August 24, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Die Geschichte und Praxis des intersektionalen Klassenkampfes birgt eine reiche Tradition des Widerstands der Arbeiter_innenklasse gegen weiße Vorherrschaft, Patriarchat und Imperialismus.

Via RoarMag

Inmitten ein FĂŒnftel des 21. Jahrhunderts ist unsere Welt von Konflikten und Katastrophen zerrissen und COVID-19 beschleunigt unsere Krisen. Die globale Pandemie hat Millionen von Menschen getötet, wobei Race, Armut und Geschlecht die fĂŒhrenden Determinanten der Sterblichkeit sind. Die globale Einkommenskluft wĂ€chst weiter, wĂ€hrend ein winziger Sektor von Finanziers und Industrie-Titanen beispiellosen Reichtum auf dem RĂŒcken der Arbeiter_innen anhĂ€uft.

Eine einzelne Person, Jeff Bezos von Amazon, kontrolliert mehr als 200 Milliarden Dollar und die US-MilliardĂ€rsklasse hat wĂ€hrend der Pandemie kollektiv ĂŒber 1,8 Billionen Dollar gewonnen und mehrere neue MilliardĂ€r_innen hervorgebracht — viele aus der Pharmaindustrie. Die Wall Street hat durch eine Reihe von Spekulationen den Reichtum einiger weniger Tech- und Logistikfirmen aufgeblĂ€ht, wĂ€hrend „essentielle Arbeiter_innen“ in diesen Industrien mit erhöhtem Risiko arbeiten, dem Virus ausgesetzt zu sein und schnell sterben. Gesundheitspersonal, Landarbeiter_innen, Fleischverpackende und Lebensmittelarbeiter_innen sind besonders hart betroffen.

Mit der COVID-19-Pandemie starrt uns die intersektionale Natur von Ungleichheit und Klassenkampf ins Gesicht, aber wir kÀmpfen darum, diesen Moment zu erkennen und ihm gerecht zu werden. TatsÀchlich scheitert sogar der linke Diskurs daran, die vielfÀltige und komplexe Natur des Klassenkampfes des 21. Jahrhunderts zu erfassen, wie sie in der Pandemie zum Vorschein kommt.

Um Befreiungsbewegungen angesichts einer solch beispiellosen globalen Krise voranzutreiben, brauchen wir Arbeiter_innenbewegungen, die sich direkt mit der Macht des Eigentums und den sich ĂŒberschneidenden UnterdrĂŒckungen auseinandersetzen, mit denen alle unsere KĂ€mpfe gemeinsam konfrontiert sind. Die globale Pandemie ist ein Weckruf, um die Natur unserer Welt zu erkennen und intersektionale Bewegungen der Volksmacht aufzubauen, um das Blatt zu wenden.

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COVID-19, RACE UND KLASSE

Die COVID-19-Pandemie hat die bestehenden Krisen der Ungleichheit verschĂ€rft, in denen sich Klasse und Race gegenseitig verstĂ€rken. Betrachte diese Zahlen: In Großbritannien haben Schwarze etwa ein Achtel des Vermögens von Weißen, wĂ€hrend weniger als die HĂ€lfte der Schwarzen Bewohner_innen der Karibik, Afrikas und Bangladeschs ĂŒber 1000 Pfund an Ersparnissen verfĂŒgen. In den USA betrĂ€gt das durchschnittliche Gesamtvermögen Schwarzer Familien 17.150 $ — ein Zehntel so viel wie das weißer Familien. In Brasilien haben die sechs reichsten MilliardĂ€r_innen des Landes — alle weiß — so viel Vermögen wie die untersten 50 Prozent der Bevölkerung, etwa 100 Millionen Menschen, wobei die Armutsrate der Afrobrasilianer_innen doppelt so hoch ist wie die der Weißen. Als die Pandemie ausbrach, hatten diejenigen, die als „unverzichtbare ArbeitskrĂ€fte“ galten, kaum eine andere Wahl, als durch das Risiko hindurch zu arbeiten und sich der Krankheit in Service- und Logistik-Jobs auszusetzen.

