April 7, 2021
Von End Of Road
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Aktion in SolidaritÀt mit den Gefangenen

Vor etwa drei Wochen hat Dimitris Koufontinas seinen Hungerstreik beendet. Es war ermutigend zu sehen, wie Menschen auf den ganzen Welt SolidaritÀtsaktionen mit ihm und der Revolte in Griechenland gemacht haben. Nun wollen wir ein Interview zu einem weiteren Hungerstreik teilen.

Chile. Seit dem 22. MĂ€rz hat eine Gruppe von politischen Gefangenen, Anarchist:innen, Subversiven und von der Revolte einen Hungerstreik begonnen, der die Abschaffung des Gesetzesdekrets 321 fordert, das das alte Recht auf „Entlassung auf BewĂ€hrung“ in eine sehr schwer zugĂ€ngliche „Belohnung“ umwandelt, und auch die Freilassung von Marcelo Villarroel fordert, der 25 Jahre in verschiedenen GefĂ€ngnissen verbracht hat. BezĂŒglich dieser neuen Mobilisierung, die aus den GefĂ€ngnissen der Demokratie heraus durchgefĂŒhrt wird, sprach Vamos Hacia La Vida mit einer der Sprecher:innen der Genoss:innen.

UrsprĂŒnglich veröffentlicht von Vamos Hacia La Vida. Ăœbersetzt von Riot Turtle.

Was sind die gemeinsamen Besonderheiten der Genossinnen und Genossen, die in den GefÀngnissen im Hungerstreik sind?

Das Politische GefĂ€ngnis in Chile ist eine Widerspiegelung im Kontext und in der Zusammensetzung der verschiedenen Ausdrucksformen der intensiven und unterschiedlichen sozialen KĂ€mpfe, die sich auf dem nationalen Territorium entfalten; deshalb ist es möglich, besondere Positionen derjenigen zu finden, die sich den Ansichten und Analysen der breiten schwarzen Linie anschließen, die den Anarchismus ausdrĂŒckt; aber alle haben die absolute und kĂ€mpferische Ablehnung des bĂŒrgerlichen politischen Regimes gemeinsam, das kapitalistisch, ausbeuterisch, rĂ€uberisch, und repressiv ist und immer fĂŒr und im Dienste der Interessen der Reichen und der Ausbeuter:innen arbeitet. So gibt es innerhalb des Politischen GefĂ€ngnisses viele Menschen, die im Zusammenhang mit der massiven sozialen Revolte, die seit Oktober 2019 im Land entfesselt wurde, inhaftiert sind, es gibt subversive Gefangene, Autonome, Anarchist:innen, von denen mehrere lange Haftstrafen in einem echten Zustand des sozialen Krieges gegen das herrschende System, seine UnterstĂŒtzer:innen und unaufrichtigen Kritiker:innen, gegen das Establishment und alle AutoritĂ€ten verbĂŒĂŸen.

Welche Folgen haben die im Gesetzesdekret 321 enthaltenen Änderungen fĂŒr HĂ€ftlinge, die eine Entlassung auf BewĂ€hrung anstreben?

Es hat mehrere katastrophale Folgen, angefangen mit der Tatsache, dass es das einzige rĂŒckwirkende Gesetz in Chile (und sicherlich in vielen LĂ€ndern) ist, d.h. seine Auswirkungen und seine GĂŒltigkeit betreffen jeden Gefangenen, unabhĂ€ngig davon, ob seine Verurteilungen Jahre oder sogar Jahrzehnte vor seiner Umsetzung erfolgten. Die Streichung von Artikel 1 dieses Gesetzes, der durch den aktuellen Artikel 9 ersetzt wurde, bedeutet eine beispiellose VerschĂ€rfung der Anforderungen, um sich fĂŒr eine Entlassung auf BewĂ€hrung zu qualifizieren, die nicht mehr das Recht eines Gefangenen ist, sondern zu einer Belohnung wird. Der Anteil der verbĂŒĂŸten Zeit einer Strafe, um fĂŒr diese Belohnung in Frage zu kommen, wurde betrĂ€chtlich erhöht, so dass, wenn in der Vergangenheit die HĂ€lfte der Strafe erforderlich war, heute 2/3 der Strafe erforderlich sind. Außerdem hat sich das System der GewĂ€hrung von bedingten Freiheiten geĂ€ndert, frĂŒher eine gemeinsame Entscheidung von Gendarmerie, Richtern und Polizei, heute hĂ€ngt ihre GewĂ€hrung ausschließlich von einer schĂ€ndlichen, faschistischen, vernichtenden und folternden Institution wie der Gendarmerie ab.

Wie wirkt sich das alles insbesondere auf den politischen Gefangenen Marcelo Villarroel SepĂșlveda aus?

