Dezember 9, 2022
Von Indymedia
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Der meteorologische Herbstanfang fällt auf der Nordhalbkugel auf den 1. September, eigentlicher Beginn ist aber die Nacht vom 22. auf den 23. September, wo die Sonne den Äquator überquert. Von einem “heißen” Herbst ist bislang, außerhalb der Presse nicht viel zu spüren, auch wenn wir auf verschiedenen Wegen versuchen uns zu positionieren, zu verhalten oder auch aktiv in die aktuelle Krisensituation einzugreifen. Eine umfassende Bestandsaufnahme würde unzählige Seiten füllen und wahrscheinlich noch weiter zu Stagnation und oft auch Ohnmacht beitragen, die sich mal mehr mal weniger in den letzten Jahren über uns gelegt haben. Trotzdem sei so viel gesagt, dass die drei großen europäischen Themen der letzten Jahre: Corona, Krieg und Krise, in dieser Reihenfolge nicht gerade dazu beigetragen haben freiheitliche Bestrebungen zu kanalisieren oder voranzutreiben. Vielmehr haben Vereinzelung, Ratlosigkeit und die Suche nach individuellen Lösungen den Herausforderungen des Lebens gerecht zu werden zugenommen. Weder zum Thema Corona, noch zu Krieg (in Europa) oder der sich abzeichnenden (wirtschaftlich/sozialen/klimatischen) Krise hat sich bis jetzt eine Dynamik entwickelt, die uns unseren Ideen oder Träumen nähergebracht hätte. Ganz im Gegenteil haben wir uns auch noch nicht von diesen und weiteren Rückschlägen in der eigenen Wirkmächtigkeit erholt, geschweige denn Initiative (zurück-)gewonnen.

Um den Leser’innen diese Textes nicht unnötig Zeit zu stehlen, muss vorangestellt werden, dass es sich bei diesem Vorschlag mitnichten um einen wirklich neuen, noch weniger aber kreativen Ansatz handelt. So geht es darum auf erprobte und mehr oder weniger simple Techniken und Praktiken zurückzugreifen und sich darauf zu verständigen, diese wirklich zahlreich zum Einsatz zu bringen. Flyer, Farbe, Hammer, Steine und Feuer sind den wenigsten von uns neu. Wem das zu platt, einfallslos oder einfach zu uncool ist, der’die kann die Lektüre spätestens hier beenden. Wer von den Zielen, den Gründen ihrer Auswahl und erhofften Ergebnissen einer Art von “offensiver Initiative” hören will, hier geht’s los:

“Die Reichen sollen zahlen!”, “Krieg herrscht nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen Unten und Oben!” oder auch die Frage wer generell von Krise(n) profitiert, polemisch haben wir die Antwort auch in den letzten Jahren proklamiert. Für uns, aber auch viele andere ist noch klarer als zuvor, dass – innerhalb des herrschenden Systems – immer ein verschwindend geringer Teil der Menschen, zum Nachteil einer überwältigenden Mehrheit ein Leben im Überfluss führt. Nicht nur die tausendfach zitierten Oxfam-Studien wie der Index der Ungleichheit, die Verteilung von Covid-19 Impfstoffen, sondern auch das Wissen über den CO2-Fußabdruck einer Minderheit, der den der restlichen Menschen krass in den Schatten stellt, unterstreichen diese Antwort. Das gleiche gilt für die aufkommenden Schwierigkeiten im Angesicht einer Rekordinflation auf dem europäischen Kontinent, die große Teile der Bevölkerung schon jetzt alltäglich beschäftigt und vor existentielle Probleme stellt. Das es der europäischen Mittel- und Unterschicht im globalen Vergleich so gut wie selten zuvor geht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier – wie überall auf der Welt – nicht im Sinne der Menschen, sondern nur im Sinne der Reichen regiert wird.

Wenn wir uns erst einmal darauf einigen können, dass die Verantwortlichen der genannten Krisen und vor allem katastrophalen Auswirkungen ganz besonders die Oberschicht – seien es nun 1% oder 10% – der Menschen sind, dann müssen sie ein Ziel der zukünftigen Aktionen sein. Keine Steuern können ausgleichen, was in der Geschichte der Menschheit an Reichtümern von Einzelnen angehäuft wurde. Das Leid, dass durch Kriege im Interesse der Reichen verursacht wurde ist nicht zu beziffern. Und auch die nun geforderten individuellen Abstriche, die alle im Angesicht von Klimakatastrophe und Krieg machen sollen, sind nur im Sinne einiger weniger, die sich das schöne Leben schon heute auf Kosten der Vielen verwirklichen. Die Gründe, eben jene Oberschicht zum Ziel unserer Aktionen zu machen könnten Seiten füllen, aber wenn wir in uns gehen, brauchen wir – je nach Klassenzugehörigkeit – vielleicht nicht noch den Hundert-und-Ersten-Grund. Um trotzdem noch einen mitzugeben reicht allein die Verachtung der Wenigen für die Vielen aus, die in jeder Rede in den Parlamenten und so oft auch im Aufeinandertreffen auf der Straße, bei der Arbeit oder in zufälligen Begegnungen aus ihnen spricht, um sie über die eigene Existenz in Kenntnis setzen zu wollen. Ihnen das eigene Mensch-Sein zu verdeutlichen und sich ihren Angriffen zu widersetzen, die uns für immer an den – ihnen opportunen – Rollen und Orten festhalten sollen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum Exempel an Einzelnen zu statuieren, sondern eben jene Profiteur’innen des Status Quo – unabhängig davon ob sie eine herausragende Stellung innerhalb des Systems einnehmen – alltäglich anzugreifen.