Wir können sehen, dass Armut, Race und COVID-19-Sterblichkeit korrelieren. Die Armen der Welt leben auf engstem Raum, haben einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung, kaum Krankheitszeiten und weniger Ressourcen fĂŒr NotfĂ€lle. Dies alles fĂŒhrt zu einer höheren Sterblichkeit. In Lateinamerika sind Menschen afroamerikanischer Abstammung ĂŒberproportional von COVID-19 betroffen: Nehmen wir noch einmal das Beispiel Brasilien, wo Schwarze 30 Prozent hĂ€ufiger sterben als Weiße. In den USA ist die Sterberate bei indigenen, Schwarzen und pazifischen Inselbewohnenden eineinhalb bis zwei Mal so hoch wie bei weißen und asiatischen Menschen. In Großbritannien sind Schwarze und POC-Gemeinschaften einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt.

Aber es gibt vielleicht keine grĂ¶ĂŸere Überschneidung von Klasse, Race und der Pandemie als bei den Eigentumsrechten an Impfstoffen und der Aufrechterhaltung globaler Patente. WĂ€hrend westliche LĂ€nder wie Deutschland, Frankreich und die USA einen Übervorrat an Impfstoffen horten und große Impfgegner_innenbewegungen erleben, kĂ€mpft ein Großteil der EntwicklungslĂ€nder damit, auch nur ein Prozent ihrer Bevölkerung zu impfen. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent ist nur ein Prozent der Bevölkerung geimpft und es wird schwierig sein, das bescheidene Ziel der Afrikanischen Union von 20 Prozent bis Ende des Jahres zu erreichen. Tschad, Burkina Faso und die Republik Kongo haben Impfquoten von einem Prozent. Anderswo auf der Welt liegt Pakistan bei 2 Prozent, Jamaika bei 4 Prozent und in Indien sind nur knapp ĂŒber 7 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Diese Verteilungskrise wird zum Teil von Pharmakonzernen in Deutschland und den USA verursacht, die sich weigern, PatentbeschrĂ€nkungen fĂŒr die Produktion aufzuheben. Die Welthandelsorganisation hat keine Einigung ĂŒber den Verzicht auf Patente erzielt, wĂ€hrend die Unternehmen in der Zwischenzeit Profite in unvorstellbarem Ausmaß einfahren.

Pfizer prognostiziert Dutzende von Milliarden Dollar an zusĂ€tzlichen Einnahmen — ihre Zahlen fĂŒr das erste Quartal 2021 liegen bereits bei mehr als 14 Milliarden Dollar, eine Steigerung von 45 Prozent gegenĂŒber 2020. Die Industrie hat seit Beginn der Pandemie sieben neue Pharma-MilliardĂ€r_innen geschaffen und Unternehmen wie Pfizer und Moderna werden nun die Kosten fĂŒr COVID-19-Impfstoffe fĂŒr europĂ€ische LĂ€nder erhöhen. OXFAM International berichtet, dass die Impfstoffprofite die globalen COVID-Gesundheitsinitiativen um das FĂŒnffache verteuert haben.

UnzĂ€hlige Menschen im Globalen SĂŒden werden fĂŒr Eigentumsrechte und privaten Profit sterben.

Wenn wir ĂŒber diesen Moment nachdenken und darĂŒber, was uns hierher gebracht hat, ist es klarer denn je, dass Klasse ein wichtiger Faktor in der Gesellschaft und eine Hauptursache fĂŒr unsere aktuellen Krisen ist. Doch die Ideen ĂŒber Klasse in der internationalen Linken lassen uns im Stich, weil die Klasse als soziales PhĂ€nomen nicht gut verstanden wird.

