Mai 11, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Wir interviewen RuymĂĄn RodrĂ­guez, einen bekannten kanarischen Anarchisten, aufgrund des jĂŒngsten rechtlich-polizeilichen Angriffs, dem er ausgesetzt ist. Ihm wird vorgeworfen, wĂ€hrend einer illegalen Festnahme einen Guardia Civil [1] getreten zu haben. RuymĂĄn wurde bei dieser Festnahme gefoltert. RuymĂĄn ist gut gelaunt und betont im Laufe des Interviews den Fehler, die KĂ€mpfe zu „personalisieren“, vor allem jene mit repressivem Hintergrund. Als Mitglied der Anarchistischen Föderation von Gran Canaria (FAGC) und der Mieter_innengewerkschaft von Gran Canaria (SIGC) macht die politische und engagierte Arbeit, die dieser GefĂ€hrte ĂŒber mehrere Jahrzehnte entwickelt hat, ihn und andere zur direkten Zielscheibe fĂŒr die Repression eines revanchistischen Staats. Eben der Staat, der Auslöser ist fĂŒr die sozialen Ungerechtigkeiten in einer Gesellschaft die des Wartens ĂŒberdrĂŒssig ist.

In Anbetracht der LĂ€nge des Dokuments, dass wir sowohl als Audio als auch als Transkription zur VerfĂŒgung stellen, und im VerstĂ€ndnis der Geschwindigkeit, mit der Nachrichten heute konsumiert werden, halten wir es fĂŒr obligatorisch, einige der gesammelten Aussagen hervorzuheben, die natĂŒrlich weder das Interview selbst erschöpfen, noch unbedingt die wichtigsten sind, die er mit diesem Medium geteilt hat.

An erster Stelle konzentrieren wir uns auf die Entstehung und Funktionsweise sowohl der FAGC als auch der SIGC. Wie Ruyman hervorhebt, entwickelte die Föderation zu Beginn und kurz nach dem Ende der Bewegung 15M [3] einen „konventionellen“ Anarchismus (zum Teil fĂŒr die Überzeugten), der in kurzer Zeit die Form eines Engagements auf der Straße annahm. Dieser Anarchismus versuchte erfolgreich die eigenen Werkzeuge der libertĂ€ren Bewegung den armen Gesellschaftsschichten aus ihrem Umfeld zur VerfĂŒgung stellen. Vor allem ab der GrĂŒndung der bereits erwĂ€hnten Mieter_innenGewerkschaft. Die Kanarischen Inseln, ein Land mit endemischer Arbeitslosigkeit und PrekaritĂ€t, leiden unter einem chronischen Wohnungsproblem, das durch den Boom von HĂ€usern fĂŒr den Ferienmarkt sowie die Anlandung von Geierfonds noch verschĂ€rft wird. Gerade wegen dieser kĂ€mpferischen und solidarischen Arbeit erlitt der GefĂ€hrte die verhĂ€ngnisvolle Verhaftung, bei der er gefoltert wurde. RuymĂĄn hebt einige Worte hervor, die ein Polizist dabei gesagt hat: „Was macht ihr hier, ihr bringt Pöbel/Abschaum hierher. Ihr solltet doch in Las palmas Container anzĂŒnden.“ In der vagen, dĂŒsteren Vorstellung der staatlichen SicherheitskrĂ€fte und -organe scheint es, dass dies die Arbeit ist, der sich die Anarchist_innen widmen. RuymĂĄns Überlegungen dazu sind klar, natĂŒrlich ist es viel unbequemer, den Enteigneten von allem (außer Mut und Not) den Zugang zu Wohnraum zu erleichtern, als das stĂ€dtische Mobiliar zu beschĂ€digen.

Wir setzen das GesprĂ€ch fort, indem wir uns mit aktuellen Themen beschĂ€ftigen. Man darf die obligatorische ErwĂ€hnung der Migrationskrise auf den Inseln nicht auslassen. Eine Krise, die auch den Rassismus injiziert hat und der radikalen Rechten auf den Kanarischen Inseln den Weg geebnet hat. Gerade dank des institutionellen Rassismus der Regierungen (sowohl der kanarischen als auch der spanischen), aber auch der EuropĂ€ischen Union und, wie der GefĂ€hrte sagt, der Medien. Interessante Worte in diesem Sinne sind gerade der bekannten vierten Gewalt gewidmet: „Wenn frĂŒher Rassismus das Produkt von Fehlinformation war, ist er heute das Produkt von InformationsĂŒberschuss.“ Dies geschieht in einem Archipel, in dem zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte mehr Inselbewohnende in der Diaspora als auf den Inseln lebten. Venezuela, die achte Insel genannt, hat Tausende von Inselbewohnende aufgenommen, die vor Hunger, Arbeitslosigkeit oder Repression geflohen sind, eine jĂŒngere Geschichte, die es wert ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Auf diese Weise, und wenn es das Übermaß an Informationen ist, das die zur selben Zeit geborenen Rassist_innen auf dem Archipel teilweise verursacht, ist es auch wahr, dass die Kanarischen Inseln immer noch weitgehend mit dem RĂŒcken zu einem Kontinent leben, der kaum fĂŒnfundneunzig Meilen entfernt ist. . Das ist der Grund, warum die Medien es schaffen, angesichts eines NaturphĂ€nomens wie der Migration eine Geschichte zu popularisieren, die sich auf Worte wie „Invasion“ oder „Welle“ konzentriert und dabei ignoriert, dass die Kanarischen Inseln jedes Jahr etwa fĂŒnfzehn Millionen hauptsĂ€chlich europĂ€ische Tourist_innen empfangen.

Die Pandemie, oder der letzte Zyklus von Mobilisierungen, der seit der Verhaftung von Pablo Hasel stattgefunden hat, sind Themen, zu denen wir RuymĂĄn ebenfalls befragt haben. In Bezug auf das erste weist er auf die harten Auswirkungen hin, die es auf die Wirtschaft des Archipels hatte, die Vertiefung einer Krise, die mit einem Territorium, das das Ă€rmste im „politischen Europa“ ist, grundiert wurde und natĂŒrlich die Dynamik der Gruppen, in denen teilgenommen wird und deren Arbeit nicht im Wesentlichen auf den telematischen Bereich umgelenkt werden kann, beeinflusst. Er erinnert an die Mobilisierungen, dass es nicht die Repression ist, die sich persönlich gegen einen Aktivisten richtet, die die Menschen auf den Straßen aufweckt — er besteht darauf, dass es die Not ist. Dieses BedĂŒrfnis, das der genozidalen Logik eines dekadenten Systems auferlegt wird.

