November 29, 2021
Von InfoRiot
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Frau Strubel, als „Blaue Frau“ ausgezeichnet wurde, schrieben wir: Der erste Deutsche Buchpreis fĂŒr eine „Potsdamer Autorin“. FĂŒhlen Sie sich mit dem Label eigentlich gut beschrieben?
Das kommt darauf an, wie man das versteht. Ich bin insofern Potsdamerin, als ich hier wohne und geboren wurde, obwohl ich nicht hier aufgewachsen bin. Ich habe in Potsdam studiert. Ich mag das Wasser, die Parks. Mit meinem Fahrrad auf dem Weg zu meiner Schreibstube fahre ich ausschließlich durch Parks. Das gefĂ€llt mir. Als Autorin sehe ich mich aber vor einem grĂ¶ĂŸeren Horizont. Wenn man „Potsdamer Autorin“ auf das Schreiben bezieht, hat das etwas lokal Begrenztes – da muss ich dann sagen: Nein.

Sie haben in den 2000er-Jahren Kolumnen fĂŒr diese Zeitung geschrieben. Einmal stand da der Satz: „Ich bin stolz auf mein Land“. Gemeint war Brandenburg. Können Sie sich daran erinnern?
Habe ich das im Zusammenhang mit dem ParitĂ€tsgesetz gesagt, das Brandenburg als erstes Land einfĂŒhrte?

Der Text stammt schon aus dem Wahljahr 2009. In Potsdam hingen ĂŒberall Plakate, auf denen sich Frauen zur Wahl stellten, „ein echtes Statement“, schrieben Sie. Können Sie mit Lokalpatriotismus etwas anfangen oder geht das nur im Kleid der Ironie?
Ich kann etwas anfangen mit einer Liebe zu einer Landschaft. Ich kann sagen: Mir gefĂ€llt an einer Stadt dieses und jenes. Patriotismus dagegen ist mir fremd, dafĂŒr fehlt mir der Ernst – und das VerstĂ€ndnis, was das ĂŒberhaupt sein soll. Der Zufall der Geburt löst bei mir kein GefĂŒhl des Stolzes aus.

Und dieser Zufall wollte es, dass Sie in Potsdam geboren wurden. Wie kam das?
Meine Eltern wohnten damals in Ludwigsfelde, Kreis Zossen. Damals bestimmte die Partei, wo ein Kind geboren werden sollte. Meine Mutter hÀtte ins Kreiskrankenhaus Zossen gemusst. Aber die SED hatte nicht mit der AufsÀssigkeit meiner Mutter gerechnet. Sie wollte ihr Kind nicht in einem lumpigen Kreiskrankenhaus zur Welt bringen, und hat durchgesetzt, dass sie ins Bezirkskrankenhaus Potsdam kam.

Ihre Kindheit verbrachten Sie in Ludwigsfelde. Welche Rolle spielte Potsdam?
Ludwigsfelde besteht mehr oder weniger aus Plattenbausiedlungen. Einige neue, andere Ă€lter. Nicht unbedingt schön fĂŒrs Auge. Potsdam war das Gegenbild. Da war Schönheit. Verspieltheit. Die Schlösser, die mit ihren unterschiedlichen Baustilen andere Gegenden, andere Zeiten wachrufen. Jeder Ausflug nach Potsdam war eine kleine Reise ĂŒber die Grenzen hinaus, bis nach Italien. Potsdam verdeutlichte, dass es noch etwas anderes als sozialistische Zweckbauten gibt.

SpÀter zogen Sie zum Studium her.
Aber nur fĂŒr ein Jahr. Damals wohnte ich in Golm in dem damals noch originalgetreuen Wohnheim der Stasihochschule. Auf meiner Liege hatten vor kurzem noch Stasi-Offiziere geschlafen. Wie unheimlich das war, fiel mir glĂŒcklicherweise erst im Nachhinein auf. FĂŒr die restlichen Jahre meines Studiums wohnte ich in Berlin und bin gependelt, wie die meisten Studierenden vermutlich heute noch. Erst 2006 zog ich dann richtig nach Potsdam.

