August 11, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Timo B├╝chner
Antifa-Magazin ┬╗der rechte rand┬ź Ausgabe 152 – Januar | Februar 2015

#Musik

Am 13. M├Ąrz 2015 ver├Âffentlicht die S├╝dtiroler Musikgruppe ┬╗Frei.Wild┬ź ihr neues Studioalbum ┬╗Opposition┬ź. Bereits mit der Wahl des Titels kn├╝pft die Band inhaltlich nahtlos an ihre fr├╝heren Alben an. Eine inhaltliche Analyse der Liedtexte aus fr├╝heren Ver├Âffentlichungen bietet einen Einblick in das Identit├Ątsangebot an ihre Fans.

Antifa Magazin der rechte rand
Philipp Burger @ Christian Ditsch

┬╗Frei.Wild┬ź ist zur├╝ck auf der B├╝hne: Album-Ver├Âffentlichung im M├Ąrz 2015, Tour im April und Mai, danach reiht sich ein Festival an das andere. Wie bei den vergangenen Ver├Âffentlichungen bedeutet dies wohl: Goldene Schallplatte f├╝r das Album und eine ausverkaufte Tour. ┬╗Frei.Wild┬ź machen mit ihrem Schaffen ein Identit├Ątsangebot, das von hunderttausenden Menschen dankend angenommen wird. In den Liedtexten der Band wird die Identit├Ąt sowohl ├╝ber Geburt und Herkunft eines Individuums (Nativismus) als auch ├╝ber die gemeinsame Feindschaft einer Gruppe aus eben jenen Individuen (Negativismus) definiert. Zur Schicksalsgemeinschaft ist es dann nicht mehr weit.

Heimat
Den Schwerpunkt des nativistischen Identit├Ątsangebotes bildet das nationalistische Gedankengut, das sich vorrangig in zwei, f├╝r die Bandgeschichte ├Ąu├čerst bedeutsamen, Liedern wiederfindet: ┬╗S├╝dtirol┬ź (2003) und ┬╗Wahre Werte┬ź (2010). Das Lied ┬╗S├╝dtirol┬ź widmet ┬╗Frei.Wild┬ź seiner Heimat. Darin hei├čt es: ┬╗S├╝dtirol, wir tragen deine Fahne/Denn du bist das sch├Ânste Land der Welt/S├╝dtirol, sind stolze S├Âhne von dir/Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her/S├╝dtirol, deinen Br├╝dern entrissen/[ÔÇŽ]/S├╝dtirol, du bist noch nicht verlor┬┤n/In der H├Âlle sollen deine Feinde schmor┬┤n┬ź. Mit diesen deutlichen Aussagen positioniert sich ┬╗Frei.Wild┬ź eindeutig in dem spannungsgeladenen Verh├Ąltnis S├╝dtirols zu Italien. Die Band wendet sich gegen die mehrheitlichen VerfechterInnen des politischen Status quo, die sich gegen eine Losl├Âsung S├╝dtirols von Italien aussprechen. Obwohl S├╝dtirol nach dem Zweiten Weltkrieg und den Beschl├╝ssen zweier Autonomiestatute heute umfangreiche Rechte genie├čt, klagt ┬╗Frei.Wild┬ź ├╝ber massive Einschr├Ąnkungen und mangelnde Freiheiten seitens der italienischen Regierung. Politisch befindet sich die Band damit in Gesellschaft der SeparatistInnen, deren militanter und neonazistisch gepr├Ągter Teil bis in die fr├╝hen 1990er Jahre Attentate auf Personen und Anschl├Ąge ver├╝bt hat.

