November 25, 2020
Von Revolt Magazine
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Ich möchte heute einen Ausschnitt meiner Geschichte mit euch teilen. Es ist schwer fĂŒr mich, darĂŒber zu sprechen. Es ist schwer, daran zu denken. Es ist schwer, zu erinnern. Und das ist kein Zufall. Was man verdrĂ€ngt, kann man nicht verurteilen. Was man verdrĂ€ngt, kann man nicht anklagen. Was man verdrĂ€ngt, kann man nicht bekĂ€mpfen.

Es ist kein Zufall, dass es so schwer ist, ĂŒber die Dinge zu sprechen, die uns angetan werden. Wir werden stillgemacht. Die TĂ€ter leben mit der Angst, dass außer ihnen immer mindestens noch eine weitere Person weiß, was sie getan haben: Wir. Sie machen uns still, weil sie genau wissen, dass wir niemals vergessen werden, was sie uns angetan haben. Sie nennen uns LĂŒgnerinnen. Sie werfen uns vor, dass wir ĂŒbertreiben. Sie reden uns ein, wir bilden uns alles nur ein. Sie reden uns ein, wir seien zu empfindlich, wir seien verrĂŒckt, krank, dumm, schwach, selbst schuld. Sie tun alles, uns unsere eigenstĂ€ndige Wahrnehmung ihrer Taten zu nehmen. Denn in unserer Wahrnehmung sind sie TĂ€ter. Sie bekĂ€mpfen unsere Stimmen, gerade weil sie wissen, dass wir nicht ĂŒbertreiben, dass wir nicht lĂŒgen, dass wir nicht verrĂŒckt sind. Gerade weil sie wissen, dass wir die Wahrheit sprechen, bekĂ€mpfen sie uns. Sie fĂŒrchten sich vor uns! Eine nach der anderen erheben wir unserer Stimme. Eine nach der anderen schlagen wir zurĂŒck. Sie wissen, dass sie uns nicht aufhalten können, wenn wir uns zusammentun. Und wir wissen es auch.

Die Taten eines anderen machen einen zum Opfer, das macht man nicht selbst. Ich bin zum Opfer gemacht worden. Aber ich weigere mich, mich dafĂŒr zu schĂ€men. Ich bin nicht verantwortlich fĂŒr seine Taten. Er soll sich schĂ€men, fĂŒr das was er mir angetan hat! Der TĂ€ter soll sich schĂ€men! Ich bin Opfer und ich bin stolz. Stolz, dass ich ĂŒberlebt habe. Stolz, dass ich heile. Stolz, dass ich kĂ€mpfe, gegen Typen wie ihn. Jetzt erst recht. Soll noch einer kommen und mich schwach nennen, ich weiß was ich durchgestanden habe. Ich weiß, wie schwer die Last ist, die ich trage. Ich weiß, wie stark ich bin. Es gibt nichts StĂ€rkeres, als ein Opfer, dass ĂŒberlebt, sich wieder aufbaut und aus seinem Schmerz Widerstand macht.

Wenn ich zurĂŒckblicke, gibt es vieles, was ich bereue. Ich habe viele Fehler gemacht. Ich hĂ€tte mir viel ersparen können, wenn ich besser auf mich aufgepasst hĂ€tte. Wenn ich mich besser und frĂŒher gewehrt hĂ€tte. Aber ich habe es nicht. Und das ist ok. Ich vergebe mir. Egal, wie viele Fehler ich gemacht habe. Egal, welche Fehler ich gemacht habe: Ich lasse mir nicht die Verantwortung fĂŒr seine Taten zuschieben. Er allein ist verantwortlich fĂŒr sein Handeln. Das Recht, sicher vor emotionalen, körperlichen oder sexualisierten Übergriffen zu sein, mĂŒssen wir uns nicht erst verdienen. Egal was wir tun. Wir haben es. Punkt.

Wenn er mit mir geredet hat, hat er mich immer zur stummen Zuhörerin seiner Heldengeschichten gemacht. Er hat erzĂ€hlt und erklĂ€rt, erklĂ€rt und erzĂ€hlt ohne Pause. Ich war fĂŒr ihn nur Publikum. Wenn ich gesprochen habe, hat er mir nicht zugehört, und wenn ich ihm widersprochen habe, kam er gar nicht mehr klar. Also habe ich aufgehört. Irgendwann habe ich eigentlich gar nichts mehr gesagt. Ich habe meine Rolle angenommen in seinem Theater, in dem seine Geschichten spannender und seine Argumente besser waren als meine. Ich habe mich von ihm in die Rolle der stummen Zuhörerin drĂ€ngen lassen. Ich habe mir meine Stimme von ihm nehmen lassen.

