November 1, 2020
Von FAU Marburg
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Am 10. November 2020 feiert unsere Lokalföderation ihr zwanzig JĂ€hriges bestehen. Aufgrund der aktuellen Pandemie mĂŒssen wir leider auf Feierlichkeiten verzichten, werden diese aber so bald wie möglich nachholen. Um unser JubilĂ€um nicht vollends mit Stillschweigen zu ĂŒbergehen, hat unser Presseteam ein Interview mit einem Mitglied gefĂŒhrt, das die FAU in Magdeburg mitgegrĂŒndet hat.

Viel Spaß beim Lesen!

1. Hallo Lukas, du als „alter Hase“ kannst uns doch sicher berichten, wann und wie die FAU Magdeburg gegrĂŒndet wurde.

In Magdeburg gab es um die Jahrtausendwende erstmal wieder eine anarchistisch orientierte Gruppe, die sich schwerpunktmĂ€ĂŸig auf KlassenkĂ€mpfe bezog. Das war der „Autonome Zusammenschluss“ (AZ), der seine Basis damals vor allem im Umfeld der „Ulrike“, einem besetzten Haus in der Großen Diesdorfer Straße, hatte. Menschen aus dieser Gruppe wandten sich seinerzeit an ein FAU-Einzelmitglied, das im Rahmen des Blaue Welt Archiv (BWA), einem Infoladen in der Thiemstraße, aktiv war. Daraufhin wurde im Oktober 2000 ein informelles Treffen einberufen, an dem zahlreiche Menschen aus dem Umfeld des AZ teilnahmen und in dem die FAU vorgestellt wurde. Auf diesem Treffen entschloss sich spontan ein Großteil der Anwesenden, ca. 15 Personen, sich der FAU anzuschließen. Anschließend kam es am 10. November 2000 zur offiziellen GrĂŒndungs-Versammlung der FAU Magdeburg in den RĂ€umen des Blaue Welt Archiv in der Thiemstraße. 

2. Warum eigentlich die FAU? Eine Mitarbeit in den sozialdemokratischen DGB-Gewerkschaften wÀre doch auch möglich gewesen?

Das war schon damals lĂ€ngst keine Option mehr. Die DGB-Gewerkschaften beteiligten sich allerorten an den „BĂŒndnissen fĂŒr Arbeit“ und waren zu ernsthafter Gegenwehr gegen den neoliberalen Angriff der herrschenden Klasse weder willens, noch in der Lage.

3. Was ist in den ersten Jahren des Bestehens der FAU Magdeburg passiert? 

Um ehrlich zu sein: nach Außen nicht viel. Anfangs nahm die Selbstorganisation als Gruppe einige Zeit und Kraft in Anspruch. Wir haben diverse Infoveranstaltungen gemacht und die ĂŒberregionalen Treffen der FAU beschickt, gewerkschaftliche AktivitĂ€ten im eigentlichen Sinne wurden jedoch kaum entfaltet. Hinzu kam, dass parallel zur FAU der AZ weiter existierte und die meisten Mitglieder in erster Linie durch die AktivitĂ€ten rund um die „Ulrike“ in Anspruch genommen waren. Das fĂŒhrte letztlich dazu, dass schon bald von einer FAU-Ortsgruppe eigentlich keine Rede mehr sein konnte.  

