Februar 3, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Technologie als Vermittlung

mit selbst-gewÀhlten Provokationen von Jerry Mander*


 es stieß mir auf, dass zwischen mir und all dem ein Film war. Ich konnte die spektakulĂ€re Aussicht „sehen“. Ich wusste, dass sie spektakulĂ€r war. Aber die Erfahrung endete mit meinen Augen. Ich konnte sie nicht in mir aufnehmen. Ich fĂŒhlte nichts. Irgendetwas war mit mir schief gelaufen. Ich erinnere mich an Momente aus meiner Kindheit, als der bloße Anblick des Himmels, des Grases oder der BĂ€ume Wellen physischer Zufriedenheit in mir auslöste. Aber nun 
 Ich fĂŒhlte mich tot. Ich hatte den Drang, eine Phrase, die unter meinen Freunden beliebt war, zu wiederholen: „Die Natur ist langweilig“. Was daran aber erschreckend war, war, dass ich wusste, dass ich das Problem war, nicht die Natur. Die Natur war fĂŒr mich irrelevant geworden, sie war aus meinem Leben verschwunden. Durch das bloße Fehlen ihrer Einwirkung und der Übung hatte ich die FĂ€higkeit verloren, sie zu fĂŒhlen, mich in ihr zu verlieren oder mich fĂŒr sie zu interessieren. Das Leben war dafĂŒr nun zu schnell geworden 


Ich bin mir ziemlich unsicher, wo Ich (im rein egoistischen Sinne) ende und alles andere beginnt. Das ist irgendwo vage und formlos und, tja, subjektiv. Ich habe nicht vor hier wie ein verdammter Hippie zu klingen, aber wĂ€hrend ich nach einem authentischen und unvermitteltem Leben frei (oder zumindest stark reduziert) von (mich von mir, anderen und der Welt um uns herum) entfremdenden UmstĂ€nden suche, mĂŒssen die Ecken und die Essenzen dessen, wer ich bin (und wer ich nicht bin) untersucht werden. Eine Sache, die ich mit ziemlich großer Überzeugung sagen kann, ist, dass ich keine Maschine bin
 Ich möchte jenes, mit dem ich intim verbunden bin, nicht auf jene Menschen beschrĂ€nken, mit denen ich eine formelle Beziehung habe, noch ausschließlich auf Menschen, noch auf jene Tiere, die Wirbel besitzen, noch auf das, was wir typischerweise als „lebendig“ betrachten – wie einige vorgeschlagen haben, „Steine können sprechen“ und deshalb liegt es im Bereich des Möglichen, dass sie auch zuhören, handeln und ihre GefĂŒhle zeigen könnten. Mich erfĂŒllt es mit einem begeisterten Schauer diese Möglichkeiten und Besonderheiten zu erkunden. Wenn es allerdings um „Technologie“ [1] geht oder die Abgestorbenheit des Raumes, den diese kontrolliert (physisch, psychologisch und institutionell), hege ich keinerlei Illusion (noch futuristische orgasmische Erleuchtungen) der Verbindung mit ihr, noch ĂŒber ihre angenommene gutartige NeutralitĂ€t (noch NatĂŒrlichkeit). Ich werde die technologische Infrastruktur und einige ihrer Segmente benutzen, wo und wann ich das GefĂŒhl habe, dass ich, oder eine kollaborative BemĂŒhung, einen momentanen Nutzen daraus ziehen kann, fĂŒr einen augenblicklichen oder einen langfristigen Prozess, innerhalb, oder trotz, der allgegenwĂ€rtigen und unvermeidbaren technologischen Vorherrschaft und Zersetzung (z. B. einen Computer zu benutzen, um eine Publikation herauszubringen, die Zivilisation kritisiert und Strategien dagegen entwickelt). Letztlich ist es unmöglich die Idee zu verwerfen, dass Technologie ein ungesundes Konglomerat oder System an Werkzeugen ist, das nicht zu meiner UnterstĂŒtzung oder fĂŒr meine Gesundheit entwickelt wurde, und das von einer unorganischen und anthropozentrischen MentalitĂ€t der Kontrolle, Effizienz und Ordnung kontrolliert wird und davon motiviert ist. Sie ist ein unglaublich machtvolles Netzwerk der Herrschaft, realisiert durch das Konzept des Fortschritts und der Trennung. Technologie hat die LebensverhĂ€ltnisse unserer Welt mehr bestimmt als jeder andere einzelne Faktor (Kapitalismus, Rassismus, Staatlichkeit, Theologie, etc.). Sie erschafft wortwörtlich das physikalische, soziale und psychologische Spielfeld, in welchem alle Formen der Herrschaft tĂ€tig sind. Sie stellt die Regeln auf und schreibt sie bestĂ€ndig gemĂ€ĂŸ ihrer eigenen selbstreferenziellen Logik um. Technologie ist die Religion unserer Zeit, und da sie eine unglaublich allumfassende Kontrolle ĂŒber unseren Verstand, unsere Körper und unseren Geist ausĂŒbt, muss sie zerstört werden [2], wenn wir ein unmittelbares und ungezĂŒgeltes Leben leben wollen.

