Juli 3, 2019
Von Revista BUNA
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Haukur Hilmarsson

Wir werden sie nie vergessen!

Im Gedenken an die in Afrin/Rojava gefallenen Anarchistinnen und Anarchisten

Im Februar und MĂ€rz 2018 mussten wir Nachrichten ĂŒber den Tod anarchistischer Genossinnen und Genossen bei den KĂ€mpfen in Rojava zur Kenntnis nehmen. Am 20. Januar 2018 ĂŒberschritt die tĂŒrkische Besatzungsarmee zusammen mit zehntausenden Dschihadisten-Söldern die Grenze nach Afrin (EfrĂźn) im nord-westen Syriens. Das Online-Magazin „Lower Class Magazine“ berichtet dazu: „Seit diesem Tag hĂ€ufen sich die Meldungen ĂŒber Hinrichtungen, Folter, LeichenschĂ€ndung durch Erdogans Gotteskrieger, die sich kaum von den WaffenbrĂŒdern des „Islamischen Staates“ unterscheiden.“

In Rojava ist eine gesamtgesellschaftliche Revolution im Gange. Jahrhundertealte patriarchale HerrschaftsverhĂ€ltnisse und nationalistische Spaltungen werden aufgehoben. An ihre Stelle tritt der Aufbau einer freien Gesellschaft mit gleichberechtigten Menschen, der Gleichheit der Geschlechter, ökologischer Nachhaltigkeit und weitreichenden Elementen von Basisdemokratie und Selbstverwaltung. Damit ist Rojava ein Beispiel fĂŒr ein friedliches und freies gesellschaftliches Leben (nicht nur) in der Region. Es ist zudem ein Symbol der Hoffnung. Dieses Beispiel und die damit verbundenen Hoffnungen sind eine bestĂ€ndige Bedrohung fĂŒr die Regierungen und Staaten und ihre Herrschercliquen in der Region. Die MĂ€chtigen in der TĂŒrkei und Syrien bekĂ€mpfen diesen Aufbruch in ein freies und wĂŒrdevolles Leben mit brutaler Gewalt und medialen LĂŒgen, da es zeigt, dass man ohne Staat und Regierung, ohne Erdogan und Assad, ohne Herrscher, viel besser lebt; Herrscher ĂŒberflĂŒssig sind. Kino Gabriel, ein Sprecher der „Demokratischen KrĂ€fte Syriens“ (QSD), erklĂ€rte „Das syrische Regime sieht das Zusammenleben der Völker als Bedrohung an. In den QSD sind alle Völker vertreten. Das ist eine Nachricht an alle Seiten. Das Regime ist davon beunruhigt und möchte Zwietracht unter den Völkern sĂ€en.“

UnterstĂŒtzung fĂŒr die Feinde Rojavas durch die Machtblöcke


ReporterInnen und AnalystInnen gehen davon aus, dass der Einmarsch der tĂŒrkischen Armee mit Wissen und Billigung der großen Machtblöcke von NATO, USA und Russland vor sich geht. Diese haben der TĂŒrkei offenbar ihre Billigung zum Einmarsch gegeben. Von der deutschen Regierung vernahm man nichts als Floskeln dazu.


 und SolidaritÀt von unten mit Rojava

Anna Campbell

In Rojava selbst zeigten sich großer RĂŒckhalt und SolidaritĂ€tsbewegungen fĂŒr Afrin. Das Lower Class Magazine berichtet: „Zahlreiche Konvois mit Tausenden Zivilist*innen aus der gesamten Demokratischen Föderation Nordsyrien kamen nach Afrin, um den Widerstand zu unterstĂŒtzen. Demonstrationen wurden organisiert und am internationalen Frauenkampftag demonstrierten – mitten im Krieg – tausende Frauen aus der gesamten Region.“ Der heroische Widerstand der Bevölkerung gegen die tĂŒrkischen Truppen und ihre VerbĂŒndeten musste Mitte MĂ€rz 2018 eingestellt werden. Das tĂŒrkische MilitĂ€r, das mit Kampfflugzeugen und Panzern die Stadt beschoss, rĂŒckte in die Stadt ein. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) unterstĂŒtzten die Evakuierung der Stadt und erklĂ€rten, ab sofort einen Guerillakrieg zu fĂŒhren.

Auf Seiten der gesamtgesellschaftlichen Revolution in Rojava und gegen den Islamischen Staat und die staatlichen Truppen kĂ€mpfen seit einigen Jahren Freiwillige aus aller Welt. Der gerechte Kampf erhĂ€lt UnterstĂŒtzung von AntifaschistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen und AnarchistInnen. Ein Großteil von diesen kĂ€mpft in Einheiten von YPG und YPJ und dem Internationalen Freiheitsbataillon (IFB). Bei der Verteidigung von Afrin fielen internationalistische KĂ€mpferinnen und KĂ€mpfer, darunter unsere anarchistischen Genossen Olivier Le Clainche und Haukur Hilmarsson und unsere anarchistische Genossin Anna Campbell.