Marcelo Villarroel ist besonders betroffen. Er wurde in 3 Perioden fĂŒr insgesamt 25 Jahre inhaftiert. Derzeit ist er zu 14 Jahren wegen Enteignung einer Bank verurteilt, mit mehr als 11 Jahren hinter Gittern sollte er entlassen werden, aber aufgrund einer Verurteilung vor mehr als 25 Jahren durch die verrottete MilitĂ€rjustiz ist er Jahrzehnte davon entfernt, auf BewĂ€hrung entlassen zu werden. Er ist der einzige politische Gefangene des Landes, der von MilitĂ€rstaatsanwĂ€lten verurteilt wurde, obwohl man davon ausgeht, dass kein Zivilist von dieser Ungeheuerlichkeit der Justiz fĂŒr Jahre verurteilt werden kann; seine Verurteilungen, die sich auf insgesamt 40 Jahre belaufen, gehen auf den Kontext seiner Militanz in der Guerilla-Organisation Mapu Lautaro zurĂŒck, die wĂ€hrend der Pinochet-Diktatur das kapitalistische System in seiner faschistischen und neoliberalen Version und seine „demokratische“ KontinuitĂ€t nach dem MĂ€rz 1990 mit der Waffe in der Hand bekĂ€mpfte. Heute hat das Justizorgan, das die Vollstreckung der Urteile ĂŒberwacht – die Gendarmerie – festgestellt, dass Marcelo den MilitĂ€rgerichten mehr als 25 Jahre seiner Strafe „schuldet“, daher sollte er nach VerbĂŒĂŸung seiner Strafe fĂŒr den „Sicherheitsfall“ damit beginnen, die Jahre zu verbĂŒĂŸen, die er angeblich noch zu verbĂŒĂŸen hat.

Wie haben die Gendarmerie und der Staat bisher auf die Forderungen der Mobilisierung reagiert?

Die Reaktion der Gendarmerie war in diesen FĂ€llen die ĂŒbliche, d.h. Drohungen, EinschĂŒchterungen, Sanktionen und Strafen, die darauf abzielen, unsere Genoss:innen von ihrem unterstĂŒtzenden und komplizenhaften sozialen und familiĂ€ren Umfeld zu isolieren. Der Staat, vor allem durch sein Justizsystem, hat die Genoss:innen zu Anhörungen vorgeladen, wo er ihnen befohlen hat, ihre Haltung aufzugeben, da sie ihnen angeblich nur schadet und sie Sanktionen aussetzt; die Antwort war klar und eindringlich: die GrĂŒnde fĂŒr den Streik sind klar und legitim, die WiedereinfĂŒhrung von Artikel 1 des Gesetzes 321, die Aufhebung von Artikel 9 und sofortige Freiheit fĂŒr Marcelo Villarroel.

Was ist deine Meinung ĂŒber die aktuelle Entwicklung des Klassenkampfes in der chilenischen Region?

Unter BerĂŒcksichtigung der Revolte, der verallgemeinerten Repression, der Pandemie, des konstituierenden Prozesses, etc. Ab Oktober 2019 gibt es eindeutig einen qualitativen und starken quantitativen Sprung im vielfĂ€ltigen Spektrum von Revolte, Protest und sozialem Krieg; Es ist nicht so, dass es ihn nicht schon vorher gegeben hĂ€tte oder dass er nicht schon vorher zum Ausdruck gekommen wĂ€re, in der Tat gibt es die historische KontinuitĂ€t der sozialen KĂ€mpfe fĂŒr Gleichheit, Gerechtigkeit und SolidaritĂ€t unter den Menschen schon seit der Antike, aber was das Land, die Organisationen und die sozialen Bewegungen in diesem Gebiet fĂŒr immer verĂ€ndert hat, war die AufmĂŒpfigkeit, die Kampfbereitschaft und die EffektivitĂ€t der Angriffe und Aktionen der Selbstverteidigung, die von den vielfĂ€ltigen Formen, organisiert oder nicht, der Beziehung zwischen den Unangepassten, den Marginalisierten, den Ausgebeuteten und den Indigenen entwickelt wurden. Seit den Zeiten der Pinochet-Diktatur haben wir nicht mehr das heutige Ausmaß an Konflikten, ihre Persistenz und KontinuitĂ€t gesehen; von daher ist es auch möglich, die unzĂ€hligen, massiven und erbarmungslosen Angriffe der RepressionskrĂ€fte zu verstehen (wenn auch niemals zu vergessen und noch weniger zu „verzeihen“). In der Tat ist ihr Herrschaftssystem nicht nur ins Wanken geraten, sondern sie haben die aufstĂ€ndische Wut zahlloser Generationen von Rebell:innen kennengelernt, personifiziert in einem historischen Kontext, dem des heutigen Chiles, der sich sehr von dem von vor nur 2 Jahren unterscheidet und sich bereits auf einen aufstĂ€ndischen Weg ohne RĂŒckkehr begeben hat.

Abschließend: Was ist das Dringendste, was von denjenigen, die mit dem Kampf der Gefangenen solidarisch sind, benötigt wird?

Das Dringendste ist, vielfĂ€ltige Aktionen der UnterstĂŒtzung und SolidaritĂ€t zu entwickeln, diese legitimen Forderungen breit und tĂ€glich zu verbreiten; nur die Phantasie ist die Grenze, jeder soll seinen Teil dazu beitragen, es gibt keine besseren oder schlechteren BeitrĂ€ge, KlassensolidaritĂ€t, gegenseitige UnterstĂŒtzung und der Kampf gegen die herrschenden VerhĂ€ltnisse sind unser Horizont.

Artikel ĂŒbernommen von enoughisenough14.org




Quelle: Endofroad.blackblogs.org