Juni 25, 2021
Von La Presse
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ich darf nicht auch noch weinen.“ – Ein Lieblingsbruder wird nach Afghanistan abgeschoben
Leyla* ist 17 Jahre alt. Am 08. Juni wird ihr Bruder nach Afghanistan abgeschoben. Bei der Demonstration von Protest LEJ am selben Tag auf dem Flughafen lernten wir sie kennen und sprachen erstmals mit ihr. In den folgenden Tagen blieben wir per Messenger in Kontakt, denn zunĂ€chst blieb ihr Bruder verschwunden. Leyla telefonierte Hotels in Kabul ab und konnte ihn schlussendlich ausfindig machen. Ein paar Tage spĂ€ter willigte sie ein, ein Interview mit uns fĂŒhren zu wollen. Ihre Mutter hat der minderjĂ€hrigen Tochter das EinverstĂ€ndnis fĂŒr das GesprĂ€ch mit uns und die anschließende Veröffentlichung gegeben. 
Du und ich haben uns am 8. Juni am Flughafen Leipzig/ Halle getroffen. Da wurde dein Bruder, Edris*, gerade nach Afghanistan abgeschoben. Wie geht es ihm denn jetzt?
Leyla: Ihm geht es gut, aber er hat gesagt, dass er sich ganz allein dort fĂŒhlt. Er hat niemanden dort. Er wohnt immer noch im Hotel und niemand besucht ihn dort. Meine Mutter hat ihm schon 200 Euro geschickt, damit er erst einmal weiter in dem Hotel wohnen kann.
Wie lang hat er denn in Deutschland gelebt?
Acht Jahre.
Hat er Angst, dass die Leute in Kabul erkennen, dass er so lang in Deutschland war?
Nein, aber es ist unsicher. Die Taliban greifen inzwischen Kabul an und haben wohl gestern schon eine Ecke der Stadt eingenommen. Deswegen dĂŒrfen die Kinder auch gerade nicht die Schule besuchen und mĂŒssen zu Hause bleiben. Weil es so unsicher ist.
Die NATO-Truppen ziehen sich ja gerade aus Afghanistan zurĂŒck. Was sind die Gedanken von dir und deiner Familie dazu?
Vielleicht gibt es noch mehr Krieg. Die meisten haben Angst vor den Taliban. Aber es gibt auch einige Menschen in Afghanistan die denken, dass die amerikanischen oder deutschen Truppen die Terroristen sind. Die wĂŒnschen sich die Taliban zurĂŒck. 
Seid ihr auch vor den Taliban geflohen?
Auch, ja. Wir sind zuerst in den Iran geflohen, da bin ich auch geboren. Meine drei BrĂŒder und meine Schwester sind aber noch in Kabul geboren worden. Da war damals schon Krieg und meine Mutter wurde am Arm und am Kopf verletzt. Und es gibt in Kabul Menschen, die uns umbringen wollen. Keine Taliban, andere Leute, die gegen uns sind. Deswegen wollen wir uns hier auch vor ihnen verstecken.
Und wie versteckt sich dein Bruder?
Kabul ist nicht sicher. Einige Dörfer um Kabul herum sind vielleicht halbwegs sicher. Aber meine Eltern zum Beispiel kommen aus einer kleinen Stadt nahe Kabul. Und da ist es schon wieder gefĂ€hrlich. Ich hatte noch einen anderen Bruder, der war 20 Jahre alt, der ist verschwunden. Wir denken, dass er gestorben ist. Das war vor dreizehn Jahren. Da war ich noch ein kleines Kind. Meine Mutter wollte immer meine BrĂŒder beschĂŒtzen. Aber bei diesem Bruder hat sie es nicht geschafft. Er wollte aus der Stadt weggehen und zu uns in den Iran kommen. Er hat sich kurz vorher noch bei meiner Mutter gemeldet, dass ihn Leute umbringen wollen. Aber dann hat er sich nie wieder gemeldet. 
Trotz dass ihr all das erleben musstet, wurde dein Bruder abgeschoben. Du und deine Familie habt aber eine Aufenthaltserlaubnis?
Ja, ich habe drei BrĂŒder. Einer ist gestorben, einer wurde abgeschoben, einer ist in Deutschland, aber er hat auch schon die Abschiebung angedroht bekommen.
Wie habt ihr denn an dem Tag der Abschiebung davon erfahren, dass der Flieger in Leipzig/ Halle abhebt?
Mein Bruder hat mich noch anrufen können und gesagt, dass er abgeschoben wird. Ich habe im Internet gelesen, dass der Flughafen Leipzig/ Halle wird und den Rechtsanwalt angerufen. Der hat auch gesagt, dass der Flieger in Leipzig/ Halle losfliegt. Dann habe ich gesehen, dass um 19 Uhr dort eine Demo stattfindet, da sind wir dann hingefahren. 
Hattet ihr noch Hoffnung, dass die Abschiebung verhindert werden kann?
Ja, der Rechtsanwalt hatte noch gesagt, dass Edris noch einen Gerichtstermin hĂ€tte bekommen sollen. Aber Edris meinte, dass er nicht mehr bei Gericht war. 
Deine Mama hat auf dem Flughafen ganz stark geweint. Ich habe dich auf dem Flughafen aber ganz gefasst erlebt. Was ging dir da durch den Kopf?
Ich habe meine Mutter gesehen und habe mir gedacht, ich darf nicht auch noch weinen, damit sie nicht noch trauriger wird. Ich habe ihr nur gesagt: „Mama, er wird abgeschoben, das ist einfach nicht unser Land, Deutschland.“ 
Du hast mir am Flughafen gesagt, dass das der Bruder war, der dir ganz viel beigebracht hat, der eine Art Lehrer fĂŒr dich war, der dir schreiben beigebracht hat.