Mainstream-Ideen ĂŒber Klasse bringen sie mit Einkommen oder Bildung in Verbindung, wĂ€hrend einige linke Denker_innen sie strikt an eine Beziehung zu „den Produktionsmitteln“ binden. In einigen zeitgenössischen Aktivist_innenkreisen wird Klasse als eine IdentitĂ€t und „Klassismus“ als eine Form der Diskriminierung, Ă€hnlich wie Rassismus oder Sexismus, angesehen.

Diese Ideen ĂŒber Klasse sind nicht falsch, aber sie sind unvollstĂ€ndig. Sie beleuchten nur einen Teil des komplexen sozialen PhĂ€nomens, das Klasse ist.

Auf der Linken neigen viele dazu zu argumentieren, dass Klasse im Grunde eine „materielle“ Bedingung ist, die sich von anderen Formen des sozialen Kampfes unterscheidet und grundlegender ist als die anderen. Indem sie Klasse strikt an materielle Bedingungen, eine Beziehung zu den Produktionsmitteln, binden, grenzen diese Ideen den Kampf der Arbeiter_innenklasse unnötigerweise ein.

Wie der britische Historiker E.P. Thompson vor 60 Jahren gezeigt hat, ist Klassenkampf nicht ausschließlich materiell, sondern ein Produkt des Klassenbewusstseins, das aus vielen verschiedenen Vektoren von IdentitĂ€t, Erfahrung und Konflikt entstehen kann.

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INTERSEKTIONALER KLASSENKAMPF

Direkt vor unseren Augen liegt eine andere Tradition der Klassenpolitik — eine, die ich „intersektionaler Klassenkampf“ nenne — die sowohl in den Arbeiter_innenbewegungen als auch in den aus diesen KĂ€mpfen geborenen Ideen prĂ€sent ist. Ganz einfach — intersektionaler Klassenkampf ist eine Tradition der antikapitalistischen Arbeiter_innenbewegungen gegen weiße Vorherrschaft, Patriarchat, Imperialismus und andere Formen sozialer UnterdrĂŒckung.

Angesichts der Vektoren von Race, Geschlecht, SexualitĂ€t, FĂ€higkeiten, StaatsbĂŒrger_innenschaft, Ethnie usw., die in unseren Gesellschaften und an unseren ArbeitsplĂ€tzen vorhanden sind, wĂ€re es schockierend, wenn der Kampf der Arbeiter_innenklasse nicht auf diese Weise intersektional wĂ€re.

Wenn wir uns den Anti-Apartheid-Kampf in SĂŒdafrika, den Arabischen FrĂŒhling 2011 oder den chilenischen feministischen Aufstand 2019 anschauen, sehen wir, dass alle nachweislich intersektionale KlassenkĂ€mpfe sind, was die Zusammensetzung der Bewegung, die Art ihrer Forderungen und die KrĂ€fte, die ihnen entgegenstehen, betrifft. Die Geschichte und die aktuellen Formen des Arbeiter_innenkampfes zeigen, dass wenn wir Widerstand leisten, dieser notwendigerweise intersektional ist.

Beim intersektionalen Klassenkampf wird die marxistische Material- und Strukturanalyse modifiziert, um Kultur, Geschlecht, Race, soziale UnterdrĂŒckung und Macht mit einzubeziehen. Intersektionaler Klassenkampf bringt feministisches, antirassistisches und antikapitalistisches Denken zusammen und ist eine Synthese all dieser Ideen, die sich in der Praxis der Arbeiter_innenbewegung zeigt.

Aus den kombinierten Traditionen von Arbeiter_innenkĂ€mpfen und einer Vielzahl von Gesellschaftstheorien kommend, beleuchtet der intersektionale Klassenkampf sowohl die materielle als auch die kulturelle Zusammensetzung der Klassenpolitik. Er zeigt, dass Individuen in einem Prozess kollektiver sozialer Konflikte und in Beziehung zu zentralen SĂ€ulen der sozialen Struktur, wie Eigentum, weißer Gewalt und Patriarchat, geformt werden. Es sagt, dass wir trotz aller Unterschiede gemeinsame kollektive Interessen haben, die gegen Kapital und UnterdrĂŒckung kĂ€mpfen.