Schließlich beharrt RuymĂĄn darauf, den Konflikt nicht zu personalisieren. Wie man in seinem Fall helfen kann? Ganz einfach, indem man sich zu Wort meldet, den Fall und Informationen darĂŒber bekannt macht, aber vor allem, indem man sich engagiert und einbringt, sei es in der Mieter_innengewerkschaft, im antirepressiven Kampf, oder in irgendeinem der Themen, die uns betreffen. Das ist die beste Medizin und das beste Mittel, damit die SolidaritĂ€t zwischen Anarchist_innen nicht nur ein leeres Wort ist.

Audio-Interview Transkription:

– Kaos Canarias: Wie geht es dir, Ruymán?

– RuymĂĄn: Nun, im Rahmen des Möglichen mit all den UmstĂ€nden, die sich ergeben, abgesehen von meinem speziellen Fall auf sozialer Ebene, ist das Überleben nicht schwerlich.

– Kaos Canarias: Bevor wir auf diesen repressiven Prozess eingehen, den du erlebst, haben wir einige der Gruppen erwĂ€hnt, in denen du bis heute fĂŒr die Anarchie auf den Kanarischen Inseln gekĂ€mpft hast oder kĂ€mpfst. Wir wĂŒrden gerne wissen, wie die FAGC entstanden ist, und da diese SIGC auch entstanden ist, ist es unmöglich, dass sie nicht Erinnerungen an vergangene KĂ€mpfe auf dem Archipel mit sich bringt, wie auch andere Mietstreiks und andere Prozesse, die auch auf den Inseln stattgefunden haben.

– RuymĂĄn: Die FAGC wurde hauptsĂ€chlich in den Unruhen des 15M geboren, da sind wir vor fast 10 Jahren mit mehreren Anarchist_innen auf die PlĂ€tze gegangen, die außer ein paar kleinen Gruppen keine Beziehung zueinander hatten. Dort haben wir festgestellt, dass wir mehr Anarchist_innen waren, als wir wirklich glaubten. Wir begannen, den Diskurs, der in einigen FĂ€llen nicht ĂŒber die Wahlrechtsreformen oder sogar die UnterstĂŒtzung fĂŒr die damaligen Kleinparteien, wie die UPyD, hinausging, auf den PlĂ€tzen zu radikalisieren und wollten ihn auf ein anderes Terrain bringen, nĂ€mlich das der schweren wirtschaftlichen und wohnungspolitischen UmstĂ€nde, unter denen wir auf den Kanarischen Inseln leiden. Im Laufe der Zeit bemerkten wir, dass, obwohl wir eine umfassendere Vision vom Anarchismus hatten, der Anarchismus, den wir auf diesen PlĂ€tzen verteidigten, mehr dem konventionellen Anarchismus Ă€hnelte, den wir auf der [spanischen] Halbinsel sehen konnten: Sich in Abwendungs- und Wolkenkuckucksheim-Kampagnen verlierend, die weder viel mit der kanarischen Lebenswirklichkeit zu tun hatten, noch mit dem Elend, in dem wir [hier] auf den Inseln leben. Nicht nur in jener Epoche der Krise [3], sondern das Elend, das es hier chronisch gibt: Ein völlig verarmtes reiches Land.

Dann begannen wir, den Diskurs zu verĂ€ndern. Der erste RealitĂ€tsschock trat ein, als San Telmo gerĂ€umt wurde. Die Camper_innen, die zum Spaß dort waren, kehrten nach Hause zurĂŒck, aber die Camper_innen, die dort waren, weil sie keinen Platz zum Leben hatten, die tatsĂ€chlich auf der Plaza de San Telmo endeten, blieben auf der Straße. Das war unser erster Kontakt mit einer sehr harten RealitĂ€t, und wir machten unser erstes Hausbesetzungsprojekt, um diesen Menschen zu helfen, und es war ein erster Kontakt, der uns dazu brachte, in eine breitere Front einsteigen zu wollen: die der GrundbedĂŒrfnisse. Damals wurde aus dem schwarzen Block, wie sie uns nannten, die Anarchistische Föderation von Gran Canaria, die Gruppen aus dem Norden und SĂŒden der Insel vereinte. Wir hatten noch eine kleine Phase des, wie ich es nenne, konventionellen Anarchismus, der sehr viel Spaß machte. Wir bemalten die Gesichter der gelben Gewerkschaften und wir warfen Nazis aus den Demonstrationen, was sehr gut und notwendig ist. Aber das große Problem dabei ist, dass spektakulĂ€re Aktionen keinen Weg haben, wenn es keine Basisarbeit gibt. Es nĂŒtzt wenig, dass du eine große Rede gegen die gelben Gewerkschaften hĂ€ltst, wenn du nicht selbst prekĂ€re Arbeiter_innen beraten kannst. Es nĂŒtzt wenig, dass du eine Rede gegen die Gentrifizierungsprozesse hĂ€ltst, wenn die Familien, die durch diesen Prozess auf die Straße geworfen werden, nicht die anarchistischen Werkzeuge finden, die eine Alternative zur Lösung ihres Problems sind. Dann wurde die zweite Phase der FAGC geboren, welche die interessanteste ist, wenn wir in die GrundbedĂŒrfnisse einsteigen, in den HĂ€usern, beim Anlegen von SelbstversorgungsgĂ€rten, bei der Schaffung eines Gesundheits- und Hilfsnetzwerks fĂŒr Migrant_innen in Verfolgungssituationen, ein Netzwerk, das bis heute anhĂ€lt und mit mehr als zweihundert Menschen in Kontakt steht, zehn Gemeinschaftsprojekte, die heute auf der Insel ĂŒberleben, keines davon vertrieben, mit einigen mit acht Jahren Geschichte wie „La Esperanza“. Die Bewegung, die wir geschaffen haben, ist ziemlich stark.

Es gibt einen Umstand, und der ist, dass die FAGC nach eigenen Angaben immer mehr in diese Probleme hineingeriet, dass die klassischen Anarchist_innen gingen, und wĂ€hrend dies geschah, traten immer mehr Nachbar_innen ein, die sich bei Kontakt radikalisierten, aber nicht unbedingt eine anarchistische Ideologie annehmen mussten. Es ist der Zeitpunkt, an dem wir begannen, eine breitere Organisation in Betracht zu ziehen, in der sich diese Nachbar_innen wohler fĂŒhlen konnten, und die sie zu ihren eigenen machen konnten, ohne einer anarchistischen Föderation beitreten zu mĂŒssen. Wie ihr schon erwĂ€hnt habt, blicken wir zurĂŒck auf die berĂŒhmte Teneriffa-Mieter_innenvereinigung von 1933, diese reichen Erfahrungen, die auf diesen Inseln stattfanden und von denen niemand weiß oder die von der Geschichtsschreibung sehr marginalisiert werden. So haben wir uns entschlossen, diese Mieter_innengewerkschaft zu grĂŒnden, die erste im ganzen Staat — das ist etwas, was am Rande steht, aber die erste Mieter_innengewerkschaft im ganzen Staat wird hier, auf den Kanarischen Inseln, gegrĂŒndet. Die Wahrheit ist, dass es ein Erfolg war, mit Hunderten von Mitgliedern und die Leute sind sehr glĂŒcklich und sehr stolz auf ihre Gewerkschaft, und am Ende hat die FAGC die Wohnungsstreitigkeiten an die Gewerkschaft verwiesen und hat sich mehr auf den politischen Aspekt des sozialen Kampfes konzentriert sowie in anderen Aspekten wie Migration. Wir haben auch einen Beratungsraum fĂŒr prekĂ€re Arbeiter_innen, die vor allem mit vielen Kolleg_innen zu tun haben, die Prostitution ausĂŒben und nicht wissen, wie man Themen wie eine beitragsfreie Rente oder bestimmte Arten von Dingen bearbeitet. Letzteres kommt vor, weil es hier auf der Insel keine Art von Dienstleistung dieser Art gibt, fĂŒr die PrekĂ€rsten und vom System am meisten Verarschten. Wir haben also mehrere Projekte.