Ja, er hat mir die persische Schrift beigebracht und mir gezeigt, wie ich den Koran lesen kann. Er war der einzige, der mir geholfen hat. Das ist auch der Bruder, den ich ganz sehr liebe. Meine BrĂŒder sind alle gleich fĂŒr mich, aber er ist etwas Besonderes.
Dein Lieblingsbruder?
Und hast du gar keine Hoffnung, dass er nach Deutschland zurĂŒckkommt?
Nein, dann wĂŒrde er ins GefĂ€ngnis gehen. Außerdem darf er fĂŒr fĂŒnf Jahre Deutschland nicht mehr betreten. Meine Mutter meinte damals, wir mĂŒssen mit dem Flugzeug nach Deutschland kommen. Aber das hat nicht geklappt, wir hĂ€tten uns trennen mĂŒssen. Also sind wir dann zu Fuß gegangen, um wenigstens zusammenbleiben zu können. Denn wenn wir uns getrennt hĂ€tten, dann hĂ€tten wir nicht gewusst, ob wir uns wiederfinden. Aber jetzt sind wir doch getrennt.
Und will dein Bruder nun in die TĂŒrkei fliehen?
Naja, das kostet. Wir können das nicht bezahlen. Meine Schwester macht eine Ausbildung, mein anderer Bruder arbeitet auch, mein Vater lernt gerade noch Deutsch, ich gehe noch zur Schule. Aber die Flucht ist zu teuer.
Wie viel wĂŒrde das kosten?
UngefÀhr 4.000 Euro.
Nun sagst du, deinem anderem Bruder droht auch die Abschiebung. Seid ihr da mit einem Anwalt in Kontakt?
Ja, da ist noch eine Klage offen. Dadurch kann er nicht abgeschoben werden, sagt der Anwalt. Aber wir können ihm nicht mehr vertrauen [An dieser Stelle erfolgt ein Hinweis auf Asyl-Beratungsstellen in Leipzig, es wird vereinbart, dazu in Kontakt zu bleiben.]
Und du als jĂŒngste Schwester bist diejenige in der Familie, die sagt, sie darf nicht weinen, sie muss die anderen trösten.
Meine Mutter liebt die Jungs, denn sie haben viel erlebt. Meine Schwester und ich sind nicht so anstrengend
Habt ihr euch denn im Iran sicher gefĂŒhlt? 
Im Iran war es auch nicht sicher, denn immer waren wir die AuslÀnder und durften dort nichts sagen. Im Iran hatten wir auch keine Rechte, obwohl meine Eltern im Iran einen Aufenthaltstitel hatten. Nur ich hatte keinen, denn ich hatte keine Geburtsurkunde.
Weil du im Iran geboren wurdest?
Ja, leider [lacht]. Deswegen durfte ich dort auch nur die erste Klasse besuchen, danach durfte ich nicht mehr zur Schule gehen.
Ok, und deswegen hast du keine Tazkira [ein afghanisches IdentitÀtsdokument]?
Genau, aber inzwischen habe ich eine. Wenn ich erst einmal 18 bin, dann kann ich vielleicht irgendwann einen deutschen Pass beantragen. Aber erst einmal muss ich eine Ausbildung machen.
Und deshalb durftest du nicht in die Schule gehen und da hat dir dein Bruder dann Lesen und Schreiben beigebracht?
Ja, denn als ich klein war, war mein grĂ¶ĂŸter Wunsch, in die Schule gehen zu dĂŒrfen. 
Was möchtest du heute gern werden?
Apothekerin! DafĂŒr mache ich jetzt meinen Hauptschulabschluss und danach hole ich meinen Realschulabschluss in der Abendschule nach.
Und warum Apothekerin?
Als ich zehn Jahre alt war, da haben die immer gesagt, ich soll Ärztin werden. Aber ich mag irgendwie mit chemischer Arbeit zu tun haben und deswegen finde ich Apothekerin gut.
Mir ist gerade noch eingefallen, dass du am Flughafen meintest, dass du hier in Deutschland eigentlich niemanden vertraust, auch in der Schule nicht.
Ja, das ist allgemein so. Ich bin immer zu Hause und allein. Schon im Iran durfte ich nicht rausgehen, außer als ich in der ersten Klasse war. Da war ich immer zu Hause und hab mit meiner Mutter geredet. Durch alles was passiert ist, habe ich immer Angst gehabt. Ich habe meine Mutter gefragt, warum ich nicht mit den anderen MĂ€dchen spielen darf und sie hat immer gesagt, dass es nicht sicher fĂŒr mich ist. Sie will nicht, dass ich auch verschwinde. Es gibt eben diese Leute, die uns umbringen wollen, die waren auch im Iran. Ich habe dann meiner Mutter immer bei der Hausarbeit geholfen.
Und deshalb hast du noch heute so ein Misstrauen?
Ja, wÀre ich mit meinen Geschwistern in die Schule gegangen, dann hÀtten wir zusammen Hausaufgaben machen können und wir hÀtten was zusammen gegessen. Aber ich kann jetzt schreiben und lesen, ich kann aber nicht zeichnen.
Liest du heute viel?
In letzter Zeit nicht mehr so viel, aber grundsĂ€tzlich schon. Ich lese am liebsten alte Geschichten. 
Auf Persisch oder auf Deutsch?
Nee, jetzt auf Deutsch [lacht].
Ok, möchtest du noch was sagen?
Nee, ich glaub das wars.
Dann Dankeschön!
Nach dem GesprĂ€ch unterhielten wir uns noch eine Weile. Leyla erzĂ€hlte, wie sie drei Mal versuchten, ĂŒber das Meer nach Europa zu gelangen. Beim dritten Mal wollten die Schlepper plötzlich das Boot versenken. Da war sie acht Jahre alt und dachte, dass sie nun sterben werde. Ihre Familie erreichte dennoch die KĂŒste, „obwohl ich noch nicht schwimmen konnte“, sagt sie. WĂ€re es nach ihr gegangen, wĂ€re sie am Mittelmeer geblieben. Dort gefiel es ihr. 
*Namen geÀndert.

