Januar 19, 2021
Von Paradox-A
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Lesedauer: 4 Minuten

Einige Gedanken zu Brian Massumi, „Everywhere you want to be. Introduction to fear“ (1993)

Der erwĂ€hnte Text, welche nun bereits wieder 28 Jahre alt ist, warf einige weitere Gedanken bei mir auf. Es handelt sich um einen poststrukturalistischen Text, auch wenn er die Annahme Sprache konstruiere soziale RealitĂ€t, dadurch erweitert, dass die Affekttheorie geradezu von einer Produktion sozialer RealitĂ€t durch Affekte ausgeht. Ohne mich bisher tiefgehender damit beschĂ€ftigt zu haben, erscheint mir diese Herangehensweise sinnvoll, um die Vorstellung des vermeintlich kohĂ€renten, sich selbst setzenden, sich selbst bewussten Subjektes in Frage zu stellen. Mit anderen Worten, davon auszugehen, dass wir uns als fĂŒhlende FleischsĂ€cke durch die Welt bewegen, geformt und motiviert von Affekten, welche auf uns einwirken.

Diese sind in der Gegenwartsgesellschaft maßgeblich von einer diffusen Angst geprĂ€gt, welche uns zu einer Grunderfahrung der groundlessness fĂŒhren. Die zeitgenössische Subjektform beschreibt Massumi als eine „accident-form“. Gewissermaßen verstehen wir uns alle als Überlebende aufgrund der bloßen Tatsache, dass wir nicht in einer der zahlreichen Katastrophen zu Schaden oder zu Tode kamen. Zugleich bewegen wir uns aber in einer permanenten Gefahr, zu sterben oder zu schaden zu kommen. Die zeitgenössischen Subjekte unterliegen alle der Erfahrung des Fallens, welche sie zutiefst prĂ€gt. Auch wer den apokalyptischen Zustand in welchem wir unsere Leben tĂ€glich bestreiten, von sich fernhalten und darĂŒber stehen kann, ist mit einer solchen Haltung bereits Produkt der Unsicherheit, ja der permanenten Kriegssituation, welche Auseinandersetzungen anzunehmen scheinen. Der Feind scheint uns ĂŒberall und immer zu bedrohen. Diese Bedrohung thematisiert Massumi jedoch nicht weniger als eine reale, welche sie freilich ebenfalls ist, denn als eine virtuelle.

Im Zeitraum zwischen den 1960er bis 1990er Jahren machte die kapitalistische Vergesellschaftung Prozesse der Fluidification und der Intensification durch. Das heißt die vormaligen Grenzen des Kapitalismus lösten sich auf und wurden „internalisiert“, wĂ€hrend zugleich die Subjekte selbst in vertieft aufgesogen haben. Neben der globalen Ausdehnung des Kapitalismus, haben wir es mit seiner VerĂ€nderung dahingehend zu tun, als dass er sich in Dienstleistungsbereiche ausdehnte. Die herkömmliche industrielle Produktion in den westlichen Post-Industriestaaten wurde ausgelagert und wich einer Kommodifizierung (= „Zur-Ware-machen“) vormals nicht als Ware behandelter Dinge und Beziehungen. Ein gutes Beispiel sind dafĂŒr sicherlich die sozialen Medien, in welchen mittlerweile ein Großteil der Menschen Daten generiert, welche in ihrer Warenform und ImmaterialitĂ€t schwer zu begreifen sind. Damit einher gehe laut Massumi, dass auch die persönliche IdentitĂ€t immer stĂ€rker individuell (sozusagen als dauerhaftes „Projekt“) erzeugt und erschaffen werden mĂŒsse. Dies geschĂ€he durch die Form kapitalistischen Konsums, welcher nicht lediglich des sozialen Status, sondern darĂŒber hinaus auch die scheinbar persönlichen PrĂ€ferenzen, veranschaulichen soll. Ebenso betrĂ€fe dies die Lohnarbeit, beziehungsweise das SelbstverstĂ€ndnis vieler zeitgenössischer Lohnarbeitenden, fĂŒr welche Freizeit verschwindet, da IdentitĂ€t permanent konstruiert werden mĂŒsse.

Was die Ebene des Virtuellen angeht, verstehe ich Massumi so, dass seine Kritik sich keineswegs darauf richtet, dass der die mediale Darstellung der Katastrophen, welche die Gegenwartsgesellschaft produziert (und fĂŒr welche prinzipiell auch bestimmte Menschen verantwortlich gemacht werden können und sollten) selbst ablehnt. Im Gegenteil, dass es Berichterstattungen ĂŒber Katastrophen gibt, ist die Voraussetzung fĂŒr ihre Kritik, demokratische Verhandlung und perspektivische Verhinderung. Massumi kritisiert aber die Form der Darstellung, die spezifische Erzeugung von VirtualitĂ€t. Gerade die Abbildung des Schreckens – oftmals live und in Farbe – verunmögliche eine kritische gesellschaftliche Debatte und damit auch ein potenzielles Aufbegehren gegen jene HerrschaftsverhĂ€ltnisse, welche auf Zerstörung grĂŒnden und sie permanent hervorbringen. Im 1993 erschienene Beitrag werden beispielsweise der Chemie-Unfall in Bhopal (1984), der Super-GAU von Tschernobyl (1986), die Explosion des Space-Shuttles Challanger (1988), die Ölpest in Alaska mit der Exxon Valdez (1989) und der Golfkrieg (1990) genannt.

