Januar 14, 2021
Von End Of Road
217 ansichten


kopiert aus der taz

Aktivist*innen möchten in der Bremer Dete einen Raum fĂŒr Frauen, Lesben, Inter-, non-binĂ€re, Trans- und a-Gender-Personen (Flinta*) schaffen. Warum?

taz: Warum braucht Bremen einen Raum fĂŒr Frauen, Lesben, Inter-, non-binĂ€re, Trans- und a-Gender-Personen, kurz: Flinta*?

Lotta: Dass sich eine Gruppe von Menschen zusammentut und viel Zeit, Energie und Nerven darauf verwendet, einen solchen Raum zu schaffen, ist doch der Beweis dafĂŒr, dass es einen solchen Raum braucht!

Annika: Hier gibt es sowieso zu wenig KulturrĂ€ume, vor allem aber keine eigenen RĂ€ume nur fĂŒr Flinta* und auch nur sehr wenige Veranstaltungen fĂŒr sie. FĂŒr Inter- und non-binĂ€re Personen gibt es ĂŒberhaupt keine Angebote.

In den letzten Wochen wurden Sie mehrmals angegriffen.

Lotta: Es gab Schmierereien, es wurden Böller geworfen und es wurde eine FDP-Fahne draußen an die Dete gehangen.

Haben Sie eine Vermutung, wer dahinter steckt?

Annika: Es gibt es einige Anwohner*innen und andere Leute, die ein Problem mit uns haben und nicht kommunizieren wollen. Genau wissen wir es nicht, aber es gibt da irgendwie eine feindliche Haltung. Das zeigt ja schon, dass wir einen Nerv getroffen haben.

Haben alle Anwohner*innen ein Problem mit Ihnen?

Annika: Es gibt auch nach wie vor ganz viel SolidaritÀt von Anwohner*innen und das ist sehr schön.

Welchen Gefahren sind Flinta* in Bremen ausgesetzt?

Annika: Flinta* sind in einer patriarchalen Gesellschaft einer Vielzahl von Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen ausgesetzt, sei es durch Sexismus, Queer-Feindlichkeit oder Rassismus. Das kann ganz verschiedene Formen annehmen: Flinta* können sich nicht ĂŒberall sicher fĂŒhlen, sie mĂŒssen Diskriminierungserfahrungen machen und können sich nicht so ausleben, wie sie möchten.

Lotta: Vielen Frauen in der Mehrheitsgesellschaft ist schon bewusst, dass sie unterdrĂŒckt und benachteiligt sind. Personen, die noch auf andere Arten diskriminiert sind oder politischen Minderheiten angehören, haben es aber noch viel schwerer in dieser Gesellschaft. Wir haben den Anspruch, all denen einen Platz zu geben.

Finden sich solidarisierende MĂ€nnern auch irgendwo Platz?

Annika: Das ist auf jeden Fall ein schwieriges Thema. Wir bleiben dabei, dass das Haus selbst Flinta*-only ist, und dass auch nur Flinta* die Entscheidungen treffen. Wir freuen uns auch, wenn sich Cis-MÀnner solidarisch zeigen wollen. Aber es muss immer deutlich sein, dass das unser Raum ist und wir da keine ZugestÀndnisse machen.

Wo liegt der Fortschritt, wenn Cis-MĂ€nner kategorisch ausgeschlossen werden?

Lotta: Es geht erst einmal darum, dass es einen Raum gibt, an dem ich mich sicher fĂŒhle.

Annika: Wir möchten einen Raum bieten fĂŒr politische Plena, fĂŒr Veranstaltungen und fĂŒr den Austausch ĂŒber Themen – der in einem Rahmen stattfindet, in dem die Leute sich offen Ă€ußern können und sich nicht durch cis-mĂ€nnliches Sprechverhalten dominiert fĂŒhlen mĂŒssen.

Tommy: Oft wird uns von Cis-MĂ€nnern Ausgrenzung unterstellt. Aber es ist in dieser patriarchalen Gesellschaft wichtig, diesen Freiraum zu haben. Und wenn Cis-MĂ€nner an diesem kleinen Ort nun mehr oder weniger ausgegrenzt werden, ist das eine Erfahrung, die sie sonst so nicht machen mĂŒssen.

