Mai 6, 2021
Von Revista BUNA
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Stand: Ende MĂ€rz 2021

Intervention der Polizei gegen GeflĂŒchtete in einem besetzten Haus. Foto: T. S. Photography

BUNĂ: Kannst du uns etwas ĂŒber die Situation der GeflĂŒchteten in Temeswar/Timișoara erzĂ€hlen?

FnB Timișoara: Ich denke, dass die Anzahl der GeflĂŒchteten (Aus Afghanistan, Anm. BUNĂ), die die Grenze ĂŒberschritten, im November 2020 mehr und mehr zugenommen hat. Als die Grenze mit Ungarn geschlossen wurde, versuchten sie einen anderen Weg durch RumĂ€nien und Ungarn zu finden. Die aktuelle Situation ist sehr schlecht. Die Aufnahmezentren sind voll und GeflĂŒchtete/Asylbewerber stehen auf der Straße. Im Moment um die 200. Einige der Leute auf den Straßen sind die, die einen Aufenthaltsstatus fĂŒr RumĂ€nien erhalten (oder beantragt) haben, aber zu Aufnahmezentren in Giurgiu, Covasna und anderen StĂ€dten verwiesen wurden. Sie kommen nach Timișoara, das nĂ€her an der westlichen Grenze liegt, um ihren Weg in Richtung Westen fortzusetzen. Wie einige von ihnen uns gegenĂŒber bei Gelegenheit Ă€ußerten: „Hier kann man nichts tun. Wenn das Leben hier schon fĂŒr euch hart ist, könnt ihr euch vorstellen, wie die Dinge erst fĂŒr uns sind.“

BUNĂ: Was erzĂ€hlen sie euch, was sie alles durchmachen mussten?

FnB Timișoara: Persönlich habe ich nicht so viel mit ihnen gesprochen, auch wenn wir eine Menge an Interaktionen hatten. Einer der GrĂŒnde dafĂŒr ist die Sprachbarriere. Das kann die Dinge ein bisschen schwierig machen. Es gab Zeiten, in denen wir niemanden finden konnten, der Englisch sprach; oder, im besten Fall, nur ein paar Worte. Dennoch waren wir in der Lage, die Essensverteilung gemeinsam zu organisieren, gut strukturiert und ohne Konflikte. Es war natĂŒrlich einfacher, wenn wir jemanden fanden, der Englisch sprach und bereit war uns zu unterstĂŒtzen. Generell waren diejenigen, die Englisch sprachen, sehr freundlich und unterstĂŒtzend. Sie ĂŒbersetzten fĂŒr alle, was gesagt wurde. Ehrlich gesagt, die wenigen Geschichten, die sie mit uns teilten, sind herzzerreißend. Es gibt eine Menge Leid und Traumata, Geschichten ĂŒber die KĂ€lte, der sie auf dem Weg und in den Lagern ausgesetzt waren, ĂŒber Polizeigewalt und Hunger. Nichtsdestotrotz scheinen die meisten von ihnen sehr optimistisch in die Zukunft zu blicken. Vielleicht weil sie jung sind, der Großteil ist unter 25-Jahren alt. Sie sprechen meistens ĂŒber ihre Hoffnungen und WĂŒnsche, ĂŒber das Leben, das sie sich zu haben ertrĂ€umen. Sie sind offen und sehr interessiert daran, neue Dinge zu erlernen. Sie haben uns eine Menge Fragen gestellt. Wir versuchen ihnen so gut wie möglich darauf zu antworten, anstatt bei den Traumata und dem Leid zu verbleiben, das sie bislang erlebt haben. Am Ende ist die Angst und die in ihren Augen zu sehende allgemeine Furcht ein bleibender und schmerzhafter Eindruck bei jeder Begegnung.

BUNĂ: Soviel wir wissen, war es die lokale Bevölkerung, die als erste auf die Situation reagierte und sich engagierte. Kannst du uns mehr darĂŒber sagen?