In der Rockballade ┬╗Wahre Werte┬ź konstruiert ┬╗Frei.Wild┬ź eine ┬╗Wir-Gruppe┬ź, die aus dem ┬╗gesund patriotischen┬ź Tiroler Volk besteht, und eine ┬╗Ihr-Gruppe┬ź, die ihre Heimat hasst, sich f├╝r sie sch├Ąmt und Heimatliebe tabuisiert: ┬╗Wann h├Ârt ihr auf, eure Heimat zu hassen/Wenn ihr euch Ihrer sch├Ąmt, dann k├Ânnt ihr sie doch verlassen/(ÔÇŽ)/Sehe schon die Nachwelt klagen und fragen/Warum habt ihr das verkommen lassen/Die Wurzel des Landes, wie kann man die hassen┬ź. Mit ┬╗Wahre Werte┬ź begibt sich ┬╗Frei.Wild┬ź in das Geflecht von Patriotismus und Nationalismus, das durch eine ein- und ausschlie├čende Wirkung gekennzeichnet ist. Im Mittelpunkt des dazugeh├Ârigen Musikvideos stehen Aufnahmen des ┬╗Unabh├Ąngigkeitstages┬ź des rund 5.000 Mitglieder umfassenden ┬╗S├╝dtiroler Sch├╝tzenbundes┬ź, der sich dem ┬╗Schutz der Heimat und der Tiroler Lebens- und Wesensart┬ź und der ┬╗Einheit des Landes Tirol┬ź verpflichtet f├╝hlt. Der Fortbestand der Tiroler Identit├Ąt wird metaphorisch mit der zu sch├╝tzenden ┬╗Wurzel des Landes┬ź umschrieben. W├╝rde diese ┬╗Wurzel┬ź nicht gen├Ąhrt und gesch├╝tzt, drohe schlie├člich der Volkstod: ┬╗Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat/Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk┬ź. Indem der drohende Volkstod und ein homogenes Volk besungen werden, wird Migration und einer heterogenen Gesellschaft eine Absage erteilt ÔÇô Immigration und Multikulturalismus gef├Ąhrdeten demnach den Fortbestand des Tiroler Volkes. ┬╗Frei.Wild┬ź geht aber noch einen Schritt weiter; als Referenz f├╝r ihren Liedtext wird eine Gedenktafel f├╝r den terroristisch agierenden ┬╗Befreiungsausschuss S├╝dtirol┬ź mit der Inschrift ┬╗Sie lebten f├╝r die Freiheit und Einheit Tirols/Ihre Opfer bleiben uns Verpflichtung┬ź eingeblendet.

┬╗Politik des Unpolitischen┬ź
Um Kritik an der Band abzuwehren, wird die wenig originelle Behauptung des ┬╗Unpolitischen┬ź in Stellung gebracht. Der Versuch, sich ein unpolitisches Image zu geben, hat zweierlei Gr├╝nde: Einerseits kann er als ┬╗reine Schutzbehauptung┬ź gewertet werden, um sich gegen Vorw├╝rfe aus dem eigenen Publikum zu immunisieren, dadurch finanzielle Einbu├čen zu minimieren und zugleich das Publikum zu maximieren. Andererseits entspricht die unpolitische Bezeichnung angeblich der Selbstwahrnehmung. Beispielsweise beschreibt S├Ąnger Philipp Burger in einem Videobeitrag (┬╗Klare Worte┬ź, Herbst 2012) die Identit├Ątssuche des Menschen als nat├╝rliches Streben nach nationaler Identit├Ąt, wonach ein positiver Bezug zu Heimat und Volk ein nat├╝rlicher Drang und somit vollkommen unpolitisch sei. Angesichts der seit Jahrzehnten mit gro├čer Intensit├Ąt gef├╝hrten Auseinandersetzung um den Status von S├╝dtirol ÔÇô in den 1960er Jahren gab es auf Seiten der italienischen Beh├Ârden sowie der SeparatistInnen zahlreiche Tote ÔÇô gewinnen Begriffe wie Heimatliebe, Volk und Patriotismus im Diskurs um die Unabh├Ąngigkeit S├╝dtirols einen enormen politischen Gehalt. Das kann Philipp Burger nicht entgangenen sein, insofern sind seine Ausf├╝hrungen zum ┬╗unpolitischen┬ź Charakter der Band und deren Liedtexte wenig geeignet, Erhellendes zu der Debatte beizutragen.

Freund-Feind-Denken
Ein stark polarisierendes Freund-Feind-Denken bildet den Kern des negativistischen Identit├Ątsangebotes. Die Konstruktion des Feindes richtet sich allgemein gegen den ┬╗linken Mainstream┬ź und schlie├čt s├Ąmtliche JournalistInnen und Institutionen (antifaschistische Initiativen, Bands und Parteien) ein, die kritisch ├╝ber ┬╗Frei.Wild┬ź berichten. Laut S├Ąnger Burger bilden sie eine ┬╗Anti-Frei.Wild-Liga┬ź, die sich gegen die Band verschworen hat. Das Lied ┬╗Gutmenschen und Moralapostel┬ź (2012) charakterisiert das konstruierte Feindbild musterg├╝ltig: ┬╗Ich schei├č auf Gutmenschen, Moralapostel/Selbsternannt, political correct/Der die Schwachen in die Ecke stellt/Und dem Rest die ├ärsche leckt┬ź. Aus Geldgier w├╝rden kritisch berichtende JournalistInnen ┬╗nur Hass┬ź sch├╝ren: ┬╗Sie richten ├╝ber Menschen, ganze V├Âlker sollen sich hassen/Nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen┬ź. Mit ihrer eing├Ąngigen Rockmusik vertont ┬╗Frei.Wild┬ź das, was im rechten Spektrum ÔÇô sei es der Stammtisch oder die diversen Publikationen ÔÇô Minimalkonsens ist: der Hass auf ┬╗politische Korrektheit┬ź, die ganze Gesellschaften zu SklavInnen von Minderheiten mache und die nat├╝rliche Ordnung abschaffen m├Âchte, der Hass auf Linke und auf KritikerInnen, die als Spaltpilze agierten und daraus finanzielle Vorteile z├Âgen. Dass die Band, die sich hier als ┬╗die Schwachen in der Ecke┬ź bezeichnet, mit ihrer Heimatduselei und Beleidigungen einen betr├Ąchtlichen Umsatz erzielt, bleibt selbstverst├Ąndlich unerw├Ąhnt. Last but not least darf die ┬╗Nazikeule┬ź nicht fehlen. In ┬╗Schlagzeile gro├č, Hirn zu klein┬ź (2013) wird das Markenzeichen des konstruierten Feindes, die ┬╗Nazikeule┬ź, beschrieben: Jede Form der Heimatliebe werde automatisch als ┬╗rechtsextrem┬ź eingestuft. Mit der ┬╗Nazikeule┬ź ├╝bten vor allem JournalistInnen nicht nur an ┬╗Frei.Wild┬ź Kritik, sondern allgemein an Menschen mit einem ┬╗gesunden Patriotismus┬ź. Dies f├╝hre zur Tabuisierung der Heimatliebe, die von ┬╗Frei.Wild┬ź ebenso wie die ┬╗Nazikeule┬ź selbst konstruiert wird.