Der verheerende Einfluss der Technologie ist umfassend, doch um der KĂŒrze und des Fokusses willen, habe ich mich entschieden nicht bei der ökologischen VerwĂŒstung zu verweilen, die von der Produktion, der Entwicklung, dem Funktionieren und der Aufrechterhaltung der technologischen Gesellschaft verursacht wird, noch bei der Vergiftung, die diese kreiert (jene, die uns auf zellulĂ€rer und genetischer Ebene umbringt). Die Auswirkungen in diesem Bereich sind gut dokumentiert und verstanden, und das weitverbreitete VerstĂ€ndnis fĂŒr diese Faktoren, so extrem relevant sie auch sind, hat (ernĂŒchternderweise) nicht im Mindesten die Flugbahn dieses technologischen Albtraums verĂ€ndert. TatsĂ€chlich scheinen diejenigen, die ausschließlich im Bereich der „Umweltbelastung“ verweilen, am Besten darin zu sein, lediglich fĂŒr eine „nachhaltigere“, „grĂŒnere“ und „mitfĂŒhlende“ Technologie zu argumentieren – einen solarbetriebenen Polizeistaat, der nie die Grundannahmen zivilisierter Beziehungen infrage stellt. Das stĂ€rkt nur die technologische Gesellschaft, indem sie ihre Infrastruktur (oder auch nur ihre Fassade) an populĂ€re Trends und Strömungen anpasst und so ihre Existenz ausweitet. Und auch wenn die Aspekte der Produktion in einer technologiegesteuerten Gesellschaft sowie die Manipulation und das Hineinzwingen der Arbeiter*innen in ihre Funktionsweise ein anderer wertvoller Gegenstand sind, den es zu erforschen gilt, ist das Thema riesig, und, wie ich gerne ergĂ€nzen möchte, eines, mit dem sich bereits mit mehr Kraft und Unmittelbarkeit befasst wurde als ich anzubieten vermag.

Die Fragen, die ich lieber stellen möchte, haben mehr mit den Auswirkungen und den Effekten der Technologie auf das Persönliche und das Soziale in Bezug auf Entfremdung zu tun, mit technologischer AbhĂ€ngigkeit und Sucht, mit seelischer und emotionaler Gesundheit, VerĂ€nderungen in der Wahrnehmung von Raum und Zeit, Automatisierung, der immer stĂ€rkeren Kontrolle der Technologie und dem Weg in Richtung eines kybernetischen Neo-Lebens. Die WidersprĂŒche, mit denen wir konfrontiert sind, sowie kommende mögliche Richtungen zu erkennen, ist von immenser Wichtigkeit fĂŒr unsere besondere Position als zivilisierte Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die sich nach einer vollkommen anderen, nicht-technokratischen Welt sehnen.

Als Menschen haben wir uns in vollkommen kĂŒnstliche Umgebungen bewegt, unser direkter Kontakt mit und unser Wissen ĂŒber den Planeten wurde unterbrochen. Unverbunden, wie Astronauten, die im Weltall schweben, können wir oben von unten nicht unterscheiden oder die Wahrheit von Fiktion. Die VerhĂ€ltnisse sind der Implantierung arbitrĂ€rer RealitĂ€ten dienlich.