GeflĂŒchtete in Timișoara. Foto: T. S. Photography

FnB Timișoara: Eine einzige, undifferenzierte „lokale Bevölkerung“ gibt es nicht. Daher ist die Frage ein bisschen vage, doch ich versuche darauf zu antworten. Offiziell gibt es hier eine NGO, LOGS, die mit MigrantInnen und GeflĂŒchteten arbeitet und ihnen UnterstĂŒtzung anbietet. Sie arbeiten in Partnerschaft mit anderen Vereinigungen, Kirchen und staatlichen AutoritĂ€ten. Als die Krise in Timisoara begann, ĂŒbernahmen sie die Initiative und begannen die Hilfe fĂŒr die ankommenden Leute zu organisieren. Wie auch immer, dies endete in einer Form des Monopolys von ihrer Seite aus. Wenn du etwas fĂŒr die GeflĂŒchteten/Asylsuchenden tun möchtest, dann musst du es durch sie tun. Beispielsweise den Zutritt zu den UnterkĂŒnften der GeflĂŒchteten zu erhalten, um dort Lebensmittel verteilen zu können. Aus diesem Grund zögerten wir erst, uns auf sie einzulassen. Doch zurĂŒck zu den aktuellen Ereignissen. Da es in den staatlichen Zentren keinen Platz mehr gab, schliefen die Leute in der WinterkĂ€lte draußen. Die erste, die auf diese Situation reagierte, war eine Baptistengemeinde, die eine regelmĂ€ĂŸige Verteilung von Lebensmitteln fĂŒr GeflĂŒchtete auf den Straßen organisiert. Um acht Uhr abends verteilen sie das Abendessen fĂŒr alle, bieten aber auch andere Hilfsmittel an: Duschen, saubere Kleidung und medizinische Grundversorgung. Zum Abschluss beten alle gemeinsam. DemgegenĂŒber bin ich skeptisch. Vielleicht ist es völlig freiwillig und jede/r kann daran teilnehmen oder in seiner/ihrer Religion beten, wie sie sagen, aber ich verstehe nicht, warum sie, wenn sie etwas anbieten, immer etwas dafĂŒr verlangen. Vielleicht gibt es Menschen, die Hilfe benötigen, aber nicht religiös sind, oder sich nicht in der Stimmung dazu befinden zu beten. Wie auch immer 
 wir realisierten, dass die Situation ernster wird, als wir einen Artikel ĂŒber eine Polizeiintervention gegenĂŒber GeflĂŒchteten sahen, die ein verlassenes Haus besetzt hatten. Zur gleichen Zeit erfuhren wir von der Hilfsleistung durch die Baptistengemeinde. Mir fielen zudem Gruppen junger Leute, viele von ihnen Jugendliche, rund um den Platz auf, an dem ich arbeite. Sie waren kaum bekleidet, mit zerschlissenen Schuhen, ohne Socken, und das Wetter draußen war sehr kalt, so dass wir damit begannen, ihnen Kleidung, warmes Essen und andere Dinge zu bringen. Im Januar begannen wir damit, diejenigen zu besuchen, die in den verlassenen GebĂ€uden Unterschlupf gesucht hatten. Wir machen dies drei-viermal die Woche, abhĂ€ngig von den Spenden, die wir erhalten (Essen, Kleidung und andere Sachen) und unserem Budget. Um die dreißig Leute sind in einem dieser GebĂ€ude, manchmal sogar mehr. Auch rund um den Bahnhof befinden sich viele GeflĂŒchtete. Ich denke, die Situation ist im Moment ziemlich trostlos -GeflĂŒchtete/Asylsuchende im QuarantĂ€nezentrum bekommen zum Beispiel nur eine Mahlzeit am Tag, sie können das Zentrum nicht verlassen und sie haben im Allgemeinen keine SchlafsĂ€cke und keine Kleidung, um sich warm zu halten. Gleichzeitig belĂ€stigt die Polizei stĂ€ndig die auf der Straße lebenden Menschen. Es gibt zahlreiche Berichte darĂŒber, dass Leute geschlagen, ihre wĂ€rmende Kleidung ausgezogen wurde und sie nur in ihrem T-Shirt zurĂŒckgelassen wurden, ihre Handys zerschlagen und ihr Geld konfisziert. Deshalb haben wir das starke GefĂŒhl, dass wir etwas tun mĂŒssen. An diesem Punkt zĂ€hlt jede Hilfe, jede UnterstĂŒtzung von Einzelpersonen, Kollektiven, irgendjemandem.