Schließlich zeigt intersektionaler Klassenkampf einen Weg des Widerstands und einen Weg, sich zu organisieren und fĂŒr eine menschlichere und befreiende Zukunft zu kĂ€mpfen. Auf diese Weise kann intersektionaler Klassenkampf uns besser dabei helfen, befreiende soziale KĂ€mpfe zu verstehen — und was noch wichtiger ist, sie zu ermöglichen.

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VON KOLUMBIEN NACH ALABAMA

Das vielleicht beste zeitgenössische Beispiel fĂŒr intersektionalen Klassenkampf ist der nationale Generalstreik in Kolumbien. Das sĂŒdamerikanische Land wurde von COVID-19 heimgesucht, mit sprunghaft angestiegener Zahl der Todesopfer Anfang Juli, und die Armut stieg um 7 Prozent im Jahr 2020. Als die Regierung unter PrĂ€sident Duque versuchte, eine Steuerreform zu verabschieden, die normale Kolumbianer_innen stark belasten wĂŒrde, gingen Militante in Cali auf die Straße, wo sie auf eine brutale Polizeireaktion trafen, die daraufhin 53 Menschen im ganzen Land tötete.

Als sich ein massiver Generalstreik abzeichnete, wurde der Steuervorschlag schnell zurĂŒckgezogen und die Minister zum RĂŒcktritt gezwungen. Der Streik ging jedoch weiter und forderte eine Gesundheitsversorgung fĂŒr alle, ein universelles Zahlungspaket, ein Ende der Polizeigewalt und andere Reformen.

Am beeindruckendsten ist, dass das Koordinationsgremium des Generalstreiks aus Gewerkschaften, Student_innengruppen und Organisationen der sozialen Bewegung besteht, mit BeitrĂ€gen von Schwarzen, Indigenen, lĂ€ndlichen und jungen Menschen. Als sich indigene Selbstverteidigungsgruppen meldeten, um den Streik zu unterstĂŒtzen, erkannten sie, dass ihre Interessen, den Umweltkollaps und die staatliche Gewalt gegen indigene Völker zu stoppen, mit denen der Streikenden ĂŒbereinstimmten. Beide kĂ€mpften gegen den Staat und das Kapital, und deshalb waren die indigenen Bewegungen untrennbar mit den KĂ€mpfen der Arbeiter_innen gegen Steuererhöhungen und fĂŒr eine sozialisierte Medizin verbunden.

WÀhrend die Bewegung an StÀrke gewinnt, spiegelt sich die intersektionale Natur des Kampfes sowohl in den Forderungen als auch in der Zusammensetzung der Bewegung wider.

Ein weiteres aktuelles Beispiel kommt von den globalen Streiks gegen Amazon, da das Unternehmen die Arbeiter_innen wĂ€hrend der Pandemie in Gefahr brachte. In Bessemer, Alabama, einer mehrheitlich Schwarzen Stadt im amerikanischen SĂŒden, scheiterte in diesem FrĂŒhjahr eine Kampagne fĂŒr gewerkschaftliche Organisation am entschiedenen Widerstand von Amazon, einschließlich offensichtlicher GesetzesverstĂ¶ĂŸe. Im Kern der Kampagne ging es um WĂŒrde und raciale Gerechtigkeit fĂŒr die ĂŒberwiegend Schwarze Belegschaft. 85 Prozent der Amazon-BeschĂ€ftigten in Bessemer sind Schwarze.

WĂ€hrend der Kampagne wurden die Gewerkschaftsorganisator_innen mit rassistischen Beleidigungen beschimpft und die Arbeiter_innen sahen die Kampagne fĂŒr die gewerkschaftliche Organisierung als eine Möglichkeit, am Arbeitsplatz menschlich behandelt zu werden.