– Kaos Canarias: Es sind viele Erfahrungen, die man in ein paar Minuten zusammenfassen kann, aber natĂŒrlich sind sie die Frucht von vielen Jahren des Kampfes, der Überlegungen, und wir können uns nicht entziehen, dass es eine neue RealitĂ€t gibt, die uns auferlegt wird: die Pandemie. In welchem Moment befinden sich die Organisationen, die du erwĂ€hnt hast, und wie sind sie mit diesem neuen Kontext umgegangen, der COVID-19 verursacht hat?

– RuymĂĄn: FĂŒr Organisationen wie die Föderation oder die Gewerkschaft, die nicht so sehr von den telematischen Medien abhĂ€ngig sind wie andere, ist es kompliziert. Die FAGC und die SIGC brauchen den direkten Kontakt, sehen ihre Mitglieder, kennen die Person, wissen ĂŒber ihren Fall Bescheid — all das hat sich mit COVID-19 geĂ€ndert. Das ist die klare Tatsache, dass die Krankheit existiert. Es ist unbestreitbar, dass es Hunderte Kranke und Tote gibt, aber es war auch ein Vorwand, um ein viel hĂ€rteres, viel gröberes Sozialmodell durchzusetzen. Wir haben schon vor der Pandemie gewarnt, als die Anzeichen der EinschrĂ€nkungen eintraten, die öffentliche Gesundheit und ihre LebensfĂ€higkeit in Frage gestellt wurden und Unternehmer_innen als Held_innen dargestellt werden, die Personalabbau durchfĂŒhren. Wir denken auch an diejenigen, die völlig ausgeschlossen sind, an die Arbeitslosen, an all die Arbeiter_innen, die in B bezahlt werden [4], an die, die Kinder oder alte Menschen betreuen, an die abhĂ€ngigen Menschen, an die Menschen, die Prostitution ausĂŒben, die noch mehr kriminalisiert werden, und vor allem das große Problem, das wir erkannt haben — das der migrantischen Bevölkerung. COVID-19 ist der große Vorwand gewesen, um die MobilitĂ€t der Migrant_innen einzuschrĂ€nken. Es wurde zuerst als Joker benutzt, um zu kriminalisieren. Es war kein PhĂ€nomen, das zuerst auf der Straße auftrat — der Rassismus wurde von den Institutionen eingeimpft. Die Medien haben nicht aufgehört, Einwanderung und KriminalitĂ€t, Migration und Krankheit in Verbindung zu bringen. Beziehungen, die viele Menschen dazu gebracht haben, den Diskurs der reaktionĂ€rsten Rechten anzunehmen. Es ist merkwĂŒrdig, denn frĂŒher war es Rassismus aufgrund von Fehlinformation, heute ist es aufgrund von Überinformation.

All das ist etwas, was wir bei der FAGC schon hautnah erlebt hatten. Wir hatten vor Jahren ein Projekt namens „Las masĂ­as“. Es hat diesen anschaulichen Namen der katalanischen HĂ€user, weil die Kolleg_innen von CNT-Sabadell uns zu einem bestimmten Zeitpunkt finanziell geholfen haben und mit diesem Geld konnten wir das Aufnahmeprojekt fĂŒr Migrant_innen organisieren. Seit COVID-19 sind nicht mehr Menschen angekommen, aber sie haben eine prekĂ€rere Situation, also haben wir ein anderes Projekt geschaffen, das wir „El Refugio“ (Die Zuflucht) nennen. FrĂŒher kamen sie mit ihrem Pass und setzten ihre Reise fort, jetzt ist das nicht mehr so. Dieses Europa der Angst und des Terrors will sie nicht in ihrem weißen Kontinent, sondern will, dass sie auf den Kanarischen Inseln bleiben, die zum grĂ¶ĂŸten GefĂ€ngnis des Staates geworden sind. Wenn es hieß, dass die Konzentrationslager nach 1945 nicht zurĂŒckkehren werden, stellte sich heraus, dass wir sie auf den Kanarischen Inseln haben, mit unterernĂ€hrten und misshandelten Menschen. Es gibt ernstzunehmende Aussagen, die dies zeigen, wie die des Richters, der neulich im Fernsehen bestĂ€tigte, wie er hörte, dass die Polizei den Migrant_innen damit drohte, ihre Köpfe zu zerplatzen, wenn sie die fĂŒr sie festgelegten Orte verlassen. Wir lassen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen Menschen nur wegen ihrer Hautfarbe zu, was im internationalen Recht als Genozid bezeichnet wird, aber niemand wird jemals dafĂŒr belangt werden, denn hier ist es weniger wert als zwölftausend Menschen, die in Schandlagern leben, oder die in den Schluchten ausgesetzt werden, Kinder eingeschlossen, als ein angeblicher Tritt gegen einen zivilen Wachmann. Hier ist das zweite viel strafender als das erste.

– Kaos Canarias: Es scheint, dass immer wieder bewiesen wird, dass ihre Gerechtigkeit nicht die unsere ist. Im Einklang mit dem, was du kommentierst, gibt es viele interessante Fragen, aber eine bemerkenswerte ist vielleicht das Wachstum der radikalen Rechten, etwas, das man auf den Inseln nicht kennt. Hier war die Anwesenheit von spanischen Flaggen sehr ungewöhnlich, etwas, das auf dem Vormarsch ist, aber es scheint, dass dieses Übermaß an Informationen, auf das du hinweist, auf dem Weg ist, auch diese Hassbotschaften zu normalisieren. Glaubst du, dass es auf den Kanarischen Inseln eine Ausbreitung der radikalen Rechten gibt und dass dies den Interessen einiger Eliten entspricht?