BUNĂ: Gab es Reaktionen der AutoritĂ€ten/Behörden (lokal und national)? Gibt es UnterstĂŒtzungsmaßnahmen?

WÀschetrocknen in der WinterkÀlte. Foto T. S. Photography

FnB Timișoara: Um ehrlich zu sein, ich folge den Reaktionen der „AutoritĂ€ten“ nicht sehr intensiv. Sie lĂŒgen entweder in den Medien ĂŒber die gesamte Situation oder lehnen einfach jede Verantwortung ab. Sie sind mit ihrem Diskurs ĂŒber das „FlĂŒchtlingsproblem“ bestens vertraut, wĂ€hrend die öffentliche Stimmung in Timisoara gegenĂŒber den GeflĂŒchteten/Asylsuchenden, die durch die Stadt ziehen, eher Ă€ngstlich zu sein scheint. Gleichzeitig versuchen die Behörden, die VorwĂŒrfe des Polizeimissbrauchs zu vertuschen. Manchmal greifen sie auch auf Druck zurĂŒck, um die NGOs auf ihre Seite zu ziehen. Auf diese Weise ist es weniger wahrscheinlich, dass eventuelle Probleme an die Öffentlichkeit gelangen. Auch aus organisatorischer und ressourcenbezogener Sicht stehen die Dinge, sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene, schlecht. Ein Junge, der von der Grenzpolizei gefasst und in ein QuarantĂ€nezentrum gebracht wurde – aufgrund von Covid-19 ist es angeordnet, zwei Wochen in einem solchen Zentrum zu verbringen, bevor er fĂŒr Asylsuchende an einen anderen Ort geschickt wird -, sagte uns, das GebĂ€ude sei voll. Es gab keine PlĂ€tze, also mussten sie im Hof schlafen, ohne SchlafsĂ€cke, ohne Matratzen und ohne Decken. Ich denke, die Behörden sind von der Situation ĂŒberfordert. Es ist jedoch traurig, weil sie anscheinend nicht viel tun, um diese Probleme zu beheben. Stattdessen scheinen sie sehr bemĂŒht zu sein, so viel wie möglich zu vertuschen, das Leben der GeflĂŒchteten so schwer wie möglich zu machen und alles außer Sichtweite zu halten.

BUNĂ: Wie sieht euer Engagement aus? Welche Art von Aktionen organisiert ihr in SolidaritĂ€t mit den GeflĂŒchteten?

FnB Timișoara: Wir sind fĂŒnf oder sechs Leute, die sich beteiligen. Wir tun dies abhĂ€ngig von den verfĂŒgbaren Ressourcen und der Zeit, die wir haben. Unser Handeln orientiert sich an den GrundsĂ€tzen von „Food not Bombs“. Ich denke, diese Art von direkter Aktion ist auch heute noch relevant und notwendig, insbesondere in der gegenwĂ€rtigen Situation. Das Format mag in gewissem Sinne „alt“ sein, wurde aber im Laufe der Zeit getestet. Und es funktioniert fĂŒr uns am besten. Im Allgemeinen bereiten wir Essen zu, aber wir versuchen auch, Kleidung, Schuhe, Hygieneprodukte (wie Seife, TĂŒcher, Masken usw.) bereitzustellen. Wir bringen auch Spiele wie Schach oder BĂŒcher mit, Dinge, von denen wir glauben, dass sie sie zumindest fĂŒr einige Zeit glĂŒcklich machen oder amĂŒsieren könnten. Manchmal fragen sie uns nach Sachen. In jedem Fall sind ihre BedĂŒrfnisse ganz einfache, grundlegende Dinge, wie man erwarten kann: Essen, warme Kleidung, Socken. Generell kommen alle miteinander harmonisch aus; es gibt kaum Streit ĂŒber Essen oder Ă€hnliche Dinge.

