November 16, 2020
Von Anarchosyndikalismus
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Im Dezember 2019 hat die Internationale Arbeiter*innen-Assoziation (IAA) auf ihrem Kongress in Melbourne (Australien) die Ausrufung einer „Internationalen Woche gegen nichtgezahlte Löhne“ beschlossen.

Die Mitgliedsorganisationen der IAA einigten sich darauf, in der dritten Oktoberwoche verschiedene AktivitĂ€ten vorzubereiten, um auf das weit verbreitete PhĂ€nomen der vorenthaltenen Lohnzahlungen aufmerksam zu machen und mögliche Gegenmaßnahmen aufzuzeigen. Denn wir als Arbeiter*innen machen unsere Jobs, um dafĂŒr bezahlt zu werden, nicht um ehrenamtlich die Arbeitgeber*innen immer reicher zu machen.

Leider leben wir in einer Gesellschaft, in der wir gezwungen sind fĂŒr ein Gehalt zu arbeiten, wenn wir ĂŒberleben wollen. Wir brauchen Geld fĂŒr Nahrung, Wohnraum, Bildung, Gesundheit usw. Wenn wir also fĂŒr unsere Leistung nicht bezahlt werden, kann das dramatische Folgen haben fĂŒr uns und und fĂŒr alle, die sich auf uns verlassen.

WÀhrend dieser Internationalen Woche wollen wir daran erinnern, dass wir Arbeiter*innen uns mit unseren eigenen Mitteln gegen die Arbeitgeber*innen zur Wehr setzen können.

Normalerweise vertrauen die Leute auf die Gerichte, um Arbeitskonflikte zu lösen. In verschiedenen LÀndern gibt es jedoch unterschiedliche Gesetze und es ist wichtig, diese zu kennen. Jedoch können wir ihnen nicht trauen, denn sehr oft bieten sie uns keinen ausreichenden Schutz.

Angenommen, du arbeitest ohne Arbeitsvertrag – wie willst du beweisen, dass du fĂŒr eine bestimmte Arbeitgeber*in tĂ€tig warst und dafĂŒr bezahlt werden musst? Und wie willst du ohne einen Vertrag deine Abfindung oder Arbeitslosengeld bekommen, wenn du gefeuert wirst (und falls es in deinem Land ein Recht darauf gibt)? Und wenn du gezwungen wirst unbezahlte Überstunden zu leisten, ist das nicht unentgeltliches Arbeiten? Wenn in deinem Vertrag steht, dass du eine ungelernte Arbeiter*in bist, du aber tatsĂ€chlich hochspezialisiert Maschinen bedienst, bekommst du dann das tariflich festgelegte Gehalt (falls es ĂŒberhaupt so eine Vereinbarung gibt)?

Und wenn du als Frau* weniger Entgelt bekommst als deine mĂ€nnlichen* Kollegen, obwohl du die gleiche Arbeit machst, wird dir dann nicht teilweise Lohn vorenthalten? Wenn du gerade dein Studium abgeschlossen hast und fĂŒr miese Bezahlung als Hilfskraft arbeitest, obwohl du die gleiche Arbeit machst, wie deine erfahrenen Kolleg*innen, wirst du dann nicht fĂŒr dumm verkauft? Und wenn du krank wirst und keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung hast, ist das etwa deine Schuld? Brauchst du denn kein Geld, wenn du krank bist? Und wenn du jedes Jahr im Juni gekĂŒndigt und im September wieder eingestellt wirst, wer zahlt dann fĂŒr deine Ferien? Wenn du nur befristete Jobs fĂŒr eine Woche im Monat findest, sollen deine Kinder etwa nicht jeden Tag etwas zu Essen bekommen?

Die Gesetze sind ja nicht dazu gemacht, um uns zu schĂŒtzen, sondern um es den Arbeitgeber*innen leichter zu machen. Denn sie sind diejenigen, welche die Gesetze vorantreiben, nicht die Abgeordneten im Parlament. Deshalb kĂ€mpfen wir nicht fĂŒr das, was Recht ist, sondern bloß fĂŒr unsere Interessen. Und dies tun wir direkt, indem wir uns denen entgegen stellen, die uns angreifen und wie rechtlose Menschen behandeln.

Auch, wenn wir das Gesetz auf unserer Seite haben, so stehen wir doch meistens nicht dafĂŒr ein, denn wir fĂŒhlen uns isoliert und haben Angst alles zu verlieren. Wir fĂŒhlen uns vereinzelt, weil die Staaten und die von politischen Parteien kontrollierten Gewerkschaften es gemeinsam schaffen, dass wir kein Vertrauen darin haben, uns durch Selbstorganisation und SolidaritĂ€t zu verteidigen. Die Arbeitgeber*innen verhandeln lieber mit den professionellen Stellvertreter*innen der Arbeiter*innen, um betriebliche Konflikte beizulegen. Denn sie wissen, dass sie die professionelle Mitarbeiter*vertretung besser in die Tasche stecken können. Doch eine Gruppe von Arbeiter*innen, die auf eigenen Versammlungen beschlossen hat, wie sie gegen die Chefs vorgeht, können sie nicht bestechen.