– RuymĂĄn: Ich glaube, dass es eine Ausbreitung der radikalen Rechten im ganzen Land gibt, und dass sie vor allem auf den Kanarischen Inseln Einzug hĂ€lt, gerade weil die ideologische Nische der Reaktion gegen die Einwanderung gesucht wurde. Aber darĂŒber mĂŒssen wir uns im Klaren sein, es handelt sich hier um eine historische Reise, die analysiert werden muss. In allen Stadien der Menschheit gibt es einen Moment der Krise, wie es zum Beispiel 1922 in Italien auch der Fall war. Sie besetzen Fabriken, es gibt viel Arbeitslosigkeit und Hunger, die Bourgeoisie hat Angst und greift am Ende zu paramilitĂ€rischen KrĂ€ften, die am Ende zum Faschismus werden. Es ist der Moment des faschistischen Marsches auf Rom und sie ĂŒbernehmen die Macht, denn wenn das Kapital spĂŒrt, dass es in Gefahr ist, lĂ€uft es in die HĂ€nde der radikalen Rechten. Dasselbe gilt fĂŒr Deutschland. Es gibt eine Situation der Arbeitslosigkeit und der Krise, die durch die Niederlage des Weltkriegs verursacht wurde und was die Eliten tun, ist, Zuflucht in der Nationalsozialistischen Partei zu suchen. Sie suchen einen SĂŒndenbock und damals waren es die Juden*JĂŒdinnen. Sie generieren Antisemitismus basierend auf einer fiktiven internationalen jĂŒdischen Verschwörung. Das Gleiche passiert im spanischen Staat, wĂ€hrend der Zeit der Zweiten Republik. Diese erfĂŒllt nicht, was versprochen wurde, es gibt keine Agrarreform, die Arbeitslosigkeit geht weiter hoch, die Arbeiter_innen werden unterdrĂŒckt, der Fall Casas Viejas 1933, die Deportation von Anarchist_innen in die Kolonien, auf die Kanarischen Inseln und Villacisneros, und als Folge davon gibt es mehrere Bestrebungen und revolutionĂ€re Versuche von Seiten der Arbeiter_innenbewegung. Das ist es, was zu dieser StĂ€rkung rechter Positionen fĂŒhrt, die sich mutig genug fĂŒhlen, einen Putsch zu wagen und uns eine vierzig- oder siebzigjĂ€hrige Diktatur aufzuerlegen, denn ich denke, wir mĂŒssen sagen, was wir getan haben. Das ist das, was reproduziert wird — es ist keine Verschwörungstheorie, es heißt Geschichte. Wir leben in einem Moment der systemischen Krise, verschĂ€rft durch dieses Problem von Covid. Die Kinder, die in den Zweitausendern oder auch in den Neunzigern geboren wurden, haben nur Krise gekannt. Wir hatten die Finanzkrise, die Covid-Krise und die Krise, die darauf folgen wird. Wir sprechen ĂŒber die Mehrheit der jungen Menschen zwischen fĂŒnfundzwanzig und dreißig Jahren, die sich nicht emanzipieren können. Wir sprechen auch ĂŒber vierzig Prozent Arbeitslosigkeit, die höchste in Europa. Wir haben die niedrigsten GehĂ€lter im Staat, konkurrierend mit Extremadura, aber mit dem großen Unterschied, dass wir hier eine der höchsten Mieten haben, der vierthöchste Anstieg ist hier. Wir sprechen auch von einer absolut tertiĂ€ren Wirtschaft, die vom Tourismus abhĂ€ngig ist. Wenn so etwas wie diese Pandemie passiert, finden wir uns mit einem gescheiterten Wirtschaftsmodell wieder, das von etwas so UnbestĂ€ndigem wie dem Tourismus abhĂ€ngig ist. Es fĂŒhrt uns zu einer sehr schnellen Beschleunigung der Verarmung. Wir wissen, dass es seit Beginn der Pandemie 800.000 Ă€rmere Menschen gibt, wĂ€hrend die Reichen 26 Milliarden Euro reicher sind als vorher. Sie sind von der Pandemie nicht betroffen. All diese ZusammenhĂ€nge können nur zu einem fĂŒhren: Proteste auf den Straßen. Der Fall von Pablo HasĂ©l war ein Auslöser, aber nicht die Ursache.

Die Menschen wehren sich gegen die strukturelle Gewalt und das System muss die Situation polarisieren und auf die radikale Rechte bringen. So setzen sie der Volksmacht, der von unten geborenen Wut, eine von oben geborene Macht und Wut entgegen. Die Medien nehmen jede Falschmeldung von Twitter und verkaufen es als Gegeninformation. Ein Beispiel dafĂŒr sind die Migrant_innen, die beim Herumtollen in Hotelpools gezeigt wurden, von denen es keine Bilder gibt, wie viele von ihnen am Ende abgeschoben wurden oder jetzt am Abgrund leben. Die Institutionen, ob links oder rechts, die progressivste Regierung in der Geschichte und auch die lokale Regierung, die keine Absicht haben, die Knebelgesetze, die Arbeitsreform oder das Einwanderungsgesetz aufzuheben, haben eine wirklich faschistische Politik geschaffen. . Diese besteht darin, dass Menschen inhaftiert werden, ohne ein anderes Verbrechen begangen zu haben, als in Afrika geboren und Schwarz zu sein. Wenn Informationen auf diese Weise von den Medien verwaltet werden, reproduzieren die Menschen diese Botschaft. Der Straßenrassismus ist ein Spiegelbild des institutionellen Rassismus, und all die Menschen, die ihn reproduzieren, werden de facto von der Politik unterstĂŒtzt. Wenn wir eine Demonstration gegen Rassismus machen, sei versichert, dass wenn wir die Subdelegation der Regierung nicht in ein paar Minuten benachrichtigen, kommt die IPU und rĂ€umt uns mit Stöcken. Doch wenn die Leute rauskommen, um gegen Migration zu demonstrieren, was hat die Polizei dann getan? Sich bei den Demonstrierenden eingeschmeichelt, ihnen die Hand auf die Schultern gelegt und sind wieder ruhig gegangen.

– Kaos Canarias: Es ist ein entmutigender Ausblick, trotzdem kĂ€mpfen wir weiter. Wir möchten dich nun genau zu dem Fall befragen, der dir bevorsteht. Wie und wann fand diese illegale Verhaftung statt, bei der du beschuldigt wurdest, einen Wachmann getreten zu haben?