BUNĂ: Wie ist die Situation jetzt und wie sehen die Perspektiven fĂŒr die Zukunft aus? Vor allem, da in Timișoara jetzt ein neuer Lockdown besteht.

FnB Timișoara: Aktuell ist die Situation nicht so gut. Unser bisheriger Standort, an dem wir Essen zubereiten, Leistungen organisieren, Spenden sammeln konnten usw., ist geschlossen. Wir hĂ€tten uns viel Ärger ersparen und viele weitere Probleme lösen können, wenn wir einen eigenen Raum gehabt hĂ€tten. Auch auf lange Sicht sind die Aussichten nicht sehr optimistisch. Die Menschen werden immer mehr entfremdet; Sie brauchen mehr als Online-Kommunikation. Die Pandemie, alle polizeilichen und medizinischen EinschrĂ€nkungen erschweren die Organisation sehr. Ich spreche von langfristigen Perspektiven, weil ich das GefĂŒhl habe, dass sich diese Situation fortsetzen wird und der allgemeine Kontext nicht sehr gĂŒnstig ist, da bereits Lockdowns und eine „medizinische und militĂ€rische Diktatur“ bestehen. Der Lockdown in Timișoara ist fĂŒr alle sehr hart, aber die am stĂ€rksten gefĂ€hrdeten Personen sind besonders betroffen: Menschen ohne Arbeit, Menschen, die an Depressionen leiden, auf der Straße lebende Menschen, Asylsuchende. Und jetzt haben wir zusĂ€tzlich zu einem bereits korrupten und ungerechten System eine Pandemie, die faschistische und autoritĂ€re Tendenzen an die OberflĂ€che gebracht hat. Es ist ziemlich demoralisierend. Es ist schwierig, mit Menschen zu arbeiten und ihnen Hoffnung zu geben, wenn man sich selbst abmĂŒht, um ĂŒber Wasser zu bleiben.

BUNĂ: Ist die SolidaritĂ€t meistens lokal organisiert oder habt ihr auch UnterstĂŒtzung von anderen Kollektiven oder Einzelpersonen (national und/oder international)?

FnB Timișoara: Es gibt nur wenige Kollektive und Einzelpersonen in Timișoara, die sich außer LOGS und den verschiedenen religiösen Vereinigungen und Kirchen, die ich bereits erwĂ€hnt habe, beteiligen. Die Leute hier scheinen das im Allgemeinen nur sehr ungern zu tun. Viel eher sehen sie die GeflĂŒchteten als “Problem”. Wir wurden manchmal danach gefragt, warum wir diesen helfen. Es gibt aber natĂŒrlich auch Leute, die helfen wollen. Der schwierige Teil ist, dass der einzige Weg fĂŒr sie, sich zu engagieren, oder zumindest der sichtbarste und einfachste Weg, die NGOs und die Kirchen sind. Oder sie können sich natĂŒrlich auch uns anschließen, den Punks. In Bezug auf die internationale SolidaritĂ€t haben wir nicht viel UnterstĂŒtzung gesehen. Andererseits haben andere Kollektive aus RumĂ€nien, aus Cluj (A.casă) und Bukarest (Filaret 16), in letzter Zeit mehrmals Lebensmittel, Hygieneprodukte und Kleidung gesammelt. Ich hoffe, dass sie das auch weiterhin tun werden, da der Bedarf konstant ist. In Bezug auf die lokalen Kollektive war die UnterstĂŒtzung des Kollektivs Dreptul la Oraș (Das Recht auf Stadt) eine große Hilfe, da es zwei Drittel des fĂŒr unsere Aktionen benötigten Wochenbudgets abdeckt. Auf diese Weise können wir Produkte bereitstellen, die wir nicht immer aus anderen Spenden erhalten.

BUNĂ: Vielen Dank fĂŒr das Interview.




Quelle: Revistabuna.wordpress.com