Juni 30, 2021
Von End Of Road
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kopiert aus der Kreiszeitung

Die Stadt Bremen will an der Reitbrake eine Bahnwerkstatt errichten. Das Problem: Dort befindet sich noch ein Zwangsarbeiterfriedhof. Anwohner protestieren.

Das Mahnmal an der Reitbrake gedenkt der sowjetischen Kriegsgefangenen. FĂŒr 34 neue RegionalverkehrszĂŒge, die das Land Niedersachsen kauft, will der Hersteller Alstom eine Werkstatt in Bremen-Oslebshausen einrichten.

Sie sind die Vergessenen unter den Vergessenen. Die Überreste von mindestens 280 Zwangsarbeitern sollen in Bremen auf dem GrundstĂŒck an der Reitbrake liegen. Genau dort soll sich unter der Erde ein russischer Zwangsarbeiterfriedhof befinden.

Doch auf dem GelĂ€nde soll eine Bahnwerkstatt errichtet werden. Die Stadt kĂ€mpft dafĂŒr. Den Zuschlag fĂŒr den Bau bis 2024 hat Zughersteller Alstom bereits erhalten. Anwohner, Mitglieder der BĂŒrgerinitiative Oslebshausen (BI) und umzu sowie des Bremer Friedensforums zeigen sich entsetzt.

Tag der Befreiung: Ignoriert Bremen seine Verantwortung bei der Erinnerungskultur?

Bei dem Thema Reitbrake und dem Begriff Erinnerungskultur scheiden sich seit lĂ€ngerem die Geister. Gerade anlĂ€sslich des Tags der Befreiung und somit dem 76. Jahrestag der deutschen Kapitulation am Samstag, 8. Mai 2021, fordern BI und Friedensforum „eine wahrhaftige, schonungslose, prĂ€zise und transparente Aufarbeitung der Geschichte des GrĂ€berfelds sowjetischer Naziopfer, des sogenannten ,Russenfriedhofs‘ und der hier bestatteten Menschen“. Dieser Ort sei eine KriegsgrĂ€berstĂ€tte nach internationalen Abkommen. Hier soll nun eine wĂŒrdige GedenkstĂ€tte errichtet werden, heißt es in einer Pressemitteilung.

BI und Friedensforum sind der Meinung, dass sich eine von der Hafenbehörde angestrebte „In-Wert-Setzung des GrundstĂŒcks“ verbietet. Gerade von dem Hintergrund der Geschichte des GrundstĂŒcks, das sich im Eigentum der Stadt Bremen befindet.

Russenfriedhof in Bremen: „Zeit der Vertuschungen von Kriegsverbrechen muss eine Ende haben“

„Die Zeit der Vertuschungen von Kriegsverbrechen muss ein Ende haben und es muss Raum fĂŒr ein angemessenes Gedenken gerade an dieser Stelle, wo die unzĂ€hligen Verbrechen verĂŒbt wurden, geben. Die Bahnwerkstatt ist an einem alternativen Standort in Bremen, beispielsweise an der Oldenburger Kurve, zu errichten“, erklĂ€ren Dieter Winge, Sprecher der BĂŒrgerinitiative, und Ekkehard Lentz, Sprecher des Bremer Friedensforum. DafĂŒr liegt sogar eine Machbarkeitsstudie vor.

Zur MonstrositĂ€t der NS-Verbrechen gehörten auch die Millionen nicht-jĂŒdischen Menschen, die der perfiden Vernichtungspolitik der Nazis zum Opfer gefallen seien. „Entsprechend der Rassen- und Lebensraumideologie wurden die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger der Sowjetunion als ,minderwertige Slawen‘ und als ,Untermenschen‘ zu Rechtlosen erklĂ€rt, gedemĂŒtigt, versklavt und getötet.

ZwangsarbeiterstĂ€tte in Bremen: Tote BĂŒrger bleiben auch in der Nachkriegszeit Opfer zweiter Klasse

Doch auch in der Nachkriegszeit blieben die verstorbenen sowjetischen BĂŒrger Opfer zweiter Klasse. Wie aktuelle Recherchen von Professor Konrad ElmshĂ€user, Leiter des Staatsarchiv Bremen, ergeben haben, wurden im Mai 1946 alle GrĂ€ber von Angehörigen der Vereinten Nationen durch die Bremer Polizei auf alliierte Anweisung hin inspiziert und erfasst.

Vermutlich bereits kurz nach der Inspektion wurde der Friedhof, wahrscheinlich auf Veranlassung der Hafenbehörde, mit Sand ĂŒberspĂŒlt. Eine noch 1947 im Senat beschlossene Einrichtung eines Ehrenfriedhofs unterblieb aus bislang ungeklĂ€rten GrĂŒnden. Stattdessen wurden eine Exhumierung und Umbettung der Toten zum Osterholzer Friedhof 1948 vorgenommen. Aufgrund der ÜberspĂŒlung konnten die GrĂ€ber kaum wiedergefunden, und nicht alle Toten geborgen werden.

Bahnwerkstatt Reitbake: Letzte RuhestĂ€tte fĂŒr 280 sowjetische NS-Opfer – Aufarbeitung bewusst vertuscht?

Aktuell ist laut Staatsarchiv mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass 280 sowjetische NS-Opfer weiterhin in der Erde der Reitbrake liegen und dort ihre letzte RuhestÀtte gefunden haben.

Dieser Umstand wurde hiernach offenbar vertuscht. Professor ElmshĂ€user beklagt die dĂŒnne Quellenlage. Zu erwartende Quellen sind nicht auffindbar. Offenbar wurde die AufklĂ€rung des Sachverhalts ĂŒber Jahrzehnte unterdrĂŒckt. Noch 1992 hat die Stadt Bremen bei den Planungen fĂŒr ein SondermĂŒll-Zwischenlager trotz begrĂŒndeter Hinweise keine ernsthafte Untersuchung veranlasst.

Bremen darf sich nicht aus Verantwortung stehlen – Nazi-Stadtgeschichte verantwortungsvoll aufarbeiten

„Die Stadt Bremen muss achtzig Jahre nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 endlich diesen Teil der Stadtgeschichte transparent und verantwortungsvoll aufarbeiten und einen Weg fĂŒr ein angemessenes Gedenken an diesem durch schreckliche Kriegsverbrechen belasteten Ort finden“, fordern BI und Friedensforum.

Auch die Politik ist sich nicht einig. Die Linken sprechen sich gegen den Standort Oslebshausen aus. Ebenso der Gröpelinger SPD-Beirat, der sich damit sogar gegen die eigene BĂŒrgerschaftsfraktion stellt.

Vor dem Bau will die LandesarchĂ€ologie das GelĂ€nde untersuchen lassen. Die Leiterin der Behörde, Uta Halle, ist sich sicher: «Wir können als LandesarchĂ€ologie nicht so tun, als wĂŒssten wir nichts.»

Quelle: kreiszeitung.de




Quelle: Endofroad.blackblogs.org