– RuymĂĄn: Zu dieser Zeit war ich an der UnterstĂŒtzung der Gemeinschaft La Esperanza beteiligt, das ist das grĂ¶ĂŸte Hausbesetzungsprojekt im ganzen Bundesstaat und es wird in der Gemeinde Santa MarĂ­a GuĂ­a entwickelt. Dort leben 76 Familien, etwa 200 Menschen. Es war 2015 und die Umsiedlung aller Familien stand kurz vor dem Abschluss, verschiedene Fragen wurden geklĂ€rt, aber die staatlichen SicherheitskrĂ€fte und -organe fĂŒhlten sich mit unserer Anwesenheit nicht wohl. Es war ein Tag, an dem ich auf dem Weg zu meiner Arbeit war. Ich hielt ein Auto an, von dem sie sagten, es seien Zivilgardisten, obwohl sie sich nicht auswiesen. Sie verlangten meine DNI, ich gab sie ihnen und nach ihnen stimmte mein Gesicht nicht mit dem auf dem Dokument ĂŒberein. In diesem Moment sagten sie mir, dass sie mich zur Polizeiwache bringen mĂŒssen, um meine Identifikation zu bestĂ€tigen und dort angekommen fand die erbĂ€rmlichste Show statt, die ich in meinem Leben gesehen habe. Sie fangen an zu skandieren „RuymĂĄn ist schon gefallen“ und applaudieren, was ich zuerst als Witz wahrgenommen habe, weil es erbĂ€rmlich scheint, dass erwachsene Menschen so etwas tun. Sie nehmen meine Arbeitstasche, öffnen sie und werfen sie weg, machen stĂ€ndige Provokationen, die eine Reaktion von mir zu suchen scheinen. Einige der Dinge, die sie mir sagen, sind: Weißt du, was Intxaurrondo [5] ist? Nun, hier wirst du erfahren, was Intxaurrondo ist. Jetzt werden wir dich LiegestĂŒtze machen lassen. Du wirst dir vor Angst in die Hosen scheißen, du Scheiß-Roter [6]. Scheiß Anarchist. Das waren alles homofeindliche, machohafte Beleidigungen und in der Verhandlung werde ich sie wiederholen mĂŒssen, aber hier spare ich sie mir. Ich bleibe kalt, denn ich verstehe, wie sie arbeiten, und ich nenne sie faschistisch. Bei all dem gibt es einige Dinge, die bei mir hĂ€ngen geblieben sind, weil sie sehr interessant sind, eines davon ist: Was zur Hölle mache ich hier in GuĂ­a, um Menschen zu helfen und Familien umzusiedeln, wenn ich in Las Palmas sein sollte, um Geldautomaten und Container anzuzĂŒnden — das ist es, was Anarchist_innen zu tun haben. Das hat mir zu verstehen gegeben, dass sie sich viel mehr Sorgen machen, dass wir Anarchist_innen Familien helfen und ZwangsrĂ€umungen stoppen anstatt alles andere. Sie sagen mir auch, dass ich Guia mit all dem Pöbel fĂŒlle, den sie nicht in Jinamar oder Geria haben wollen. Die letzten beiden sind zwei Arbeiter_innenviertel, die sehr marginalisiert sind. Guia, fĂŒr diejenigen, die nicht von der Insel sind und es nicht kennen, ist ein sehr altes Viertel, mit einigen Nachbar_innen mit starker Kaufkraft, und wo sie stolz darauf sind, die Guardia Civil und die Judicial Party in der Gegend zu haben. La Esperanza scheint mit den „Werten“ des Ortes zu kollidieren. Da meine Ohren schon heiß waren, gab ich ihnen eine sehr einfache Antwort: Der Mob sind nicht die Leute, die ich verteidigte und denen ich half, umzusiedeln — der Mob sind die Politiker_innen und GeschĂ€ftsleute, deren Interessen ihr verteidigt.

Die Antwort gefiel ihnen nicht und sie verpassten mir die erste Ohrfeige. Gleich darauf legten sie mir Handschellen an und drĂŒckten mich auf den Tisch. Sie schlugen mir auf den RĂŒcken und dann begannen sie mich zu wĂŒrgen. Sie wĂŒrgten mich mehrere Male und beim letzten Mal fing ich an, Blut zu erbrechen und da hörten sie auf. Nach dem WĂŒrgen ist das erste, was ich sage, als ich wieder zu Atem komme, dass ich Habeas Corpus [Rechtsakt, um die Freilassung einer Person aus rechtswidriger Haft zu erreichen] will, dass ich zu einem Arzt*einer Ärztin gebracht werde und dass dieser Anwalt gerufen wird. Das hat sie gebrochen, denn sie dachten, sie hĂ€tten jemanden verhaftet, der keine Ahnung hat, wie das Verfahren bei einer Verhaftung ablĂ€uft. Von da an hörten die Beleidigungen und Kommentare nicht auf, aber die Aggressionen hörten auf. Am nĂ€chsten Tag erschien ich vor dem Richter und dieser stellte fest, dass es sich nicht um ein Verbrechen des Angriffs auf die AutoritĂ€t handelte, sondern um Ungehorsam. Sie legten Berufung ein (etwas Ungewöhnliches) und baten mich in den Knast. WĂ€hrend dieses sehr langen Prozesses von sechs Jahren wurden sie am Ende von Amts wegen wegen Folter und illegaler Inhaftierung angeklagt. Was ist da los? Dass wir den Brief von der Staatsanwaltschaft erhalten haben und sie einen Freispruch fĂŒr sie beantragen, weil ich keine Zeug_innen oder anschaulichen Beweise vorlegen kann, dass ich auf der Polizeiwache gefoltert wurde. Das ist das, was normalerweise passiert, wenn man auf der Polizeistation gefoltert wird und dass man sein Handy nicht rausholen kann und keine Freund_innen dort hat, um ihnen zu sagen: Hey, schau mal, was sie mit mir machen. Also, ich werde verurteilt und sie werden versuchen, mich damit fĂŒr ein paar Jahre ruhig zu halten (damit das Urteil nicht vollstreckt wird) und damit diese anarchistische Bewegung und die Hausprojekte, die hier entstanden sind, zu bestrafen.

– Kaos Canarias: Diese neue Inszenierung gegen deine Person wird inmitten einer Dynamik von Mobilisierungen zugunsten der Meinungsfreiheit veröffentlicht, die, wie du schon gesagt hast, eine Reihe von Problemen umfasst, die zum Teil das Ergebnis der Pandemie sind, die aber grĂ¶ĂŸtenteils auf WidersprĂŒche reagieren, die strukturell sind und dem System selbst innewohnen. Was ist deine Meinung zu diesem neuen Zyklus? Befinden wir uns in einer Dynamik, welche die 15M stilllegt, das mehrere Generationen betroffen hat?