Die Angstschweiß ausdĂŒnstenden Matratzen aus Golm kommen in „Blaue Frau“ kurz vor. Inwiefern ist auch dieser Ort, der Stasi-Mief, symptomatisch fĂŒr Potsdam?
Das ist die dunkle Seite. Wenn ich durch den Park Babelsberg gehe, muss ich oft daran denken, dass es dort eine rote Hochschule gab und ein Teil des Parks fĂŒr uns gesperrt war. Die schicken Villen der Nauener Vorstadt gehörten vor nicht langer Zeit zur sogenannten verbotenen Stadt. Diese dunkle Seite ist noch prĂ€sent, auch wenn man versucht, sie wegzutĂŒnchen. Als Kind war mir das natĂŒrlich nicht bewusst, erst mit 14, 15, als mir klar wurde, dass die Mauer quasi mitten durch die Havel ging.

Und wie geht es Ihnen heute damit, wenn ein MinisterprÀsident Woidke Sie zur Botschafterin des Landes Brandenburg ernennt? Wollen Sie das sein?
Herr Woidke hat mir sehr freundlich zum Preis gratuliert und mir geschrieben, wie schön es sei, dass ich ein Brandenburger Kopf bin. (lacht) Die Politik vereinnahmt einen natĂŒrlich fĂŒr dieses und jenes, aber solange wir uns in keiner Diktatur befinden, ist das meistens harmlos. Nur habe ich dummerweise ja einen Roman geschrieben, der in Helsinki und in Tschechien spielt. Und das Kapitel in der Uckermark eignet sich wirklich nicht, um fĂŒr Brandenburg zu werben. Aber klar, die „Gebrauchsanweisung fĂŒr Brandenburg“ lĂ€sst sich auch als Botschaft lesen. Allerdings als ironische.

Brandenburg hat immer mal wieder Eingang gefunden in Ihr Schreiben. In „Blaue Frau“ spielt ausgerechnet das dĂŒsterste Kapitel in der Uckermark. Das kann doch kein Zufall sein?
Heute mĂŒsste ich mir einen anderen Ort suchen, heute zieht ja halb Berlin in die Uckermark! 2006 war die Lage noch anders. Ein ĂŒbersehener Landstrich. Und wenn man sich die Geschichte anschaut, fĂ€llt auf, dass im brandenburgischen Karnickelsand die schlimmsten Kriege ausgetragen wurden, nirgendwo sonst gibt es soviele militĂ€rische Hinterlassenschaften. Das schreibt sich ein. Das fĂŒhrt zu einer HĂ€rte, auch einer LebenshĂ€rte. Was diesem Landstrich jahrhundertelang angetan wurde, hat sich auch in die Menschen und in die MentalitĂ€ten eingeschrieben.

Zur Person

Antje RĂĄvik Strubel, geboren 1974 in Potsdam, ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte u.a. die Romane „Unter Schnee“ (2001), „Tupolew 134“ (2004) und den Episodenroman „In den WĂ€ldern des menschlichen Herzens“ (2016) sowie den ReisefĂŒhrer „Gebrauchsanweisung fĂŒr Brandenburg“ (2012). Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Sie war Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles sowie Writer in residence am Helsinki Collegium for Advanced Studies. Ihr jĂŒngster Roman „Blaue Frau“ wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet. Sie ĂŒbersetzt aus dem Englischen und Schwedischen, u.a. Joan Didion, Lucia Berlin und Virginia Woolf. Antje RĂĄvik Strubel lebt in Babelsberg. 

In das Verbrechen in der Uckermark, eine Vergewaltigung, mischt sich ein Vergehen des Westens am Osten. HÀtte das Kapitel auch woanders spielen können?
Nein. Auch wenn das Verbrechen nicht von diesem Ort kommt, sondern dorthin getragen wird. Ein westdeutscher KulturfunktionĂ€r, der zu Besuch ist, vergeht sich an Adina. Und Razvan Stein, der in der Uckermark aufgewachsen ist, wird aufgrund seiner AbhĂ€ngigkeit von diesem Westdeutschen zum MittĂ€ter. Steins SchwĂ€che hat mit seiner Vergangenheit, seiner Ostbiografie, zu tun. Dieses ungleiche MachtverhĂ€ltnis ist symptomatisch fĂŒr die Gegebenheiten in Ostdeutschland noch Jahre nach der Wende. Steins AbhĂ€ngigkeit wird durch die Kargheit und Verlorenheit des Ortes nur umso grĂ¶ĂŸer.