Opferstilisierung
Eng verkn├╝pft mit der Freund-Feind-Konstruktion ist die Opferstilisierung: Der ┬╗linke Mainstream┬ź habe sich gezielt ┬╗Frei.Wild┬ź als ┬╗Feindbild Nr. 1┬ź ausgesucht, um sie in den finanziellen Ruin zu treiben. Die Ursache f├╝r ihre Opferrolle sieht die Band in ihrem Mut, ┬╗unangenehme Wahrheiten┬ź auszusprechen. Im Lied ┬╗Wir reiten in den Untergang┬ź (2012) setzt die Band ihre angebliche Verfolgung mit der industriellen Ermordung von Juden und J├╝dinnen im Nationalsozialismus gleich. Die Folge ist eine Verharmlosung des Holocaust: ┬╗Nichts als Richter, nichts als Henker/Keine Gnade, und im Zweifel nicht f├╝r dich/Heut gibt es den Stempel keinen Stern mehr/Und schon wieder, lernten sie es nicht┬ź. Laut ┬╗Frei.Wild┬ź soll das Lied ┬╗auf provokative und (ÔÇŽ) ├╝bertriebene Art und Weise (ÔÇŽ) wachr├╝tteln und zeigen, wie schnell sich die Geschichte wiederholen┬ź k├Ânne.

Extremismus
Der Vorwurf, die KritikerInnen w├╝rden mit der ┬╗Nazikeule┬ź die Meinungsfreiheit der Musiker missachten, ist wesentlicher Bestandteil der Kon┬şstruktion einer guten Mitte zwischen den beiden (wiederholt als ┬╗politische ├ťbermotivation┬ź umschriebenen) Polen ┬╗Links- und Rechtsextremismus┬ź. W├Ąhrend ┬╗Frei.Wild┬ź ┬╗f├╝r Menschlichkeit, Toleranz, Meinungsfreiheit und vor allem gegen jede Form der Ausgrenzung┬ź stehe, gipfeln Zuordnungen zum ┬╗Linksextremismus┬ź gelegentlich in Faschismusvorw├╝rfen: ┬╗Wer andere Meinungen nicht zul├Ąsst, ausgrenzt, ausschlie├čt (ÔÇŽ), braucht nicht ├╝ber den Faschismus schimpfen, denn er lebt ihn selbst┬ź. Zwischen den beiden konstruierten Extremen sieht die Musikgruppe keinen Unterschied; stattdessen gilt die eigene Positionierung als gesunde Mitte. Als wichtiges Beispiel f├╝r die Gleichwertigkeit der Extreme dient die 2012 gestartete Kampagne ┬╗Frei.Wild gegen Rassismus und Extremismus┬ź.

Wir sind S├╝dtirol
Das von ┬╗Frei.Wild┬ź konstruierte Identit├Ątsangebot ist breit gef├Ąchert. Ihre H├ÂrerInnen bekommen viele Ankn├╝pfungspunkte f├╝r die eigene Identit├Ąt. Ma├čgebend ist jedoch das Bild vom unterdr├╝ckten Underdog, der sich gegen seine Verschw├ÂrerInnen zur Wehr setze. Das sind, in Verbindung mit einer auf Herkunft basierenden Identit├Ąt bei st├Ąndiger Negierung der politischen Dimension des eigenen Tuns, vorgetragen mit der rebellenhaften Attit├╝de der Rockmusiker im musikalischen Mainstream angekommene rechte Einstellungen.




Quelle: Der-rechte-rand.de