Ich bin zu ihm nach Hause gegangen und ich bin geblieben, obwohl ich mich gelangweilt habe. Ich bin geblieben, obwohl ich mich unwohl gefĂŒhlt habe. Ich habe Warnsignale ignoriert und bin geblieben. Ich habe meine eigenen BedĂŒrfnisse ĂŒbergangen, und meine eigene Sicherheit aufs Spiel gesetzt, weil ich dachte, dass ich nicht das Recht, habe ihn zu enttĂ€uschen.

Ich habe mein erstes nein nicht durchgesetzt. Ich habe mein zweites nein nicht durchgesetzt, und alle, die danach kamen. Ich habe seine Manipulationen nicht durchschaut. Ich habe mein letztes nein nicht durchgesetzt und bin eingebrochen. Ich habe aufgegeben. Ich habe ja gesagt und gehofft, dass es schnell vorbeigeht. Ich habe mich nicht gewehrt. Ich habe weder geschrien noch geschlagen. Ich habe in seinem Bett geschlafen und bin erst am nĂ€chsten Morgen gegangen. Ich habe verdrĂ€ngt, was er getan hat. Ich habe mich dafĂŒr verantwortlich gemacht, dass es nicht schön war fĂŒr mich. Ich bin ein zweites Mal zu ihm gegangen, um es besser zu machen. Ich hab‘ den Angst-Knoten in meinem Bauch ignoriert und bin trotzdem hingegangen. Habe wieder mein erstes nein nicht durchgesetzt. Bin wieder nicht gegangen. Ich habe wieder mein letztes nein nicht durchgesetzt und danach einfach gar nichts mehr gesagt. Ich habe wieder nichts getan und gewartet bis er fertig ist.

Ich habe wieder verdrÀngt was er getan hat. Ich habe nicht ernst genommen, dass es mir dreckig ging. Ich habe nicht ernst genommen, dass ich nachts von Vergewaltigungen trÀume und morgens nicht aufstehen will. Ich habe die Freude am Leben verloren. Ich habe angefangen mich selbst zu verletzen. Ich bin jeden Morgen aufgewacht und wollte nicht mehr leben. Ich bin jeden Abend eingeschlafen, und war froh, noch einen Tag geschafft zu haben.

Ich habe denen geglaubt, die mir das GefĂŒhl gegeben haben, dass es mir schlecht geht, weil ich schwach und krank bin. Ich habe viel zu lange Menschen meine Freunde genannt, die mich stumm gemacht haben, statt zu fragen, was passiert ist. Ich habe ein Jahr gebraucht, um zu erinnern und zu benennen, dass ich vergewaltigt wurde. Ich habe heute, fast vier Jahre spĂ€ter, manchmal immer noch Probleme damit.

Ich hĂ€tte so viel besser machen können. Aber ich vergebe mir. Ich vergebe mir, dass ich mich nicht besser geschĂŒtzt habe. Ich vergebe mir, dass ich ihn nicht aufgehalten habe. Ich vergebe mir, dass ich meine Wahrnehmung verleugnet habe. Ich vergebe mir. Er allein ist verantwortlich fĂŒr seine Taten. Das Recht, sicher vor emotionalen, körperlichen oder sexualisierten Übergriffen zu sein, muss ich mir nicht erst verdienen. Egal was ich tue. Ich habe es. Punkt.

Ihm werde ich nie vergeben. Und auch wenn ich manchmal gerne wĂŒrde, ich werde nie vergessen. Denn Erinnern heißt KĂ€mpfen. Ich werde nie wieder aufhören mit dem KĂ€mpfen. Ich werde nie wieder die Rolle der stummen Zuschauerin akzeptieren.

Also kÀmpfe ich, gegen ihn und jeden, der auf seiner Seite steht.

FĂŒr alles, was Menschen wie er uns genommen haben. FĂŒr alle, die nicht ĂŒberlebt haben. FĂŒr alle, die ihre Stimme noch nicht gefunden haben. FĂŒr alle, die immer noch unter den Folgen leiden. FĂŒr alle, die ohne Angst vor Übergriffen leben wollen. FĂŒr jede von uns!




Quelle: Revoltmag.org