November 14, 2020
Von Antifra
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Kund¬≠ge¬≠bung vor dem Gerichts¬≠ge¬≠b√§u¬≠de in Frank¬≠furt am Main, wo, das Ober¬≠lan¬≠des¬≠ge¬≠richt den Mord an dem Kas¬≠se¬≠ler Regie¬≠rungs¬≠pr√§¬≠si¬≠den¬≠ten Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke ver¬≠han¬≠delt

Ahmed I. ist Neben¬≠kl√§¬≠ger im Pro¬≠zess zum Mord an Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke, der am 2. Juli 2019 im ver¬≠gan¬≠ge¬≠nen Jahr von den bei¬≠den Ange¬≠klag¬≠ten erschos¬≠sen wor¬≠den sein soll. Abends am 6. Janu¬≠ar 2016 stach mut¬≠ma√ü¬≠lich der Neo-Nazi Ste¬≠phan E. dem aus dem Irak gefl√ľch¬≠te¬≠ten jun¬≠gen Mann mit einem Mes¬≠ser in den R√ľcken. Ahmed I., zur Zeit des Anschlags auf sein Leben gera¬≠de ein¬≠mal 20 Tage in Deutsch¬≠land, ver¬≠mu¬≠te¬≠te damals schon einen ras¬≠sis¬≠ti¬≠schen Tat¬≠hin¬≠ter¬≠grund. Die Poli¬≠zei konn¬≠te jedoch damals kei¬≠nen T√§ter aus¬≠fin¬≠dig machen. Nach der Ermor¬≠dung des hes¬≠si¬≠schen CDU-Poli¬≠ti¬≠kers Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke und der Fest¬≠nah¬≠me von Ste¬≠fan E. wand¬≠te sich die Opfer¬≠be¬≠ra¬≠tungs¬≠stel¬≠le Respon¬≠se, die Ahmed I. betreut, an die Staats¬≠an¬≠walt¬≠schaft, um auf eine m√∂g¬≠li¬≠che Ver¬≠bin¬≠dung der Taten hin¬≠zu¬≠wei¬≠sen. Erst dann hol¬≠ten die Ermittler*innen den Fall wie¬≠der aus den Akten her¬≠vor. Bei der Haus¬≠durch¬≠su¬≠chung bei Ste¬≠phan E. fand man ein Mes¬≠ser mit DNA-Spu¬≠ren, die Ahmed I. zuge¬≠ord¬≠net wer¬≠den konn¬≠ten.

An die¬≠sem 29. Okto¬≠ber, dem 25. Pro¬≠zess¬≠tag im L√ľb¬≠cke-Ver¬≠fah¬≠ren, muss¬≠te schon sehr fr√ľh da sein, wer einen der Coro¬≠na-bedingt ver¬≠knapp¬≠ten 19 Zuschauer*innenpl√§tze f√ľr die¬≠sen Tag bekom¬≠men woll¬≠te. Bereits um 6:30 Uhr ‚Äď der Pro¬≠zess beginnt erst um 10 Uhr ‚Äď bil¬≠de¬≠te sich eine Schlan¬≠ge vor dem Gerichts¬≠ge¬≠b√§u¬≠de.

Aufmerksamkeit f√ľr Ahmed I.

Die Ankla¬≠ge wirft Ste¬≠phan E. Mord und Mar¬≠kus H. Bei¬≠hil¬≠fe zum Mord an Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke vor. Mut¬≠ma√ü¬≠lich t√∂te¬≠te E. den Kas¬≠se¬≠ler Regie¬≠rungs¬≠pr√§¬≠si¬≠den¬≠ten Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke in der Nacht des 1. Juni 2019 auf der Veran¬≠da sei¬≠nes Wohn¬≠hau¬≠ses in Loh¬≠fel¬≠den bei Kas¬≠sel mit einem Schuss aus n√§chs¬≠ter N√§he. Die vor¬≠an¬≠ge¬≠gan¬≠ge¬≠nen Pro¬≠zess¬≠ta¬≠ge besch√§f¬≠tig¬≠ten sich haupt¬≠s√§ch¬≠lich mit die¬≠sem Tat¬≠be¬≠stand, der Fall Ahmed I. fand sowohl im Gerichts¬≠saal als auch in der √Ėffent¬≠lich¬≠keit so gut wie kei¬≠ne Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit.

