Januar 24, 2022
Von Der Rechte Rand
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von Volker Weiß
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 131 – Juli / August 2011

Oswald Spengler, obwohl vor 75 Jahren verstorben, ist in der extremen Rechten, nicht nur in Deutschland, noch aktuell.

Antifa Magazin der rechte rand
Weissmann spricht, Börsianer lauscht: Max Otte (Bildmitte mit Einstecktuch)
@ Robert Andreasch

»Oswald Spengler, wir gedenken Deiner als einer der großen deutschen Denker, mit diesen Worten wĂŒrdigte Max Otte am 7. Mai 2011 auf dem MĂŒnchner Nordfriedhof den 1936 verstorbenen deutschen PopulĂ€rphilosophen, der vor allem als Autor des Untergangs des Abendlands (1918/1922) und glĂŒhender Gegner der Weimarer Republik bekannt wurde. Vielleicht dreißig Personen waren auf Einladung des Instituts fĂŒr Staatspolitik (IfS) am Grab Spenglers fĂŒr eine kurze Gedenkfeier zusammengekommen. Die kurzfristig verschickten Einladungen zu der Zusammenkunft hatte Erik Lehnert unterzeichnet, seit 2008 gemeinsam mit Karlheinz Weißmann Leiter des derzeit umtriebigsten Think Tanks der extremen Rechten in Deutschland. Entsprechend erlesen prĂ€sentierte sich die Runde. Als Höhepunkt der Veranstaltung legte Erik Lehnert gemeinsam mit Martin Böcker einen Kranz an Spenglers Grab nieder: Optimismus ist Feigheit, verkĂŒndete die Schrift auf der Schleife.

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Buch ĂŒber das “Institut fĂŒr Staatspolitik” und die Faschist*innen des 21. Jahrhunderts erschien 2020 und ist im Buchhandel erhĂ€ltlich. @derrechterand

