wir, in einem Park Bier zu trinken. Scheiße, wenn es die Möglichkeit fĂŒr spontanen kollektiven Widerstand gegeben hĂ€tte, wĂ€re heute der wahrscheinlichste Tag dafĂŒr gewesen. In den nĂ€chsten Tagen wird es bestimmt nicht besser


03. April – Ich lese die Zeitung mit der Hoffnung ĂŒber Unruhen aus anderen Vierteln informiert zu werden:
„Gespenstische Ruhe in der Hansestadt Nur vereinzelt kam es zu VerstĂ¶ĂŸen. (
) Ein Überblick aus der Nacht: – 21.35 Uhr: Die Polizei hebt in der „Talstraße“ eine Corona-Party aus. Sieben Personen hatten sich dort zu einer Feier getroffen. (
) – 0.03 Uhr: In der „Missundestraße“ im Stadtteil Altona brennt ein Porsche 911 (Wert: 125 000 Euro). Unbekannte haben sich nicht die AusgangsbeschrĂ€nkung gehalten und zĂŒndeten die Edelkarosse an. Polizei-Beamte fanden auf dem Reifen des Sportwagens einen Brandbeschleuniger.“– „In EimsbĂŒttel haben Corona-Gegner in der „Bellalliancestraße“ ihre Haltung zu der verordneten nĂ€chtlichen AusgangsbeschrĂ€nkung an eine Hauswand gesprĂŒht. In großen weißen Lettern steht dort „AUSGANGSSPERRE BRECHEN“. Dahinter das Anarchie-Zeichen (…)“

Wenigstens ein paar Menschen, die auf die ein oder andere Art gezeigt haben, was sie von der Ausgangssperre halten. Sicherlich wird auch nicht alles in der Presse dokumentiert. Z.B. der Ausgebrannte MĂŒllcontainer, der am neuen Pferdemarkt liegt. Vielleicht war auch der Angriff auf das SPD BĂŒro in FuhlsbĂŒttel am 30.03. eine Reaktion auf die angekĂŒndigte Ausgangssperre.

Aber der kollektive Widerstand bleibt aus. Und auch noch drei Wochen danach fehlt jede Spur davon und der Staat hat gemerkt, dass er ohne Probleme die Ausgangssperre nochmal verschĂ€rfen kann. Wie konnte es dazu kommen, dass so wenig geht in einer Stadt, in der noch vor ein paar Jahren, bei autoritĂ€ren Maßnahmen wie den Gefahrengebieten, fast tĂ€glich, nĂ€chtliche wilde Spontis gegen den Senat liefen? Haben sich alle im letzten Jahr so sehr an krasse GesetzesĂ€nderungen gewöhnt, dass sie es jetzt nicht mehr schockt und dass sie es mit GleichgĂŒltigkeit hinnehmen? Sind alle so sehr in ihr eigenes Zuhause oder ihre eigene „Infektionsgemeinschaft“ vereinzelt, dass es nicht mehr funktioniert sich gemeinsam zu organisieren?
Die widerstĂ€ndischen/aufstĂ€ndischen Menschen in Hamburg haben es auf jeden Fall verpasst sich zu organisieren. Sie wurden quasi ĂŒberrumpelt, was sicherlich auch an den vielen fehlenden sozialen RĂ€umen liegt. Doch schon lange vorher hĂ€tte es Überlegungen, Diskussionen und PlĂ€ne fĂŒr den Fall geben mĂŒssen, denn die Ausgangssperre wurde immer wieder vom Senat ins GesprĂ€ch gebracht und in anderen BundeslĂ€ndern bereits ausgetestet. Dies sollte uns eine Lehre fĂŒr die Zukunft und Gegenwart sein.

Besser spÀt als nie:
In vereinzelten Diskussionen bekomme ich immer wieder mit, dass Menschen, so wie ich hier gerade, meckern, dass nichts gegen die Ausgangssperre geht. Das Potential und der Wille etwas zu tun scheint da zu sein. Der Text hier ist ein Versuch etwas anzustoßen.
Um die Unsicherheit zu ĂŒberwinden ist es wichtig kollektive AusbrĂŒche zu wagen, z.B. Spontis zu organisieren und zu bestimmten Tagen aufzurufen an denen sich kollektiv gewehrt werden soll. Wir können uns z.B. einiges an den Menschen in Hannover ab schauen, die es geschafft haben mehrere NĂ€chte in Folge spontan ohne viel Organisierung gegen die Ausgangssperre zu Demonstrieren. Dort gab es den Aufruf sich an den zentralen PlĂ€tzen in den Vierteln zu treffen. Aus diesem Aufruf sind wiederholt spontane Demos entstanden. Auch in Wuppertal gab es PĂŒnktlich zur Ausgangssperre eine wĂŒtende Spontandemo. Hier gab es schon vorher Texte und sicherlich kollektivere Diskussionen, die sich mit dem Thema auseinander gesetzt haben.

Dies ist ein Aufruf mit der Ohnmacht Schluss zu machen und aktiv zu werden!
Praktische Kritik an den autoritĂ€ren Corona-Maßnahmen verbunden mit offensiven Momenten auf der Straße sind nicht nur ein Weg uns selber wieder ein bisschen mehr Freiheit zurĂŒck zu erkĂ€mpfen sondern auch der beste Weg um autoritĂ€ren Bewegungen wie „Querdenken“ oder autoritĂ€ren kommunistischen Gruppen etwas entgegen zu setzen, die im Moment die meiste PrĂ€senz auf der Straße haben.

Brecht jeden Abend die Ausgangssperre, macht Aktionen, schreibt Aufrufe, organisiert nÀchtliche Demos, in euren ZusammenhÀngen und diskutiert was noch so geht.
Der 30. April und der 1. Mai sind die perfekten Tage, um kollektiv anzufangen die Ausgangssperre zu brechen. Verbreitet den Aufruf an diesen Tagen abends raus zu gehen und sich zu versammeln. Schreibt eigene Aufrufe. Wenn es nicht klappen sollte, (aber auch wenn es erfolgreich wird) sollte es weitere Versuche geben.
Wir sehen uns auf der Straße.

FĂŒr ein Ende der Ohnmacht!
Nazis, Querdenken und den Staat bekÀmpfen!

Bitte verbreitet diesen Text auf Papier und Digital, da er hier bei Indymedia wohl sehr wenige Menschen erreicht.

(1) ausgenommen der George Floyd Demo am 06.06.20, und sicherlich vieler kleinerer Situationen.




Quelle: De.indymedia.org