Zur gleichen Zeit, als sich die Bessemer-Arbeiter_innen organisierten, streikten auch die Amazon-Arbeiter_innen in Italien. In einem eintĂ€gigen Streik und Boykott machten sie sich die gleiche Sache zu eigen, forderten eine „humane Arbeitszeit“ und betonten den internationalen Charakter ihres Kampfes, indem sie Schilder trugen, auf denen zu lesen war: „Von Piacenza bis Alabama — eine große Gewerkschaft.“ Trotz der anfĂ€nglichen Niederlage in Alabama und der begrenzten eintĂ€gigen Aktion in Italien, geht der Kampf fĂŒr WĂŒrde und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz bei Amazon weiter.

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IM KRIEG MIT DER UNTERDRÜCKUNG

Was diese aktuellen KĂ€mpfe zeigen, ist die intersektionale Natur des Klassenkampfes. Wenn arbeitende Menschen in Konflikt mit dem Staat und dem Kapital treten, werden die Konflikte intersektional. KĂ€mpfe gegen die Bosse werden zu KĂ€mpfen gegen Grenzen, gegen Rassismus und andere Formen der UnterdrĂŒckung. Und wenn Bewegungen voranschreiten, mĂŒssen sie notwendigerweise gegen mehrere Formen von Macht gleichzeitig kĂ€mpfen.

Ein Beispiel aus der Vergangenheit mit relevanten Ideen stammt von Clarence Coe, einem Schwarzen Arbeiter wĂ€hrend der Großen Depression. Coe wuchs im lĂ€ndlichen Tennessee auf, wo er rassistischer Gewalt ausgesetzt war. Um zu entkommen, zog er nach Memphis, wo er unter schlechten Bedingungen in Matratzen- und Reifenfabriken arbeitete. Als er gewerkschaftliche Aktionen organisierte, wurde er von weißen Rassisten ausgesondert und angegriffen — sowohl wegen seiner gewerkschaftlichen AktivitĂ€ten als auch weil er Schwarz war.

Sein Organisieren war damals gleichzeitig gegen Rassismus und gegen kapitalistische Ausbeutung. Indem er Gewerkschaften gegen die weiße Vorherrschaft grĂŒndete, versuchte er, alle Arbeiter_innen zusammenzubringen. „Alle saßen im selben Boot und waren sich dessen bewusst“, sagte er einem Interviewer. Coe zeigt, dass wir ein gemeinsames, kollektives Interesse haben, die weiße Vorherrschaft zu bekĂ€mpfen und die Macht der Arbeiter_innen aufzubauen.

Ein anderes Beispiel sind die Arbeiterinnen von Lowell, Massachusetts, wĂ€hrend der UrsprĂŒnge des industriellen Kapitalismus. Die „FabrikmĂ€dchen“, wie sie sich selbst nannten, arbeiteten 12-Stunden-Tage, mit immer höheren ProduktivitĂ€tsanforderungen und sinkendem Lohn. Um sich ĂŒberhaupt zu Arbeitsfragen Ă€ußern zu können, mussten sie gegen patriarchale Normen kĂ€mpfen, die die Stimmen der Frauen zum Schweigen brachten und sie in die hĂ€usliche SphĂ€re verwiesen. Die FabrikmĂ€dchen erkannten, dass „wir eine Gruppe von Schwestern sind“ und „Sympathien fĂŒr die Nöte der anderen haben mĂŒssen.“

Sie organisierten Streiks, Petitionen und öffentliche VorwĂŒrfe gegen die Schnittpunkte ihrer Ausbeutung — Kapitalismus und Patriarchat. In der Tat erkannten ihre militanteren Stimmen dies explizit an und zogen in den „Krieg mit UnterdrĂŒckung in jeder Form.“ Obwohl sie in den 1840er Jahren an der Spitze des Klassenkampfes standen, wurden sie von vielen der mĂ€nnerdominierten Gewerkschaften nicht unterstĂŒtzt. Sie sahen sich dem Spott ausgesetzt, weil sie politisch aktive Frauen der Arbeiter_innenklasse waren und gleichzeitig gegen das Patriarchat und den Kapitalismus kĂ€mpfen mussten.