Es wirkt, als wĂ€ren derartige destruktiven Großereignisse Ende der 1980er und Anfang der 1990er auf eine neue Weise medial aufbereitet worden, weswegen sie fĂŒr Massumi zum Gegenstand des Interesses werden. Dreißig Jahre spĂ€ter ließe sich diese Liste kontinuierlich fortsetzen. Schlimmer noch: Ganz im Gegensatz zum erzeugten Image umweltfreundlicherer Technologien oder eines möglicherweise ausgedehnteren Umweltrechts mit internationaler Verankerung, sind aktuelle Desaster keineswegs weniger verheerend als jene die Massumi nennt. Aus der Exxon Valdez liefen 37075 Tonnen Öl aus. Bei der Explosion der Erdölplattform Deepwater Horizont 2010 flossen ca. 672.000 Tonnen Öl in den Mexikanischen Golf. Dort hatte es bereits 1979 eine Ölkatastrophe gegeben, bei welcher 400.000 bis 1.400.000 Tonnen ins Meer gerieten, wĂ€hrend es 1991 eine Ölpest im Persischen Golf gab, bei welcher 800.000 bis 1.700.000 Tonnen Öl austraten. Ähnliches ließe sich fĂŒr das Nigerdelta oder Westsibirien darstellen1. Dennoch wurde der Unfall der Exxon Valdez zu einem medialen Großereignisse, welches offenbar verschiedene gesellschaftliche Debatten nach sich zog, was fĂŒr die anderen Ölkatastrophen nicht im selben Maße gesagt werden kann. Hierbei geht es also um die Weise der medialen Darstellung, welche Virtuelles erzeugt und damit auch RealitĂ€t schafft.

Dies wirkt auch in umgekehrter Richtung. Im Beitrag wird unter anderem ein misogynes Massaker in Montreal von 1989 genannt. Der TĂ€ter separierte seine Geiseln und erschoss 14 Frauen. Das Ereignis rief eine Welle morbider Faszination hervor und fĂŒhrte zu einer ausgiebigen medialen Besprechung. Die Journalisten schienen vor allem davon beeindruckt zu sein, dass der TĂ€ter ein so ĂŒberaus gewöhnliches Leben zu fĂŒhren schien. WĂ€hrend also offenbar lang und breit in den Medien diskutiert wurde, ersetzte dieser virtuelle Pseudo-Diskurs gewissermaßen eine „echte“ gesellschaftliche Debatte. In der Folge geschah laut Massumi nichts, was den GrĂŒnden fĂŒr Femizide entgegenwirkte. Im Gegenteil stieg die Gewalt gegen Frauen in der betreffenden Region in den folgenden Monaten sogar an. An diesem Beispiel wird gut deutlich, wie die Virtualisierung von Angst einerseits zu einer ungreifbaren, permanenten Angst als Grundbedingung des Seins in der Gegenwartsgesellschaft fĂŒhrt und das GefĂŒhl des Fallens erzeugt. WĂ€hrend sie andererseits den Eindruck erzeugt, die bestehenden HerrschaftsverhĂ€ltnisse und demnach auch die Ursachen fĂŒr Destruktion seien unangreifbar und unabĂ€nderbar. Moderne Medien produzieren – so verstehe ich Massumi – das GrundgefĂŒhl „Katastrophen“ schicksalshaft ausgeliefert zu sein. Damit verhindern sie wie gesagt Rebellion gegen die Ursachen der Zerstörung, ergo auch die Verantwortlichen effektiv zur Rechenschaft zu ziehen. Zugleich wird das aus diesen Darstellungen (realer) katastrophaler Ereignisse hervorgegangene accident-Subjekt in einen permanenten (wenn auch unterschwelligen und oft ungreifbaren) Angstzustand versetzt. Dieser kann nur durch eine Weise des Konsums von Waren kompensiert werden, der kein „echter“ Genuss sein kann, sondern lediglich ein Versuch, dem Tod zu entgehen, vor ihm (zeitweilig) geschĂŒtzt zu sein und das GefĂŒhl zu erlangen, am Leben zu sein. Weil wir affektuell auf die virtuelle Darstellung reagieren mĂŒssen, können wir die real geschehenden Ereignisse kaum mehr beeinflussen. ~ Soweit meine Darstellung und Interpretation.




Quelle: Paradox-a.de