MĂ€rz 7, 2021
Von Autonomie Magazin
308 ansichten


Ich bin Tochter

Ich bin Schwester

Ich bin eine liebevolle Freundin

Ich bin eine Frau

eine Frau aus einem toten Dorf im SĂŒden,

eine Frau, die seit Urbeginn barfuß lĂ€uft

auf der glĂŒhenden Erde der WĂŒste

von einem Ende zum anderen.


Ich bin von kleinen Bauern im Norden

eine Frau, die seit Urbeginn barfuß

in Reisfeld und Teefeld geht

bis zum Ende ihrer Kraft

ich bin von verlassenen Ruinen im Osten

eine Frau, die seit Urbeginn barfuß ertrĂ€gt

auf durstiger Erde

ein Tröpfchen Wasser zu suchen

eine Frau, die seit Urbeginn barfuß fĂŒhlt

mit dem mageren Ochsen auf der Tenne

vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang

von der DĂ€mmerung bis zum Morgengrauen

die Schwere der Qual

ich bin eine Frau

von den NomadenstÀmmen

von den Landstreichern in WĂŒsten und Bergen

eine Frau, die ihr Kind auf dem Berg bekommt

und in der Weite der WĂŒste

ihre Ziege verliert und beweint

ich bin eine Frau

eine Arbeiterin, die mit ihren HĂ€nden

in der Fabrik die großen Maschinen bewegt

und jeden Tag wird ihre Kraft

von den ZĂ€hnen des Rades zerhackt.


So einfach, eine Frau, an deren Lebenskraft

sich die gierige Leiche mÀstet

und durch den Verlust ihres Blutes

wÀchst Kapitalistenprofit

eine Frau, die keinen Platz hat

in den Vorstellungen eurer schÀndlichen Kultur

da sind ihre HĂ€nde weiß

ihre Finger zart, ihre Haut weich

und ihre Zöpfe duften.


Ich bin eine Frau, deren HĂ€nde

von schneidenden Qualen verletzt sind

eine Frau, deren Gestalt

durch eure Schamlosigkeit

unter der gewaltigen Arbeit

einfach gebrochen ist

eine Frau, deren Haut

fĂŒr die Sonne der salzigen WĂŒste

ein Spiegel ist

deren Zöpfe duften nach Rauch

ich bin eine freimĂŒtige Frau

eine Frau, die seit Urbeginn

an der Seite ihrer Schwestern und BrĂŒder

ihrer Genossinnen und Genossen

die WĂŒsten durchwandert

eine Frau die erzieht

die mÀchtige Faust des Arbeiters

und den kraftvollen Arm des Bauern.


Ich bin selbst Arbeiterin

ich bin selbst BĂ€uerin

meine ganze Gestalt ein Bildnis der Qual

meine Erscheinung verkörpert den Hass.

Welche UnverschÀmtheit von euch

mir zu sagen

die Qual meines Hungers sei Phantasie

die Nacktheit meines Körpers sei Wahn

ich bin eine Frau

die keinen Platz hat

in den Vorstellungen

eurer schÀndlichen Kultur

eine Frau

in deren Brust das Herz ĂŒbervoll ist

von ansteckenden GeschwĂŒren der Rache

eine Frau

in deren Augen

der rote Schein der Geschosse der Freiheit sich bricht.


Eine Frau deren HĂ€nde durch Arbeit

hart genug geworden sind

die Waffe zu ergreifen.


(Von Marzieh Ahmadi*, Organisation der Volksfedajin-Guerilla Iran. Bei dem Versuch Genossen vor dem iranischen Geheimdienst SAVAK zu retten, geriet sie mit den Agenten in ein Feuergefecht und starb am 26. April 1974 im Alter von ca. 33 Jahren in Teheran.)

Das Potrait von Marzieh Ahmadi, bei der Feier zum internationalen Frauenkampftag am 8. MÀrz, der RevolutionÀren Assoziation der Frauen Afghanistans.

ErgÀnzung:

Und wenn ich auch hier und heute eine bin

die behĂŒtet und wĂŒstenlos

in einer Metropole aufgewachsen ist

die nicht die Qual des Hungers

aber die des Konsums

und nicht die Qual der Schwerstarbeit

aber die Entfremdung der Wissenschaften

und nicht den offenen

aber den subtilen Terror

am eigenen Leibe erfahren hat

so bin ich doch genauso eine Frau

die keinen Platz hat

in den Vorstellungen dieser Gesellschaften

bin ich eine Frau, die sich verbunden fĂŒhlt

mit Arbeiterinnen, mit BĂ€uerinnen,

den unterdrĂŒckten Schwestern der ganzen Welt

mit denen, auf deren Kosten

sich die Metropole nÀhrt und erhÀlt

vor allem aber mit denen, mit denen mich

der gemeinsame Wille zum KĂ€mpfen eint.


*Marzieh Ahmadi ist 1941 in Osku im Norden des Iran geboren und war Dichterin und Lehrerin. Sie war AnfĂŒhrerin der Studentenproteste von 1970, weswegen sie im Knast landete und anschließend nach Osku verbannt wurde. SpĂ€ter schloss sie sich der Guerilla an. Das Gedicht wurde dem Buch: „der Morgenröte entgegen
“ Gedichte und Texte gegen den imperialistischen Krieg, entnommen.

[
] Read More [
]




Quelle: Autonomie-magazin.org