Entfremdung ist die Methode oder der Zustand, in dem wir von etwas (oder allem) getrennt wurden, mit dem wir einst (oder intrinsisch) verbunden waren. Persönliche und soziale Entfremdung ist dem technologischen Prozess inhĂ€rent. Diese Trennung vom Leben ist die primĂ€re Quelle unseres Zustands der Domestizierung, ohne welche es deutlich schwieriger wĂ€re (sogar unmöglich) uns zu manipulieren und zu kontrollieren. Das ist immer schon der Hauptkontrollmodus gewesen. Trenne Menschen von ihrem Land und rekontextualisiere sie mithilfe von Methoden, Prozessen und Techniken, die ihnen nicht vertraut sind; isoliere sie von dem, wer sie sind. Es ist eben weil wir durch die Welt schweben ohne Verbindung zu dem, was wirklich das Leben ausmacht, dass wir an externe Agenden und kĂŒnstliche Push-und-Pull-Prinzipien gebunden sind und davon gelenkt werden. Technologie ist die primĂ€re Quelle dieser Entfremdung, in jedem Aspekt unseres Lebens. In einem immer expandierenden Prozess ist die Welt so gebaut worden, dass unsere Verbindungen außerhalb der technologischen Weltanschauung begrenzt werden. Welche Aspekte unseres Lebens sind nicht direkt mit dem technologischen Prozess verbunden? Gibt es irgendwelche Arten der „Verbindung“ zwischen Personen, die nicht ĂŒber technologische Hilfsmittel vermittelt werden?
Auf persönlicher Ebene werden unsere Leben mithilfe von Uhren, Arzneimitteln, Mikrowellenherden, industriell verarbeiteten Lebensmitteln, Fernsehen, weißes Rauschen, Beton, Maschinen, Computern, elektrischem Licht, Klimaanlagen,
 entfremdet. Auf sozialer Ebene werden wir einander mithilfe von Telefonen, E-Mail, Popkultur, IPods, Autobahnen, Wohnsiedlungen, Wahlkabinen, Spektakeln,
 entfremdet. An diesem Punkt des Verlaufs der Zivilisation ist es fĂŒr die meisten schwierig eine unmittelbare (und nicht-technologische) Existenz ĂŒberhaupt zu begreifen; insbesondere da jene, die sich solch eine RealitĂ€t noch vorstellen können, als Schwurbler und Extremisten verschrieen werden. Innerhalb der Logik dieses technologischen Albtraums allerdings sind jene von uns, die trotz alledem in der Lage sind, sich eine andere Form von Beziehungen vorzustellen, wahrhaft verrĂŒckt, und die einzige Antwort darauf muss, laut seiner Weltanschauung, extrem sein. Innerhalb eines anderen Kontextes aber, das einer unzivilisierten RealitĂ€t, sind wir vernĂŒnftig und gewöhnlich. Wir sind Menschen, die sind.

Was wir von dieser Welt sehen, hören, berĂŒhren, schmecken, riechen, fĂŒhlen und verstehen, wurde fĂŒr uns verarbeitet. Unsere Erfahrungen mit dieser Welt können nicht mehr lĂ€nger direkt oder primĂ€r genannt werden. Das sind sekundĂ€re, vermittelte Erfahrungen
 Wir sind von einer neu gebauten Welt umgeben, von der es schwierig ist zu realisieren, wie frappierend anders als die Welt von vor lediglich hundert Jahren sie eigentlich ist, und die praktisch keine Ähnlichkeit mit der Welt mehr hat, in der Menschen vier Millionen Jahre lang vor all dem gelebt haben
 In dem Moment, in dem die natĂŒrliche Umgebung jenseits dessen verĂ€ndert wurde, das man persönlich beobachten konnte, begannen die Definitionen von Wissen selbst sich zu verĂ€ndern. Nicht mehr lĂ€nger auf direkter Erfahrung beruhend, begann Wissen von wissenschaftlichen, technologischen, industriellen Beweisen abzuhĂ€ngen
 Heute sagen sie uns, was Natur ist, was wir sind, in welchem VerhĂ€ltnis wir zum Kosmos stehen, was wir zu unserem Überleben und fĂŒr unser GlĂŒck brauchen, und wie wir am Angemessensten unsere Existenz organisieren
 WĂ€hrend wir uns weiterhin von der direkten Erfahrung unseres Planeten trennen, schreitet die Hierarchie der Ideologie der Technowissenschaft voran
 Die Frage nach dem natĂŒrlichen Gleichgewicht ist nun nachrangig. Evolution wird nicht mehr im Hinblick auf den planetarischen Prozess definiert, sondern im Hinblick auf den technologischen Prozess.

Eine technologische AbhĂ€ngigkeit und Sucht zu erzwingen ist der Modus Operandi der techno-gesteuerten Gesellschaft, die wir bewohnen. AbhĂ€ngigkeit ist der Zustand, von etwas anderem als man selbst beeinflusst oder bestimmt zu werden, sich darauf zu verlassen und davon bedingt zu sein. Sucht ist die Auf- oder Übergabe an eine externe Quelle. Innerhalb der technologischen Gesellschaft geben wir uns selbst auf. Wir verkaufen unser Leben fĂŒr eine losgelöste RealitĂ€t, fĂŒr etwas, von dem uns erzĂ€hlt wird, dass es die besseren Zeiten sind. Sicherheit und Komfort. Neu und verbessert. Das erste gratis. Mit jedem neuartigen Schritt, der uns weiter trĂ€gt. Hoch und hoch und weg. Bis wir nicht mehr ohne die vorherigen Schritte leben können. Wir können uns keine Welt ohne sie vorstellen. Wir sind angefixt. An Fortschritt gewöhnt, werden wir coabhĂ€ngig von Technologie. Wir vertrauen unserer Intuition und unseren Instinkten nicht lĂ€nger. Unsere persönlichen Beobachtungen werden suspekt, nicht nur gegenĂŒber der Logik des Systems, sondern sogar uns gegenĂŒber, sofern sie nicht von den wissenschaftlichen und technologischen Institutionen bekrĂ€ftigt werden. Aber was nötigt uns dazu mehr von einem technisierten Leben zu wollen? Welche persönliche Leere treibt dies an? Welcher soziale Druck pusht das? Gibt es eine physische AbhĂ€ngigkeit? Und, vielleicht am wichtigsten, ist Genesung möglich?

