Juni 21, 2021
Von Graswurzel Revolution
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„Sei doch nicht so naiv, die Regierung verarscht uns doch nur und die Corona-Maßnahmen sind völlig ĂŒbertrieben! Dass du die als AnarchistIn verteidigst, hĂ€tte ich ja nie von dir gedacht!“ VorwĂŒrfe so oder so Ă€hnlich stellen eine echte Herausforderung fĂŒr libertĂ€re Menschen dar, denn die Verteidigung des Staates passt natĂŒrlich erst einmal nicht gut ins Selbstbild. Allerdings treten solche Situationen immer mal wieder auf und gerade unter Corona-Bedingungen stellt sich die Frage, wie mit staatlich-autoritĂ€ren Verboten, Erlassen und Ermahnungen umgegangen werden soll. Dies wurde auch schon in der Graswurzelrevolution diskutiert. Der folgende Beitrag von Manuel D. schließt an diese Debatte an und beschreibt mit Bezug auf Erich Fromm eine Perspektive auf diese Frage, die reines Dagegen-Sein als ebenso problematisch ansieht wie blinden Gehorsam. (GWR-Red.)

In seinem gleichnamigen Aufsatz von 1936 macht sich Erich Fromm (1) Gedanken ĂŒber den sogenannten ‚autoritĂ€ren Charakter‘, welcher spĂ€ter von Adorno und anderen aufgegriffen und in den Studien zum autoritĂ€ren Charakter empirisch untersucht wurde. Vor Fromm hatte sich bereits Wilhelm Reich mit dem VerhĂ€ltnis von TriebunterdrĂŒckung, Charaktereigenschaften und der Entstehung von Faschismus beschĂ€ftigt, doch erst Fromm hat den autoritĂ€ren Charakter systematisch ausgearbeitet. Der autoritĂ€re Charakter ist ein Sozialcharakter, also nicht nur ein individueller, sondern er kommt in einer bestimmten Gesellschaft hĂ€ufig vor. Dies geschieht durch die Sozialisation der Menschen im Kindesalter in den Familien und in der Schule, spĂ€ter in der Arbeitswelt. Durch bestimmte gesellschaftliche Rahmen-
bedingungen (Kapitalismus, Nationalismus, Patriarchat, Kriege, autoritÀre Erziehung, Gewalt, etc.) Àhnelt sich die Erziehung der Menschen in einer bestimmten Gesellschaft, zumindest innerhalb bestimmter Gruppen, wie Klassen oder Milieus.
Der autoritĂ€re Charakter zeichnet sich durch eine spezielle „Einstellung zur AutoritĂ€t“ (2) aus, welche ‚erlernt‘ bzw. ‚eingeblĂ€ut‘ wurde. Dabei unterscheidet Fromm zwischen zwei unterschiedlichen Erscheinungsformen: dem „positiv-autoritĂ€ren“ und dem „negativ-autoritĂ€ren“ (3) Charakter. Der erste ist die bekannte ‚FahrradfahrerInnenmentalitĂ€t‘: Nach oben buckeln und nach unten treten. Menschen mit solch einem Charakter unterwerfen sich der AutoritĂ€t, stellen sie nicht in Frage und verlangen gleichzeitig von Untergebenen oder Unterlegenen denselben unhinterfragten Gehorsam. Bei diesem positiv-autoritĂ€ren Charakter ist die Unvereinbarkeit mit Freiheit und libertĂ€rer Politik offenkundig. Die andere AusprĂ€gung, die negativ-autoritĂ€re, ist etwas unerwarteter, aber dafĂŒr umso interessanter: „Man findet hĂ€ufig, dass solche Menschen, wo immer sie AutoritĂ€ten begegnen, ebenso automatisch auflehnend und rebellisch reagieren wie der autoritĂ€re Typ unterwĂŒrfig und verehrend. Diese Reaktion pflegt auch ebenso irrational zu sein wie die positiv-autoritĂ€re. Es kommt nicht darauf an, ob eine AutoritĂ€t vernĂŒnftig oder unvernĂŒnftig, zweckmĂ€ĂŸig oder unzweckmĂ€ĂŸig, zum Nutzen oder Schaden ist –, das Vorhandensein von AutoritĂ€t ĂŒberhaupt lĂ€sst diesen Charaktertypus sofort in eine rebellische Haltung geraten“ (4). Von diesen beiden autoritĂ€ren Charakteren unterscheidet Fromm solche, die eine „Revolution im psychologischen Sinn“ durchgemacht haben und bei denen daher „die Impulse, die eine starke AutoritĂ€t verlangen, schwĂ€cher werden oder ganz verschwinden“ (5). Das Ziel ist also weder die Vergötterung des einen Herrn oder dessen Ersetzung durch einen anderen noch die permanente verbissene Abarbeitung an ihnen und ihren Positionen, sondern eine gewisse Nichtbeachtung. Dieser Charaktertyp kann als libertĂ€rer Charakter bezeichnet werden. WĂ€hrend die anderen beiden Typen mit der AutoritĂ€t positiv oder negativ verbunden und damit abhĂ€ngig von dieser sind, zeichnet sich die libertĂ€re AusprĂ€gung durch eine UnabhĂ€ngigkeit gegenĂŒber AutoritĂ€ten aus. Diese stellen keinen zentralen Bezugspunkt mehr dar, wodurch eine innere Freiheit und Autonomie gewonnen wird. Solch eine SelbststĂ€ndigkeit lĂ€sst sich durch Selbstreflexion stĂ€rken, wobei hier Gruppenprozesse und der Austausch mit anderen eine wichtige Bedeutung haben. Das VerhĂ€ltnis der drei vorgestellten Charaktertypen zueinander ist im Grunde dialektisch: der negativ-autoritĂ€re Charakter ist das GegenstĂŒck (Antithese) zum positiv-autoritĂ€ren Charakter und bleibt daher dem Gehorsam und der AutoritĂ€t verhaftet, wenn auch im negativen Sinne, also mit anderem Vorzeichen. Der libertĂ€re Charakter geht ĂŒber die AutoritĂ€t als solche hinaus, sie wird weder vergöttert, noch rebellisch abgelehnt, sondern ĂŒberwunden.