Das Ă€nderte sich erst im FrĂŒhjahr 2004, als sich infolge der von der rot-grĂŒnen Bundesregierung beschlossenen „Agenda 2000“, d.h. der Streichung der Sozialhilfe bzw. deren Umwandlung in das Arbeitslosengeld II, bekannt unter dem Namen „Hartz IV“, langsam gesellschaftlicher Protest bemerkbar machte. Das fĂŒhrte auch zu einer Neubelebung der FAU in Magdeburg. Es gab einige Neueintritte und wir beteiligten uns damals intensiv an den Montagsdemonstration gegen die EinfĂŒhrung des Hartz-IV-Systems. Wir waren bereits auf der bundesweit ersten Demonstration prĂ€sent, was allerdings eher einem Zufall geschuldet war. Zwei unserer Genossen waren in der Innenstadt auf den Zug von vielleicht 200 DemonstrantInnen gestoßen und alarmierte sofort die anderen FAUist@s. So wurden wir mit unserem Transparent „Gegen Nazis, Staat und Kapital“, das wir noch von einer kurz zuvor stattgefunden antifaschistischen Kundgebung bereit liegen hatten, auf der Demo mit Jubel empfangen. Wir dachten damals: jetzt geht es los, endlich sind die Leute aufgewacht. Aber schon bald sollte es anders kommen, auch Nazis wurden von den DemonstrantInnen und ihrem Orgateam willkommen geheißen. Jedenfalls waren wir dann monatelang jeden Montag mit eigenen Transpis („Eine andere Gewerkschaft ist möglich“) unterwegs, haben zahlreiche Flugis verteilt, Infoveranstaltungen gemacht usw. Das Echo aus den Reihen der „normalen“ DemonstrantInnen war – gelinde ausgedrĂŒckt – verhalten. Aber immerhin konnte sich die FAU als Gruppe festigen und in der Folge einige AktivitĂ€ten entfalten. Wir haben uns an zahlreichen ĂŒberregionalen Demonstrationen gegen die Agenda 2010 wie auch den OstermĂ€rschen in der Heide beteiligt, Soli-Aktionen fĂŒr von Repression betroffenen ArbeiterInnen und Kundgebungen vor Arbeitsagenturen durchgefĂŒhrt, Anti-Wahl-Kampagnen angestoßen und auch eine Werbetour fĂŒr die FAU in der sachsen-anhaltinischen Provinz, die sogenannte „Osttour“ gefĂŒhrt. Und last but not least nahm die UnterstĂŒtzung eines aufgrund §129a angeklagten Genossen, der dann auch ein halbes Jahr in Beugehaft im Roten Ochsen in Halle verbringen musste, breiten Raum ein.

4. Auf welche Probleme seid Ihr noch gestoßen?

Zum einen natĂŒrlich auf das anhaltend schwache Interesse an Selbstorganisation in der hiesigen Bevölkerung. Lediglich unter Jugendlichen war langsam wieder verstĂ€rkte Neugier fĂŒr antikapitalistische Politik zu erkennen. Das Problem war aber, dass sich normalerweise gefĂŒhlte 90% der aktiven Jugendlichen nach Ende ihrer Ausbildung aus Magdeburg verabschiedeten und meist in die In-StĂ€dte Berlin oder Leipzig gingen oder sich aber frĂŒher oder spĂ€ter ins Privatleben zurĂŒckzogen. So kam es, dass alle drei, vier Jahre eine Generation von Aktiven auf einmal weg war und die Gruppen-Arbeit fast bei Null wieder anfing. Der Stamm der Aktiven blieb somit klein und war bald aufgrund von beruflichen und / oder familiĂ€ren Verpflichtungen kaum noch in der Lage, immer wieder die Gruppe neu aufzubauen. So lief die Arbeit der hiesigen FAU ab ca. 2012 nur noch auf Sparflamme, es gab vielleicht noch zwei oder drei Infoveranstaltungen pro Jahr, ein paar Demobeteiligungen und auch einen offenen, jedoch meist nur Insidern bekannten Stammtisch, aber ansonsten wenig PrĂ€senz in der Stadt. Das Ă€nderte sich erst 2017, als durch Anstoß von neuen InteressentInnen und mit Hilfe der FAU Halle wieder Schwung in die FAU-Arbeit kam und wir heute einen Mitgliederbestand haben, wie es ihn in Magdeburg in einer syndikalistischen Organisation zuletzt 1933 gegeben hat.