Spengler-Verehrer Otte

Max Otte war wohl der prominenteste Teilnehmer dieses klandestin vorbereiteten und durchgefĂŒhrten Treffens. Der Wirtschaftsprofessor, Unternehmer und »Börsianer des Jahres« 2009 und 2010 (Börse Online) wird von der so genannten Neuen Rechten als Krisentheoretiker geschĂ€tzt. Anfang Mai hatte er einen ausfĂŒhrlichen Nachruf auf Spengler in der Jungen Freiheit?(JF, Nr. 19 v. 6.5.2011) publiziert. 2010 sprach er bei der »Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg« ĂŒber das »Erfolgsmodell Schweiz«, der Verein fĂŒhrt ihn mittlerweile als Beirat. Politisch oszilliert Otte also zwischen den verschiedenen Spektren des Revisionismus. Der Öffentlichkeit ist der Euro-Gegner Otte vor allem als hĂ€ufiger Gast in Rundfunk und Fernsehen bekannt. Ebenfalls im Mai diskutierte der Ökonom bei Anne Will die Frage »Riskiert die Regierung unser Geld?«. Auf dem Friedhof trat Otte als Grabredner auf, beim anschließenden Beisammensein in einem Restaurant in der MĂŒnchner Innenstadt waren er, Karlheinz Weißmann und Frank Lisson als Referenten fĂŒr den inhaltlichen Teil zustĂ€ndig. Noch am Grab betonte Karlheinz Weißmann den aktuellen Charakter von Spenglers Denken. Die Rede verdeutlichte, warum sein Werk bis heute von jenen herangezogen wird, die sich als letztes intellektuelles Bollwerk der deutschen Schicksalsgemeinschaft sehen: »Spengler ging es gerade nicht um Resignation, sondern es ging ihm um ein Standhalten. Es ging ihm darum, dass man in der entscheidenden Situation, in die man historisch gestellt ist, das tut, was notwendig ist. In dieser Hinsicht ist er, mit der Klarsichtigkeit seines Denkens und der Entschiedenheit, mit der er auch das formuliert hat, was unangenehm, was nicht gerne gehört wird, uns allen ein Vorbild.« Den gleichen Tonfall vom Durchhalten in heroischer PflichterfĂŒllung schlug auch Max Otte an, der eines der wohl am meisten verbreiteten Spengler-Zitate bemĂŒhte: »Die Zeit lĂ€sst sich nicht umkehren. Es gibt keine weise Umkehr, keinen klugen Verzicht. Nur TrĂ€umer glauben an Auswege, Optimismus ist Feigheit. Wir sind in diese Zeit geboren und mĂŒssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji fand, weil man vergessen hatte ihn abzulösen. Das ist GrĂ¶ĂŸe, dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man den Menschen nicht nehmen kann.« Das Gleichnis vom römischen Soldaten ist, wie auch die Losung »Optimismus ist Feigheit«, Spenglers Essay »Der Mensch und die Technik« (1932) entnommen. Es liefert eine der markantesten Selbstbeschreibungen des LebensgefĂŒhls seiner heutigen Epigonen. Handelt es doch von der Unabdingbarkeit des Schicksals, das mannhaft zu tragen sei und gibt damit einem zentralen Motiv des »konservativ-revolutionĂ€ren« Denkens Ausdruck. Allerdings hat Otte ein nicht unwesentliches Detail ausgelassen. Im Original endet das Zitat: »Das ist GrĂ¶ĂŸe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.« Bereits im »Untergang des Abendlandes« hatte Spengler seinen Rassenbegriff als »Dauer der kosmisch- pflanzenhaften Lebensseite des Daseins« definiert, als »Zeugungen in einer engeren oder weiteren Landschaft fortkreisenden Blutes«. Spengler lebte im Glauben, dass sich das »Rassenschicksal« in der Geschichte offenbare. Seine Furcht galt der »farbigen Weltrevolution«, die gemeinsam mit der nivellierenden Kraft des Welthandels und den europĂ€ischen Unterschichten der weißen Elite ihre historische FĂŒhrungsrolle rauben könnte. Da die rassistischen ZĂŒge von Spenglers Werk gerne von jenen unterschlagen werden, die ihn lediglich als bedeutenden Kulturphilosophen erinnern wollen, passt Ottes Auslassung ins Konzept der »Rettung« Spenglers.

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Sprengler Gedenkstein
@ Robert Andreasch

Spengler-Verehrer Lisson

Wie ungebrochen die Spengler-Verehrung der deutschen Rechten bis heute ist, zeigen Veröffentlichungen aus den letzten Jahren. Vor allem das IfS ist bemĂŒht, den Autor in die Gegenwart zurĂŒckzuholen: Im Mai 2005 erschien ein Sonderheft der »Sezession« zu Spengler. Im gleichen Jahr publizierte der an der Feier beteiligte Frank Lisson das BĂŒchlein »Oswald Spengler, Philosoph des Schicksals« in der Reihe »Perspektiven« der auf Schnellroda, Sitz des IfS, erscheinenden »Edition Antaios«. 2007 gab er Spenglers »Jahre der Entscheidung« mit einem Vorwort aus eigener Feder neu heraus. Auch Lisson zĂ€hlt zu den Protagonisten der Szene, die Außenwirkung zu entfalten vermögen. Er war nicht nur Referent des IfS, sondern auch Autor mehrerer Features fĂŒr den Deutschlandfunk und publizierte 2004 eine Nietzsche-Monographie bei dtv.