Die wachsende Anzahl an FĂ€llen von psychischer Krankheit heutzutage könnten teilweise durch den Fakt erklĂ€rt werden, dass die Welt, die wir real nennen und von der wir von den Leuten erwarten, in dieser zu leben und sie zu verstehen, selbst anfechtbar ist. Die Umgebung, in der wir leben, ist nicht lĂ€nger mit dem planetarischen Prozess verbunden, der uns alle auf die Welt gebracht hat. Sie ist ausschließlich das Produkt menschlicher mentaler Prozesse
 Wir haben keinen Referenzrahmen mehr, der von menschlicher Interpretation unberĂŒhrt ist.

Die vorherrschende geistige und emotionale KrĂ€nklichkeit ist ein klarer Indikator dafĂŒr, dass der aktuelle Aufbau an den Menschen versagt. Geistig und emotional starke und lebendige Wesen, die in der Lage sind, tiefe, unabhĂ€ngige und kollektive Verbindungen mit der Welt aufzubauen, werden von einer mechanistischen, utilitaristischen und materialistisch gesteuerten Welt entmutigt. Wir finden unser Essen in hygienischen SupermĂ€rkten, unser Wasser in Flaschen oder gechlort in Rohren aus KlĂ€ranlagen, unsere emotionale UnterstĂŒtzung bei Spezialist_innen mit Diplomen an den WĂ€nden und in Internet-Chatrooms, und unsere sexuelle Befriedigung auf Pornoseiten oder beim Online-Dating (oder gar nicht). Unsere GefĂŒhle werden entweder von ĂŒberallher sporadisch da und dorthin gezerrt oder zu einem trĂ€gen Nichts abgestumpft; wĂ€hrend SpiritualitĂ€t perverserweise in ideologische und dogmatische Institutionen kanalisiert wird anstatt in reale Lebenserfahrung. Die Robustheit und der Reichtum des Lebens wurden durch die Monotonie der kalten Routine und des Rituals ersetzt. In unserem schizophrenen Zustand mĂŒssen wir uns zwischen einer Welt, zu der wir keine authentische Verbindung haben, einer Welt, die fĂŒr uns arbitrĂ€r konstruiert zu sein scheint, und einer Welt außerhalb dieser Prozesse, isoliert von der technologischen Gesellschaft, entscheiden. Doch mit unserer domestizierten Logik, der es nicht erlaubt wurde sich auf eine organische und verbundene Art und Weise zu entwickeln, ist das schmerzhaft schwierig, was oft StimmungsumschwĂŒnge verursacht, die von grundloser Euphorie zu tiefer Depression reichen. Verwirrung, Desillusion, Apathie, Isolation und Masochismus sind die Folgen beider Seiten dieses Dilemmas. Wir bleiben voller Schmerz zurĂŒck und fragen uns (wenn wir denn in der Lage sind mit unserer Hektik zu brechen oder aus unserem Stumpfsinn zu erwachen), „Was fehlt?“ Welche sozialen Faktoren treiben das an? Was sind die Implikationen? Gibt es Hoffnung außerhalb von Selbsthilfephilosophien und New-Age-Pseudo-Wundermitteln?

Es ist offensichtlich, dass Pflanzen mehr oder weniger auf die gleiche Art lebendig sind wie Menschen und andere Tiere. Unser Versagen Pflanzen als Lebewesen anzusehen und uns selbst als eine Art beschleunigte Pflanze anzuerkennen, ist das Ergebnis unserer begrenzten menschlichen Wahrnehmung, ein Zeichen fĂŒr die Begrenztheit unserer Sinne oder fĂŒr den Grad, in dem wir ihr VerkĂŒmmern zugelassen haben
 Wir haben unser Leben zu sehr beschleunigt, um die langsameren Rhythmen anderer Lebensformen wahrzunehmen. PrĂ€technologische Völker mĂŒssen keinen Verlangsamungsprozess durchmachen. Umgeben von der Natur, mit allem Lebendigen ĂŒberall um sie herum, entwickeln sie eine automatische IntimitĂ€t mit der natĂŒrlichen Welt
 Kein Sinn erhĂ€lt sich selbst aufrecht, wenn er nicht benutzt wird. Wenn ein Sinn nicht benutzt wird, verkĂŒmmert er.

