Juni 23, 2021
Von La Presse
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English below – Dem Betreiber eines Hähnchen-Grill wird in Chatgruppen vorgeworfen er sei ein türkischer Nationalist. Einer Pizzeria, die von Migrant*innen betrieben wird, wurden die Scheiben eingeworfen weil sie die Polizei rief. In der „Pause“, dem Ladengeschäft, wo über Jahre der Späti Lazy Dog“ ansässig war, gab es Glasbruch – der neue Laden wird gemieden, Betreiber und Gäste werden schief angesehen. Nicht zuletzt haben wir vielleicht mit einem Artikel zum Mietrecht für Gewerbetreibende dazu einen Beitrag geleistet. Auch deshalb wagen wir einen zweiten Blick auf den Konflikt in Connewitz und der Perspektivwechsel verleitet uns zu einer selbstkritischen Reflektion.
Es wirkt geschäftig in der „Friseur Akademie“ auf der Karl-Liebknecht-Straße. Durch den Salon begeben wir uns auf den Freisitz in den Hinterhof. Der Sonnenschirm weist Brandlöcher auf. „Es gab Mieter, die haben ihre Zigaretten bewusst hinuntergeworfen, als wir unser Geschäft eröffneten. Inzwischen sind sie ausgezogen. Mit den anderen im Haus kommen wir gut klar. Mit einigen sind wir sogar befreundet“ meint Aysel beiläufig. Ihr Handy vibriert im Minutentakt, dennoch sind Ihre wachen und herzlichen Augen die meiste Zeit auf uns gerichtet. Lediglich wenn ihr Mann, Ugur, etwas nicht verstanden hat, oder die deutschen Worte nicht findet, wenden sie sich ihm zu. 
Seit wann seid ihr im Geschäft? 
Aysel: Ich bin 1993 nach Deutschland zu meinem Bruder gekommen. In 2011 eröffnete ich einen kleinen Friseursalon neben der Sparkasse in Connewitz. Nachdem mein Mann 2014 nach Deutschland kam, mieteten wir den größeren Salon auf der „Karli“. Wir sind hier Mieter, uns gehört der Laden nicht. Für unsere Seminare mussten wir bis dahin immer Hotels buchen. Das war kein Zustand.
Der Salon wirkt sehr hochwertig – und divers
Aysel: Wir tun was wir können. Das es nicht leicht ist Fuß zu fassen, habe ich am eigenen Leib erlebt. Momentan haben wir zehn Auszubildende mit Migrationsbiografie, teilweise werden sie über eine Ausbildungsduldung vor der Abschiebung bewahrt. Während des Lockdown mußte das aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Dazu noch die Kredite, dem vom Laden und unserem neuen Projekt. 
Damit wären wir beim Punkt. Das Bild der bösen Kapitalisten, die einen Spätverkauf verdrängen.
Ugur: Ich sehe mich als Künstler. Von Spätverkäufen oder Immobiliengeschäften habe ich keine Ahnung. Wir arbeiten hart um zu überleben, die Kredite zu bedienen. Die Miete unseres Salons steigt von Jahr zu Jahr – der Vertrag läuft noch ein paar Jahre und um in Zukunft die Miete zu ersparen haben wir die Immobilie in Connewitz gekauft. Wir wollten für unsere Familie eine sichere Zukunft schaffen. Wir stehen 6 Tage die Woche von früh bis spät im Laden, machen nur wenig Urlaub. Das alles machen wir gern, wir lieben unseren Beruf und haben zu den meisten Kunden ein sehr persönliches und inniges Verhältnis. Es hat mich wirklich sehr erschrocken, wie ich mich plötzlich dafür rechtfertigen muss, als böse Kapitalistin abgestempelt werde. Das macht mich wirklich traurig.
Aysel: Als ich die Geschichte vom Lazy Dog“ las, wie oft sie umziehen mussten, hat mir das Leid getan. Das wußte ich nicht. Hinsichtlich der schwachen Position von Gewerbemieter*innen sitzen wir sogar im selben Boot. Die ständige Unsicherheit. Als uns eine Maklerin das Objekt in Connewitz zum Kauf anbot und eine Kalkulation vorlegte, haben wir uns für den Kauf entschieden.