– RuymĂĄn: Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, dass eine Dynamik wie die 15M reproduziert werden könnte, aber ohne die Fehler zu wiederholen — diese rote Linie eines missverstandenen Pazifismus, in der eine Straßensperre als Gewalt angesehen wurde und dass, wenn die Polizei angriff, die Leute applaudierten und denen VorwĂŒrfe machten, die dagegen Widerstand leisteten. Es scheint mir keine Erfahrung zu sein, die man wiederholen sollte. Aber alles andere, die Unzufriedenheit, die Übernahme des öffentlichen Raums, jetzt, wo es aufgrund von Covid-19 schwierig ist
 Wenn ich möchte, dass es reproduziert wird, sollte diese Unzufriedenheit als etwas Organisierteres aufrechterhalten werden. Das Problem ist, dass meiner Meinung nach ein Programm, ein Projekt fehlt, von dem, was wir wollen und was wir fordern. Und ich denke, und meine Meinung ist in diesem Sinne nicht sehr populĂ€r in der FAGC, dass es ein Problem ist, dass wir repressive Probleme (HasĂ©l, RuymĂĄn, wer auch immer) personalisieren. Ich sage das, weil der Personalismus alles andere ĂŒberschattet. Hier protestieren die Leute nicht fĂŒr den einen oder anderen, sie tun es, weil es chronisches Elend gibt, und weil es genĂŒgend GrĂŒnde gibt, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Das Problem ist, dass, wenn sich alles auf eine Person konzentriert und fokussiert, gĂ€be es dann keinen Grund mehr fĂŒr Unzufriedenheit, wenn HasĂ©l morgen begnadigt wird und gehen wir nach Hause? Wenn ich morgen freigesprochen werde (was nicht passieren wird), gibt es dann keinen Grund mehr, weiter zu fordern? Es gibt GrĂŒnde — hier gibt es immer noch ein Strafgesetzbuch, das Blasphemie unter Strafe stellt, es gibt immer noch ein Strafgesetzbuch, das festlegt, dass es ein Verbrechen ist, den König, die Krone, die autonomen Gemeinschaften zu beleidigen. Wenn ich hier sage: „Ich scheiße auf La Rioja“, bei aller Zuneigung zu den Menschen in La Rioja, kann mich ein Mann anzeigen und ein Richter wird mich fragen: Hast du in einem Interview mit KaosenlaRed gesagt, dass du in so eine autonome Gemeinschaft geschissen hast? Ich meine, so verrĂŒckt ist dieses System.

Kaos Canarias: Du hast gesagt, dass sich die RealitĂ€t auf der Insel in vielen Punkten von der des restlichen spanischen Staates unterscheidet. Die Migrationskrise, der institutionelle Rassismus, der die Viertel erreicht hat und dort eindringt, oder das Problem der Arbeitslosigkeit, das fast ein weiterer geschĂŒtzter Endemismus zu sein scheint, sowie die Arbeitsplatzunsicherheit, der Missbrauch von Arbeitgebenden, das Wohnungsproblem, etc. Denkst du, dass es eine Möglichkeit gibt, dass die Demonstrationen, die wir auf der Halbinsel gesehen haben, die Kanarischen Inseln erreichen? Oder steht vielleicht dieser neue Zyklus, ĂŒber den wir gesprochen haben, der eher insularer Natur ist und der auf diese Probleme oder andere, die wĂ€hrend des Interviews nicht aufgetaucht sind, antwortet, noch aus?

– RuymĂĄn: Ich glaube, dass es möglich und wĂŒnschenswert ist, aber ich weiß nicht, ob es passieren wird. Die Sache ist, dass wir auf den Kanarischen Inseln, ohne auf spezifische FĂ€lle einzugehen, sehr charakteristische und sehr spezifische UmstĂ€nde haben. Wir sind das Territorium des Ă€rmsten politischen Europas, wir haben eine Bevölkerung, die komplett in dem Sinne erzogen und aufgewachsen ist, dass dies nicht Afrika ist, und wir wissen kaum, was auf einem Kontinent passiert, der fĂŒnfundneunzig Kilometer entfernt ist, und doch sind wir ĂŒber jedes Problem, das in Europa passiert, voll informiert. Wir leben mit dem RĂŒcken zu unserer RealitĂ€t, und das gibt uns das GefĂŒhl, EuropĂ€er_innen zweiter Klasse zu sein, wenn es hier verheerende wirtschaftliche und soziale ZustĂ€nde gibt. Mit anderen Worten, die mittleren Viertel auf den Kanarischen Inseln befinden sich in einer viel Ă€rmeren Lage als vielleicht die großen ArmutssĂŒmpfe, die es in vielen Gebieten der Halbinsel geben mag. Das ist unsere RealitĂ€t, und es gibt GrĂŒnde, auf die Straße zu gehen. Wenn man ĂŒber den Anstieg der Arbeitslosigkeit oder der Jugendarbeitslosigkeit in Spanien spricht, sind es hier normale Werte. Diese RealitĂ€t, dass wir hier den Quadratmeter Miete mit zehn Euro bezahlen, oder sogar fĂŒnfzehn, wie willst du das bezahlen, wenn du ein Einkommen von vierhundertdreißig Euro hast? Das ist das, was die Leute als Taschengeld haben. DarĂŒber wird nicht gesprochen. Wir haben eine Bevölkerung, von der bekannt ist, dass sie objektive Kriterien hat, um die Stadt in Brand zu setzen, und die Art und Weise, wie das System dies verhindern musste, ist die Nabelschnur der Subventionen aufrechtzuerhalten, denn ohne diese gĂ€be es keine Möglichkeit, den sozialen Frieden zu erhalten. Wir haben eine Bevölkerung, in Vierteln, die bis zu siebzig Prozent Arbeitslosigkeit erreichen, die von diesen Subventionen leben soll. Es ist aber nicht so, sie leben von der Schattenwirtschaft. Das mit COVID-19 ist ein enormer Schlag fĂŒr die Wirtschaft der Familien gewesen. Das Problem ist, dass man alles in eine grĂ¶ĂŸere Kampagne einbeziehen muss und nicht alles isoliert sehen darf.

Es ist wahr, hier gibt es ein Problem der Meinungsfreiheit, ein veraltetes Strafgesetzbuch, aber wir mĂŒssen auch auf die Straße gehen, um das Einwanderungsgesetz zu beseitigen, denn wenn wir nicht Kompliz_innen dieser Gewalt sind, mĂŒssen wir hier rausgehen, denn es gibt vier Aristokraten, die das Land besitzen und das fast seit der Eroberung tun. Hier muss man auf die Straße gehen, weil wir genug davon haben, dass das Land der Hotellobby gehört. Hier muss man rausgehen, weil es beliebte Viertel (wie de San CristĂłbal) gibt, die durch Ferienwohnungen gentrifiziert werden, und am Ende werden die Armen ins Meer geworfen. Das Problem, und das muss die kanarische Bevölkerung sehr gut kennen, haben wir nicht mit unseren Nachbar_innen, mit den Migrant_innen, wir haben es mit denen oben. Es ist eine parasitĂ€re Klasse, es ist eine Hotellobby, die die Politik der Regierung nach Belieben steuert, ein Finanzkapitalismus, vertreten durch die Geierfonds, die bereits auf den Inseln gelandet sind, und 138.000 HĂ€user auf den Kanarischen Inseln halten. Leerstehend, um den Marktpreis zu erhöhen.