Olivier François Jean Le Clainche

Olivier François Jean Le Clainche (Kampfname Kendal Breizh) war Lehrer. Er fiel am 10. Februar 2018 in EfrĂźn im Alter von 41 Jahren. Olivier kĂ€mpfte in vorderster Front bei der Verteidigung der Stadt gegen den Angriff tĂŒrkischer Truppen und ihrer VerbĂŒndeten. Er stammte aus der Bretagne in Frankreich und wirkte bei Alternative Libertaire und in der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CNT (ConfĂ©dĂ©ration nationale du travail) mit. Er gehörte der bretonischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung an. Wir wissen von Gedenkveranstaltungen fĂŒr ihn in Rojava, in der Bretagne und Toulouse.

Haukur Hilmarsson (Kampfname ƞahin Hosseini) war ein Anarchist und Aktivist aus Island. Er fiel am 24. Februar 2018 in EfrĂźn beim Kampf gegen die tĂŒrkischen Angreifer und ihre VerbĂŒndeten im Alter von 32 Jahren. Er nahm an der Befreiung der Stadt Raqqa vom Islamischen Staat und dessen VerbĂŒndeten im Jahr 2017 teil. Haukur gehörte der anarchistischen Einheit „RevolutionĂ€re Union fĂŒr internationalistische SolidaritĂ€t“ (RUIS) des Internationalen Freiheitsbataillons der Volksverteidigungseinheiten an. Von seinen Genossen wurde er zu einem Kommandanten des IFB gewĂ€hlt. In Rojava und Island gab es Gedenkveranstaltungen fĂŒr ihn.

Anna Campbell (Kampfname HĂȘlĂźn Qereçox) war Anarchistin und revolutionĂ€re Feministin. Sie war Mitglied der „Industrial Workers of the World“ (IWW) und fiel am 15. MĂ€rz 2018 in EfrĂźn im Alter von 26 Jahren bei der Evakuierung der Stadt. Aus einer ErklĂ€rung des Internationalen Freiheitsbataillons: „Die Freundin Anna Campbell (HĂȘlĂźn Qereçox) befand sich in einem der Konvois mit den FlĂŒchtenden. Der Konvoi wurde direkt von tĂŒrkischen Kampfflugzeugen angegriffen und dabei kam auch Anna Campbell ums Leben. Sie hatte vorher mit der YPJ gegen den Islamischen Staat in DĂȘra Zor gekĂ€mpft. Als die Angriffe auf EfrĂźn begannen, schloss sie sich unmittelbar dem Widerstand zur Verteidigung Rojavas an. Sie zog ohne zu zögern an die Front, denn sie kĂ€mpfte fĂŒr ihre und unser aller Ideale.“ Gedenkveranstaltungen fĂŒr sie gab es in Rojava, Bristol und London. Ihr Tod fand auch in Deutschland Beachtung und Menschen aus der SolidaritĂ€tsbewegung zu Rojava und aus anarchistischen und IWW-Gruppen erinnerten an sie.

Anarchistische Brigaden

Zur Verteidigung der Bevölkerung, der Revolution in Rojava und dem Ziel des Aufbaus eines anarchistischen Kommunismus verbunden, kĂ€mpfen in Rojava drei bewaffnete anarchistische Formationen. Neben der 2015 gegrĂŒndeten RUIS bildeten sich am 31. MĂ€rz 2017 die „Internationalen RevolutionĂ€ren Volks Guerilla Einheiten“ (IRPGF). Vegane AnarchistInnen aus der TĂŒrkei grĂŒndeten die Formation „Sosyal Isyan“ (Soziale Rebellion).

FĂŒr Olivier, Haukur und Anna waren praktische SolidaritĂ€t und entschiedener Kampf eine leitende Maxime. Sie gaben ihr Leben fĂŒr ihre Überzeugungen, die auch die unseren sind. Ihr Tod macht uns traurig.

Doch der Kampf um die Freiheit in Rojava geht weiter und Olivier, Haukur und Anna werden fĂŒr immer ein Teil davon sein. Wir werden unsere Genossinnen und Genossen nie vergessen.

SolidaritÀt mit Rojava!

Tod dem Faschismus!

Dieser Artikel ist erschienen in BUNĂ #6




Quelle: Revistabuna.wordpress.com