Ursprünglich wollten wir die Mietverträge auslaufen lassen und die Räume selber nutzen. Salon und Wohnraum. Für unseren Mietvertrag des Salons auf der Karli befanden wir uns schon im Gespräch mit einem Nachmieter. Dann kam der Lockdown. Als der Schwager und Cousin meines Mannes arbeitslos wurden, Bewerbungen wegen ihrer Deutschkenntnisse im Sande verliefen, boten wir ihnen die Fläche für einen Imbiss an.
Das alte Lazy Dog war aber zwischenzeitlich für 2.500€ zur Vermietung ausgeschrieben.
Aysel: Und das unsaniert. Die Maklerin meinte, dass der Preis marktüblich sei. Ich habe gar nicht weiter darüber nachgedacht. Der Druck im Lockdown, die Unsicherheit: Wie geht es weiter für mich und unsere Angestellten. Wie soll ich die Kredite zahlen und die hohe Miete für meinen Laden in der Karli. Das hat mich sehr belastet, ich habe nächtelang nur schlecht geschlafen und hin und hergrechnet. Dazu die Sorge um meinen  Schwager und Cousin, wovon einer ebenfalls abschiebebedroht ist – und zwingend eine Perspektive braucht. Das Angebot wurde schnell wieder aus dem Netz genommen. Ich war von vornherein dagegen. Selbstkritisch kann ich sagen: Ich habe viel gelernt.
OK, ihr wirkt augenscheinlich nicht wie die bösen Immobilienspekulaten, dennoch war es irritierend, dass eine Kopie des Lazy Dog in deren alten Räumen entstand. Inzwischen sieht es eher nach einem Dönerladen aus.
Aysel: Wenn uns wegen Eigenbedarf gekündigt werden würde und unser Geschäftskonzept hier Einzug hält, wäre ich ebenso irritiert. Seit 1.5.2021 hat die „Pause“ eine Erlaubnis Speisen zu verkaufen. Die Hygiene war erst diesen Montag wieder da, um letzte Bau-Maßnahmen abzustimmen. Für die Lüftungsanlage fehlt noch die Zustimmung des Hauses. Die „Pause“ muss sich schlicht den Gegebenheiten anpassen. Auf harten Wettbewerb ist das konzeptionell nicht angelegt, das passt auch nicht zu unseren Werten. Dass, wie im alten Lazy Dog“, Hot-Dogs verkauft werden, wollte ich nicht – auch wenn es die Rindfleischvariante war.
Ugur: Wir sprechen hier von unseren zukünftigen Nachbarn, ihren und unseren Kindern. Wenn ich im Laden zu Besuch bin, werde ich angesehen wie ein Monster. Beim Anschlag auf den Laden waren Mitarbeiter dort. Sie hatten Angst, haben in dem Moment nur an ihre Kinder gedacht. Und die Angst ist bis heute geblieben.
Ist Connewitz rassistisch?
Aysel: Ich dachte immer Connewitz sei Multi-Kulti. Schaut mich an, ich bin eine moderne Frau und habe oft genug Konflikte mit patriarchalen Strukturen – auch innerhalb der Familie. Rassismus kannte ich bislang vor allem aus Erzählungen – wenn Frauen ein Kopftuch tragen. Nach dem Thema „Pause“ habe ich Angst mit meinen Kindern (3, 18) in Connewitz zu wohnen. 
Beim Stichwort Familie drängt sich uns eine persönliche Frage auf.
Nach diesen Worten ist es uns etwas peinlich nach den zahlreichen Unternehmen zu fragen, die sich in eurem Netzwerk befinden sollen. Darunter soll sich ein ehemaliger Bäcker in Connewitz, ein Cafe an der HTWK, ein Waffel-Laden auf der Karli, zwei Dönerladen auf der Prager Straße, ein Dönerladen sowie ein Feinkostladen in einem Einkaufsmarkt befinden – dazu auch eine Firma die sich mit Ladenausbau beschäftigt. – Wir zeigen den beiden das Foto eines Transporters einer Ladenausbau-Firma. 