VerĂ€nderungen in unserer Wahrnehmung von Raum und Zeit verlagern sich mit der Expansion der technologischen Gesellschaft. Da Zeit lediglich eine abstrakte Einteilung unserer Leben in „brauchbare“ Portionen ist, determiniert der Kontext, von dem aus sie gemessen wird, ihre Charakteristika. Die Zeitlichkeit der Domestizierung ist linear und bewegt sich dabei weg von der zyklischen Zeitlichkeit der Erde und von uns selbst. Rhythmen verĂ€ndern sich von vielschichtig und auf komplexe Weise kontrastreich und stĂ€rkend zu mechanistisch, scharf und singulĂ€r. Die technologische Gesellschaft ist in einem konstanten Beschleunigungsmodus, mit dem Impuls aller vorangegangenen Entwicklungen im RĂŒcken. Mit der Kraft dieses Schubs wird es jeden Moment schwieriger langsamer zu werden. Auch wenn es zu Ruhemomenten kommt, sind diese lediglich wie Seifenblasen, nach deren Zerplatzen die genickbrechende Geschwindigkeit der technologischen Infrastruktur fortdauert. Wir sind so sehr an diese konstante Beschleunigung gewöhnt, dass sie sich fĂŒr uns normal anfĂŒhlt. Wir fĂŒhlen uns immer mehr mit dem Tempo und der Methodologie der Technologie wohl. Wir fangen an, immer mehr die kĂŒnstlichen Systeme zu imitieren, die unsere Welt „bewohnen“. Der Computer wird immer mehr ein System, zu dem wir mehr eine Beziehung aufbauen als zu jedem biologischen. Unsere Autos werden unsere Freunde, und unsere Handys eine VerlĂ€ngerung unserer selbst. Wir fangen an sie als unentbehrlich zu betrachten. Kommunikation ist rund um den Globus in Echtzeit möglich und verzerrt damit alle Beziehungen und bringt unsere Wahrnehmung von belebtem Raum zum Kollabieren. Wir können mit jemandem in Brasilien chatten, den wir nie treffen werden, oder wir können in wenigen Stunden in Japan Sushi essen. Wir erleben Raum nicht nur so wie noch nie zuvor, sondern auch unsere Reise von Ort zu Ort wird zu exobiologischen Punkten, eingezeichnet auf einer Karte, statt eine gelebte erfahrene Verbindung durch die Welt. Unsere Wahrnehmung dieser VerĂ€nderungen verwischen immer mehr, da auch unsere Beziehung zur Zeit an Geschwindigkeit zunimmt. Unser Leben tickt immer schneller weg, jedoch scheint nichts schnell genug fĂŒr uns zu geschehen und es gibt so viele Orte, wo man noch hinwollte. Wir sind zutiefst entwurzelt. Welche Auswirkungen hat diese immer schnellere und schrumpfende Perspektive auf die Welt auf unser Leben und unsere Beziehungen? Wie verwandelt und verdreht sie unsere inneren Rhythmen?

Es wĂŒrde zu weit gehen, unsere modernen BĂŒros Entzugskammern fĂŒr sinnliche Erfahrungen zu nennen, aber sie sind sicherlich Kammern zur Reduzierung sinnlicher Erfahrung. Sie mögen keine GehirnwĂ€sche betreiben, aber die Eliminierung von sinnlichen Stimuli erhöht definitiv den Fokus auf die zu bearbeitende Aufgabe, auf die Arbeit, die erledigt werden muss, darauf, alles andere auszuschließen.

Die Bewegung von der lebensbasierten Zeit der unendlichen Gegenwart hin zu der geplanten Zeit permanenter Zukunft, Automatisierung und Spezialisierung ersetzt SpontaneitĂ€t und geteilte Erfahrung. Durch Automatisierung tritt Technologie an die Stelle von authentischen Erfahrungen und Beziehungen. Automatisierung kontrolliert und begrenzt durch einen systematischen Apparat oder Prozess und verwandelt so Handlung von einer willentlichen und freien Regung in eine mechanische und unfreiwillige Reaktion. Sie entfernt alles Leben aus der AktivitĂ€t. Mit der Expansion der Massengesellschaft generiert die instrumentelle Vernunft noch ausgefeiltere Formen der Arbeitsteilung. Die Standardisierung und Mechanisierung der Welt wird die Norm, wĂ€hrend organische Gemeinschaften nach menschlichem Maßstab, die auf Interaktionen von Angesicht zu Angesicht und direkten Beziehungen basieren, verschwinden. Wir werden ZahnrĂ€der oder Spezialisten in einer grĂ¶ĂŸeren Maschine. Teile mĂŒssen sich der Logik des Ganzen unterwerfen. Unser Leben wird eine Serie an Aufgaben, die wir erfĂŒllen mĂŒssen. Wir verlieren die Perspektive auf alles, das außerhalb dieser kurzfristigen und systemdefinierten Ziele liegt. Wir fangen an unsere FĂ€higkeit zu verlieren, uns ĂŒberhaupt vorstellen zu können, sich der Welt außerhalb dieser Methode anzunĂ€hern, wie auch die FĂ€higkeit selbststĂ€ndig und unabhĂ€ngig vom System zu sein. Können wir uns ĂŒberhaupt nur im Geringsten vorstellen, was wir eventuell in diesem automatisierten Prozess verlieren?