BezĂŒglich der staatlichen Corona-Maßnahmen bedeutet dies, dass es einerseits Menschen gibt, die blind den staatlichen Vorgaben folgen und froh sind, solange eine AutoritĂ€t ihnen sagt, wie sie sich zu verhalten haben. Dann gibt es solche, die grundsĂ€tzlich gegen die staatlichen AutoritĂ€ten und deren Vorgaben sind, sich also in stĂ€ndiger Rebellion befinden. Mit Fromms AusfĂŒhrungen lĂ€sst sich aber verstehen, dass dieses rebellische Verhalten nur ein negativ-autoritĂ€res ist, welches der AutoritĂ€t in einem negativen Sinne, ‚ich bin immer gegen dich‘, verhaftet bleibt. Nur in einer Überwindung dieser Impulse lĂ€sst sich eine libertĂ€re, freiheitliche Einstellung zu AutoritĂ€t gewinnen: diese spielt dann keine zentrale Rolle mehr, weder positiv noch negativ, sondern wird durch eigenstĂ€ndiges AbwĂ€gen, Diskussionen mit anderen, sowie Aushandlungsprozessen ersetzt.
Wenn man Fromms Sozialcharakterkunde nicht so begreift, dass sie ausschließlich verschiedene Menschen beschreibt, sondern eher so, dass jede/jeder von uns verschiedene Charakteranteile in sich trĂ€gt, dann kommt es fĂŒr uns alle darauf an, zu schauen, welche Seiten wir stĂ€rken bzw. nĂ€hren wollen und ob wir bestimmten Tendenzen nachgeben wollen oder lieber nicht. BezĂŒglich der staatlichen Coronamaßnahmen bedeutet dies, dass aus einer anarchistischen Perspektive natĂŒrlich nicht staatliche Maßnahmen als solche bejubelt werden sollten. Gleichzeitig darf der bloße rebellische Widerstand dagegen nicht als libertĂ€re Antwort missverstanden werden, sondern als Fortsetzung der AutoritĂ€t unter anderem Vorzeichen. Wir sollten uns freimachen von der Frage, ob staatlicherseits Masken o.Ă€. vorgeschrieben sind oder nicht. Wenn es uns nach Einbeziehung der relevanten Aspekte (wie medizinischer Gesundheitsschutz, psychische Gesundheit, Schutz von schwachen Gruppen wie vorerkrankten oder alten Menschen, etc.) sinnvoll erscheint Masken zu tragen, dann können wir das getrost tun, unabhĂ€ngig davon, ob uns dann manche RebellInnen als ‚Schlafschafe‘ bezeichnen. Ebenso können wir die Masken entgegen staatlichem Gebot auch ausziehen, wenn gute GrĂŒnde dafĂŒr sprechen.
Dies ist nicht gerade ein leichter Weg, insbesondere in der aktuellen Situation, die stark von Ängsten verschiedener Art geprĂ€gt ist. Martha Nussbaum (6) weist auf den Zusammenhang von Angst und autoritĂ€rer Politik hin und argumentiert fĂŒr eine möglichst angstreduzierte Politik, da nur so demokratische Selbstverwaltung möglich sei. Die konkrete Umsetzung solch eines angstreduzierten politischen Aushandlungsprozesses sollte also das Ziel libertĂ€rer Bestrebungen sein. Dabei sollte es einen pragmatischen Umgang mit autoritĂ€ren Maßnahmen geben, der darĂŒber hinaus geht, einfach nur dagegen zu sein.




Quelle: Graswurzel.net