Aysel: (lacht herzhaft) Natürlich habe ich höchstpersönlich den Auftrag von Erdogan erhalten für Ihn ganz Leipzig aufzukaufen. Als brave Frau habe ich zu folgen – grade mit kurdischem Hintergrund. Mal im Ernst: Zum weiteren Kreis der Familie gehören zwei Dönerläden auf der Prager Straße, sowie der Döner- und Feinkostladen im Einkaufsmarkt. Jeweils die eigenen Läden unserer Verwandten, zum Teil selbst zu hohen Preisen eingemietet. Wenn das Familie ist, bedeutet das aber doch nicht, dass wir mit den Geschäften zu tun haben. Das sind eigene Familien, die mit Ihren Kindern ebenso hart arbeiten wie wir. Bei der Recherche habt ihr übrigens den Laden vergessen, der uns wirklich noch gehört: Der kleine Salon in der Arthur-Hoffmann-Straße. Irgendwo müssen die Azubis nach der Ausbildung ja auch arbeiten.
Aysel besteht darauf die Passage zu veröffentlichen. Ihre herzlichen Augen drücken Besorgnis aus. „Das zeigt, wie über Gerüchte Feindbilder konstruiert werden. Das ist unglaublich.“
Wir beenden das Interview im Salon und verabreden uns für ein Foto in der „Pause“. „Ugur kann nicht mitkommen. Einer muss in der Akademie bleiben“ wirft uns Aysel zu, während sie ihr Mobiltelefon greift um aufzubrechen. In der Pause angekommen wollen wir wissen was mit dem „Betreuten Wohnen“ im Objekt sei. Dort laufe der Mietvertrag ja auch aus. „Das stimmt. Bis heute hat sich der Mieter nicht bei uns gemeldet, ob er Interesse hat, dort zu bleiben. Es gibt Gerüchte, wir hätten die Miete erhöht. Das ist eine Lüge.“ – Wir verlassen das Bistro und schwatzen noch ein bisschen vor der Tür, dabei werden wir mit Argusaugen von Passant*innen beobachtet.  /MS 
Is Connewitz racist? – Guest in the „Pause
The operator of a chicken grill is accused of being a Turkish nationalist in chat groups. The windows of a pizzeria run by migrants were smashed because they called the police. In the „Pause“, the store where the Späti „Lazy Dog“ was located for years, there was glass breakage – the new store is avoided, operators and guests are looked at askance. Last but not least, we may have contributed to this with an article on tenancy law for tradespeople. This is another reason why we dare to take a second look at the conflict in Connewitz, and the change of perspective tempts us to self-critical reflection.
It seems busy in the „Friseur Akademie“ on Karl-Liebknecht-Strasse. Through the salon, we make our way to the outdoor seating area in the backyard. The parasol has burn holes. „There were tenants who deliberately threw down their cigarettes when we opened our business. They have since moved out. We get along well with the others in the building. We’re even friends with some of them,“ Aysel says casually. Her cell phone vibrates every minute, yet her alert and warm eyes are focused on us most of the time. Only when her husband, Ugur, doesn’t understand something or can’t find the German words do they turn to him. 
How long have you been in business? 
Aysel: I came to Germany in 1993 to join my brother. In 2011, I opened a small hair salon next to the Sparkasse bank in Connewitz. After my husband came to Germany in 2014, we rented the bigger salon on the „Karli“. We are tenants here, we do not own the store. Until then, we always had to book hotels for our seminars. That was no condition.
The salon looks very upscale – and diverse
Aysel: We do what we can. I have experienced firsthand that it is not easy to gain a foothold. At the moment, we have ten trainees with migration biographies, some of whom are being saved from deportation by means of a training permit. During the lockdown, they had to pay for this out of their own pockets. In addition, there are the loans, the one from the store and our new project. 
That brings us to the point. The image of the evil capitalists suppressing a late sale.
Ugur: I see myself as an artist. I have no idea about late sales or real estate business. We work hard to survive, to service the loans. The rent of our salon is increasing from year to year – the contract still runs for a few years and to save the rent in the future we bought the property in Connewitz. We wanted to create a secure future for our family. We are in the store 6 days a week from early morning to late at night, we only take a few vacations. We like to do all this, we love our job and have a very personal and intimate relationship with most of our customers. It really scared me a lot how I suddenly have to justify myself for this, get labeled as an evil capitalist. That really makes me sad.