Alles, das mit natĂŒrlicher („wilder“) Achtsamkeit in Zusammenhang steht, muss lĂ€cherlich gemacht und eliminiert werden, und jede Erfahrung muss innerhalb kontrollierter kĂŒnstlicher Umgebungen eingegrenzt werden. In einer grĂ¶ĂŸeren Gesellschaft ist Technologie ein guter Standardisierer und Einsperrung funktioniert am besten, wenn Technologie bereits fest verankert wurde
 Mit der Entwicklung der Technologie hat diese Schritt fĂŒr Schritt Grenzen zwischen Menschen und ihre Verbindungen zu grĂ¶ĂŸeren, nichtmenschlichen RealitĂ€ten platziert. WĂ€hrend das Leben immer technologischere Umwicklungen erhalten hat, wurden die menschliche Erfahrung und das VerstĂ€ndnis eingesperrt und verĂ€ndert
 bis die Köpfe der Menschen und ihre Lebensmuster so getrennt sind, dass es keine Möglichkeit mehr gibt RealitĂ€t und Fantasie zu unterscheiden. An solch einem Punkt angelangt hat man keine Wahl als FĂŒhrung zu akzeptieren, so willkĂŒrlich sie auch sein mag
 Autokratie muss ĂŒberhaupt nicht in Form einer Person auftreten, oder sogar als eine artikulierte Ideologie oder bewusste Verschwörung. Autokratie kann in der Technologie selbst existieren. Technologie kann ihre eigene unterworfene Gesellschaft produzieren.

Die Kontrolle der Technologie ĂŒber uns hat den Status eines Supergotts erreicht. Es reicht nicht lĂ€nger sich die Frage zu stellen, „Sollten wir Technologie haben?“, oder ihre positiven oder negativen Eigenschaften zu untersuchen. Sie ist tief in jedem von uns verwurzelt in jedem Aspekt unseres Lebens, von der Geburt bis ins Grab. Und es gibt sogar jene, die sich danach sehnen sich auch nach ihrem Tod dieser Gottheit zu unterwerfen. Wir verbeugen uns, oft unwissend, aber sicherlich mit einer entstellten Erwartung, vor diesem techno-theokratischen Altar. Jede Kreation, jede Lösung, jedes GefĂŒhl, jede soziale Organisation wird mithilfe eines technologischen Prinzips erarbeitet, das sich immer selbst rĂŒckkoppelt. So mĂŒssen wir nicht ĂŒberzeugt davon werden „den Glauben nicht zu verlieren“, da das alles ist, das fĂŒr uns erreichbar ist. Kontrolle ist omniprĂ€sent, sodass rohe Gewalt selten notwendig ist. FĂŒr die meisten erscheint Widerstand zwecklos. Können wir ĂŒberhaupt erkennen, wie tief der Kaninchenbau ist? Und falls wir das können, reicht unsere Wahrnehmung aus, um aus ihm auszubrechen? Ist es möglich ein nicht-technologisches Leben innerhalb dieser Welt zu fĂŒhren?

Als sie bemerken, dass die RealitĂ€t und ihre Definitionen inzwischen die SphĂ€re des Spiels betreten haben und noch zu haben ist, werden sie besser in diesem Spiel als jeder andere, beuten es aus, geben zerrĂŒtteten, entwurzelten Köpfen eine neue Form und bestellen einen neuen Acker auf dem mentalen Boden, aus dem unvermeidlich Monster wachsen werden.