– Kaos Canarias: Glaubst du, dass dieser Prozess, mit dem du konfrontiert bist, eine Antwort auf eine Art von Schaden oder Rache ist, die gewisse lokale MĂ€chte gegen dich haben könnten, gerade wegen dieser aktivistischen Arbeit? Glaubst du, dass wir am Rande einer neuen Repressionswelle stehen, welche mit verschiedenen GefĂ€hrt_innen beginnt, aber dass das tiefe Meer neue Prozesse bringt, die darauf abzielen, den sogenannten sozialen Frieden zu erhalten?

– RuymĂĄn: Durchaus. Hier gibt es durch 15M BĂŒrger_innenschutzgesetze, da muss man wissen, dass Ungehorsam ein Verbrechen ist. Ordnungswidrigkeiten, kleine oder schwere, sind verschwunden, Verbrechen werden mit viel höheren GefĂ€ngnisstrafen bezahlt. Zum GlĂŒck hat es mich erwischt, bevor das Knebelgesetz angewendet wurde, denn sonst wĂ€re es eine viel höhere Strafe. All das liegt daran, dass die Regierung jedes Mal, wenn es soziale Unzufriedenheit gibt, so reagiert, wie sie reagiert, indem sie die Repression verschĂ€rft, damit die Leute Angst haben und nicht auf die Straße gehen. Wie auch immer, ich denke, dass sie es vielleicht auf eine sehr ungeschickte Art und Weise machen, denn wenn eine Person merkt, dass sie eine 6000 Euro Geldstrafe bekommen kann, weil sie nichts getan hat, dass ich ins GefĂ€ngnis gehen kann, weil ich nichts getan habe, dann stellt sich die Person vielleicht vor: da ich fĂŒr das Nichtstun verarscht werde, werde ich etwas tun. Die Repression ist sehr ungeschickt und verursacht das, was auf der Straße passiert. Wenn ich sage, wenn du dich nicht auf die Menschen konzentrierst, wenn du Macht hast, ist es töricht und eine spießige MentalitĂ€t, die es erlaubt hat, lange Zeit zu funktionieren und dass das der Grund ist, warum du glaubst, dass alle Bewegungen von FĂŒhrenden abhĂ€ngen. Die Bewegung auf Gran Canaria hat keinen AnfĂŒhrende. Wenn ein_e Sprecher_in krank wird, kommen zwei, drei neue. Ich bin nicht essentiell. Die Idee, dass sie mit der Anklage gegen mich die Bewegung beenden wĂŒrden, war eine absurde Idee, aber es erklĂ€rt, warum sie das getan haben, und dass es eine Eskalation der Repression gibt. Es ist kein Zufall, dass sie die acht Kolleg_innen in Katalonien mit diesem neuen absurden Fall der „Bic“-Feuerzeuge verhaftet haben. DiesbezĂŒglich wird auf den Tisch gelegt, dass ein Indiz fĂŒr ein Verbrechen darin besteht, dass die acht GefĂ€hrt_innen den gleichen Typ von Feuerzeug haben. Das ist etwas, was ein Anwalt schreibt und dann eine Zeitung veröffentlicht. Dann die zwei GefĂ€hrt_innen in Granada, weil sie fĂŒr die Freiheit von Pablo Hasel demonstriert haben oder die fĂŒnf GefĂ€hrt_innen in Euskal Herria, ĂŒber die nicht so viel gesprochen wird wie ĂŒber andere FĂ€lle. Es tut mir weh, dass sich unter den Inhaftierten Hierarchien bilden, dass einige von uns die Möglichkeit haben, ĂŒber unsere Situation zu sprechen und andere, deren Name nicht einmal bekannt ist, nun allein im GefĂ€ngnis sind und sich verlassen fĂŒhlen. Das betrifft uns alle. Was passieren kann ist, dass ich morgen entlassen werde, fĂŒr den unbegrĂŒndeten Tritt gegen einen Wachmann, und morgen nehmen sie euch ins Visier fĂŒr das mit mir gefĂŒhrte Interview. Das ist eine Kettenreaktion. Sie werden es bei jeder Person mit einer dissidenten MentalitĂ€t durchziehen. Wo ist das Problem? Dass sie gegen Anarchist_innen hetzen, wie es historisch geschehen ist, denn abgesehen davon, dass wir einen Diskurs haben, der, wenn er in die Bevölkerung eindringt, diese radikalisieren kann, gibt es ein weiteres Problem und das ist, dass wir sehr wenig soziale UnterstĂŒtzung haben. FĂŒr die acht GefĂ€hrt_innen, die in Katalonien inhaftiert sind, gab es keine Mobilisierungen wie die, die wir gesehen haben und fĂŒr die in Granada hat diese Dynamik auch nicht stattgefunden. Sie wissen, dass es nicht zu sozialen Protesten kommen wird, wenn sie uns treffen.

– Kaos Canarias: Vor ein paar Wochen haben wir die SolidaritĂ€tskampagne gesehen, die sich um deinen Fall dreht. Glaubst du, dass es auf Gran Canaria ein unterstĂŒtzendes Umfeld gibt, das in der Lage ist, diese Art von Problem anzunehmen? Sagen wir mal, das Management der Repression durch GefĂ€hrt_innen. Und international? Ich meine, wie werden wir diesen klassischen, libertĂ€ren Slogan in die RealitĂ€t umsetzen, der ausdrĂŒckt, dass SolidaritĂ€t nicht nur ein geschriebenes Wort sein sollte.

– RuymĂĄn: Das ist eine sehr gute Frage. Das Problem dabei ist, dass antirepressive KĂ€mpfe alle Ressourcen und KrĂ€fte in einer Sache absorbieren. Es sind KĂ€mpfe, die der Staat beginnt, weil er weiß, dass es ZermĂŒrbungsprozesse sind. Eine Person wird verhaftet, eine andere geht auf die Straße, um zur UnterstĂŒtzung zu demonstrieren und wird ebenfalls verhaftet, und so tragen sie zu diesem Teufelskreis bei, der die Bezahlung von AnwĂ€lt_innen und Bußgeldern nach sich zieht, und am Ende sogar Menschen ihrer Freiheit beraubt werden. Am Ende nutzt sich die antirepressive Front sehr ab, und deshalb wollen sie uns in diese Dynamik bringen. Aber ich bin sehr optimistisch, ich sehe die GefĂ€hrt_innen der Gewerkschaft und der FAGC, die die Insel tapezieren — das ist etwas, was mich sehr erregt, ich sehe Graffiti in Barcelona, auf Katalanisch, die meine Freiheit fordern, ich bin bewegt von der Tatsache, GefĂ€hrt_innen aus Deutschland zu sehen, Kolleg_innen, die das auf Englisch verbreiten und in der ganzen Welt einen Kurs geben. Ich denke, dass wir nicht die Massenbewegung sind, die wir vielleicht vor achtzig Jahren waren, aber, die besten Menschen, die ich kenne, sind in der anarchistischen Bewegung, und sie sind unter denen, die sich Anarchist_innen nennen und alles geben, damit sich ein_e Partner_in nicht alleine fĂŒhlt, und sie geben alles. Wir können nicht naiv sein und denken, dass SolidaritĂ€t die SchlĂ€ge aufhalten wird, aber es macht uns viel besser, wenn es darum geht, sie zu empfangen. Heute bin ich sehr stolz auf die Bewegung, auf die innerhalb des spanischen Staates wie auch des internationalen Raumes. Wenn sie das alles fĂŒr einen wie mich, jemand der arm dran ist, tun können, ist es klar, dass sie das Gleiche fĂŒr jede Person tun werden, wenn die Repression hier auf den Inseln schlimmer wird.

