November 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Die Anzahl der Comics und Graphic Novels steigt stetig, was auf die PopularitĂ€t dieses Mediums hindeutet. Das gilt auch fĂŒr politische und historische Literatur. Wie sieht es aus der Perspektive der Verleger*innen aus? Können die Verlage neue Leser*innenkreise mithilfe der herausgegebenen Comics gewinnen? Über die Bedeutung von Comics und Graphic Novels hat die GWR-Redaktion mit dem UNRAST-Verlag gesprochen. (GWR-Red.)

GWR: In eurem Angebot habt ihr schon seit einigen Jahren eine Reihe von Sachcomics zu feministischen Themen und illustrierte EinfĂŒhrungen in Antimilitarismus, Zapatismus, Gewaltkritik und die Klimabewegung. Welche Erfahrungen habt ihr mit diesen Medien gemacht?

UNRAST-Verlag: Unsere Erfahrungen mit Sachcomics sind bisher durchweg gut. Die Titel sind bei unseren Leser*innen beliebt, quer ĂŒber die diversen Themen der Comics hinweg. Die Idee ist, viele unterschiedliche Personengruppen mit unseren Comics zu erreichen. Da geht es von Louie LĂ€ugers kritischen Comics zu den Themen AufklĂ€rung, SexualitĂ€t und Geschlechtlichkeit, die ĂŒbrigens nicht nur fĂŒr Jugendliche und junge Erwachsene einen guten Einstieg in diese Thematiken bieten, bis hin zu illustrierten Geschichten bestimmter politischer Bewegungen oder Diskurse. Insbesondere die historische ErzĂ€hlung wird durch Illustrationen gut begleitet, ergĂ€nzt und auf besondere Weise erfahrbar gemacht. Ein Beispiel dafĂŒr ist „Kritik der Gewalt“ von Brad Evans und Sean Michael Wilson, ein Sachcomic, der darstellt, was radikale Denker*innen zum Begriff der Gewalt geschrieben haben.

Seht ihr Comics als einen niederschwelligen Einstieg in die Auseinandersetzung mit historischen und politischen Themen? Eröffnen sie neue Leser*innenkreise?

Wir erleben hĂ€ufig, dass der Inhalt von Sachcomics unterschĂ€tzt wird. Es stimmt aber, dass Illustrationen das VerstĂ€ndnis und eine erste Auseinandersetzung mit einem Thema erleichtern können. Viele Menschen schĂ€tzen den Reiz von Bildern als willkommene Abwechslung zu reinem Text. Niedrigschwellig ist vor allem der erste Akt des Öffnens eines Sachcomics, da er sich auch zwischendurch ĂŒberfliegen lĂ€sst und mit visuellen Elementen das Interesse schnell einfangen kann. Nach diesem ersten Eindruck wird die lesende Person hĂ€ufig von einer fundierten Recherche und einem komplexen Inhalt ĂŒberrascht: „Gender“ von Meg-John Barker und Jules Scheele eröffnet beispielsweise ganz neue Sichtweisen. Es ist aber schwierig, hier zu verallgemeinern, denn es gibt keinen Prototyp einer Graphic Novel. Sie sind jeweils so unterschiedlich wie ihr Inhalt. Bei anderen (Sach-)BĂŒchern gibt es ja auch unterschiedliche Schreibstile und Formen, die fĂŒr Leser*innen unterschiedlich interessant sind.
Wie oben erwĂ€hnt, beobachten wir ein großes Interesse an unseren Sachcomics. Das spricht dafĂŒr, dass Comics unsere Leser*innenkreise durchaus erweitern können, wenn nicht sogar ganz neue eröffnen.

Kann eine Graphic Novel ĂŒberhaupt so komplexe theoretische AnsĂ€tze adĂ€quat vermitteln, oder können sie maximal angerissen werden? Betrachtet ihr das als Problem?

Wir sehen zwischen Comics und KomplexitĂ€t keinen Widerspruch und dementsprechend auch kein Problem. Wie eingangs erwĂ€hnt, sind Sachcomics sehr unterschiedlich und beschĂ€ftigen sich durchaus mit komplexen Themen, z. B. aus der Philosophie oder politischer Theorie. So bringt Emma in „Ein anderer Blick auf den Klimawandel“ ein vielschichtiges Thema mit wenigen Worten und treffenden Bildern auf den Punkt. Die Kunst dieses Mediums liegt gerade darin, die KomplexitĂ€t prĂ€gnant, verstĂ€ndlich und grafisch zu erfassen. Comics werden schnell allein als „guter Einstieg“ fĂŒr junge Menschen abgestempelt. Einige BĂŒcher sind selbstverstĂ€ndlich genau dafĂŒr gedacht und dafĂŒr auch sehr wertvoll. Aber der Wert von Comics an sich sollte nicht nur darauf reduziert werden.
Wir bei UNRAST schĂ€tzen sie als frischen und kreativen Weg, um Inhalte zu vermitteln und Leser*innen auch mal mit dem ein oder anderen Witz in hochkomplexe Diskurse einzufĂŒhren. Graphic Novels sind eine eigenstĂ€ndige Kunstform. Das Zusammenspiel von Bild und Text erweitert das Medium Buch um eine Ebene, die ein „lediglich“ geschriebener Text nicht bietet.
Wenn wir aber von Problemen sprechen wollen, sehen wir diese eher in einer starren Form von Kultur- und Wissensproduktion, die sich nur auf geschriebenen Text als vermeintlich höchstwertiges Medium stĂŒtzt und keine VerĂ€nderungen zulĂ€sst. Warum sich nicht öffnen fĂŒr diverse Inhalte, Gestaltungen und Formen, die zwischen zwei Buchdeckeln Platz finden?

GWR: Danke fĂŒr das GesprĂ€ch!
UNRAST Verlag:
Ehemals aus der autonomen Szene entstanden und mit dem Anspruch angetreten, BĂŒcher aus der Bewegung fĂŒr die Bewegung zu machen, kann der 1989 gegrĂŒndete UNRAST Verlag mittlerweile auf eine ĂŒber 30-jĂ€hrige Geschichte zurĂŒckblicken. In deren Verlauf wurde nicht nur das Programm immer vielfĂ€ltiger, sondern es entwickelte sich auch die unausgesprochene Verlagspolitik, gegensĂ€tzliche Tendenzen innerhalb der Linken miteinander in Kontakt zu bringen und bestenfalls sogar zu versöhnen. So stehen BĂŒcher mit sozialrevolutionĂ€ren, ökologischen oder digitalkritischen Inhalten neben Publikationen zur Antidiskriminierung von LSBTIQ* oder BIPoC, feministische Perspektiven ergĂ€nzen antifaschistische, und internationale theoretisch-analytische Texte glĂ€nzen neben politischen Sachcomics. Allen Titeln gemeinsam ist eine progressive Ausrichtung hin zu einer gerechteren Gesellschaft.




Quelle: Graswurzel.net