Die Entwicklung in Richtung eines kybernetischen Neo-Lebens ist nicht ausschließlich das Verlangen nach Selbsterhaltung und Wachstum durch jene, die die technologische Gesellschaft kontrollieren, sondern auch von ihren Lakaien, die glauben, dass sie Teil des Super-Gotts und der Intelligenz der Technologie sein können. Kybernetik bewegt sich auf eine alles durchdringende Kontrolle (sowohl informationell als auch physisch) ĂŒber die RealitĂ€t zu, da sie natĂŒrliche Neuroprozesse vollkommen ĂŒbergeht (sie jedoch kĂŒnstlich imitiert). Sie wird die Basis fĂŒr einen Hybrid aus biologischen, mechanischen und virtuellen Systemen. WĂ€hrend wir uns auf eine allumfassende Umweltkrise zubewegen und die Ressourcen, die notwendig sind, um das technologische System am Laufen zu halten, zu schwinden beginnen (oder zumindest weniger effizient und profitabel werden), wird der Wechsel in eine Welt, die weniger durch materielle Elemente eingeschrĂ€nkt ist (und immer noch von menschlichen Grenzen geplagt ist), die zukĂŒnftige Richtung. Mithilfe kybernetischer Forschung, zusammen mit Biotechnologie, wird das Vorantreiben eines kolossalen Sprungs in der Evolution vorgeschlagen, und die meisten machen mit, entweder weil sie davon ĂŒberzeugt sind, dass das der nĂ€chste logische Schritt ist, dass das unvermeidlich ist oder dass es bereits zu spĂ€t ist. Wir sind bereits Zeug*innen der einleitenden Phasen und die meisten sind relativ offen gegenĂŒber diesem Prozess. Ist das die letzte Hoffnung der Zivilisation oder ihr Endpunkt? Was sind die Konsequenzen des Ganzen? Warum akzeptieren die Menschen dieses Szenario?

In einer Generation, einer von hunderttausenden in der menschlichen Evolution, ist Amerika die erste Kultur geworden, die [fast vollstĂ€ndig] direkte Erfahrungen der Welt mit sekundĂ€ren, vermittelten Formen der Erfahrung ersetzt hat. Interpretationen und ReprĂ€sentationen der Welt wurden als Erfahrung akzeptiert, und der Unterschied zwischen den beiden war fĂŒr die meisten von uns nicht mehr erkennbar.

FĂŒr jene von uns, die nach einem ent-technifizierten Leben suchen, ist der Widerspruch, gleichzeitig innerhalb der technologischen Gesellschaft und außerhalb von ihr zu leben, fast unvermeidlich. Jenseits dessen, in einer technologisch omniprĂ€senten Welt in Survival-Manier in den Wald zu rennen (was immer noch einmal das Problem mit sich bringt, unser domestiziertes Ich in diese Situation zu versetzen, und einmal, dass in einer schrumpfenden Welt die Flucht immer weniger möglich wird), mĂŒssen wir diese Situation in Einklang bringen, um manövrieren und ihre Zerstörung suchen zu können. Wie BankrĂ€uber*innen, die Kleidung und Haare verĂ€ndern, Tattoos abdecken, Make-Up tragen und die Funktionsweise und die Sicherheitsvorkehrungen des Finanzinstituts kennen mĂŒssen, das sie im Visier haben, so mĂŒssen wir eventuell das technologische System mehr beobachten, sachkundig in einigen seiner Operationen werden und zeitweise „hineinpassen“. Da technologische Prozesse und Apparate so verwurzelt in jedem Aspekt unseres Lebens sind, ist es fĂŒr uns essenziell, diesen Prozessen gegenĂŒber zwar kritisch zu sein, uns jedoch auch dazu zu entscheiden, in welchen wir FĂ€higkeiten erwerben wollen, um sie fĂŒr temporĂ€re Ziele zu nutzen. Das kann schmerzhaft sein und kann eine*n möglicherweise auf Abwege fĂŒhren, etwa zu technologischer AbhĂ€ngigkeit oder dessen Fetischisierung als negative Möglichkeiten. Auf einer theoretischen und kritischen Ebene gibt es nichts an Technologie, das fĂŒr die menschliche Erfahrung eine Bereicherung ist. Auf praktischer Ebene hingegen scheint es irgendwo notwendig, mit einem Bein in dieser Welt zu stehen, wenn auch mit extremem Zynismus und Vorsicht, und sicherlich nicht ausschließlich, auf Kosten der authentischen unvermittelten Erfahrung und Praxis. Wir mĂŒssen auch darauf vorbereitet sein uns zu fragen, was das bedeutet, was die Konsequenzen dessen sind, diesen Widerspruch zu leben? Und wie er letztendlich zerstört werden kann?

Wenn Leute die Vorstellung vollkommen akzeptieren, dass jede RealitĂ€t nur in ihren Köpfen existiert, und das nichts außerhalb ihrer Köpfe definitiv und konkret real ist, dann hat jede Person unbegrenzte persönliche Macht, um die RealitĂ€t zu erschaffen und zu definieren. Sie ist heute noch zu haben. Es gibt keine Ursache. Es gibt keine Wirkung. Beziehungen existieren nicht
 In dieser Leugnung der alltĂ€glichen, weltlichen RealitĂ€t werden alle RealitĂ€ten vollkommen arbitrĂ€r und kreieren so die perfekte Voraussetzung fĂŒr das Auferlegen egal welchen „RealitĂ€tsgrunds“ innerhalb dieser Leere. Auch wenn es unsinnig oder fantastisch ist; jede RealitĂ€t ist akzeptabel
 Die RealitĂ€t wird nur innerhalb der Mauern eines geistigen Rahmens willkĂŒrlich. Menschen, die in direktem Kontakt mit dem Planeten selbst leben, brauchen sich nicht mit solchen Fragen zu beschĂ€ftigen.

