Januar 19, 2021
Von Indymedia
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Wir stehen hier unweit der Untersuchungshaftanstalt Holstenglacis, einem von 5 KnÀsten in Hamburg.
U-Haft – das bedeutet in den ersten Wochen 23 Stunden Zelle, enorme EinschrĂ€nkungen der Kommunikation, das plötzliche Entreißen aus dem sozialen und familiĂ€ren Umfeld. Angst, Stress, enormer Druck, der Mensch wird zum Verwaltungsakt degradiert.
Das ist das KalkĂŒl des Systems U-Haft, es soll einschĂŒchtern, verĂ€ngstigen, brechen.
Als Teil des Justiz – und GefĂ€ngnissystems, welches immer nur der Aufrechterhaltung der kapitalistischen NormalitĂ€t dient –  indem es diejenigen sanktioniert, die in diesen VerhĂ€ltnissen nicht konform funktionieren können oder wollen und indem es nicht zuletzt unter allen anderen Angst vor dem Regelbruch schĂŒrt.
Auch der Knast ist im Zuge der Pandemie nochmal eine ganze Ecke beschissener geworden. 
Wurden zu Beginn der Pandemie in einigen BundeslĂ€ndern Menschen entlassen, die beispielsweise wegen nicht bezahlter Geldstrafen in Ersatzhaft saßen, herrschte ziemlich bald wieder Normalbetrieb – abgesehen eben von den nun noch schwierigeren Haftbedingungen, die dem Infektionsschutz dienen sollen.

Infektionsschutz heißt allerdings in Hamburg zum Beispiel, dass in der Untersuchungshaftanstalt schon seit Oktober wieder Doppelzellen belegt werden, weil der Knast so voll ist. Infektionsschutz heißt auch, dass die Neuinhaftierten eine zweiwöchige QuarantĂ€ne durchstehen mĂŒssen bevor sie auf andere Stationen oder KnĂ€ste verteilt werden, tatsĂ€chlich treten auch die Gefangenen, die eigentlich nach Billwerder oder FuhlsbĂŒttel mĂŒssten, ihre Haft im Holstenglacis an.
In dieser QuarantĂ€nefrist gibt es fĂŒr die Gefangenen keine frische Kleidung, keinen Besuch – und deutlich reduzierte Duschzeiten.
In vielen KnĂ€sten wurden die ArbeitsplĂ€tze im Zuge der Pandemie geschlossen, sodass vielerorts wieder bis zu 23 Stunden Einschluss in den Zellen ĂŒblich war. Besuche durch Angehörige und Freunde wurden ĂŒberall gestrichen oder mindestens reduziert und finden nur noch mit Trennscheibe statt. Gerichtsverhandlungen fallen aus, tagelanger 24stĂŒndiger Einschluss, wenn auf der Station jemand als Verdachtsfall getestet werden muss, so gut wie keine Informationen, und wenn, dann sicher nur in deutscher Sprache…

Die Liste an offensichtlicher Schikane unter dem Vorzeichen des Infektionsschutzes ließe sich ewig fortfĂŒhren doch es lohnt sich, auch einen Blick auf den Widerstand gegen diese menschenverachtenden Maßnahmen zu werfen. Überall in Europa hat es Gefangenen gereicht, insbesondere die BeschrĂ€nkung des Kontakts zu den Menschen draußen und die lebensgefĂ€hrliche Ignoranz der Bediensteten hat immer wieder das Fass zum Überlaufen gebracht.

Auf nahezu allen Kontinenten kam und kommt es immer wieder zu AufstĂ€nden und Protestaktionen, bei denen es immer um eine Revolte gegen ZustĂ€nde geht, in denen die Aufrechterhaltung von Macht und Kontrolle gegen alle WiderstĂ€nde ĂŒber die Gesundheit und WĂŒrde der Betroffenen gestellt wird.

In diesem Kampf gegen EntwĂŒrdigung und Entmenschlichung sollten sich diejenigen, die eine Welt ohne Ausbeutung und UnterdrĂŒckung im Sinn haben, wiedererkennen.
SpĂ€testens in den letzten 1 Âœ Jahren wurde insbesondere in Hamburg die Erfahrung gemacht, dass es gelingen kann, die Isolation zu ĂŒberwinden.

Aus diesen Erfahrungen sollten wir schöpfen, denn der Knast rĂŒckt derzeit fĂŒr Menschen, die gegen diese VerhĂ€ltnisse kĂ€mpfen, wieder nĂ€her – sei es in Stuttgart, in Leipzig oder anlĂ€sslich der KĂ€mpfe um den Hambacher oder Dannenröder Forst.

Doch die KnĂ€ste gehen nicht nur deswegen uns alle an – insbesondere die Entwicklungen in der Corona-Pandemie zeigen, dass es fĂŒr fĂŒr eine antiautoritĂ€re, sozialrevolutionĂ€re Perspektive eine solidarische, kĂ€mpferische Bezugnahme auf diejenigen braucht, die von diesen VerhĂ€ltnissen besonders betroffen sind.

Vergessen wir also nicht die Eingesperrten – fĂŒr eine Welt ohne KnĂ€ste!
Freiheit fĂŒr alle Gefangenen!




Quelle: De.indymedia.org