Inso¬≠fern stach die¬≠ser Tag aus dem Pro¬≠zess¬≠ge¬≠sche¬≠hen her¬≠vor, da es aus¬≠schlie√ü¬≠lich um das √ľber¬≠le¬≠ben¬≠de zwei¬≠te Opfer Ahmed I. ging, des¬≠sen Ver¬≠neh¬≠mung der Haupt¬≠ver¬≠hand¬≠lungs¬≠tag gewid¬≠met ist. Es geht um den m√∂r¬≠de¬≠ri¬≠schen Angriff auf ihn am 6. Janu¬≠ar 2016 in Loh¬≠fel¬≠den. Auch wenn er Deutsch inzwi¬≠schen rela¬≠tiv gut ver¬≠steht, ist er auf einen Dol¬≠met¬≠scher ange¬≠wie¬≠sen, um vor Gericht aus¬≠sa¬≠gen zu k√∂n¬≠nen. Dies wird sich im Lau¬≠fe des Tages noch eini¬≠ge Male als Pro¬≠blem erwei¬≠sen. Die Schil¬≠de¬≠rung der Tat ver¬≠l√§uft knapp. Ahmed I. war am Abend des 6. Janu¬≠ar von der Asyl¬≠un¬≠ter¬≠kunft, in der er damals wohn¬≠te, auf dem Weg zu einer nahen Tank¬≠stel¬≠le, um Ziga¬≠ret¬≠ten zu kau¬≠fen. Er hat eine Kapu¬≠ze auf, tipp¬≠te auf dem Han¬≠dy und h√∂r¬≠te √ľber sei¬≠ne Kopf¬≠h√∂¬≠rer Musik. Unge¬≠f√§hr auf der H√§lf¬≠te des Weges wird er auf einen Rad¬≠fah¬≠rer hin¬≠ter sich auf¬≠merk¬≠sam und tritt zur Sei¬≠te, um Platz zu machen. Dar¬≠auf¬≠hin sp√ľrt er einen Schlag und bricht zusam¬≠men. Erst habe er gedacht, der Schlag sei mit einem Stock erfolgt, dann merkt er jedoch, dass er sei¬≠ne Bei¬≠ne nicht mehr bewe¬≠gen kann. Schlie√ü¬≠lich h√§lt ein Auto¬≠fah¬≠rer an und hilft ihm, ein wei¬≠te¬≠rer ruft Kran¬≠ken¬≠wa¬≠gen und Poli¬≠zei. Unter den Lang¬≠zeit¬≠fol¬≠gen der Tat hat Ahmed I. bis heu¬≠te zu lei¬≠den. Der Mes¬≠ser¬≠stich hat¬≠te auch die Wir¬≠bel¬≠s√§u¬≠le I.s getrof¬≠fen, seit¬≠her hat er st√§n¬≠dig star¬≠ke Schmer¬≠zen, ver¬≠liert das Gef√ľhl in einem Bein, hat Schlaf¬≠st√∂¬≠run¬≠gen, Angst¬≠zu¬≠st√§n¬≠de und labo¬≠riert immer noch an ande¬≠ren psy¬≠chi¬≠schen und k√∂r¬≠per¬≠li¬≠chen Fol¬≠gen der Tat. Bei der Befra¬≠gung hier¬≠zu for¬≠dert der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Rich¬≠ter Tho¬≠mas Sage¬≠biel mit Nach¬≠druck von dem Zeu¬≠gen auch sehr pri¬≠va¬≠te und inti¬≠me Details zu berich¬≠ten, woge¬≠gen auch I.s Anwalt Alex¬≠an¬≠der Hoff¬≠mann inter¬≠ve¬≠niert.  Als es zu Beginn des Pro¬≠zess¬≠ta¬≠ges um einen hand¬≠schrift¬≠li¬≠chen Lebens¬≠be¬≠richt von Mar¬≠kus H. gegan¬≠gen war, hat¬≠te der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de noch als ‚Äěhoch¬≠per¬≠s√∂n¬≠lich‚Äú ein¬≠ge¬≠stuft und zuge¬≠stimmt, dass die¬≠ser aus R√ľck¬≠sicht auf H. nicht √∂ffent¬≠lich ver¬≠le¬≠sen wer¬≠den soll¬≠te. Als bei Ahmed I.s Schil¬≠de¬≠rung der Lang¬≠zeit¬≠fol¬≠gen der Mit¬≠an¬≠ge¬≠klag¬≠te H. auch noch fast h√§misch zu grin¬≠sen begann, war es Bun¬≠des¬≠an¬≠walt¬≠schaft Die¬≠ter Kil¬≠mer, der ihn auf¬≠for¬≠dern muss¬≠te, dies sofort zu unter¬≠las¬≠sen.