Wie können wir anfangen in unserer aktuellen RealitĂ€t anders zu leben? Wie könnte eine weniger vermittelte, weniger technologie-abhĂ€ngige Welt fĂŒr uns im Hier und Jetzt aussehen? Können wir den direkten Kontakt zu unserer Welt wiedererlangen? Bedeutet dies nur Flucht und Isolation? Wie können wir postmoderne Bequemlichkeit vermeiden? Kann es einen Übergang geben? Das sind alles essenzielle Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn wir den Weg einschlagen, diesen technologischen Alptraum, der jede Mikrosekunde schlimmer wird, zu kritisieren, dagegen Widerstand zu leisten und ihn hinter uns zu lassen. Auch wenn einfach „zurĂŒckgehen“ keine Möglichkeit ist, denn der Virus ist entfesselt worden und die Techno-Logik ist ĂŒberall, ist es doch ermutigend, dass Menschen die meiste Zeit auf diesem Planeten in direkter Verbindung mit unserer Welt gelebt haben, ohne die vermittelnden Faktoren von Technologie und instrumentellem Denken. Vielleicht liegen unsere bedeutsamsten Lektionen dort. Trotz der dĂŒsteren Aussicht ist unsere Zukunft immer noch ungeschrieben und solange ich immer noch ein FĂŒnkchen StĂ€rke und freien Willen in mir habe, solange ich noch aus Fleisch und Blut bin und immer noch meine Leidenschaften und TrĂ€ume entdecken und eine Verbindung zu ihnen aufbauen kann, bin ich sicher, dass ich keine Maschine bin, ich bin ein Mensch.

[*] Alle oben verwendeten kursiven Zitate stammen aus „Argument One: The Mediation of Experience“, enthalten in Jerry Manders Four Arguments for the Elimination of Television (William Morrow and Company, Inc. 1977). WĂ€hrend das Buch veraltet ist und einige liberale Vorstellungen von demokratischen Prozessen enthĂ€lt, beschĂ€ftigt sich Mander mit der durchdringendsten, beliebtesten und schĂ€dlichsten Technologieform seiner Zeit, das Fernsehen, das sehr einfach als der VorgĂ€nger eines noch viel zerstörerischeren und entfremdenderen Aspekts des technologischen Systems betrachtet werden kann, das Internet. Der erste Teil seines Buchs, „Argument One“, ist der beeindruckendste Teil, da er sich wenig mit Fernsehen an sich beschĂ€ftigt, sondern sich mit der deutlich umfangreicheren Frage nach den unvermeidbaren VermittlungsqualitĂ€ten der Technologie beschĂ€ftigt.

[1] „Technologie“ wird hier in AnfĂŒhrungszeichen verwendet, weil es kein einfaches Wort mit einer einfachen Definition ist, trotz jener, welche sich danach sehnen, diese, auf ihrem eigenen einseitigen GeschichtsverstĂ€ndnis basierend, fĂŒr alle festzulegen. Selbst im allgemeinen Sprachgebrauch gibt es viele Inkongruenzen. Auch wenn dieser Essay den besonderen Gebrauch der*s Autors*in erhellt, wirkt die Bedeutung immer noch irgendwo formlos und kontextabhĂ€ngig. In diesem Kontext wird es generall gebraucht, um das komplexe System aus Werkzeugen und Techniken zu beschreiben, die uns von der direkten Erfahrung trennen, sowie die ideologische und institutionelle Logik, die diese Systeme fortfĂŒhrt und aufrechterhĂ€lt. Sie ist eine Ideologie der Technik, der systematischen Verfahren und der progressiven industriellen Wissenschaft.

[2] Es ist klar, dass „Technologie“ nicht nur in einem physischen Sinne zerstört werden kann, wie du ein Auto oder einen Fernseher zerstören kannst. „Technologie zerstören“ bedeutet alle institutionellen, kulturellen und personellen Manifestierungen des technologischen Systems zu analysieren, zu verstehen, zu kritisieren, aufzugeben und anzugreifen. Das wird kein Zuckerschlecken.

Übersetzt aus dem Englischen: I Am Not A Machine, I Am A Human Being von Mia X. Kursions in Green Anarchy #22, 2006




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org