Zum Einen, um zu verdeutlichen, dass der Kreis der Verantwortlichen nicht nur in den Parlamenten und Unternehmenssitzungen Platz nimmt, sondern oft unbehelligt in der Gesellschaft lebt und beinahe beiläufig dazu beiträgt, dass alles so bleibt wie es ist. Wieso soll eine überwältigende Mehrheit die Verantwortung dafür tragen, wovon zuerst einmal die genannte Minderheit profitiert? Wieso nicht sie dazu bewegen sich zu bewegen?

“Soft-Targets” werden jetzt einige Angriffe auf das Eigentum des Bonzen aus dem Nachbarviertel, die Parteibüros, Firmensitze, Yuppieläden, hippen Zero-Waste Supermärkte und Kunstgalerien nennen. Und sie haben Recht damit! Und genau darin liegt die Stärke des Vorschlags, der zuerst einmal viele Menschen befähigen soll sich einzubringen und sich ihrer Haut gegenüber dem generalisierten Angriff von Oben zu erwehren. Darüber hinaus zeigt die Zeit, dass die Aktion und Repression in einem starken Ungleichgewicht zu Ungunsten der ersten verharren. Die “Hard-Targets” sind unerreichbarer als noch vor 10 oder 20 Jahren. Die Herrschaftsstrukturen diffuser, deshalb aber oft omnipräsent und somit für (beinahe) jede’n erreichbar.

Um zum Punkt zu kommen: Wenn wir davon ausgehen, dass die Wut in der Gesellschaft Ausdrucksformen vermisst, die über das (nicht nur in Deutschland) erlernte “Treten-nach-Unten” hinausgehen, dann können wir Beispiele geben. Wir müssen Teile unserer Kritik an der Gesellschaft des Spektakels aufgeben, um durch den Nebel aus Ticker-Meldungen und Belanglosigkeiten hindurchzudringen. Dafür ist es notwendig koordiniert und vor allem zahlreich zuzuschlagen. Der Vorschlag ist in so vielen Städten wie möglich, so viel Schaden an den oben genannten oder vergleichbaren Zielen anzurichten und sich unter dem gemeinsamen Titel: “Ihr seid die Krise: …” zu den jeweiligen Aktionen zu bekennen, der es ermöglicht sich simpel und klar aufeinander zu beziehen. Darüber hinaus soll die Fülle an Aktionen sie gesellschaftlich sichtbar machen und dazu beitragen Diskussionen und Veranstaltungen zu den verschiedensten Themen in Anlehnung an den Aktionstitel zu bewerben. Die Aktionen sollen also Ausgangspunkt oder Ergebnis von Bildung, Vernetzung und schlussendlich Organisierung sein. In einer Zeit der Vereinzelung und generalisierten Perspektivlosigkeit ist es notwendig die uns verbliebenen Kräfte zu bündeln. Nicht um Widersprüche zu glätten, sondern miteinander erst einmal wieder die Möglichkeiten der Diskussionen – aufbauend auf einer gemeinsamen Praxis – zu schaffen und die kollektive Überforderung im Angesicht der unzähligen Brandherde zu überwinden.

Lasst uns gemeinsam versuchen tatsächliche Veränderungen in unserer Lebensrealität zu erkämpfen. Lasst uns aufhören “Bewegung zu simulieren”, sondern ausprobieren, ob wir mit gemeinsamer Kraftanstrengung dazu in der Lage sind den Herbst mitzugestalten. Dafür, dass er nicht in zahnlosem Protest, Politgeschwafel oder im schlimmsten Fall in einem nationalen “Treten-nach-Unten” endet, dass uns vor noch weitreichendere Herausforderungen stellt, als die, denen wir eh schon gegenüberstehen. Lasst uns die Initiative ergreifen!

Weil sie die Krise sind!




Quelle: De.indymedia.org