Zu ausf√ľhrliche Vorhaltungen

Auch die Befra¬≠gung durch Mus¬≠ta¬≠fa Kaplan, den Ver¬≠tei¬≠di¬≠ger des Haupt¬≠an¬≠ge¬≠klag¬≠ten Ste¬≠phan E., setzt dem Zeu¬≠gen zu. Die¬≠ser fokus¬≠siert sich fast nur auf √§lte¬≠re Poli¬≠zei¬≠be¬≠fra¬≠gun¬≠gen Ahmed I.s und Sach¬≠la¬≠gen, die mit dem Anschlag an sich nichts zu tun haben. Obwohl es schon damals kurz nach der Not¬≠ope¬≠ra¬≠ti¬≠on, der sich der Betrof¬≠fe¬≠ne unter¬≠zie¬≠hen muss¬≠te, Dol¬≠met¬≠scher¬≠pro¬≠ble¬≠me gege¬≠ben hat¬≠te ‚ÄĒ  die dama¬≠li¬≠ge Dol¬≠met¬≠sche¬≠rin sprach einen ande¬≠ren ara¬≠bi¬≠schen Akzent ‚ÄĒ wer¬≠den ein¬≠zel¬≠ne Wider¬≠spr√ľ¬≠che in alten Befra¬≠gun¬≠gen bis ins kleins¬≠te Detail durch¬≠leuch¬≠tet. Auch l√∂chert Kaplan Ahmed I. mit Erkun¬≠di¬≠gun¬≠gen zu sei¬≠nem Asyl¬≠ver¬≠fah¬≠ren, wo sich die Fra¬≠ge stellt, inwie¬≠fern das f√ľr den Pro¬≠zess rele¬≠vant sei. Meh¬≠re¬≠re Fra¬≠gen, die vor¬≠her schon beant¬≠wor¬≠tet wur¬≠den, wer¬≠den in erm√ľ¬≠den¬≠der und den Zeu¬≠gen zer¬≠m√ľr¬≠ben¬≠der Wei¬≠se noch ein¬≠mal gestellt. So kommt mehr¬≠fach die Fra¬≠ge auf, wie Ahmed I. den Fahr¬≠rad¬≠fah¬≠rer, der von hin¬≠ten ange¬≠fah¬≠ren sei, denn √ľber¬≠haupt bemerkt haben k√∂n¬≠ne. Das Ziel die¬≠ses Fra¬≠gen¬≠kom¬≠ple¬≠xes? Ver¬≠mut¬≠lich die Glaub¬≠w√ľr¬≠dig¬≠keit des Zeu¬≠gen zu unter¬≠gra¬≠ben und Zwei¬≠fel an E.s T√§ter¬≠schaft und sei¬≠nem ras¬≠sis¬≠ti¬≠schen Motiv zu wecken.

Nazi¬≠struk¬≠tu¬≠ren in der hes¬≠si¬≠schen Poli¬≠zei: Wil¬≠des Pla¬≠ka¬≠tie¬≠ren gegen die Wache an der Zeil in Frank¬≠furt am Main, um die Ecke des Gerichts, wo der Mord an Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke ver¬≠han¬≠delt wird.

Vor dem Gerichts¬≠ge¬≠b√§u¬≠de haben sich jeweils mor¬≠gens und mit¬≠tags Men¬≠schen zu einer Kund¬≠ge¬≠bung in Soli¬≠da¬≠ri¬≠t√§t mit Ahmed I. und allen Betrof¬≠fe¬≠nen rech¬≠ter und ras¬≠sis¬≠ti¬≠scher Gewalt zusam¬≠men¬≠ge¬≠fun¬≠den. Es geht dar¬≠um, auch f√ľr Ahmed I.s Geschich¬≠te Auf¬≠merk¬≠sam¬≠keit zu schaf¬≠fe. Die Unsicht¬≠bar¬≠keit des Falls sei sym¬≠pto¬≠ma¬≠tisch und erin¬≠ne¬≠re in zu vie¬≠len Details an die Taten des NSU, so die Organisator*innen der Kund¬≠ge¬≠bun¬≠gen Kein Schluss¬≠strich Hes¬≠sen. Ganz in der N√§he des Gerichts¬≠saals befin¬≠det sich auch die Frank¬≠fur¬≠ter Poli¬≠zei¬≠wa¬≠che, wo die Pri¬≠vat¬≠adres¬≠se der Neben¬≠kla¬≠ge¬≠ver¬≠tre¬≠te¬≠rin aus dem NSU-Pro¬≠zess, Rechts¬≠an¬≠w√§l¬≠tin Seda BaŇüay-YńĪl¬≠dńĪz, abge¬≠ru¬≠fen wor¬≠den sei, an die die ers¬≠ten mit ‚ÄěNSU 2.0‚Äú unter¬≠zeich¬≠ne¬≠ten Droh¬≠fa¬≠xe einer bis heu¬≠te nicht auf¬≠ge¬≠kl√§r¬≠ten Serie sol¬≠cher Dro¬≠hun¬≠gen geschickt wor¬≠den sei¬≠en. Vor der Wache sind am heu¬≠ti¬≠gen Tage an einer Lit¬≠fa√ü¬≠s√§u¬≠le Pla¬≠ka¬≠te mit der Auf¬≠schrift ‚ÄěNSU 2.0 zer¬≠schla¬≠gen‚Äú ange¬≠bracht.