Spengler-Verehrer Bigalke

2009 wurde Spenglers Schrift ĂŒber den »Neubau des Reiches« (1924) im thĂŒringischen »Arnshaugk-Verlag« nachgedruckt. Als Herausgeber fungierte Daniel Bigalke, der ebenfalls als Autor von »Sezession« und der Ă€hnlich gestrickten SchĂŒlerzeitung »Blaue Narzisse« in Erscheinung getreten ist. In »Neubau des Reiches« zeigt sich die besondere AnschlussfĂ€higkeit Spenglers fĂŒr die heutigen Attacken auf den Sozialstaat, greift doch Spenglers These vom »Steuerbolschewismus« heutigen Autoren wie Peter Sloterdijk oder Karl Heinz Bohrer vor. Ganz im Geiste Spenglers beklagt auch Bigalke, dass nichts anderes als die Demokratisierung Deutschlands zum Verlust der staatstragenden Tugenden gefĂŒhrt habe: »Harter Dienst, karge Bezahlung, sparsame Anerkennung – die gewissenhafte Leistung bei sparsamer Belohnung, im Vertrauen, dass die ideelle Belohnung im Wirken fĂŒr das Ganze liege, diese Haltung ist höchst schĂ€tzenswert. Revolution und Parlamentarismus haben auch diese Haltung des Deutschen vernichtet und den Staat zur Versorgungsanstalt werden lassen.« Den Leser*innen trĂ€gt Bigalke nicht ohne Pathos auf, sie mögen »aus dem Buch Anregungen fĂŒr die Gegenwart entnehmen und dies mit tragischer Seele und rebellischem Herzen tun.«

Spengler-Verehrer Benoist

Dass nach diesem publizistischen Vorlauf 2011 fĂŒr die »Neue Rechte« zum Spengler-Jahr wurde, ist ein grenzĂŒbergreifendes PhĂ€nomen. Die »Nouvelle Ecole«, ein Traditionsformat der französischen »Nouvelle Droite« unter der Ägide von Alain de Benoist, widmete ihre Doppelausgabe 2010/11 dem Denker der »Konservativen Revolution«. Auch Benoist, seit Jahrzehnten Spiritus Rector der intellektuellen Rechten, empfiehlt seinen französischen Leser*innen die LektĂŒre Spenglers zum VerstĂ€ndnis der Gegenwart. Neben den heroischen Inhalten birgt auch Spenglers Habitus Identifikationspotential. Den Notizen aus seinem Nachlass, die kĂŒrzlich von dem seriösen französischen Spengler- Forscher Gilbert Merlio herausgegeben wurden, lĂ€sst sich entnehmen, wie sehr Spengler von einem heute adoleszent erscheinenden Weltschmerz und Weltekel getragen wurde. Die autobiographischen Aufzeichnungen zeichnen einen schwer leidenden, zwanghaft distanzierten Mann, vereinsamt, todessĂŒchtig und mit Angst vor Frauen, geflohen in sein eigenes geistiges Universum; ein wenig wie Nietzsche, dem er Zeit seines Lebens nacheiferte, ohne je an ihn heranzureichen.