Obwohl diese KĂ€mpfe aufgrund von Race, Geschlecht, nationaler Herkunft und anderen Faktoren unterschiedlich sind, sind sie alle Teil des Klassenkampfes. In den 1860er Jahren nannte der amerikanische Arbeiter_innenorganisator William Sylvis die entstehende Gesellschaftsordnung einen „nie endenden Antagonismus“ zwischen Arbeit und Kapital. FĂŒr ihn wurde der Klassenkampf ĂŒber das Eigentum ausgetragen; ob Reichtum und Eigentum einigen wenigen gehören — und nur diesen wenigen zugutekommen — oder ob die Besitzlosen sich effektiv organisieren können, um den Reichen die Kontrolle im Interesse einer kollektiven, fortschrittlichen Menschheit zu entreißen.

Im 21. Jahrhundert klingt Sylvis‘ Vorhersage ĂŒber einen permanenten Antagonismus im Kapitalismus immer noch wahr. Wir haben Jahrzehnte, Jahrhunderte der Missachtung des menschlichen Lebens und des Schicksals des Planeten durch die Unternehmen in ihrem Streben nach individuellem, kurzfristigem Profit erlebt. Seine EinschĂ€tzung war damals wie heute klar: Wir leben in einem permanenten Antagonismus, in dem das Kapital „in allen FĂ€llen der Aggressor ist.“ Obwohl er der Aggressor ist, ist der Kapitalismus nicht der einzige Vektor des Kampfes. Seit seiner Zeit haben die Bewegungen und Theoretiker_innen der Arbeiter_innenklasse gelernt, dass die weiße Vorherrschaft, das Patriarchat und der Staat alles Formen sind, die gleichzeitig bekĂ€mpft werden mĂŒssen.

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DIE ORGANIZING-TRADITION

Das Erkennen von intersektionalem Klassenkampf ist ein Schritt, aber wir mĂŒssen uns auch fragen, wie wir am besten Bewegungen aufbauen, die auf diesen Verbindungen basieren. Meistens werden die Unterschiede von Race und Geschlecht, SexualitĂ€t und FĂ€higkeiten, NationalitĂ€t und Ethnie benutzt, um Arbeiter_innen zu spalten, anstatt uns zusammenzubringen.

Die heutige Linke spielt zu oft mit diesen Unterschieden und scheint verbissen auf Spaltung und Marginalisierung zu setzen. SolidaritĂ€t ĂŒber Unterschiede hinweg aufzubauen ist etwas ganz anderes als zu versuchen, von der einen oder anderen Position der Entmachtung aus zu sprechen und diejenigen anzugreifen oder auszurufen, die nicht ausreichend zustimmen.

Ebenso schlimm ist, dass ein anderes Lager der Linken die rein materiellen und ökonomischen Aspekte der Klasse ĂŒber andere Formen des Kampfes stellt und sich damit von der Arbeiter_innenklasse isoliert, fĂŒr die dies entscheidende, alltĂ€gliche Themen sind. In vielen zeitgenössischen sozialen Bewegungen ist eine linke Tradition der Klassenorganisation zum Aufbau von SolidaritĂ€t ĂŒber diese Unterschiede hinweg in Vergessenheit geraten.

Aber es gibt eine Alternative, auch in unserer unmittelbaren Geschichte. Im US-amerikanischen Kontext nennt Charles Payne sie die „Organizing-Tradition“. Entwickelt von normalen Menschen ĂŒber ein Jahrhundert oder mehr des Kampfes, ist die Organizing-Tradition eine, die Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenbringt, mit Arbeiter_innen von Angesicht zu Angesicht spricht und kĂ€mpferische Organisationen unterstĂŒtzt. Ihr Kern ist der Aufbau von Verbindungen zwischen Themen und Menschen, um die Macht der Arbeiter_innenklasse zu stĂ€rken.