Verständigungsprobleme und genervter Richter

Ein wei¬≠te¬≠res Pro¬≠blem die¬≠ses Tages vor Gericht ist das Dol¬≠met¬≠schen. Irgend¬≠wie l√§uft es nicht rei¬≠bungs¬≠los, was h√§u¬≠fig zu lan¬≠gen Ant¬≠wort¬≠zei¬≠ten oder auch zu fal¬≠schen Ant¬≠wor¬≠ten f√ľhrt, wenn Miss¬≠ver¬≠st√§n¬≠de ent¬≠stan¬≠den waren.  Nach¬≠dem Hoff¬≠mann einen kon¬≠kre¬≠ten √úber¬≠set¬≠zungs¬≠feh¬≠ler moniert, f√ľhlt sich wie¬≠der¬≠um I.s Dol¬≠met¬≠scher in sei¬≠ner √úber¬≠set¬≠zer¬≠eh¬≠re gekr√§nkt und ver¬≠weist auf die Pro¬≠ble¬≠me und Schwie¬≠rig¬≠kei¬≠ten des Dol¬≠met¬≠schens. Laut den Ange¬≠h√∂¬≠ri¬≠gen Ahmed I.s sei teil¬≠wei¬≠se falsch √ľber¬≠setzt wor¬≠den, was bei ihnen im Zuschauer*innenraum zu erheb¬≠li¬≠cher Unru¬≠he f√ľhr¬≠te. Aber auch der Vor¬≠sit¬≠zen¬≠de Rich¬≠ter reagiert w√§h¬≠rend der mehr¬≠st√ľn¬≠di¬≠gen Befra¬≠gung I.s zuse¬≠hends generv¬≠ter. Er zeigt kaum Ver¬≠st√§nd¬≠nis oder Geduld f√ľr die schwie¬≠ri¬≠gen Umst√§n¬≠de, unter denen I. ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re von Ver¬≠tei¬≠di¬≠ger Kaplan gegrillt wird. Sage¬≠biel schnauzt sowohl die Ver¬≠tei¬≠di¬≠gung als auch den Zeu¬≠gen ein ums ande¬≠re Mal an und ver¬≠sucht offen¬≠kun¬≠dig die Befra¬≠gung schnell zu Ende zu brin¬≠gen.

Ahmed I. bringt noch ein ande¬≠res The¬≠ma zur Spra¬≠che: Die feh¬≠len¬≠de Hilfs¬≠be¬≠reit¬≠schaft der deut¬≠schen Beh√∂r¬≠den. Gehol¬≠fen habe ihm damals nur die Opfer¬≠be¬≠ra¬≠tungs¬≠stel¬≠le Respon¬≠se. Ins¬≠be¬≠son¬≠de¬≠re die Poli¬≠zei habe ihm nicht geglaubt, dass der Angriff sei¬≠ner Wahr¬≠neh¬≠mung nach von einem Nazi aus¬≠ge¬≠gan¬≠gen sei, habe ihn ins¬≠ge¬≠samt schlecht behan¬≠delt und nicht ernst genom¬≠men, erkl√§r¬≠te der Gesch√§¬≠dig¬≠te. H√§t¬≠te man damals auf ihn geh√∂rt und inten¬≠si¬≠ver in die¬≠se Rich¬≠tung ermit¬≠telt, w√ľr¬≠de Wal¬≠ter L√ľb¬≠cke viel¬≠leicht heu¬≠te noch leben, sagt I.

Abschlie¬≠√üend l√§sst sich sagen, dass die¬≠ser Pro¬≠zess¬≠tag ein gutes Bei¬≠spiel daf√ľr ist, wie man mit einem Opfer eines ras¬≠sis¬≠ti¬≠schen Angriffs nicht umge¬≠hen soll¬≠te. Kein Ruh¬≠mes¬≠blatt f√ľr die Straf¬≠kam¬≠mer des Ober¬≠lan¬≠des¬≠ge¬≠richts Frank¬≠furt. Die¬≠ser Angriff habe sein Leben zer¬≠st√∂rt, sagt Ahmed I.: ‚ÄěIch habe gelebt bis 2016. Nicht l√§n¬≠ger.‚Äú




Quelle: Antifra.blog.rosalux.de