Die AbhĂ€ngigkeit von Mitteln, von Geld von außerhalb?
Ja. Von Fördermitteln. Vom Bund, von der EU. Johann Manfred Bengel hat die Beziehungen, er weiß, wie es geht. Er reitet dort ein wie der neue Feudalherr, will das Land in Besitz nehmen, seine Fahne einpflanzen. Aus dieser Gemengelage ergibt sich das Verbrechen: westdeutsche Übergriffigkeit, ostdeutsche AbhĂ€ngigkeit und mĂ€nnliches Machtgebaren.

Der westdeutsche Kulturattaché Bengel reitet ein wie der Retter in der Not und nimmt sich, was und wen er kriegen kann, ohne zu fragen.
Ihn interessieren nur seine eigenen Bilder im Kopf. Dieses Vorgehen spiegelt sich auch auf einer grĂ¶ĂŸeren europĂ€ischen Ebene. Der Este Leonides erzĂ€hlt von seinem Urgroßvater, der neben dem Pferd eines deutschen Großgrundbesitzers hergelaufen ist und den Hut in der Hand gehalten hat. So Ă€hnlich ist das VerhĂ€ltnis zwischen Ost- und Westeuropa auch heute, sagt er. Das innerdeutsche VerhĂ€ltnis spiegelt sich im europĂ€ischen.

Was diese MĂ€nner auch gemeinsam haben: Sie geben Adina, der Hauptfigur, eigene Namen – weil sie sich den echten nicht merken können oder wollen.
Das Absurde an einem Typen wie Bengel ist, dass er auf alles, was „ost“ ist, abfĂ€hrt – wobei es nur seine eigenen, furchtbar stereotypen Bilder sind, auf die er abfĂ€hrt. Das ist bezeichnend fĂŒr eine MentalitĂ€t, die ich hĂ€ufig beobachtet habe. Im Übrigen auch in einigen Reaktionen auf den Roman „Blaue Frau“, wenn etwa die Rede davon ist, dass Bengel eine klischeehafte Figur sei. Da kann ich nur sagen: Redet ihr da nicht vielmehr ĂŒber die Klischees in eurem eigenen Kopf?

Gegen solche Klischees und Einengungen sind Sie allergisch. Gilt das auch fĂŒr das Label „ostdeutsch“? Sie haben sich lange dagegen verwehrt, kĂŒrzlich sprachen Sie aber wieder von „Wir Ostdeutschen“.
Das ist kontextabhĂ€ngig. Ich kann Labels nicht leiden, wenn Sie da stehen wie große Markierungspfeiler, als wĂ€re damit alles klar. Du bist eine Ostdeutsche, Punkt. Wenn ich aber Probleme beschreibe, die auf unterschiedlichen Erfahrungen in Ost und West beruhen, kann ich durchaus „Wir“ sagen. Ich bin Teil einer bestimmten Erfahrungswelt. Aber eben nicht nur dieser einen. In mir kreuzen sich die unterschiedlichsten Erfahrungen. Das Problem ist, dass solche Labels oft das Ende des GesprĂ€chs sind, obwohl eigentlich noch gar nichts gesagt ist.

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„Als ostdeutsche Autorin zu gelten war fad“, steht in „Blaue Frau“. Das bezieht sich auf eine Zeit, die zwanzig Jahre her ist. Heute ist es nicht mehr fad?
Die Labels Ă€ndern sich glĂŒcklicherweise immer mal wieder. Heute reden wir verstĂ€rkt ĂŒber DiversitĂ€t. Das Ostdeutsche spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, öffnet sich damit aber differenzierteren Auseinandersetzungen. Heute bin ich eher die queere Autorin, mal sehen, was morgen angesagt ist. Irgendwann hat man so viele Labels auf sich vereint, dass sie sich gegenseitig auslöschen. Und damit bedeutungslos werden.