Diese Tradition betont die langsame und geduldige „Kleinarbeit“, wie es die BĂŒrger_innenrechtsorganisatorin Ella Baker nannte; Volksbildung, die Schaffung von Kampforganisationen, GesprĂ€che mit Menschen ĂŒber Unterschiede hinweg, um SolidaritĂ€t aufzubauen.

Die von Schwarzen, Indigenen, Student_innen und Arbeiter_innen gefĂŒhrte Bewegung in Kolumbien zeigt uns die Kraft, auf diese Weise zusammenzukommen. Der landesweite Generalstreik dort drĂ€ngt auf Siege der Bewegung, die der kolumbianischen Arbeiter_innenklasse gegen die Reichen zugutekommen und ĂŒberproportional den am meisten UnterdrĂŒckten dienen. Und sie schaffen SolidaritĂ€t ĂŒber Unterschiede hinweg und bauen die Volksmacht auf, um dies effektiv zu tun.

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INTERSEKTIONALER WIDERSTAND

In diesen Erfahrungen gibt es nicht die eine Arbeiter_innenklasse oder ein singulĂ€res Interesse der Arbeiter_innenklasse. Stattdessen erlebt eine multiple und vielfĂ€ltige Arbeiter_innenklasse Race, sexuelle Orientierung, FĂ€higkeit, Geschlechterdarstellung, Arbeit und andere Faktoren unterschiedlich. Aber Differenz und Vielfalt bedeutet nicht, dass wir nicht auch gemeinsame Interessen als Klasse haben. Zum Beispiel der Widerstand gegen die Löhne, ein Ausbeutungssystem, das uns fĂŒr den Profit anderer arbeiten lĂ€sst. Oder unbezahlte Hausarbeit, die dem Kapitalismus hilft, uns auszubeuten, wĂ€hrend sie gleichzeitig die Hausarbeit, die vor allem von Frauen geleistet wird, fesselt und entwertet.

Wir alle haben Erfahrungen mit Kapitalismus und UnterdrĂŒckung und wir alle erleben sie auf unterschiedliche Weise. Intersektionaler Klassenkampf zeigt, dass die Arbeiter_innenklasse aus uns selbst besteht, in all unseren vielfĂ€ltigen, unterschiedlichen und widersprĂŒchlichen Erfahrungen. Er zeigt uns, dass wir kollektiv gegen die KrĂ€fte kĂ€mpfen können, die uns spalten und unterdrĂŒcken.

In den heutigen Bewegungen von Amazon-Arbeiter_innen, Arbeiter_innen im Gesundheitswesen, Landarbeiter_innen, prekĂ€ren Akademiker_innen und Arbeiter_innen in der Gig-Economy sind die KĂ€mpfe nicht dieselben, aber wenn wir zuhören, tragen sie tiefe und vertraute Echos in sich. Intersektionaler Klassenkampf zeigt uns nicht nur die Verflechtung unserer UnterdrĂŒckungen, sondern auch die Wege, um erfolgreich gegen sie zu kĂ€mpfen.

In Kolumbien, in Italien und in Alabama zeigen die KĂ€mpfe der Arbeiter_innenklasse, dass unser Widerstand notwendigerweise intersektional ist. Außerdem sind unsere KĂ€mpfe stĂ€rker, wenn wir uns sektorĂŒbergreifend organisieren — mit Arbeiter_innen, Studierenden und unterdrĂŒckten Gemeinschaften. Es liegt an uns, diese Überschneidungen zu erkennen.

Es gibt keine Umgehung der Kernprobleme, die unsere Gesellschaften seit Jahrhunderten plagen; der einzige Weg nach vorne ist der gegen Kapitalismus, weiße Vorherrschaft und Patriarchat. Und wie bei der aktuellen Pandemiekrise muss die Heilung uns alle zusammen einschließen, wenn wir ĂŒberleben wollen.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de