Wenn wir unsere Interessen wirklich schĂŒtzen wollen, mĂŒssen wir den Kampf in die Gesellschaft tragen, damit alle wissen, worunter wir leiden. Dabei können wir ein GespĂŒr fĂŒr SolidaritĂ€t entwickeln, wenn wir uns klarmachen, dass unsere eigenen Probleme auch die unserer Nachbar*innen sind.

Wenn sie einer Arbeiter*in noch Lohn schulden, so sollten die Chefs das GefĂŒhl haben, dass sie es nicht mit einer isolierten Einzelperson zu tun haben. Sondern mit einer unterstĂŒtzenden Gemeinschaft, die bereit ist, sich mit ihren eigenen Waffen zur Wehr zu setzen.

Wir vertrauen nicht auf einen Dialog mit den Arbeitgeber*innen, um uns zu verteidigen. Denn wir dĂŒrfen nicht vergessen, dass alle Arbeitgeber*innen immer nur ans Geld denken. Und der einzige Weg ihnen zu schaden, ist ein Verlust ihrer Gewinne. Wie schaffen wir es also, dass die Arbeitgeber*innen Verluste machen? Indem wir aufhören fĂŒr sie zu arbeiten und nicht lĂ€nger kaufen, was sie anbieten. Und indem jene Infrastruktur beschĂ€digt wird, welche sie benötigen, um Waren und Dienstleistungen herzustellen und zu verkaufen. Mit anderen Worten: Streik, Boykott und Sabotage – das sind unsere Waffen.

Damit man uns nicht falsch versteht: Wir kĂ€mpfen nicht fĂŒr „faire“ Löhne, denn das System der Lohnarbeit beruht auf Ausbeutung und Gewinn. Die Arbeitgeber*innen stellen dich ein, weil sie dich brauchen, um Geld zu machen. Und sie werden dir immer nur einen kleinen Teil jenes Geldes auszahlen, das sie mit deiner Arbeit einnehmen.

Der tĂ€gliche Kampf gegen unbezahlte Löhne ist bloß eine direkte Antwort auf ein drĂ€ngendes Thema. Doch obwohl wir ihn als einen Abwehrkampf betrachten, ist er doch Teil unseres langfristigen Kampfes fĂŒr einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Denn wir mĂŒssen verhindern, dass ein kleiner Teil der Bevölkerung auf Kosten des anderen lebt. Und diese radikalen gesellschaftlichen VerĂ€nderungen nennen wir Soziale Revolution.

Überall auf der Welt, in der wir leben, sehen wir Leid, das verursacht wird durch gesellschaftliche, wirtschaftliche, rassistische und geschlechtliche Ungleichheit. Hinzu kommt, dass die kapitalistische Wirtschaft eine Klimakrise verursacht, welche den Planeten zerstört. Das ist die RealitĂ€t fĂŒr Milliarden Menschen. Jedoch ist das Problem nicht ein Haufen gieriger und böswilliger Einzelpersonen. Denn einerseits geht es um eine gewinnorientierte Wirtschaft, die sich nicht an den BedĂŒrfnissen der Gemeinschaften ausrichtet: der Kapitalismus. Und andererseits geht es um die Hierarchien, welche uns in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens kĂŒnstlich voneinander trennen und Ursachen fĂŒr Ungleichheit und UnterdrĂŒckung sind. Dabei dĂŒrfen wir nicht vergessen, dass der Staat immer ein treuer VerbĂŒndeter des Kapitalismus war. Und dass er niemals ein Mittel sozialer Gerechtigkeit sein wird, auch wenn einige Sozialist*innen glauben, der Staat wĂŒrde uns Freiheit und Gleichheit bringen.

Wenn wir eine andere Welt wollen, dann mĂŒssen wir eine neue Gesellschaft aufbauen. Und eine neue Wirtschaft, die auf die BedĂŒrfnisse der Menschen ausgerichtet ist, anstatt wie heute auf die Interessen der Kapitalist*innen. Denn, um ein glĂŒckliches Leben in WĂŒrde fĂŒhren zu können und unsere FĂ€higkeiten zu entwickeln, brauchen wir weder Kapitalismus, noch Staat.

Das sind unsere Ansichten. Wenn du es auch so siehst, dann nimm doch Kontakt auf zu einer IAA-Gruppe in deiner NĂ€he. Lass uns gemeinsam etwas aufbauen. Der Kampf gegen ungezahlte Löhne ist nur ein Kampf unter vielen, die wir fĂŒhren. Und die wir gewinnen, dank direkter Aktion, SolidaritĂ€t und gegenseitiger Hilfe.

Das Internationale Sekretariat

Quelle: https://iwa-ait.org/content/12th-18th-october-international-week-against-unpaid-wages

Übersetzung: Anarcho-Syndikalistisches Netzwerk – ASN Köln (http://asnkoeln.wordpress.com)

Creative Commons: BY-NC (https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/)




Quelle: Anarchosyndikalismus.blackblogs.org