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I can’t cry too.“ – A favorite brother is deported to Afghanistan

Leyla* is 17 years old. On 08 June, her brother will be deported to Afghanistan. At the demonstration of Protest LEJ on the same day at the airport we met her and talked to her for the first time. In the following days we stayed in contact via messenger, because at first her brother remained missing. Leyla phoned hotels in Kabul and was finally able to locate him. A few days later, she agreed to do an interview with us. Her mother gave her underage daughter permission to talk to us and subsequently publish her story.

You and I met at Leipzig/Halle airport on June 8. Your brother, Edris*, had just been deported to Afghanistan. How is he doing now?

Leyla: He’s fine, but he said he feels all alone there. He has no one there. He still lives in the hotel and no one visits him there. My mother has already sent him 200 euros so that he can continue to live in the hotel for now.

How long did he live in Germany?

Eight years.

Is he afraid that the people in Kabul will realize that he has been in Germany for so long?

No, but it is uncertain. The Taliban are attacking Kabul now and probably took a corner of the city yesterday. That’s why the children are not allowed to go to school right now and have to stay at home. Because it is so insecure.

NATO troops are withdrawing from Afghanistan right now. What are you and your family’s thoughts on that?

Maybe there will be more war. Most people are afraid of the Taliban. But there are also some people in Afghanistan who think that the American or German troops are the terrorists. They want the Taliban back.

Did you also flee from the Taliban?

Also, yes. We fled to Iran first, that’s where I was born. But my three brothers and my sister were born in Kabul. There was already a war there and my mother was injured in the arm and head. And there are people in Kabul who want to kill us. Not Taliban, other people who are against us. That’s why we want to hide from them here.

And how is your brother hiding?

Kabul is not safe. Some villages around Kabul are maybe halfway safe. But my parents, for example, come from a small town near Kabul. And there it is dangerous again. I had another brother, he was 20 years old, he disappeared. We think he died. That was thirteen years ago. I was just a little kid then. My mother always wanted to protect my brothers. But she couldn’t with this brother. He wanted to leave the city and come to us in Iran. He contacted my mother shortly before that people wanted to kill him. But then he never contacted us again.