5. Wie wurde sich damals eigentlich organisiert und welche Unterschiede gibt es zu heute?

Die FAU, die ich in den 1990er Jahren kennengelernt hatte, war damals eine partei-Ă€hnlich aufgebaute Organisation. Letztlich war es mehr eine anarchistische Propaganda-Truppe, als eine Gewerkschaft. Zwar gab es bundesweit immer mal wieder zumeist ebenso kleine wie kurzlebige Betriebsgruppen und auch diverse Arbeitsrechts-Schulungen, aber der Schwerpunkt der Arbeit lag bei Infoveranstaltungen, Antifa-Arbeit, Demo-Beteiligungen und in der Herausgabe der Zeitschrift „Direkte Aktion“. Schon deren Erhalt fraß jede Menge Energie, was dazu fĂŒhrte, dass die Arbeit kleinerer Ortsgruppen (Syndikate gab es damals noch nicht) durch die Übernahme einer Teilredaktion der Zeitung faktisch lahmgelegt wurde. Damals gab es auch nur die OG-Treffen, vergleichbar mit den heutigen VV, in denen sich faktisch die gesamte Organisationsarbeit der lokalen Gruppen abspielte. Auch die ĂŒberregionalen Treffen glichen eher Vollversammlungen, das Delegierten-System war zwar formell schon vorhanden, wurde aber faktisch nicht gelebt – alles trug eher familiĂ€ren Charakter.

Heute ist die FAU viel deutlicher als Gewerkschaft erkennbar. In etlichen StĂ€dten gibt es inzwischen eigene FAU-Lokale, gewerkschaftliche Beratungen und inzwischen auch stabile Betriebsgruppen, die teilweise in der Lage sind, Haus-TarifvertrĂ€ge abzuschließen. Auch das Allgemeine Syndikat Magdeburg arbeitet heute viel strukturierter, als es in den ersten Jahren ihres Bestehens der Fall war. Es gibt neben der VV zahlreiche – und zumeist gut funktionierende – Arbeitsgruppen, wir haben inzwischen Satzung, PrinzipienerklĂ€rung sowie klar definierte Mandate und sind an einem Stadtteilladen beteiligt, wo wir gewerkschaftliche Beratungen zum Arbeits- und Sozialrecht sowie öffentliche Veranstaltungen durchfĂŒhren. All das lĂ€uft sicher nicht reibungslos, aber doch deutlich organisierter ab. Und mensch kann die Erfolge sehen: wir sind in der Stadt prĂ€sent, unsere Beratungs- und sonstigen Hilfsangebote, wie z.B. die FAU-KĂŒ in Corona-Zeiten, sprechen sich herum und unser Syndikat wĂ€chst seit nunmehr ĂŒber drei Jahren bestĂ€ndig. 

6. Also war frĂŒher doch nicht alles besser;). Bleibt noch die Frage nach der Zukunft. Welche Perspektiven siehst du fĂŒr die FAU in Magdeburg, aber auch darĂŒber hinaus?

Ich denke, dass wir auf einem guten Wege sind. Es geht langsam, aber sicher voran. Wir sind inzwischen auf einem Level angelangt, wo es mir sinnvoll erscheint, uns erstmal darauf zu konzentrieren, das Erreichte zu stabilisieren. Ich meine damit, dass wir unsere BeratungskapazitĂ€ten durch systematische Schulungen verbessern, wir mehr Mitglieder zu aktiver Teilnahme am Syndikatsleben bewegen und uns auch inhaltlich mit grundsĂ€tzlichen Fragen beschĂ€ftigen. Dazu gehört fĂŒr mich auch, dass wir versuchen, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu analysieren und entsprechende Handlungsoptionen ableiten. Und was mir besonders am Herzen liegt: wir sollten uns weniger um die aktuellen Trends in der linken Szene kĂŒmmern, sondern uns mehr in Richtung „Normalbevölkerung“ orientieren, damit wir dort wieder interventionsfĂ€hig werden. Letztlich mĂŒssen wir weg von solchen Reflexen, jeden Menschen, der sich irgendwann mal rassistisch oder sexistisch oder 
 geĂ€ußert hat, als Feind abzustempeln, sonst werden wir wohl auf ewig im Szenegetto bleiben. So besorgniserregend manche Entwicklungen in der Gesellschaft aktuell sind, es ist zumindest einiges in Bewegung geraten, viele Menschen sind kritischer geworden und das eröffnet möglicherweise uns, sofern wir entsprechend behutsam vorgehen, neue RĂ€ume.

Vielen Dank fĂŒr deine Antworten, Lukas!




Quelle: Magdeburg.fau.org