Vorbild Spengler

Ohnehin traditionell im Kanon der deutschen Rechten beheimatet, ist Spengler also der passende Stichwortgeber fĂŒr das Milieu um das IfS und die JF. Durch sein Hauptwerk »Der Untergang des Abendlandes« hatte er international Beachtung gefunden, schien es doch den Zeitgeist der Epoche nach dem Ersten Weltkrieg zu bannen. 1919 versuchte er zudem mit der Schrift »Preußentum und Sozialismus« das Konzept des autoritĂ€ren Staates mit dem besonderen Auftrag Preußens in der Geschichte zu verschweißen. Die AttraktivitĂ€t Spenglers fĂŒr den theorieinteressierten FlĂŒgel der Ă€ußersten deutschen Rechten beruht aber vor allem auf einer Legende um seine letzte Publikation »Jahre der Entscheidung«. Dieser Text erschien Anfang des Jahres 1933 und gilt als Positionsbestimmung des Autors gegenĂŒber dem Nationalsozialismus. Spengler schreibt im Vorwort, dass das Buch am 30. Januar, zum Zeitpunkt der MachtĂŒbergabe an Hitlers Kabinett, bereits bis Seite 106 gedruckt gewesen sei – das waren fast zwei Drittel des gesamten Textes. Eine Änderung sei aber nicht notwendig geworden, er schreibe »nicht fĂŒr Monate oder das nĂ€chste Jahr, sondern fĂŒr die Zukunft. Was richtig ist, kann durch ein Ereignis nicht aufgehoben werden.« Mit dieser Diagnose verweigerte er sich der Tendenz seiner Zeitgenossen, in Hitlers Kanzlerschaft bereits die nationale Erlösung zu sehen. Diese ZurĂŒckhaltung und der Umstand, dass Spengler sich dem lĂ€rmenden Siegestaumel des Januar 1933 entzog und mahnte, man könne die Regierung Hitlers erst an ihren Leistungen vor der Geschichte messen, haben eine Legende von einer Ablehnung des Nationalsozialismus durch Spengler begrĂŒndet, die in den einschlĂ€gigen Kreisen bis heute gepflegt wird. Auch Max Otte behauptet in der JF, die »Jahre der Entscheidung« seien »zu Recht als ein Manifest des konservativen Widerstands« gelesen worden. Diese Auslegung entspringt jedoch einem gewollten MissverstĂ€ndnis. Spengler war viel zu sehr dem Gedanken einer völkergeschichtlichen Tiefenzeit verpflichtet, als dass ihn ein Regierungswechsel alleine umzustimmen vermochte. Er wollte warten, dass sich die neue Regierung vor der Zukunft beweise, vor allem außenpolitische Fakten geschaffen sehen, die dem Reich wieder zu seinem imperialen Glanz verhelfen sollten. Spengler verdĂ€chtigte Hitler schlicht der mangelnden RadikalitĂ€t. Seine Freude ĂŒber die Abschaffung der Weimarer Republik hatte er bereits in den ersten SĂ€tzen des Buches deutlich zum Ausdruck gebracht: »Niemand konnte die nationale UmwĂ€lzung dieses Jahres mehr herbeigesehnt haben als ich. Ich habe die schmutzige Revolution von 1918 vom ersten Tage an gehasst, als den Verrat des minderwertigen Volkes an dem starken, unverbrauchten, der 1914 aufgestanden war, weil es eine Zukunft haben konnte und wollte. Alles, was ich seitdem ĂŒber Politik schrieb, war gegen die MĂ€chte gerichtet, die sich auf dem Berg unseres Elends und UnglĂŒcks mit Hilfe unserer Feinde verschanzt hatten, um diese Zukunft unmöglich zu machen. Jede Zeile sollte zu ihrem Sturz beitragen und ich hoffe, dass das der Fall gewesen ist.« Sicher gehörte Spengler zu den zentralen nationalistischen Autoren, die zum Fall Weimars beigetragen haben. Richtig ist auch, dass Spengler kein ParteigĂ€nger Hitlers war und Avancen der Nationalsozialisten ablehnend beschied. Stattdessen setzte er schon sehr lange auf den italienischen Faschismus, sah in Mussolini die Verkörperung des von ihm erhofften »CĂ€saren«. So bleibt von der Widerstands-Legende um Spengler nichts ĂŒbrig.

Alte »Neue Rechte«

Vor allem die JF hat sich in den letzten Jahren viel MĂŒhe gegeben, der Öffentlichkeit ihren Abschied vom radikalen Erbe des völkischen Nationalismus zu verkaufen. Erfolgreich klagte sie sich aus dem »Verfassungsschutzbericht« Nordrhein-Westfalens. Mithilfe ihr gewogener Publizisten und breiter Werbekampagnen gelang es ihr, sich der Öffentlichkeit als »nur konservativ« darzustellen. Der Aufmarsch namhafter Protagonisten von IfS und JF an Spenglers Grab zeugt jedoch von einer anderen RealitĂ€t. Denn wer sich auf Spengler bezieht, hat diesen Rahmen lĂ€ngst verlassen. Der vorgeblich harmlose Konservatismus des »neu rechten« Milieus ist nach wie vor eine TĂ€uschung. Noch immer orientiert man sich dort an den SchlĂŒsseltheoretikern des deutschen Nationalismus und Hauptfeinden der Weimarer Republik.




Quelle: Der-rechte-rand.de