September 11, 2020
Von FAU Hamburg
233 ansichten


‚el rojito‘ ist ein Kaffee-Projekt der ersten Stunde. Es entstammt der Nicaragua-Bewegung der 1980er Jahre. Unter anderem unterstĂŒtzt von der damaligen DKP versuchten ‚Nicaragua-Initiativen‘ die Sandinistische Revolution durch Import und Vertrieb von Kaffee aus Nicaragua zu unterstĂŒtzen (viele kennen noch die ‚Sandino-Dröhnung‘). Mit dem ‚Nicaragua-Kaffee‘ wurde der solidarische Kaffee-Handel geboren, eine Idee, die sich inzwischen in viele Regionen der Kaffee-anbauenden Welt und auch auf andere Branchen ausgebreitet hat. ‚el rojito‘ zĂ€hlt heute mit ca. 2 Millionen Euro Jahresumsatz und ĂŒber 20 Angestellten zu den ganz Großen des solidarischen Kaffeehandels in Deutschland.

In der Außendarstellung steht bei ‚el rojito‘ der Begriff der SolidaritĂ€t ganz oben. Allerdings scheint es damit intern nicht so weit her zu sein.

‚el rojito‘ hatte seit 2015 bis Ende 2019 eine sogenannte ‚Kollektive GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘. Obwohl so etwas bestenfalls als Beginn einer kollektiven Binnenorganisation angesehen werden kann, fĂŒhlte man sich als Kollektivbetrieb und wurde auch so wahrgenommen. Mitglieder der ‚Kollektiven GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘ waren auf Treffen der Hamburger Kollektivbetrieb-Szene vertreten und der Betrieb wurde z.B. auf ‚kollektivliste.org‘ als Kollektivbetrieb gefĂŒhrt. Seit Ende 2019 ist aber, wie Mitglieder der Belegschaft gegenĂŒber der FAU Hamburg berichten, eine RĂŒckentwicklung zu autoritĂ€ren FĂŒhrungsstrukturen zu beobachten.

Im September 2019 wurde eine ĂŒber mindestens 10 Jahre andauernde Unterschlagung und Vorteilsnahme durch ein Mitglied von Vorstand und GeschĂ€ftsfĂŒhrung mit einer Gesamtschadenssumme im oberen 5-stelligen Bereich aufgedeckt. Diese AffĂ€re wurde vom Rest-Vorstand erstaunlicherweise ziemlich schnell und gerĂ€uschlos aus der Welt geschafft. Im Dezember 2019 wurde der ‚Kollektiven GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘ dann ihre faktische Machtlosigkeit vorgefĂŒhrt, indem der Vorstand gegen das Votum der ‚Kollektiven GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘ einen nahen Freund der Familie eines der alten GeschĂ€ftsfĂŒhrer als Buchhalter und neuen GeschĂ€ftsfĂŒhrer einstellte, obwohl eine qualifiziertere Bewerberin vorhanden war und die Entscheidung ĂŒber eine solche Einstellung im Befugnisbereich der ‚Kollektiven GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘ lag.

Dies fĂŒhrte zur faktischen Auflösung der ‚Kollektiven GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘. Gegner*innen des neuen Kurses verließen freiwillig das Projekt oder wurden gekĂŒndigt. In diesem Zusammenhang sind ĂŒble Sachen passiert. So wurde einer BeschĂ€ftigten wĂ€hrend einer Krankschreibung gekĂŒndigt. Im Zuge der darauf folgenden juristischen Auseinandersetzung wurde im Vorfeld eines Gerichtstermins eine Zeugenbeeinflussung versucht (Dokumente liegen der FAU vor). Eine andere Mitarbeiterin, die sich zu einer Corona-Risikogruppe zĂ€hlt, wollte man zu einem neuen Arbeitsbereich mit intensivem Kundenkontakt zwingen, anderenfalls wĂŒrden ihre Stunden und somit ihr Gehalt gekĂŒrzt.

Es wird von weiteren WillkĂŒrentscheidungen, von Vorteilsnahme und GĂŒnstlingswirtschaft der GeschĂ€ftsfĂŒhrung berichtet. Insbesondere ein bestimmter GeschĂ€ftsfĂŒhrer tue sich durch autoritĂ€r-patriarchalischen FĂŒhrungsstil und explizite Intransparenz gegenĂŒber den BeschĂ€ftigten bei ‚el rojito‘ hervor. So etwas ist aus unserer Sicht keinesfalls hinnehmbar und muss zur sofortigen Entfernung der handelnden Personen aus jeder Einflussposition fĂŒhren.

Dabei steht sogar in Frage, ob der Vorstand von ‚el rojito‘ ĂŒberhaupt durch eine ordnungsgemĂ€ĂŸe Wahl legitimiert ist. BeschĂ€ftigte von ‚el rojito‘, die ebenfalls Mitglieder des TrĂ€gervereins sind oder waren, berichten, sie könnten sich nicht erinnern, dass jemals eine Mitgliederversammlung stattgefunden hĂ€tte, welche ja den Vorstand wĂ€hlen und auch regelmĂ€ĂŸig neu wĂ€hlen muss. Haben wir es hier womöglich mit einer selbsternannten linken FĂŒhrungsclique zu tun, welche versucht, sich mit gut bezahlten GeschĂ€ftsfĂŒhrungsposten ihren Anteil am lukrativen Kaffee-GeschĂ€ft zu sichern?

Jedenfalls entsteht der Eindruck, dass das Wort ‚SolidaritĂ€t‘ bei ‚el rojito‘ lediglich die Fassade ziert, aber fĂŒr die Binnenorganisation des Projekts keine Rolle spielt. SolidaritĂ€t bedeutet gegenseitige Hilfe auf Augenhöhe, und sie ist nicht nur im VerhĂ€ltnis zu den KaffeebĂ€uer*innen in den UrsprungslĂ€ndern gefragt, sondern auch bei uns, in unserem VerhĂ€ltnis zueinander. SolidaritĂ€t bedeutet die selbstbestimmte Kooperation Gleichgestellter und ist mit einer betrieblichen Binnenorganisation unvereinbar, in der wenige VorstandsmĂ€nner das Kommando ĂŒber viele lohnabhĂ€ngig BeschĂ€ftigte fĂŒhren.

Von Seiten des ‚el rojito‘-Vorstands wurde jĂŒngst gegenĂŒber Mitgliedern der FAU erklĂ€rt, dass man nicht vorhabe, zur ‚Kollektiven GeschĂ€ftsfĂŒhrung‘ zurĂŒckzukehren oder sich anders oder ĂŒberhaupt in Richtung einer kollektiven Betriebsorganisation entwickeln zu wollen. Wenn das stimmt, sind bei ‚el rojito‘ die falschen Leute am Ruder. Auf diesem Kurs wird ‚el rojito‘ sehr schnell zu einer kapitalistischen Kaffeefirma mit einer trĂŒgerischen linken Fassade verkommen (wenn das nicht bereits der Fall ist).

Und was kann man tun? Nur die Belegschaft von ‚el rojito‘ kann daran etwas Ă€ndern. Wenn sie entschlossen ist, geht das sogar relativ leicht, und sie kann mit breiter UnterstĂŒtzung aus der Szene rechnen, nicht nur von Seiten der FAU. Wenn nicht, werden die Kund*innen entscheiden. Immerhin gibt es, wie man hört, inzwischen einen Betriebsrat. Wir werden sehen, wie es weiter geht. Ihr seid gefordert. Holt euch euer Projekt zurĂŒck!




Quelle: Hamburg.fau.org