Aysel: When I read the story of the „Lazy Dog,“ how many times they had to move, I felt sorry for them. I didn’t know that. Regarding the weak position of commercial tenants*, we are even in the same boat. The constant insecurity. When a real estate agent offered us the property in Connewitz for sale and presented a calculation, we decided to buy it.
Originally, we wanted to let the rental contracts expire and use the rooms ourselves. Salon and living space. For our lease of the salon on the Karli, we were already in talks with a next tenant. Then came the lockdown. When my husband’s brother-in-law and cousin became unemployed and applications came to nothing because of their German language skills, we offered them the space for a snack bar.
In the meantime, the old Lazy Dog was advertised for rent for 2,500€.
Aysel: And that unrenovated. The realtor said that the price was in line with the market. I didn’t think about it at all. The pressure in the lockdown, the uncertainty: How will it continue for me and our employees. How am I supposed to pay the loans and the high rent for my store in the Karli. That put a lot of pressure on me, and I slept badly for nights on end, thinking back and forth. In addition, I was worried about my brother-in-law and cousin, one of whom is also threatened with deportation – and urgently needs a perspective. The offer was quickly removed from the network. I was against it from the start. Self-critically, I can say that I learned a lot.
OK, you obviously don’t seem like the evil real estate speculators, but it was still irritating that a copy of the Lazy Dog was created in their old premises. In the meantime, it looks more like a kebab store.
Aysel: If we were terminated because of own use and our business concept moved in here, I would be just as irritated. Since 1.5.2021, the „Pause“ has a permit to sell food. The hygiene was only this Monday again, in order to co-ordinate last building measures. For the ventilation system is still missing the approval of the house. The „break“ must adapt simply to the circumstances. The concept is not based on tough competition, and that does not fit in with our values. I didn’t want hot dogs to be sold, as in the old „Lazy Dog“ – even if it was the beef version.
Ugur: We are talking about our future neighbors here, their children and ours. When I visit the store, I am looked at like a monster. When the store was attacked, employees were there. They were afraid, thinking only of their children at that moment. And the fear has remained until today.
Is Connewitz racist?
Aysel: I always thought Connewitz was multi-culti. Look at me, I am a modern woman and often enough I have conflicts with patriarchal structures – also within the family. So far, I’ve known racism mainly from stories – when women wear headscarves. After the topic „break“ I am afraid to live with my children (3, 18) in Connewitz. 
At the keyword „family“ a personal question comes up.
After these words we are a bit embarrassed to ask about the numerous companies that are said to be in your network. Among them are a former baker in Connewitz, a cafe at the HTWK, a waffle store on the Karli, two kebab stores on Prager Straße, a kebab store and a delicatessen in a shopping market – plus a company that deals with store fitting. – We show them a photo of a van of a store fitting company. 
Aysel: (laughs heartily) Naturally I received personally the order from Erdogan for it to buy up completely Leipzig. As a good woman I have to follow – straight with Kurdish background. Seriously: To the further circle of the family belong two kebab stores on the Prager Straße, as well as the kebab and delicatessen store in the shopping market. In each case the own stores of our relatives, partly rented themselves at high prices. But if this is family, it does not mean that we have to do with the stores. These are own families, who work with your children as hard as we do. By the way, during the research you forgot the store that really still belongs to us: the small salon in Arthur-Hoffmann-Straße. The trainees have to work somewhere after their training.
Aysel insists on publishing the passage. Her heartfelt eyes express concern. „This shows how enemy images are constructed via rumors. It’s unbelievable.“
We finish the interview in the salon and arrange to take a photo during the „break.“ „Ugur can’t come with us. Someone has to stay at the academy“ Aysel throws at us as she grabs her cell phone to head out. When we arrive at the break, we want to know what’s going on with the „assisted living“ in the building. The rental contract there is also expiring. „That’s right. To date, the tenant has not contacted us to see if he is interested in staying there. There are rumors that we raised the rent. That’s a lie.“ – We leave the bistro and chat for a while in front of the door, while being watched with suspicious eyes by passers-by. /MS 



Quelle: La-presse.org