Oktober 8, 2021
Von InfoRiot
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Blick durch das Deserteursdenkmal zu den Teilnehmern des antimilitaristischen Spaziergangs

Blick durch das Deserteursdenkmal zu den Teilnehmern des antimilitaristischen Spaziergangs

Foto: Matthias Krauß

In Potsdam gebe es »nichts außer Himmel und Soldaten«, schrieb der Schriftsteller Heinrich Heine einmal. Inzwischen sind viele Spuren davon verweht, einige aber trotzdem noch zu entdecken. Das wird deutlich bei einem antimilitaristischen Stadtspaziergang am Donnerstagabend.

Carsten Linke vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam fĂŒhrt die etwa 15 Teilnehmer mit dem Ziel, »nicht auf Kulissen zu schauen, sondern hinter die Kulissen«. Ihm gehe es nicht darum, zu welchem architektonischen Schnickschnack hier oder da etwas anzumerken wĂ€re, sagt er, sondern »die Stadt mit anderen Augen zu sehen«.

Ausgangspunkt ist das alte Rechenzentrum, das sich in seiner neuen Nutzung als Kunst- und Kreativhaus einem dezidiert antimilitaristischen Geist verschrieben hat. Daneben liegt das GelĂ€nde des historischen »Langen Stalls«, der als Exerzierhalle fĂŒr die Potsdamer Garnison gedient hatte.

Zur Zeit von König Friedrich II. lebten 30 000 Menschen in der Stadt. Fast jeder dritte trug Uniform, was den Eindruck erklĂ€rt, den Heinrich Heine spĂ€ter von Potsdam gewann. BĂŒrger mussten im Erdgeschoss ihrer HĂ€user zwei bis sechs Soldaten beherbergen. »Beweibte« Soldaten waren seltsamerweise die ersten, deren Unterbringung in Kasernen erfolgte. Desertieren wurde streng bestraft, der dritte Versuch endete am Galgen. Bauern der Umgebung waren angehalten, FlĂŒchtige anzuzeigen, was ihnen hohe Belohnungen sicherte, berichtet Carsten Linke.

Die nĂ€chste Station, die Max-Dortu-Straße, erhielt ihren Namen in der DDR. Max Dortu beteiligte sich in der MĂ€rzrevolution von 1848 an den KĂ€mpfen in Berlin und Potsdam. Dem preußischen Prinzen und spĂ€teren deutschen Kaiser Wilhelm I. verpasste er die berĂŒhmte Bezeichnung »KartĂ€tschenprinz«, weil dieser den Truppen den Einsatz der Artillerie gegen das Volk befahl. 1849 wurde Dortu gefasst und hingerichtet.

GegenĂŒber dem Rechenzentrum erhebt sich das wuchtige brandenburgische Kulturministerium, einst errichtet als MilitĂ€rwaisenhaus, zu DDR-Zeiten als Haus der Gewerkschaft genutzt. Vom herrschenden Geist im einstigen Waisenhaus sollte man sich keine ĂŒbertrieben humanen Vorstellungen machen, erlĂ€utert Linke. Die Jungen wurden in Gewehr- und Tuchfabriken eingesetzt. Wenn sie das ĂŒberlebten, wartete der MilitĂ€rdienst auf sie. Die MĂ€dchen wurden auf ein Leben als Magd oder DienstmĂ€dchen vorbereitet. Rund 1400 Kinder wurden hier zusammengefasst, pro Jahr starben etwa 200. »Die dauernden Kriege sorgten immer wieder fĂŒr Nachschub«, erklĂ€rt Linke. Seine StadtfĂŒhrung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg gefördert. Dies sei ein Beitrag im Zusammenhang mit dem 150. Geburtstag der RevolutionĂ€rin und Antikriegsaktivistin Rosa Luxemburg, der derzeit mit verschiedenen Veranstaltungen begangen werde, sagt GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Julia BĂ€r. Bei der Reichstagswahl 1912 hatte Luxemburgs politischer WeggefĂ€hrte Karl Liebknecht den Wahlkreis Potsdam fĂŒr die SPD gewonnen, im Ersten Weltkrieg stimmte er mutig gegen die Kriegskredite.

NĂ€chste Station der StadtfĂŒhrung ist das Glockenspiel der Garnisonkirche, errichtet auf Initiative von Bundeswehroffizieren, »die inzwischen als rechtsextrem eingestuft werden«, erfahren die Teilnehmer. Dass dieses Glockenspiel neuerdings unter Denkmalschutz steht, behagt Carsten Linke nicht. Gelten lassen wĂŒrde er das allenfalls als Beispiel dafĂŒr, »wie sich der rechtsextreme Geist in Potsdam einschleichen konnte«.

Pfarrer Martin Vogel, Theologischer Vorstand der evangelischen Stiftung fĂŒr den umstrittenen Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche, lĂ€uft bei dem Spaziergang mit. Er sei neugierig auf den interessanten historischen Zusammenhang zwischen Religion und MilitĂ€r, erklĂ€rt er dies. Eine Kirche, die 1989 maßgeblich zum friedlichen Verlauf der Wende beigetragen habe, die habe 60 oder 70 Jahre zuvor eine ganz andere Rolle gespielt, sagt Vogel. Dies erscheine ihm untersuchenswert. Insofern halte er eine Veranstaltung zum Thema Religion und Friedfertigkeit fĂŒr berechtigt.

Ob dies einfach damit zusammenhĂ€ngt, dass die Kirchen im Klassenstaat zur Machtelite gehören, wĂ€hrend dies in der DDR nicht der Fall war? Zeit, darĂŒber nachzudenken, bleibt, bis der kleine Zug das Deserteursdenkmal auf dem Platz der Einheit erreicht. In Potsdams Partnerstadt Bonn durfte es nicht aufgestellt werden, in Potsdam fand es einen Platz, ist hier aber Anfeindungen ausgesetzt, sagt Linke, fĂŒr den es prinzipiell ein Recht zu desertieren gibt. Veranstaltungen im Schatten des Denkmals tauchen im Verfassungsschutzbericht auf.

An dem zu DDR-Zeiten aufgestellten Denkmal gegen Faschismus und Krieg geht Linke achtlos vorbei zu der Stelle, an der frĂŒher eine Synagoge stand. Sie sei in der sogenannten Kristallnacht 1938 zerstört und ausgeplĂŒndert worden, aber nicht angezĂŒndet, wie es Synagogen damals anderswo erging. Die Brandstiftung blieb aus, damit nebenan »die schöne Post nicht mit abbrennt«.

Auch die KĂŒnstlerin Annette Paul hört Carsten Linke zu. Sie stamme aus der christlichen Friedensbewegung der DDR, sagt sie. Das Motto lautete damals: »Frieden schaffen ohne Waffen«.Sie war es, die vor Jahren die Idee hatte, am Landtag einen barocken Schriftzug in französischer Sprache anzubringen, der den Touristen erlĂ€utert: »Dies ist kein Schloss«. Denn die Fassade des Landtags ist dem Potsdamer Stadtschloss nachempfunden, das einst an dieser Stelle stand. Nun engagiert sich Paul gegen den laufenden Wiederaufbau der Garnisonkirche. Auch angesichts der betrĂ€chtlichen Höhe, die der Kirchturm bereits erreicht hat, will sie nicht aufgeben. Man könne den Weiterbau stoppen und die Kirche als unfertiges Mahnmal ihrer problematischen Geschichte auf die Einwohner und Besucher von Potsdam wirken lassen.




Quelle: Inforiot.de