Wie dĂŒrfen Sie die Dete derzeit ĂŒberhaupt nutzen?

Lotta: Zur Zeit findet keine Besetzung statt! Die Klage des EigentĂŒmers wurde zurĂŒckgezogen. Er hat im Prinzip gesagt: Unsere Gruppe kann das Haus fĂŒr ein Jahr nutzen, aber die Stadt muss sich darum kĂŒmmern. Gerade können wir uns also legal hier aufhalten und sind nun dabei, die Situation durch GrĂŒndung eines Vereins auf rechtlich stabile FĂŒĂŸe zu stellen.

Wie stehen Sie zu finanzieller UnterstĂŒtzung durch die Stadt?

Annika: Uns ist wichtig, dass wir uns nicht in unsere inhaltlichen Entscheidungen hineinreden lassen. Wir wĂŒrden uns gerne selbst finanzieren können. Das ist gerade, auch aufgrund von Corona, nicht möglich. Insofern finden wir es auch okay, Fördergelder anzunehmen.

Was ist von der „rosaroten Zora“ und der ursprĂŒnglichen Besetzung ĂŒbriggeblieben?

Annika: Wir sind ja nicht dieselbe Gruppe, sondern haben uns wĂ€hrend der Besetzung auf der Straße zusammengefunden und danach das Haus ĂŒbernommen.

Was unterscheidet Sie?

Annika: Im Gegensatz zur „rosaroten Zora“ haben wir den Weg gewĂ€hlt, verhandeln zu wollen. Die „rosarote Zora“ hatte das abgelehnt. Wir können also nicht fĂŒr sie sprechen.

FĂŒhlen Sie sich von der Politik verstanden?

Lotta: Vor allem mit den Personen, mit denen wir gerade in Kontakt stehen, haben wir ein gutes GesprÀchsklima.

Links organisierte Gruppen werden schnell mit gewaltbereit-anarchistischen Aktionen in Verbindung gebracht. Schadet das Ihrem Ruf?

Annika: Was ich bezeichnend finde: Akteure wie die CDU bringen uns lieber mit irgendwas in Verbindung oder halten sich an Sachen auf wie: „Da ist ein BĂŒrgersteig nicht frei“ – anstatt sich um unsere Anliegen zu kĂŒmmern.

Tommy: Allerdings stehen wir unter stĂ€ndiger Polizei-Beobachtung. Teilweise gibt es da auch willkĂŒrliche Aktionen wie Ausweis-Kontrollen.

Kritiker*innen sagen, dass man Ihnen den roten Teppich ausrolle, was unfair anderen gegenĂŒber sei, die sich legal um einen Raum bemĂŒhen.

Annika: Ich finde das unfair und sehe nicht, dass wir den roten Teppich ausgerollt bekommen. Außerdem nehmen wir ja keiner anderen Gruppe irgendetwas weg.

FĂŒhlen Sie sich von den Politiker*innen, mit denen Sie sprechen, instrumentalisiert?

Lotta: NatĂŒrlich hat Politik immer etwas mit Profilierung zu tun. Aber ich glaube auch, dass die Personen, mit denen wir sprechen, uns zuhören, uns verstehen und versuchen, gemeinsam mit uns auf eine Lösung hinzuarbeiten.

Wie organisieren Sie sich?

Annika: Wir haben ein großes Plenum, das die Entscheidungen trifft und einzelne Arbeitsstrukturen, die eigene Bereiche ĂŒbernehmen.

Die Dete können Sie nur zwischennutzen – das ist keine langfristige Lösung.

Annika: Die Stadt hat uns zugesichert, mit uns gegebenenfalls einen anderen Raum zu suchen und zu finden. Die Vereinbarung besagt, dass dauerhaft ein Flinta*-Raum in Bremen geschaffen wird und das ist uns auch wichtig.




Quelle: Endofroad.blackblogs.org