Oktober 19, 2021
Von Indymedia
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Am 07. April 1977 wird Generalbundesanwalt Buback von dem RAF-“Kommando Ulrike Meinhof” erschossen. Die Aktion nahm Bezug auf die Emordung von Holger, Siegfried und Ulrike, fĂŒr die Buback damals als Generalbundesanwalt, zustĂ€ndig fĂŒr die Haftbedingungen der Gefangenen, verantwortlich war.

Dazu heißt es u. a. weiter in der KommandoerklĂ€rung:

„Im Rahmen der Counterstrategie der imperialistischen BRD gegen die Guerilla ist die Justiz kriegfĂŒhrendes Instrument 
 Buback – wie Schmidt sagt, ein tatkrĂ€ftiger KĂ€mpfer fĂŒr diesen Staat – hat die Auseinandersetzung mit uns als Krieg begriffen und gefĂŒhrt 
. Wir werden verhindern, dass die Bundesanwaltschaft den vierten kollektiven Hungerstreik der Gefangenen um minimale Menschenrechte benutzt, um Andreas, Gudrun und Jan zu ermorden, wie die psychologische KriegsfĂŒhrung seit Ulrikes Tod offen propagiert.“

http://www.labourhistory.net/raf/read.php?id=0019770407

Am 28.04.1977 werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zu lebenslÀnglichen Haftstrafen verurteilt.

Zwei Tage spĂ€ter, am 30.04.1977, wird der Hungerstreik beendet, nachdem das baden-wĂŒrttembergische Justizministerium ein Einlenken signalisierte. Im Juli werden einige Kleingruppen mit maximal acht Gefangenen gebildet.

Am 30.07.77 misslingt die EntfĂŒhrung des Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, JĂŒrgen Ponto, der dabei erschossen wird.

Die Gefangenen werden nach dieser Aktion der RAF wieder total isoliert und antworten mit einem weiteren Hungerstreik, den sie aber nach 26 Tagen mit folgender BegrĂŒndung abbrechen:

„Im Laufe der Woche haben wir von einem Mitglied von Amnesty International erfahren, dass der Vermittlungsversuch, den das Internationale Exekutivkomitee unternommen hat, um humane, d. h. Haftbedingungen, die den Forderungen der Ärzte entsprechen durchzusetzen, abgebrochen wurde, weil die Situation total verhĂ€rtet ist und in den Behörden von oben nach unten die Linie durchgesetzt wurde, nach den AnschlĂ€gen gegen den Bundesanwalt und Ponto an den Gefangenen ein Exempel zu statuieren. Das entspricht den AnkĂŒndigungen Rebmanns. Die Gefangenen haben daraufhin ….. am 26. Tag ihren Streik unterbrochen. Sie haben sich dazu entschlossen, nachdem sie damit offen zu Geiseln des Staatsschutzes erklĂ€rt worden sind 
”

http://www.labourhistory.net/raf/documents/0019770430.pdf

Am 5. September 1977 entfĂŒhrt das “Kommando Siegfried Hausner” den KapitalistenfunktionĂ€r Hanns-Martin Schleyer. Das Kommando fordert die Freilassung von 11 RAF-Gefangenen. Schleyer soll freigelassen werden, wenn die Gefangenen in ein Land ihrer Wahl ausgeflogen werden.

Schleyer als PrĂ€sident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI), des Bundesverbandes der ArbeitgeberverbĂ€nde (BDA) und Vorstandsmitglied von Daimler-Benz, war eine der mĂ€chtigsten Persönlichkeiten der BRD, (“Boss der Bosse”) mit einer allerdings von der Presse immer verschwiegenen bzw. verharmlosten Nazikarriere. Er war bereits als 16jĂ€hriger der faschistischen Bewegung beigetreten. Als Leiter des NS-Studentenwerks war er an der Gleichschaltung der UniversitĂ€ten und der Entfernung der jĂŒdischen und antifaschistischen Student*innen beteiligt. SpĂ€ter wurde er Leiter des PrĂ€sidialbĂŒros im Zentralverband der Industrie fĂŒr Böhmen und MĂ€hren und war dort fĂŒr die wirtschaftliche Eingliederung des tschechoslowakischen Industriepotentials in die deutsche Kriegswirtschaft zustĂ€ndig.

Trotz Schleyers FĂŒhrungsposition ist die Bundesregierung zu keiner Zeit bereit gewesen, auf den vorgeschlagenen Austausch einzugehen. Schleyer soll gefunden und befreit werden. Es wird eine totale Nachrichtensperre verhĂ€ngt. Außerdem wird die Kontaktsperre fĂŒr die ca. 100 politischen Gefangenen eingefĂŒhrt: jeglicher Kontakt, auch zu den AnwĂ€lten, wird untersagt, Radio und Zeitungen werden entzogen. Die Gefangenen sind damit gĂ€nzlich dem Staat ausgeliefert, der sogar in ErwĂ€gung zieht, Gefangene zu erschießen: jeweils einen fĂŒr jeden Toten, den es draußen gibt. Diese Maßnahmen wurden nicht nur von ReaktionĂ€ren, wie dem damaligen bayerischen MinisterprĂ€sidenten Franz-Josef Strauss oder von Bubacks Nachfolger Rebmann gefordert, sondern auch von seinem sozialdemokratischen Kollege Heinz KĂŒhn. Auch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt forderte indirekt solche Maßnahmen:

„Der Staat muss daraufhin mit aller notwendigen HĂ€rte antworten” und

„Ich bitte die Herren, doch jetzt auch einmal exotische Gedanken auszusprechen, was wir machen sollen“

Gleichzeitig wird eine totale Fahndung eingeleitet. So werden an wichtigen Verkehrsknotenpunkten Datenfunkstationen aufgestellt, ĂŒber die alle vorbeifahrenden Kraftfahrer*innen im Alter zwischen 30 – 35 Jahren ĂŒber Interpol abgefragt werden. Das BKA verlangt VertragsdurchschlĂ€ge von allen in der BRD gekauften PKWs, in Köln werden alle Stromabnehmer auf ihre polizeiliche Meldung hin ĂŒberprĂŒft.