Jenseits neuer Labels wie „queer“: Gibt es nicht ein neues Interesse am Ostdeutschsein?
Der Zugang ist auf jeden Fall entspannter. Das hat auch mit der jungen Generation zu tun, die die DDR nicht mehr erlebt hat, aber fĂŒr sich entdecken will, weil die Eltern und Großeltern sie erfahren haben. Die haben einen anderen, unbefangenen Blick. Außerdem ist die deutsche Gesellschaft insgesamt vielfĂ€ltiger geworden. Die Ostdeutschen sind nicht mehr wie vor zwanzig Jahren noch die einzigen „Anderen“, ĂŒber die man spricht.

Sie selbst waren in den letzten zwanzig Jahren viel in der Welt unterwegs. New York, Schweden, Kalifornien. VerÀndert das auch den Blick auf den Osten?
Mein eigener Blick Àndert sich sowieso stÀndig. Und aus der Ferne sieht man immer besser. Die Distanz macht das Eigene zugleich unwichtiger und schÀrfer. In Kalifornien, dem westlichsten Westen, wird die Tatsache, aus dem wilden Osten zu kommen, zu einer skurrilen Anekdote.

Ist die rĂ€tselhafte Figur der blauen Frau im Roman auch der Versuch, eine Art dritten Ort zu erfinden, um den verschiedenen, einengenden Zuschreibungen von außen zu entkommen? Man weiß bis zum Ende nicht, wer sie ist.
Schwer zu sagen. Aber das war nicht mein Gedanke, glaube ich.

Sondern?
Die blaue Frau ist fĂŒr mich recht einfach zu verstehen. Sie ist eine konkrete Stimme, die mich beim Schreiben begleitet hat. Die mir die Möglichkeit gegeben hat, meine eigene Position zu klĂ€ren: Warum erzĂ€hle ich ausgerechnet diese Geschichte? Die blaue Frau ermöglicht mir, zu fragen: Was haben Adina, Estland, Finnland, der europĂ€ische Horizont eigentlich mit mir zu tun? Da komme ich schnell auf das innerdeutsche VerhĂ€ltnis zurĂŒck. Und wer weiß; vielleicht ist dieser dritte Ort, den Sie gerade erwĂ€hnten, ja der Helsinkier Seglerhafen, in dem mir die blaue Frau begegnet.

Ihre Dankesrede zum Buchpreis haben Sie genutzt, um gesellschaftspolitisch Position zu beziehen. Was bedeutet Ihnen der Preis?
Zum einen ist er eine Anerkennung fĂŒr meine Arbeit. Zum anderen macht er mich noch stĂ€rker zu einer öffentlichen Person. Alles, was ich sage, wirkt jetzt wie an einen VerstĂ€rker angeschlossen. Damit geht eine Verantwortung einher. Ich habe die Möglichkeit, mich fĂŒr Dinge einzusetzen, die mir wichtig sind. Ein Beispiel ist die verkorkste Gender-Debatte.

Warum ist die Gender-Debatte verkorst? Festgefahren?
Wir kommen, das wird oft vergessen, aus mehr als 2000 Jahren einer zutiefst gegenderten Gesellschaft und sind auf dem Weg, das Korsett dieser Zweigeschlechtlichkeit aufzusprengen, die immer auf dem Ein- und Ausschließen basiert. Eine Gruppe hatte das Sagen und die Meinungshoheit auf Kosten aller anderen. Klar, ist es unangenehm, etwas von seiner Meinungshoheit, von seiner Macht abgeben zu mĂŒssen. Das ist aber kein Grund, das Ende der Meinungsfreiheit auszurufen. Damit redet man den Feinden der demokratischen Gesellschaft das Wort.

Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Lena Schneider

Lesung und GesprĂ€ch mit Antje RĂĄvik Strubel am 29.11., 20 Uhr, in der Villa Quandt, Große Weinmeisterstr. 46/47. Am 30. 11. um 19 Uhr ist sie im Literaturforum im Berliner Brecht-Haus, Chausseestraße 125.




Quelle: Inforiot.de