– Kaos Canarias: Wir sind am Ende des Interviews angelangt, und gerade weil wir hoffen, dass sich diese SolidaritĂ€t weiter ausbreitet, stellen wir dir die letzte Frage: Wie können sich andere GefĂ€hrt_innen mit dir solidarisieren, oder sogar von anderen GefĂ€hrt_innen wissen, die einen Ă€hnlichen Prozess durchmachen und auch diese Betreuung und gegenseitige UnterstĂŒtzung brauchen, die so oft notwendig ist?

– Ruyman: Im Moment ist das, was wir am meisten brauchen, die Stimme, vor allem um das Wort zu verbreiten. Es gibt viele Kolleg_innen, die uns kontaktiert haben, um herauszufinden, ob Geld benötigt wird, da die Rechtskosten abgedeckt sind. Wir wussten, was auf uns zukommen wĂŒrde und glĂŒcklicherweise ist dieser Aspekt abgedeckt. Wir brauchen diese Stimme, dass Menschen sich engagieren und dass sie sich nicht nur fĂŒr diese spezielle Sache, sondern fĂŒr die UnterdrĂŒckung im Allgemeinen einsetzen, dass sie mobilisieren, dass sie sich bewegen. Wir brauchen jede Person, die empört ist ĂŒber das, was sie mir antun wollen und sich sagt: verdammt, was fĂŒr Bastarde sind diese Leute und was kann ich tun. Nun, tritt der Mieter_innenvereinigung von Gran Canaria bei. Auch wenn du kein Wohnungsproblem hast, kannst du uns sehr helfen, wenn du dir die Webseite der Gewerkschaft anschaust, das Telefon siehst und anrufst und sagst, ich will beitreten. Das gleiche mit der FAGC, Wir haben kein öffentliches Telefon (wir werden es dem Innenministerium nicht so einfach machen), aber sie können uns ĂŒber die Gewerkschaft finden.
Die beste Medizin gegen die Repression ist es den Sprecher*die Sprecherin zu machen, also den Fall und Informationen darĂŒber bekannt zu machen, sich den Gruppen anzuschließen, die angegriffen werden und dem System zu zeigen, dass das, was sie tun, erbĂ€rmlich ist. Dass das Einsperren einer Person ins GefĂ€ngnis den Hunger nicht beenden wird, die Arbeitslosigkeit nicht beenden wird, dass selbst wenn eine Person fĂŒr hundert Jahre eingesperrt wĂŒrde, das Elend auf diesem Boden weitergehen wird. Nichts davon wird diese Situation, die wir erleben, beenden. Es gibt einen Satz, den ich sehr mag, weil er zutiefst real ist: Das Gesetz ist stark, aber noch viel stĂ€rker ist das BedĂŒrfnis. Und dieses BedĂŒrfnis bringt man nicht zum Schweigen mit GitterstĂ€ben, noch mit Stöcken, noch mit GummiknĂŒppeln, noch mit Foltern. Dieses BedĂŒrfnis kann man einzig und allein dadurch stillen, indem man auf der Straße kĂ€mpft, bis man erreicht, dass sich unsere LebensumstĂ€nde verĂ€ndern.


Interview von Miguel Delgado fĂŒr Kaos Canarias

ErklÀrungen:

[1] Die Guardia Civil ist eine spanische Polizeieinheit, die sowohl militÀrische als auch zivile Funktionen wahrnimmt.

[2] Die Bewegung entstand am 15. Mai 2011. In zahlreichen StĂ€dten in ganz Spanien besetzten Menschen die zentralen PlĂ€tze ihrer StĂ€dte. Wie einige Monate zuvor der Tahrir-Platz in Ägypten und einige Monate spĂ€ter, von USA ausgehend, weltweit „Occupy Wall Street“. Benannt ist die Bewegung der „Empörten“ – wie sie auch genannt wurden – nach dem Twitter-Hashtag bzw. Datum, #15m = 15. Mai. Siehe auch [3]

[3] gemeint ist die Immobilienkrise, die in Spanien auf die globalen Finanz/Bankenkrise folgte und die 2011 quasi dort die InitialzĂŒndung war fĂŒr die massive Bewegung und Sozialproteste „Der Empörten“, oder 15M, wie sie auch genannt wurde. Siehe auch [2]

[4] „Arbeit in B“ ist im spanischen Kontext jegliche nicht-angemeldet Arbeit. Sei es weil es ohne Arbeitsvertrag ist, weil es eine inoffizielle/irregulĂ€re TĂ€tigkeit ist, weil keine Steuern abgefĂŒhrt werden (Haushaltshilfen, Alten- und Kinderpfleger_innen, Kellner_innen. Es gibt viele Kellner_innen, die keinen Arbeitsvertrag haben oder einen mit viel weniger Stunden, als sie tatsĂ€chlich arbeiten), Tagelöhner_innen auf dem Feld, Erntehelfer_innen. Das sind in der Regel prekĂ€re Menschen, die solche Arten von „Arbeit in B“ annehmen mĂŒssen. Es gibt somit also auch keine AnsprĂŒche auf Arbeitslosengeld, Sozialversicherung usw.

[5] Intxaurrondo ist ein berĂŒchtige Kaserne der Guardia Civil im Baskenland. Es gibt auch deutschsprachige Artikel zum Thema:

https://www.jungewelt.de/artikel/397062.staatsterrorismus-folter-als-g%C3%A4ngige-praxis.html

https://jungle.world/artikel/2000/01/alles-fuer-das-vaterland

https://www.heise.de/tp/features/Manche-Moerder-sind-gleicher-3424041.html

[6] „Rojo“, Roter, nennen die spanischen Faschist_innen im Grund genommen, alles was links von ihnen ist (also alles). Eine Differenzierung zwischen Kommunist_innen und Anarchist_innen ist von diesen ReaktionĂ€ren auch nicht zu erwarten.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de