Despite the fact that you had to experience all this, your brother was deported. But you and your family have a residence permit?

Yes, I have three brothers. One died, one was deported, one is in Germany, but he has already been threatened with deportation.

How did you find out on the day of the deportation that the plane was taking off from Leipzig/Halle?

My brother was able to call me and tell me that he was being deported. I read on the Internet that the airport Leipzig / Halle will and called the lawyer. He also said that the plane was leaving from Leipzig/Halle. Then I saw that at 7 p.m. there was a demonstration, so we went there.

Did you still have hope that the deportation could be prevented?

Yes, the lawyer had said that Edris should have been given a court date. But Edris said that he was no longer in court.

Your mom was crying a lot at the airport. But I saw you quite calmly at the airport. What was going through your mind?

I saw my mother and thought to myself, I mustn’t cry too, so that she doesn’t become even sadder. I just told her, „Mom, he’s being deported, that’s just not our country, Germany.“

You told me at the airport that this was the brother who taught you a lot, who was a kind of teacher for you, who taught you to write.

Yes, he taught me the Persian script and showed me how to read the Koran. He was the only one who helped me. This is also the brother I love very much. My brothers are all the same to me, but he is special.

Your favorite brother?

Yes!

And don’t you have any hope that he will come back to Germany?

No, then he would go to prison. Besides, he is not allowed to enter Germany for five years. My mother said at that time that we had to come to Germany by plane. But that didn’t work out, we would have had to separate. So we went on foot so that we could at least stay together. Because if we had separated, we wouldn’t have known whether we would find each other again. But now we are separated.

And does your brother want to flee to Turkey now?

Well, it costs. We can’t pay for it. My sister is doing an apprenticeship, my other brother is also working, my father is still learning German, I’m still going to school. But fleeing is too expensive.

How much would it cost?

About 4,000 euro.

Now you say that your other brother is also threatened with deportation. Are you in contact with a lawyer?

Yes, there is still an open complaint. He can’t be deported because of that, the lawyer says. But we can’t trust him anymore [At this point there is a reference to asylum counseling centers in Leipzig, it is agreed to stay in contact about this].

And you, as the youngest sister, are the one in the family who says she mustn’t cry, she must comfort the others.

My mother loves the boys because they have experienced a lot. My sister and I are not so demanding.

Did you feel safe in Iran?

It wasn’t safe in Iran either, because we were always the foreigners and weren’t allowed to say anything there. We didn’t have any rights in Iran either, although my parents had a residence permit in Iran. Only I didn’t have one, because I didn’t have a birth certificate.

Because you were born in Iran?

Yes, unfortunately [laughs]. That’s why I was only allowed to attend first grade there, and after that I wasn’t allowed to go to school.

Okay, and that’s why you don’t have a tazkira [an Afghan identity document]?

Exactly, but I have one now. Once I’m 18, then maybe I can apply for a German passport at some point. But first I have to do an education.

And that’s why you weren’t allowed to go to school, and that’s when your brother taught you to read and write?

Yes, because when I was little, my greatest wish was to be allowed to go to school.

What would you like to be today?

A pharmacist! That’s why I’m doing my secondary school diploma now, and then I’ll catch up on my secondary school diploma at night school.

And why a pharmacist?

When I was ten years old, they always said I should be a doctor. But I like to work with chemicals in some way, and that’s why I like being a pharmacist.

I just remembered that you said at the airport that you don’t really trust anyone here in Germany, not even at school.

Yes, that’s generally the case. I’m always at home and alone. Even in Iran I wasn’t allowed to go out, except when I was in first grade. Then I was always at home talking to my mother. Through everything that happened, I was always afraid. I asked my mom why I can’t play with the other girls and she always said it’s not safe for me. She doesn’t want me to disappear either. There are just these people who want to kill us, they were also in Iran. So I used to help my mother with the housework.

And that’s why you still have such mistrust today?

Yes, if I had gone to school with my siblings, then we could have done our homework together and we would have eaten something together. But now I can write and read, but I can’t draw.

Do you read a lot today?

Not so much lately, but basically I do. I like reading old stories the most.

In Persian or in German?

Nah, in German now [laughs].

Okay, anything else you want to say?

Nah, I think that’s it.

Then thank you!

After the conversation we talked for a while. Leyla told how they tried three times to cross the sea to Europe. The third time, the tugboats suddenly wanted to sink the boat. She was eight years old and thought she was going to die. Her family reached the coast anyway, „even though I couldn’t swim yet,“ she says. If it had been up to her, she would have stayed in the Mediterranean. She liked it there.

*Names changed.
/MG




Quelle: La-presse.org