Am 13. Oktober 1977 wird die Lufthansa-Boeing 737 “Landshut” mit 86 Passagieren wĂ€hrend eines Fluges von Mallorca nach Frankfurt von einem palĂ€stinensischen Kommando entfĂŒhrt. Bereits in der Nacht zum 14. wird die Verbindung zur Schleyer-EntfĂŒhrung mit dem Eingang eines Ultimatums deutlich. Es wird die Freilassung derselben Gefangenen gefordert, zusĂ€tzlich noch die Freilassung von zwei Gefangenen aus der “Popular Front for the Liberation of Palestine” (PFLP) aus einem tĂŒrkischen GefĂ€ngnis und ein Lösegeld von 15 Millionen US-Doller an die Freigelassenen. Die Regierung lehnt die Freilassung ab. In der Nacht zum 18. Oktober wird die Lufthansamaschine in Somalia auf dem Flughafen von Mogadischu durch ein Kommando der GSG 9, einer Bundesgrenzschutzeinheit, gestĂŒrmt. Die Mitglieder des Kommandos werden, bis auf eine Schwerverletzte, Souhaila Andrawes, getötet.

Am Morgen des 18. Oktober werden Andreas Baader und Gudrun Ensslin tot, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller schwer verletzt in ihren Zellen aufgefunden. Jan stirbt wenige Stunden spĂ€ter. Sofort wird die offizielle Version des Selbstmordes verbreitet, obwohl erhebliche Unstimmigkeiten in den dann folgenden Untersuchungen aufgedeckt werden können. Andreas Baader soll die Pistole angeblich selbst festgehalten haben können, obwohl ein Gutachten aussagt, dass der Schuss aus einem Abstand von 30 – 40 cm abgefeuert worden ist und die Pistole selbst immerhin 17 cm maß. Gudrun Ensslins Leichnam zeigte zahlreiche leichte Verletzungen und BlutergĂŒsse. Ebenso wie bei Ulrike Meinhof wird auch hier ein Histamintest, der darĂŒber Auskunft gibt, ob ein noch lebender oder bereits toter Mensch aufgehĂ€ngt wurde, unterlassen. 

Irmgard Möller, die einzige Überlebende, sagte am 16.1.78 vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages Baden-WĂŒrttembergs  aus:

“FĂŒr uns war klar, Selbstmord ist nicht Sache. Wir sind entschlossen zu kĂ€mpfen 
 Ich habe mir die Verletzungen nicht selbst beigebracht.”

( „TodesschĂŒsse“ von Bakker Shut, Seite 274)

Am 19. Oktober 1977 geht bei der Redaktion einer französischen Zeitung ein Schreiben der RAF ein, in dem mitgeteilt wird, wo sich der tote Hanns-Martin Schleyer befindet: “FĂŒr unseren Schmerz und unsere Wut ĂŒber die Massaker von Mogadischu und Stammheim ist sein Tod bedeutungslos.”

http://www.labourhistory.net/raf/read.php?id=0019771019

Vier von den elf Gefangenen, die befreit werden sollten, wurden ermordet. Am 12. 11. 77 wurde Ingrid Schubert in MĂŒnchen-Stadelheim tot aufgefunden. FĂŒr den Staat war es natĂŒrlich auch “Selbstmord”.

Alle Menschen und Initiativen, die das öffentlich in Frage stellten, wurden kriminalisiert. So wurde die staatliche verordnete “Wahrheit”, die bis heute nie objektiv bewiesen werden konnte, zur herrschenden Wahrheit, die sich ĂŒber die bĂŒrgerlichen Medien in die Köpfe der Menschen fraß.

WĂ€hrend die Linke in der BRD lange zu den Ereignissen um die emordeten Gefangenen schwieg, gab es in anderen LĂ€ndern massive Proteste, Demonstrationen und militante Aktionen gegen deutsche Einrichtungen und Firmen u.a. in Frankreich, Italien, Griechenland und den USA.

Nach der Offensive der RAF 1977 werden im Rahmen der staatlichen Fahndung kaum noch Gefangenen mehr gemacht. Bis Juni 1979 werden im Zuge der Fahndung drei Gesuchte erschossen: Willy Peter Stoll, Michael Knoll und Elisabeth van Dyck. Rolf Heißler ĂŒberlebte schwer verletzt.

Aus “Eine kurze EinfĂŒhrung in die Geschichte der Rote Armee Fraktion (RAF)”

herausgeben : Netzwerk Freiheit fĂŒr alle politischen Gefangenen

beziehen: kontakt@political-prisoners.net




Quelle: De.indymedia.org